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Neue Presse - 20.12.1982

250 Randalierer warfen mit Steinen und Bierflaschen

Unangemeldete Demonstration gegen umstrittene "Punkerkartei"

VON R. DRÖSE (FOTOS)

UND K. GEMBOLIS (TEXT)

HANNOVER. Farbenfroh und friedlich hatte es begonnen, blutig und brutal endete es: das Punkertreffen am Kröpcke.

Zwischen von Geschäft zu Geschäft hastenden City-Besuchern, die vollbepackte Einkaufstüten schleppten, tanzten und scherzten buntbemalte Punks rund um den großen Weihnachtsbaum an der Kröpcke-Uhr. Nur ein paar Polizeihunde reagierten durch die Neckereien nervös, und Passanten schimpften, weil sie sich durch die Massen wühlen mußten. Was in den der linken Szene zugeordneten Gazetten in Anzeigen als "Chaotentag" angekündigt war, bot am Sonnabendmittag um 12 Uhr ein solch friedfertiges Bild wie der ständig nickende Weihnachtsmann in einem Kaufhaus-Schaufenster.

Was dann passierte, ist auch nach Erkenntnissen der Polizei vor allem einer etwa 250 Mann starken Randalierertruppe zuzuschreiben. Denn während von den Punks bis zu diesem Zeitpunkt keine Gewalt ausging warfen mit Ketten und Steinen bewaffnete Krawallmacher Bier- und Schnapsflaschen gegen einen Mannschaftsbus der Polizei und auf Passanten. Die Schaufensterscheibe im TUI-Reisebüro am Kröpcke sprang. Die Polizei griff noch nicht ein.

Zur Konfrontation kam es genau um 12.45 Uhr. Punks und Randalierer hatten sich auf der Georgstraße zu einem Demonstrationszug formiert. Als sie trotz Aufforderung der Polizei, die nicht angemeldete Demonstration gegen die "Punker-Kartei" aufzulösen, mit Stein- und Flaschenwürfen beantworteten, gingen die Beamten mit Schlagstöcken und Reizgas ("CS") vor.

Über die Georgstraße flüchteten die Randalierer erst zum Steintor, wo sie Baustellenabsperrungen umwarfen, dann in Richtung Goseriede. Passanten und Polizei wurden von einem Steinhagel bedroht, erschreckte und verängstigte Fußgänger suchten Schutz in Geschäften und Hauseingängen. Rücksichtslos wurden Menschen angerempelt und bespuckt, dicke Pflastersteine in Schaufensterscheiben geworfen. "Scheiß-System", "Bullenterror", "Wir wollen Steine sehen", johlte die Menge.

Zum schwersten Zwischenfall kam es vor dem "Otto-Versand" In der Goseriede. Ein Demonstrationsteilnehmer war, nachdem er die Schaufensterscheibe des Geschäftes eingeschlagen hatte, von einem Beamten in Zivil überwältigt worden. Im selben Moment sprang ein 23jähriger den Polizisten von hinten an, würgte ihn am Hals. Der von mehreren Demonstranten umringte Ordnungshüter schnellte zur Seite. Dabei fiel der 23jährige in die Scherben der zersplitterten Scheibe. Blutüberströmt brach er auf dem Pflaster zusammen.

Zuvor waren durch die massiven Steinwürfe bereits zehn Polizeibeamte verletzt worden. Um 15 Uhr war der Tumult beendet. Von den ursprünglich 500 Teilnehmern versammelten sich noch 200 am Kröpcke. Vereinzelt kam es zu Zwischenfällen, als Randalierer aus einem Einkaufsmarkt in der Sallstraße (Südstadt) Flaschen mit Schnaps und Wein stahlen, betrunken in der Passerelle Passanten anpöbelten und vom Kröpcke leere Bierdosen und Flaschen auf die Passerelleebene schleuderten.

Um 19.30 Uhr marschierten 100 zum Jugendzentrum Glocksee. Als sie festgestellt hatten daß ein ursprünglich angekündigtes Konzert nicht stattfand, verlief sich die Menge.

Trotz der Krawalle ließen sich die Hannoveraner nicht vom Einkaufs- und Weihnachtsmarktbummel abhalten. Die Polizei registrierte überfüllte Parkhäuser. 1702 Pkw-Besitzer nutzten das Park + Ride-System, 4900 Personen wurden befördert - 500 mehr als im Vorjahr.

Dr. Karl-Theodor Simon vom Elnzelhandelsverband: "Eventuell Umsatzeinbußen durch das Punkertreffen sind natürlich schwer festzustellen." Er glaube aber kaum, daß sich Im Bereich Aegi bis Karstadt das Treffen negativ ausgewirkt habe.

KOMMENTAR

Erschreckte Bürger erlebten am Wochenende in Hannovers City vorprogrammierten Krawall. Als sich die Punker sammelten, hatten viele Angst, viele aber drängten sich auch dazu, um etwas von der angekündigten Sensation mitzuerleben. Punker gegen Polizei - ein gesellschaftspolitisches Match, dessen Ausgang spannend schien. Hier der Punker - erklärter Bürgerschreck; da die Polizei - erklärter Bürgerschutz, in einem zweifelhaften Rollenspiel.

Eingeschlagene Fensterscheiben, ausgedehnte Auseinandersetzungen zwischen Punkern und Polizei - das störte aber doch den Streß der vorweihnachtlichen Konsumhetze im adventlichen Hannover zu sehr: Solche Gewalt ist vom Bösen.

Ist sie. Niemand kann darüber frohlocken, wenn Demonstrationen von gewalttätigen Gruppen begleitet werden . Aber man darf dabei den Anlaß von Protesten nicht aus den Augen verlieren.

Den Krawall vom Wochenende hätte es so nicht gegeben wenn die Polizei nicht zuvor eine fatale "Punker-Kartei" angelegt hätte. Was angeblich vorbeugend gegen Gewalttaten wirken sollte war ein Flop, ein Rohrkrepierer. Die Kartei hat Gewalt eher provoziert und produziert als verhindert. Sie sollte jetzt erst recht eingestampft werden.

Rüdiger Knorr

Bahnpolizei: "Nur unser Hausrecht wahrgenommen" Bei ihrem Bemühen, Reisende im Bereich des hannoverschen Hauptbahnhofs vor Belästigungen durch - "randalierende Punks" zu schützen, waren einige Beamte der Bahnhofspolizei manchmal vielleicht etwas übereifrig: Auch Jugendliche, die wohl kaum der Punk-Szene zuzurechnen sind, wurden am Betreten des Bahnhofs gehindert - übrigens ohne Angabe von Gründen.

Rolf Elebe, Wachenleiter der Bahnhofspolizei: "Wir haben unser Hausrecht wahrgenommen und den Punks nur das An- und Abreisen. nicht aber den Aufenthalt im Bahnhof erlaubt!"

Auf die Frage, nach welchen Kriterien es seinen Beamten möglich sei, einen Punk von gewöhnlichen anderen Jugendlichen zu unterscheiden, wußte Elebe keine Antwort. Aber: "Nur wegen des Aussehens" sei wohl niemand der Zutritt zum Bahnhof zu verweigern. Seine Beamten könnten freilich Fehler gemacht haben, räumte Elebe ein, dies sei nur allzu menschlich. In einer der nächsten Dienstbesprechungen werde er zu diesem Thema noch einmal mit seinen Beamten sprechen.

 
 
 

1995/Hannover-Nordstadt: Plünderung des Penny-Marktes bei den Chaos-Tagen.
Wird sich Hannover jemals von diesem Schock erholen?

 
 
 
 
 
   
 
 
 

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