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Hannoversche Allgemeine - 04.07.1983

Viele Verletzte, kaputte Schaufenster und 180 Festnahmen

Das Treffen von Punks und Skins endete in einer Straßenschlacht

Geschäftsleute ließen Gitter herunter / Pflastersteine flogen

Zu schweren Ausschreitungen von Punks und Skinheads kam es am verkaufsoffenen Sonnabend in der Innenstadt. Bis in die Abendstunden zogen Randalierer durch die City, an rund 50 Gebäuden im Stadtzentrum und in der Nordstadt gingen Scheiben zu Bruch. Die Polizei bot mehrere Hundertschaften aus ganz Niedersachsen auf, um die Teilnehmer des "Verbrüderungstreffens" zwischen bunthaarigen Punks und kahlköpfigen Skins in Schach zu halten. Bei den Auseinandersetzungen wurden 17 Beamte verletzt; über die wahrscheinlich noch höhere - Zahl von Verletzten auf der anderen Seite gibt es keine Informationen. Etwa 180 junge Leute wurden vorübergehend festgenommen.

Sonnabend vormittag auf dem Bahnhofsvorplatz: Trotz der nächtlichen Schlacht in der Kornstraße - die HAZ berichtete darüber in einem Teil ihrer Sonnabendausgabe - setzt die Polizei noch einmal auf Verständigung. Wie schon am Vortag verteilen Beamte grüne Handzettel an die jungen Leute, die rund ums Ernst-August-Denkmal die Flaschen kreisen lassen. "Für ein friedliches Treffen - gegen Gewalt und Chaos" steht darauf geschrieben. Doch in der Luft liegt Randale.

Schaulustige Passanten belagern die Logenplätze an der Passerellenbalustrade. Vor und unter ihnen kommt es zu ersten Reibereien - in der Wolle liegen sich zunächst nur ein paar Punks und Skinheads untereinander. Irgendwann fliegen Flaschen und Dosen. Unten in der Passerelle rückt ein Polizeicordon vor, oben riegeln Beamte den Zugang zur Bahnhofstraße und links und rechts zu den Parkplätzen ab.

Das Wurfbombardement verstärkt sich auch Pflastersteine zischen Richtung Polizeitrupps. Plötzlich stürmt alles Richtung Bahnhofsgebäude, an dessen Eingänge Bahnpolizisten postiert sind. Es hagelt Steinwürfe gegen die Fensterfront des Portals, Scheiben zerbersten, Beamte setzen Gummiknüppel und Tränengas ein.

Dann beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel quer durch die City. Spontan" wie das Treffen an sich sind auch die "Aktionen" der vielleicht 500 bis 600 Teilnehmer (die Polizei schätzt die Zahl auf kaum mehr als 360). Während überall in der Innenstadt kleine Punk- und Skinheadgrüppchen friedlich lagern, gibt es an den verschiedensten Brennpunkten Zoff: Die Stadt ist erfüllt von den "Oi-Oi"-Rufen der Randalierer und dem Tuten der Martinhörner. Die meisten Geschäftsleute haben an den Eingängen Vorposten aufgestellt, bei Magie bewachen Body-Guards mit Hunden die Portale überall gehen die Schaufenstergitter herunter.

Als Mannschaftswagen der Polizei über den Platz am Kröpcke rollen, trifft sie ein Bombardement von Pflastersteinen, Scheiben zerbersten. Gleich um die Ecke hat sich ein Punktrupp "McDonald's" vorgenommen. Mit Stiefeltritten gegen die gläserne Eingangstür werden die Angestellten, die aus Angst dichtgemacht haben, dazu genötigt, wieder aufzuschließen. Der Sturm aufs "Hamburger"-Lokal endet erst, als eine Polizeimannschaft naht.

Beide Seiten gehen jetzt immer härter gegeneinander vor: Wenn irgendwo wieder Schaufensterscheiben klirren, stürmt ein Pulk von Beamten hinter den flüchtenden jungen Leuten her. Nicht immer sind es die Rädelsführer, auf die der Gummiknüppel niedergeht. Einzelne Punks und Skins werden über den Boden geschleift, es hagelt Fußtritte, in der Luft hängt der beißende Geruch von Tränengas. Verletzte werden mit Unfallwagen abtransportiert.

