Sonntag, 05.06.2000, 10:02 Uhr

Die Chaos-Logik - nun perfekt kopiert und organisiert von Polizei und Medien?

- Ein Kommentar von Felix Gerbrod -

Noch nie wurde soviel in Hannover gekesselt wie dieses Jahr zu den letzten Chaostagen. Und auch ein Novum ist der Umgang mit den Personen im Kessel. Es wird kaum Gewalt angewendet, die Personen werden auch nicht festgenommen bzw. konsequent mit Platz- oder Stadtverbot belegt, sondern es scheint das Chaos zu herrschen. Mal wird geprügelt, mal wird ein Festgenommener nur mit einer Ermahnung freigelassen, ab und zu wird Punk wie ein Schwerverbrecher abgeführt oder eine ganze Gruppe wird in einen neuen Kessel geschickt.

Die Polizei scheint kräftig von den Chaostagen der vergangenen Jahre gelernt zu haben: Chaos läßt sich nur mit Chaos bekämpfen. Dementsprechend wird eine Politik der Zerstreuung und Verwirrung betrieben. Der Besucher der Chaostage soll irritiert von den widersprüchlichsten Berichten anderer Chaostage-Touristen paranoid gemacht werden und frustriert wieder abziehen. Die Planung geht aber über dieses Jahr hinaus: Der Mythos "Chaostage" soll ein für alle Male zerstört werden. Wer hat schon Lust für ein paar Tage in eine Stadt zu fahren, in der er keine großen Punkermassen getroffen hat, das "Chaostage-Feeling" nicht rüberkam und die ganze Zeit nicht wußte was los ist?

Auch in Sachen Information der Öffentlichkeit hat sich die Polizei eine Scheibe von Karl Nagel abgeschnitten: Es wird gelogen und fehlinformiert was es das Zeug hält. 150 (bzw. 70) Punks sind es gerade mal, die gekommen sein sollen. Außerdem gibt es die Chaostage nicht mehr, sie finden nur auf der phantasievollen Homepage einiger Internetnarren statt, einige wenige haben das nur noch nicht kapiert...

Für die Presse werden potemkinsche Dörfer in Form von freundlichen Polizisten, die besonnen kesseln, errichtet, die gesteuerte Presseinformation liefert das Bild einer Polizei, die die Lage bestens im Griff hat. Keine übertriebene Härte, keine Ausschreitungen, die Exekutive der Demokratie funktioniert so gut wie selten zuvor.

Dabei ist vielleicht noch zu erwähnen, daß die Zeiten des Cannibal Home Channel endgültig vorbei sind. Karl Nagel sagt jetzt die Wahrheit, aber niemand glaubt ihm. Rollentausch pur. Nur hat die Polizei den Vorteil, die Medien auf ihrer Seite zu haben: Wenn nicht über die Chaostage berichtet wird, gibt es keine Chaostage! So einfach ist das.

Wenn man die Meldungen, die in der Redaktion eingehen, zusammenfaßt, kann man davon ausgehen, daß sich in der Stadt einige Dutzend Gruppen Punks zu 5 - 50 Personen aufhalten. Das macht es natürlich unglaublich schwer, eine Schätzung über die reale Teilnehmerzahl abzugeben.

Anders als in anderen Jahren, wo sich die Masse der in Hannover angelandeten Punks auf einige wenige Orte wie Fährmannsfest, Hauptbahnhof und Lutherkirche konzentrierte, ist dieses Jahr so zersplittert wie nie zuvor. Es ist schon gut möglich, daß inzwischen über tausend Punks in Hannover sind. Nur treten sie eben nicht als Masse in Erscheinung sondern nur als unscheinbare Kleingruppen, die nicht sonderlich auffallen.

Das erzeugt ein Bild in der Öffentlichkeit als wären kaum Punk-Besucher in der Stadt. Besonders weil kaum frequentierte Parks beliebte Abschiebeorte sind.

Manipulation der Realität seitens der Macht gibt es schon, seit es Menschen sind. Das eigentlich überraschende ist der Grad der Perfektion. Nicht nur die Presse und sämtliche Medien werden fehlinformiert, nein, sie spielen dieses Spiel auch noch begeistert mit - und selbst die Besucher der Chaostage und die Hannoveraner Bürger werden auf äußerst subtile Weise hinters Licht geführt.

Guy Debords hat in den späten 60ern den Begriff des Spektakels auf genau diese Weise definiert - Polizei und Medien haben es nun es geschafft, die Funktionsweise der Chaostage nach 18 Jahren für sich zu nutzen. Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob diese Technik bis Sonntag abend durchgehalten werden kann.

Es gibt nämlich einige Variablen, die nicht berechnet werden können: Was passiert auf der Antifa-Demonstration Samstag mittag? Was ist, wenn sich alle Punks spontan zusammenrotten? Und was ist mit Pressevertretern, die sich eine goldene Nase verdienen wollen bzw. ein ausgeprägtes Demokratieverständnis haben?

Der heutige Tag wird es zeigen. Wir von chaos-tage.de werden berichten...


 
 
 

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