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Sonntag, 04.06.2000, 16:16 Uhr
Die Grünen wollen Spaß - Doch manchmal geht eben der Spaß zu weit!
Ein Kommentar von Ekkehard Jänicke
4. Juni 2000
Die Favoritin um den Posten der Grünen-Vorstandssprecherin Renate Künast spricht sich für eine Kursänderung ihrer Partei aus. "Wir müssen weg von den vielen Verboten, von der Ordnungspolitik", sagte sie in einem Interview mit dem Berliner Intelligenz-Blatt "Super Illu". Jedoch geht aus dem Interview mit der am Wochenanfang erscheinenden Zeitschrift deutlich hervor, dass Frau Künast nicht darunter versteht, etwa den Polizeiaufmarsch gegen Anti-Expo-Straßentanz oder gegen andere fantasievolle Demonstrationsformen künftig zu unterbinden.
Nein, Künast bewegt sich, etwas unverbindlicher, auf der Linie von Rezzo Schlauch, der nun voll und ganz die Autogesellschaft akzeptiert und dies als Annäherung der Grünen an "die" Jugend ausgibt.
Die wahrscheinlich künftige Obergrüne fordert nämlich, für umweltbewusstes Verhalten müssten vielmehr Anreize, auch finanzieller Art, geboten werden. Die Grünen müssten außerdem nicht nur ihre grundsätzlichen Ziele darstellen, und da ist der Aufschrei angebracht, wo haben sie denn diese noch, Frau Künast? Nein, sie sollten deutlicher einzelne Erfolge herausstellen, forderte die Fraktionschefin der Berliner Grünen. "Das haben wir versäumt."
Stimmt nicht, antwortet ihr da in Hannover ein ganzes Anti-Expo-Camp mit mehrheitlich Menschen, die noch vor nicht allzu langer Zeit grün wählten oder sogar mal Mitglieder der Bündnisgrünen waren. Im Bund zogen Grüns als Partei des Atomausstiegs in das Parlament und geben jetzt die Verschiebung des Ausstiegs auf den Sankt-Nimmerleins-Tag in 30 Jahren als Erfolg aus oder gar die Wende zur Kriegspartei. In Hannover zogen sie mit Anti-Expo-Propaganda und radikalen Worthülsen in den Kommunalwahlkampf und kaum gewählt, stellten sie sich der SPD zur Mehrheitsbeschaffung und zum "Expo schöner und nachhaltiger gestalten" zur Verfügung , brachen mit denen, die sie gewählt hatten und feiern die Expo als ihren Erfolg mit. Doch Frau Künast sieht dies wie Hannovers Grüne. Nicht auf die Engagierten käme es an, sondern die Grünen hätten systematisch die Wechselwähler verschreckt. "Die dachten doch: Hilfe, wenn die Grünen an die Macht kommen, laufen die mit der Knute durch die Republik und verbieten alles, was Spaß macht."
Nicht alles soll also jetzt verboten werden, was Spaß macht, Frau Künast, wie Autofahren, Hobbyfliegen, noch ein paar Jahrzehnte Atommüll produzieren und natürlich auch nicht das neue realistischere Anfreunden mit gentechnischen Experimenten, welches die Bündnisgrünen in der Regierungskoalition vorexerzieren. Die Knute der rot-grünen Spaßgesellschaft allerdings bekommen künftig die ab, die sich den Spaß machen, weiter, wie in Hannovers Innenstadt am Wochenende, bunt bemalt gegen eine sozial und ökologisch kontraproduktive Extravaganz namens Expo 2000 auf Spontanpartys friedlich anzutanzen. Da geht für Rot-Grün, auch in Hannover als Ratsmehrheit, eben doch der Spaß zu weit und darum muss eben der grüne Kessel und der Polizeiknüppel her, ganz nachhaltig, versteht sich! Ein paar hundert ehemalig auf die Grünen abfahrende Irregeleitete müssen, wie in der Nacht nach Himmelfahrt, mittels polizeilicher Käfighaltung auf engstem Raum zum Nachdenken gebracht werden. Gegen Käfighaltung bleiben auch Schlauchs und Künasts Grüne weiter radikal, aber nur bei Legehennen und nicht etwa bei Anti-Expo-Demonstrantinnen und Demonstranten.
Ekkehard Jänicke, Medienwissenschaftler, lebt als Journalist und Publizist in Hannover und ist Deutschlandkorrespondent des Ökumenischen Pressedienstes (eps) Genf / Berlin / Wien
Ekkehard Jänicke, Hannover / Berlin
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