Gegen Zivilpolizisten und Beamte, die sich ein paar Meter von ihrer Einheit abgesetzt haben, machen die Chaoten mobil. Immer wieder kommt es an einigen Stellen der City zu regelrechten Verfolgungsjagden, immer wieder fliegen Steine und Flaschen. Schier unbegreiflich die Unvernunft vieler Schaulustiger, die sich trotz polizeilicher Absperrungen das Spektakel nicht entgehelassen wollen und samt Kindern im Getümmel ausharren.

Zu einer Beruhigung in der Innenstadt kommt es erst am späten Nachmittag. An Kröpcke fliegen gegen 18.30 Uhr die letzte Steine, rund 80 Randalierer sind zu diesen Zeitpunkt bereits festgenommen worden. Als sich eine halbe Stunde später eine Gruppe von 80 Jugendlichen Richtung Schützenplatz in Marsch setzt, macht die Polizei kurzen Prozeß. Ohne daß es unmittelbar vorher zu Ausschreitungen gekommen ist, werden alle aus Gründen der "Gefahrenabwehr" vorübergehend festgenommen. Scheiben klirren trotzdem noch: Im Laufschritt ziehen Punks und Skins, die sich abends am Jugendzentrum Glocksee getroffen haben, durch die Innenstadt. Wieder gibt es Festnahmen.

Nach Mitteilung der Polizei sind inzwischen 100 der vorübergehend inhaftierten Teilnehmer dieses bislang größten Treffens von Punks und Skins wieder auf freiem Fuß. - Der Rest werde "peu a peu" entlassen.

Gegen alle Festgenommenen seien Strafverfahren wegen Landfriedensbruches eingeleitet worden. Sichergestellt wurden mehrere Messer, Eisenketten, Stahlkugeln sowie eine Gaspistole.

Schon gestern vormittag traten viele der Punks und Skinheads den Heimweg an Zu den befürchteten Störungen des Schützenumzugs kam es nicht. p-

Was starrt ihr so? - Wir sind doch keine Tiere"

Punks und Skinheads erschreckten Hannover

Von Jutta Oerding

Ob Spießer, Ted, Popper oder Hippie, ich würde jedem Arbeit geben. Ist doch egal was einer ist, wenn er ranklotzt." Manuela wirft am Ernst-August-Platz in Hannover den künstlich aufgetürmten lila-gelben Haarschopf in den Nacken und hält trotzig den neugierig-abschätzenden Blicken der Passanten stand. Für das Punk-Mädchen ist mit dieser lapidaren Bemerkung das Thema abgehakt, das in dieser Zeit den meisten Jugendlichen auf den Nägeln brennt. Auf die Frage, warum die Punks denn soviel kaputtschlagen und die Stadt in eine Müllhalde verwandeln, kommt ohne zu zögern eine verblüffende Antwort: Ich muß doch auch in die Glasscherben treten. Da schnorr' ich mir eben Geld zusammen und kauf' mir ein paar neue Schuhe!"

Manuela gehört zu den ganz wenigen Teilnehmern des Bundweiten Treffens von Punks und Skinheads, die sich am Wochenende in Hannover überhaupt mit Passanten auf ein Gespräch einlassen. Vor dem Bahnhof hält sie sich mit der einen Hand am Geländer der Passerelle fest, mit der anderen stützt sie ihren Freund. Die Bierflasche liegt zwar noch sicher in seiner Hand, sein Stehvermögen hat der Alkohol schon lange erschüttert. Er findet nur noch Worte für sein eigenes Elend: Meine Eltern haben eine Schweinekohle, wirklich, die verdienen wie die Säue. Aber mich haben sie schon vor Jahren rausgeschmissen."

Der Halbkreis um die beiden jungen Leute in ihren Bunt eingefärbten schwarzen Kunstlederjacken wird dichter. Immer mehr Passanten reihen sich ein, die zuvor wie gebannt über das Geländer der Passerelle gestarrt hatten, als gäbe es dort mehr zu sehen als zersplitterte Flaschen, zerbeulte Dosen, flatternde Papierfetzen und schmierige Essensreste. Schon vor Stunden hat die Polizei die Passage unter dem Hauptbahnhof geräumt. Noch zeugen die Bierflaschen von einem gefährlichen Mitstreiter bei den zweitägigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und jungen Leuten, zwischen Punks, Skinheads und Passanten: dem Alkohol.

