- Ein Kommentar von Felix Gerbrod -
Noch nie wurde soviel in Hannover gekesselt wie dieses Jahr zu
den letzten Chaostagen. Und auch ein Novum ist der Umgang mit den
Personen im Kessel. Es wird kaum Gewalt angewendet, die Personen
werden auch nicht festgenommen bzw. konsequent mit Platz- oder Stadtverbot
belegt, sondern es scheint das Chaos zu herrschen. Mal wird geprügelt,
mal wird ein Festgenommener nur mit einer Ermahnung freigelassen,
ab und zu wird Punk wie ein Schwerverbrecher abgeführt oder
eine ganze Gruppe wird in einen neuen Kessel geschickt.
Die Polizei scheint kräftig von den Chaostagen der vergangenen
Jahre gelernt zu haben: Chaos läßt sich nur mit Chaos
bekämpfen. Dementsprechend wird eine Politik der Zerstreuung
und Verwirrung betrieben. Der Besucher der Chaostage soll irritiert
von den widersprüchlichsten Berichten anderer Chaostage-Touristen
paranoid gemacht werden und frustriert wieder abziehen. Die Planung
geht aber über dieses Jahr hinaus: Der Mythos "Chaostage" soll
ein für alle Male zerstört werden. Wer hat schon Lust
für ein paar Tage in eine Stadt zu fahren, in der er keine
großen Punkermassen getroffen hat, das "Chaostage-Feeling"
nicht rüberkam und die ganze Zeit nicht wußte was los
ist?
Auch in Sachen Information der Öffentlichkeit hat sich die
Polizei eine Scheibe von Karl Nagel abgeschnitten: Es wird gelogen
und fehlinformiert was es das Zeug hält. 150 (bzw. 70) Punks
sind es gerade mal, die gekommen sein sollen. Außerdem gibt
es die Chaostage nicht mehr, sie finden nur auf der phantasievollen
Homepage einiger Internetnarren statt, einige wenige haben das nur
noch nicht kapiert...
Für die Presse werden potemkinsche Dörfer in Form von
freundlichen Polizisten, die besonnen kesseln, errichtet, die gesteuerte
Presseinformation liefert das Bild einer Polizei, die die Lage bestens
im Griff hat. Keine übertriebene Härte, keine Ausschreitungen,
die Exekutive der Demokratie funktioniert so gut wie selten zuvor.
Dabei ist vielleicht noch zu erwähnen, daß die Zeiten
des Cannibal Home Channel endgültig vorbei sind. Karl Nagel
sagt jetzt die Wahrheit, aber niemand glaubt ihm. Rollentausch pur.
Nur hat die Polizei den Vorteil, die Medien auf ihrer Seite zu haben:
Wenn nicht über die Chaostage berichtet wird, gibt es keine
Chaostage! So einfach ist das.
Wenn man die Meldungen, die in der Redaktion eingehen, zusammenfaßt,
kann man davon ausgehen, daß sich in der Stadt einige Dutzend
Gruppen Punks zu 5 - 50 Personen aufhalten. Das macht es natürlich
unglaublich schwer, eine Schätzung über die reale Teilnehmerzahl
abzugeben.
Anders als in anderen Jahren, wo sich die Masse der in Hannover
angelandeten Punks auf einige wenige Orte wie Fährmannsfest,
Hauptbahnhof und Lutherkirche konzentrierte, ist dieses Jahr so
zersplittert wie nie zuvor. Es ist schon gut möglich, daß
inzwischen über tausend Punks in Hannover sind. Nur treten
sie eben nicht als Masse in Erscheinung sondern nur als unscheinbare
Kleingruppen, die nicht sonderlich auffallen.
Das erzeugt ein Bild in der Öffentlichkeit als wären
kaum Punk-Besucher in der Stadt. Besonders weil kaum frequentierte
Parks beliebte Abschiebeorte sind.
Manipulation der Realität seitens der Macht gibt es schon,
seit es Menschen sind. Das eigentlich überraschende ist der
Grad der Perfektion. Nicht nur die Presse und sämtliche Medien
werden fehlinformiert, nein, sie spielen dieses Spiel auch noch
begeistert mit - und selbst die Besucher der Chaostage und die Hannoveraner
Bürger werden auf äußerst subtile Weise hinters
Licht geführt.
Guy Debords hat in den späten 60ern den Begriff des Spektakels
auf genau diese Weise definiert - Polizei und Medien haben es nun
es geschafft, die Funktionsweise der Chaostage nach 18 Jahren für
sich zu nutzen. Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob diese Technik bis
Sonntag abend durchgehalten werden kann.
Es gibt nämlich einige Variablen, die nicht berechnet werden
können: Was passiert auf der Antifa-Demonstration Samstag mittag?
Was ist, wenn sich alle Punks spontan zusammenrotten? Und was ist
mit Pressevertretern, die sich eine goldene Nase verdienen wollen
bzw. ein ausgeprägtes Demokratieverständnis haben?
Der heutige Tag wird es zeigen. Wir von chaos-tage.de werden berichten...