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Zumindest ein Polizeibeamter, der sonst in Hannover Dienst
tut, ist mir persönlich bekannt; mit ihm telefonierte
ich einige Tage nach den Chaos-Tagen. Nicht um ihn auszuhorchen,
sondern weil ich wissen wollte, ob er dabei gewesen sei.
Der Kerl ist nämlich ganz okay, und mir graust's vor
dem Moment, an dem ich ihm mal gegenüber stehe - oder
er mir; je nach dem.
Wie er am Telefon recht schnell erzählte, war er selbst
nicht dabei; er hatte an diesem Wochenende freigehabt, seine
Einheit habe aber ranmüssen. Und anscheinend haben
ihm die Sachen erzählt, die weder mit dem übereinstimmten,
was ich erlebt habe, noch mit dem, was in den Medien rüberkam.
Damit gibt es also ein drittes Bild von den Chaos-Tagen.
So hatte mein Gesprächspartner die Nordstadt völlig
anders in Erinnerung als ich. "Da sah's aus wie nach dem
Krieg", erzählte er mir am Telefon. "Überall waren
die Scheiben eingeschlagen, und überall standen ausgebrannte
Autos herum." Das fand ich klasse! Nach meinem höchstpersönlichen
und sehr nüchternen Augenschein war ein Auto als Barrikade
mißbraucht worden - abgefackelt wurde, soweit ich
mich erinnere, kein einziges. Aber er war der festen Meinung,
daß es so ausgesehen habe.
Und - weiter: "Es wurde ein Supermarkt auf dem E-Damm geplündert,
und zwei kleine Kioske wurden komplett ausgeräumt",
berichtete mir mein Gesprächspartner. Das fand ich
dann noch interessanter; denn das war nicht einmal in den
Medien gemeldet worden.
Ein klassischer Fall von Realitätsverschiebung: Der
Mann war selbst nicht dabei, aber ihm haben seine Kollegen
einen Film ins Ohr geredet; er selbst hat dazu noch die
Bilder von Bremen im Fernsehen mitgekriegt - und aus diesen
Eindrücken und aus dem, was er sehen wollte, hat er
ein eigenes, ein neues Bild zusammengesetzt. Das zeigte
sich auch bei anderen Sachen, die er mir so erzählte.
"Meine Kollegen wurden massiv mit Steinen und Flaschen
eingedeckt", berichtete er. "Normalerweise hätten die
dann angreifen müssen, das ist so üblich. Der
Einsatzleiter wollte über Funk mehr Informationen holen,
aber die Zentrale beruhigte und sagte, die Kollegen dürfen
noch nicht angreifen." Hm, mag sein. Und weiter? "Es wurden
ja auch genügend Leute von Euch von den eigenen Leuten
mit Steinen verletzt." Klassischer Fall von Falsch-Information:
Der Mann hat wieder mal das gehört, was die Medien
verbreiten. Und weil er sich nicht vorstellen konnte, daß
seine Kollegen wirklich wie die Geistesgestörten auf
Punks einprügeln würden, hat er sofort die Darstellung
seiner Polizei-Führung geglaubt.
Des weiteren sprach mein "Informant" noch von 600 bis 800
Festnahmen allein auf dem Sprengel-Gelände. Das müssen
wohl seine Kollegen erzählt haben. Daß diese
Darstellung sowohl dem offiziellen Polizeibericht als auch
unserer Einschätzung widerspricht (es waren überhaupt
maximal 400 bis 500 Leute im Sprengel-Gelände eingekreist),
ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie verzerrt die
Realität in diesem Fall ist.
Der Mann hat mich nicht angelogen - warum sollte er auch?
Er hat die Wahrheit gesprochen - oder zumindest das, was er
für die reine Wahrheit hält. - Karl K. Putt
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