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Schädelspalter - 01.06.1983

Die Wende

Für viele hat es den Reiz der Exotik, wenn sie vorm Bahnhof an den Punks und Skins vorbeihasten. Manche denken an Adolf und seine Art, solche Probleme der Endlösung zuzuführen, manchen vermitteln die bunthaarigen, ledernen Chaoten unter dem Irokesenkamm das wohlige Gefühl, daß man Gottseidank nicht so ist wie die. (Machen die das mit Haar Spray oder wie?!) Und wenn die Skinheads mit glatzigen Schädeln, umgekrempelten, von Hosenträgern gelifteten Jeans, unter denen martialisches Schuhwerk stampft, also wenn die zur rechten Tür reinkommen, dann geht man lieber zur linken raus. Und daß die Skins den Punks nicht grün sind, hat man auch schon Irgendwo gehört. Mit einem Wort: Alle finden alle und alles zum Kotzen. Doch das soll sich ändern: Ein 'nationales Punk- und Skinhead-Treffen' am 2. Juli soll 'die Wende' bringen.

Die Erscheinungsformen derbeiden Subkulturen sind zwar aus England importiert, doch sie wachsen auf bundesdeutschem Mist: Der besteht aus der erfüllenden Perspektive, die dieser unser Staat aufstrebenden jungen Menschen bietet. Als da sind Arbeitslosigkeit, kein Dach über dem Kopf und angemacht von Hinz und Kunz. Mal grob gesagt: Er ist bei Punks und Skins nicht sehr populär. Aber bisher oft in unterschiedlicher Richtung: Die Punks, individualistisch bis zur Selbstaufgabe, entwickelten anarchische Umgangsformen. Die Skins, die eher zu festen Strukturen neigen, zogen Neo-Nazis an wie das Licht die Motten. In einigen Städten, besonders in Hamburg, entstand daraus ein explosives Gemisch aus den Resten der Hansa-Bande des Neo-Nazis Kühnen, rechten Fußballfans und Hardrocker, deren organisierter Kern, die 'Savage Army' (SA), anfing, systematisch Jagd auf Punks und Türken zu machen. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen .

Die Punks legten sich eher mit der Staatsgewalt an, denn diese reagierte von vornherein ihren gesamten Frust an den unangepaßten 'Chaoten' ab. Für Punks sind 'Rechtsstaat' und 'Demokratie' wirklich absolute Phrasen, denn die Staatsgewalt zeigt sich ihnen gegenüber gewaltsam n und diktatorisch. Was geht in einem Polizisten vor, wenn er einen Punk vor sich und die kochende Volksseele hinter sich hat? Das können sich wohl nur wenige vorstellen - aber das ist das wahre Verhältnis. 'PunkerDatden' sind da nur noch der Schnörkel am Rahmen.

Die 'Hamburger Verhältnisse' begannen auch in Hannover zu wirken: Im August 82 kam es auch hier zu einer wüsten Schlacht. Fascho-Skins gegen Anarcho-Punks? Lachende Dritte gabs genug.

Da kam mal wieder aus England eine neue Tendenz, die den Schlachtruf O10101 aus den Fußballarenen auf die Straße und in die Musikszene gebracht hatte. Viele Skins hatten sich dort von den Nazis abgewandt, fühlten sich ausgenutzt und mißtrauten jeder Politik. Die Oi-Skins wurden auch in Westdeutschland starker, betrachten sich als Patrioten, die nicht wollen, daß dieses Land immer mehr zerstört wird: durch Umweltverseuchung, Faschismus oder Atomkrieg. So entstanden Berührungspunkte mit den Punks eine Verbrüderung ist überfällig.

Das beste Beispiel ist Hannover. Hier existieren nach einer Zeit erbitterter Feindschaft Punk- und Skinszene neben- und miteinander. Hier lassen sich die meisten Skins nicht mehr in die Nazi-Ecke drangen und liegen in ständiger Fehde mit Fascho-Skins aus anderen Städten.

Damit dieses Beispiel Schule macht und sich überall die Oi-Skins von den Nazi-Skins trennen und mit den Punks befreunden, wollen hannoversche Punks und Skins hier ein großes Fest veranstalten, zu dem Punks und Skins aus ganz Europa eingeladen werden.

Am 1. Juli soll es im UJZ Kornstraße mit einem Konzert beginnen. Wahrscheinlich spielen die Gruppen 'Die Alliierten', 'Oberste Heeresleitung' und/oder 'Daily Terror' .

Und wer daran rummäkelt, weil die politische Perspektive so verworren ist oder weil seine Sensibilität sich in dieser Szene nicht recht entfalten mag, der sollte zumindest still sein und sich überlegen, was wäre, wenn diese Szene den Nazis in die Finger fiele. Bk

 
 
 

1995/Hannover-Nordstadt: Plünderung des Penny-Marktes bei den Chaos-Tagen.
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