HomeArchivMedientexte

Hannoversche Allgemeine - 02.07.1983

Zum Auftakt des großen Treffens flogen Bierdosen und Flaschen

Hannover ist drei Tage lang Metropole für Punks und Skinheads

Unablässig dröhnte Freitag nachmittag das Tschingdarassabum von "Rickes großer Romantikorgel" über den Bahnhofsvorplatz. Doch den vielen hundert Schaulustigen, die die Balustraden zur Passerelle säumten, stand der Sinn nicht nach Romantik. Sie waren Zaungast eines Spektakels, wie es Hannover noch nicht erlebt hat: Rund ums ErnstAugust-Denkmal hatten sich Hunderte von Punks und Skinheads aus allen Teilen der Bundesrepublik und sogar aus dem Ausland zu ihrem bislang größten "Bundestreffen", versammelt. Motto des Dreitagemeetings in der Landeshauptstadt: Verbrüderung von Bunthaarigen und Kahlgeschorenen, gemeinsam gegen "Bonzen und Bullen".

Wer das Freundschaftstreffen auf die Beine gestellt hat, weiß wohl kaum jemand aus dem kunterbunten Haufen. Eddy aus Berlin, Skinhead durch und durch, hat es daheim irgendwann mal in der Kneipe gehört: "Ick bin denn heute früh gleich los, wa, Daumen raus, über die Autobahn."

Daß es mal an der Zeit war, Schluß zu machen mit dem Gerangel - Skins kontra Punks -, findet auch Sven, der per Bundesbahn zum Bundestreffen geeilt ist. "Was soll das", findet der Hamburger, daß wir uns gegenseitig eins auf die Mütze hauen? Wir müssen zusammenhalten gegen die Bullenschweine." daß unter den kahlköpfigen Skinheads auch ein paar Nazis" sind, wie der 18jährige weiß, ist erstmal zweitrangig. Und auch was ablaufen soll in den drei Tagen an der Leine, spielt keine Geige. Klar, es gibt so was wie ein Programm, die Bonzen beim Einkauf stören, dann irgend so 'ne Aktion am Kröpcke", auch ein gemeinsamer Rundgang über den Flohmarkt.

"Richtig los", weiß ein Hamburger Punk namens "Tube" zu berichten, geht's erst heute so gegen Mitternacht." Tube ist schon fünf Tage in Hannover. Wo er schlafen soll in den kommenden Nächten, steht noch in den Sternen: Bis jetzt hab' ich mit ein paar anderen in so 'ner alten Fabrik beim TÜV gepoft." Die Nachtruhe allerdings sei typisch - ein paarmal von "Bullen" gestört worden.

Auf härtere Auseinandersetzungen ist ' Tube vorbereitet, eine Gasmaske hab' ich im Handgepäck". Über den Handzettel, die: Polizisten am frühen Nachmittag verteilt a haben, kann der 17jährige nur den Kopfschütteln. Für ein friedliches Treffen - "Gegen Gewalt und Chaos" steht darauf, geschrieben. Und auch dies: Greifen Euch rivalisierende Gruppen an, könnt Ihr mit unserem Schutz rechnen."

Tube setzt die Pulle ab. "Da, guck dir das, an!" Unten in der Passerelle marschiert langsam ein Polizeicordon vor. "Bullenschweine, Bullenschweine" schallt es ihnen: im Chor entgegen, dann fliegen Bierdosen,Flaschen zerbersten, brüderlich spurten Punks und Skins Richtung Bahnhofsvorplatztreppe. sto

Angetrunkene "Punks" kamen hinter Gitter

Am ersten Tag des ersten "Bundestreffens" von Punks und Skinheads an diesem Wochenende in Hannover ist es Freitag abend zwischen rivalisierenden Gruppen und der Polizei zu massiven Handgreiflich keilten gekommen. Elf jugendliche Punks zumeist angetrunken - kamen in Polizeigewahrsam.

Schon in den frühen Morgenstunden waren Punks und Skinheads aus allen Teilen des Bundesgebiets sowie aus Westberlin nach Hannover getrampt und hatten sich im Bahnhofs- und Passerellenbereich konzentriert. Polizeibeamte in Uniform und Zivil waren ständig präsent. Die ersten Zwischenfälle ereigneten sich nach Darstellung der Polizei, als Passanten sich über die Punks mokierten, worauf diese mit einem Bombardement leerer Flaschen reagierten.

Gegen 17 Uhr begann die Polizei mit der Räumung von Bahnhofsvorplatz und Passerelle. Hierbei kam es zu den Festnahmen. Gegen 20 Uhr formierten sich Punks und Skinheads und zogen zum Unabhängigen Jugendzentrum in der Kornstraße, wo sie an einer Konzertveranstaltung teilnehmen wollten. khk

Schlacht in der Kornstraße

Kurz vor Mitternacht kam es vor dem Unabhängigen Jugendzentrum in der Kornstraße zu einer wahren Straßenschlacht, wie sich die Polizei ausdruckte. Zunächst prügelten sich Punks und Skinheads, die danach gemeinsam Front gegen die Polizei machten. Dabei wurde ein Auto umgekippt und in Brand gesetzt, Polizeibeamte wurden mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen. In der Nachbarschaft gingen zahlreiche | Scheiben von Geschäften zu Bruch. Erstmalig wurden von seiten der Demonstranten ! Tränengasgeschosse gegen Polizeibeamte eingesetzt. Bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe waren die Auseinandersetzungen noch in vollem Gange. khk

 
 
 

1995/Hannover-Nordstadt: Plünderung des Penny-Marktes bei den Chaos-Tagen.
Wird sich Hannover jemals von diesem Schock erholen?

 
 
 
 
 
   
 
 
 

WWW.CHAOS-TAGE.DE - das Internet-Archiv zum Thema CHAOSTAGE
Dieses Website ist lediglich ein ARCHIV und befasst sich NICHT mit der Vorbereitung oder Werbung künftiger Chaos-Tage!
Für Inhalt, Gestaltung und Programmierung verantwortlich: Karl Nagel, Schleswiger Str. 2, 22761 Hamburg