An zwei Tagen hat die Polizei in Hannover mehr als 180 Teilnehmer an diesem Bundestreffen der gesellschaftlichen Außenseiter festgenommen, 17 Beamte und mindestens ebensoviel junge Leute haben Verletzungen erlitten. Die Polizei die mehrere Hundertschaften aus ganz Niedersachsen angefordert hatte, beschlagnahmte Eisenketten und Springmesser und zählte 50 Gebäude mit eingeworfenen Fensterscheiben.

Dabei sollte das Treffen in Hannover ein Friedensfest werden, eine Verbrüderung zwischen den seit Jahren rivalisierenden Gruppen der Punks und Skinheads. Die Skinheads mit ihrem kurzen Haarschnitt oder völlig kahlgeschorenem Kopf ihren Fliegerstiefeln und graugrünen Biousons halten sich für "rein an Körper und Seele" auch wenn ihre schmierigen und zerrissenen Jeans augenscheinlich vom Gegenteil zeugen. Die Punks mit ihrem Mut zur Häßlichkeit, poppig eingefärbten Haaren oder dem Hahnenkamm auf dem Kopf, den Sicherheitsnadeln im Ohr oder dem Ring in der Nase reizen die Skinheads seit Jahren zu handfesten Streitereien. Die Punks wiederum stellen die Skinheads, eine sektiererische Gruppe, gewiß nicht zu Unrecht in die Ecke der Neonazis - ein Grund für sie, keine Gelegenheit zu Prügeleien auszulassen.

Die Nazis unter den Skinheads werden immer weniger. Was soll der Streit noch?", meint Peter und wirft einen Blick auf die Steinbänke an der Bahnhofstraße, auf denen sich eine Gruppe Skinheads aus Hamburg niedergelassen hat. Das rechte Lager ist isoliert: Wer sich, wie diese Hamburger, ein rotes Abzeichen mit der Aufschrift "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" auf die Jacke genäht hat, bleibt unter sich. Die Punks, die sich eher für Nonsensverse begeistern, tragen kaum eine Weltanschauung zur Schau: Sprüche wie "Keine Chance dem 4. Reich, schlagt die Nazis windelweich" oder "Besser Punkerfeten als Atomraketen" sind nur selten auf ihren Jacken zu lesen.

Viele Passanten, die sich ihren Weg über knirschendes Glas suchen und dabei den am Boden hockenden Grüppchen, ihren vollen Flaschen und dem Abfall ausweichen müssen, zeigen keinen Sinn für solche Unterscheidungen der Kinder am Rande der Gesellschaft. Die müßte man alle vergasen", scheut sich ein älterer Mann nicht zu sagen - allerdings versucht er zuvor sicheren Abstand zu gewinnen. "Einfach nur auf einen Knopf drücken können, das wäre schon", stimmt ihm ein anderer zynisch bei. Beide erkämpfen sich mit den Ellbogen einen Platz am Geländer zur Passerelle und harren eine gute halbe Stunde aus, um eine Gruppe Punks bei ihrem Mahl mit Bier und Frikadellen zu beobachten.

Von nassen Zeitungen und leeren Bierdosen, die ziellos hinausgeworfen werden lassen sie sich ebensowenig abschrecken wie ein Elternpaar, das zwei kleine Jungen auf die Brüstung hebt, damit ihnen nichts von dem Spektakel entgeht. Erst als zwei Punks mit Irokesenschnitt aus der Tiefe heraussteigen und sich mit den Worten an die Menge wenden "Was starrt ihr uns eigentlich so an? Wir sind doch keine Tiere" lichten sich die Zuschauerplätze innerhalb von Sekunden. Als das Bier einige Stunden länger geflossen ist und als Folge des Alkohols dann auch gezielt Pflastersteine und Flaschen durch die Innenstadt fliegen Punks und Skinheads vereint vor den Schlagstöcken der Polizisten fliehen stehen wieder Kinder in der vordersten Linie: Zum Familieneinkaufstag hat Hannover sein SchauspieI gehabt.

 
 
 

1995/Hannover-Nordstadt: Plünderung des Penny-Marktes bei den Chaos-Tagen.
Wird sich Hannover jemals von diesem Schock erholen?

 
 
 
 
 
   
 
 
 

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