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Die Tageszeitung - 30.06.1983

Skins und Punx kommen nach Hannover

Die Wende - ein reines Fun-Treffen Hannover (taz) - Mit einer Kriegserklärung an alle Staaten der Welt soll am Freitag ein dreitägiges Chaoten-Treffen beginnen, zu dem die niedersächsisch Landeshauptstadt hunderte von Teilnehmer aus allen Teilen der Republik erwartet. Es geht um "Die Wende" in der Jugendpolitik- diesmal von unten.

Seit Wochen kursieren in der Szene Flugblätter und Klebebildchen, auf denen von .,Wende' die Rede ist. ..Punx und Skins in Zukunft gemeinsam". steht darauf. Faschisten sollen sich nicht blicken lassen: ..Oi-Oi-Oi statt Siegheil". ist ein Motto des Spektakels.

.*Die Wende ist keine geplante Geschichte", sagt einer, der sich bei den Bunt- und Kahlköpfen auskennt. Viele Leute machen sich so ihre Gedanken dazu." Rädelsführer sind nicht auszumachen, die Idee eines Punkertreffens in Hannover ist uralt Nach dem sogenannten ..Chaos-Tag'- kurz vor Weihnachten, an dem immerhin knapp zweitausend Bunte gegen eine Sonder-Kartei beim hannoverschen Staatsschutz demonstrierten, war ein Ultimatum an die Polizei ergangen, ihre Punker-Daten gefälligst zu löschen. Daraufhin beschweren sich einige Skinheads bei der Punk-Szene. Sie seien schießlich auch eingespeichert . Der Ablauf der damals auf ein halbes Jahr gesetzten Frist in Sachen Punker-Kartei geriet so zum willkommenen Anlaß, einfach mal was zusammen zu machen.

"Ich hab ne rechtsradikale Vergangenheit".

spricht ein Skin ins Mikrofon. Nach langem Suchen ist es der taz gelungen, zwei Exemplare der neuen deutschen Jugend zum Gespräch zu bewegen. Die beiden tragen geschnürte englische Arbeiterstiefel, Original "Doc Martens", gebleichte Röhrenjeans mit Hosenträgern. Einer hat eine "Made in Germany"-Tätowierung auf seinem freien Oberkörper und einen kahlrasienen Schädel. Der andere scheint ein Grenzgänger: ".Punk ist tot". ist auf seine Lederjacke gepinselt. Noch sind seine Haare buntgefärbt.

Beide haben die Schnauze voll von den ewigen Rivalitäten in der Jugendszene: Skinheads sind Nazis und Punks anarchistisches Gesockse - son Quatsch!" meint der bei den Rechten Sozialisierte. Vor zwei Jahren war er noch bei einer Wehrsportgruppe , aber heute sind keine Fascho-sachen mehr angesagt". Das gelte auch für den Großteil der hannoverschen Skinheads. Nur ab und zu und ohne politischen Hintergrund", meist ..mit "besoffenem Kopp" und um Leute zu ärgern, würden noch Nazisprüche geklopft. Besonders beliebt seien diese gegenüber Polizeibeamten. Wenn die ankommen und uns auf die Birne hauen wollen schreien wir Siegheil und machen ne Mücke."

Während in anderen Städten, allen voran Hamburg, die Fusion zwischen Faschisten. Fußballfans und jugendbewegten Skins erschreckend um sich greift, hat sich in Hannover eine sehr eigene Skingang stabilisiert. Weitgehend frei auch von .,Kanisterköppen'-. wie die meist nationalistischen Glatzköpfe von der britischen Armee hier genannt werden. Möchtegernskinheads die sich eben mal Schürstiefel und ne Bomberjacke anziehen. sind hier ebensowenig gelitten wie Neonazis. Und zu den Punks besteht nach einigen klärenden Schlägereien ein freundschaftliches Verhältnis.

Wenn die Politleute sich mehr Mühe geben würden, ließe sich das in anderen Städten auch anleiern". meint der Struwelkopf. Das Feindbild nach der Haarlänge zu bestimmen, gehe doch voll nach hinten los. Wichtig sei es, sich einfach mal genau kennenzulernen. Dann würde man schon mitkriegen, daß es gar nicht so große Unterschiede gäbe.

So würden sie auch ,.die Wende sehen. Alle Leute sollen kommen, die gut drauf sind. Bloß Bock auf politische Parolen bestünde nicht .-Nazis raus aus der Szene - sei das einzig erwünschte Motto.

Wie sie denn reagieren, wenn nun doch, wie bereits angekündigt. Nazi-Skins organisien anreisen? Stell dir das mal bildlich vor. Wenn tatsächlich welche kommen, dann doch nicht, um sich mit uns zu buffen, sondern um wieder mehr Einfluß in der Szene z u kriegen. Dann gehe es darum, von vornherein die Trennungslinie aufzuzeigen. ,.lch will doch nicht mit Faschos in einen Topf geworfen werden", sagt der ehemalige Wehrsportanhänger. Eine gemeinsame Front gegen die Polizei will er auf jeden Fall vermeiden. Politisch daneben wären doch hinterher Schlagzeilen wie

Nazitreffen endete mit Krawall". Da hau ich den Faschos lieber gleich aufs Maul damit der Rest der Jugend kapiert, daß deren Elitedenken Scheiße Ist.

Das große Verbrüderungstreffen startet am kommenden Freitag. Am Abend wird ein Festival im Unabhängigen Zentrum Kornstraße stattfinden. Spielen sollen u.a. die Gruppen DAILY Terror" (Punx) und SS Ultra Brutal" (Skins). Die gesamte Hannover-Szene ist als Ordner engagieren. Der Samstag beginnt für Frühaufsteher mit einem gemeinsamen Flohmarktbesuch. Dort will man Stände mit NS-Andenken abräumen. Um 14 Uhr sammeln sich die Kräfte in der verkaufsoffenen Innenstadt. Der dann im Programm vorgesehene Allgemeine öffentliche Geschlechtsverkehr ist allerdings nur als Anregung gedacht. Um 15 Uhr soll ein gemeinsamer kleiner Volkslauf durch die City gestartet werden. Falls dieser Aufzug, wie beim

Chaos-Tag im Dezember geschehen von der Polizei angegriffen wird, will man sich in Kleingruppen in der ganzen Stadt verteilen. Lieber mit ner kleinen Gruppe viel Spaß haben, als mit ner großen im Knast landen", sagt einer der Gesprächspartner.

Vor allem soll jeder das tun, was er selbst für richtig hält, Möglichkeiten gäbe es doch viele. Am Abend soll ein zweites Konzert das Fun-Treffen" anheizen. Damit am nächsten Morgen noch möglichst viele Punks und Skins da sind. Sonntag früh soll nämlich ein eigener Block auf dem traditionellen Aufmarsch zum hannoverschen Schützenfest gestellt werden. Der angeblich größte Schützenumzug der Welt wird live im Fernsehen übertragen.

wobe

 
 
 

1995/Hannover-Nordstadt: Plünderung des Penny-Marktes bei den Chaos-Tagen.
Wird sich Hannover jemals von diesem Schock erholen?

 
 
 
 
 
   
 
 
 

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