Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:12. - 625 Seiten archiviert
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Was ein Bulle so erzählt...

Zumindest ein Polizeibeamter, der sonst in Hannover Dienst tut, ist mir persönlich bekannt; mit ihm telefonierte ich einige Tage nach den Chaos-Tagen. Nicht um ihn auszuhorchen, sondern weil ich wissen wollte, ob er dabei gewesen sei. Der Kerl ist nämlich ganz okay, und mir graust's vor dem Moment, an dem ich ihm mal gegenüber stehe - oder er mir; je nach dem.

Wie er am Telefon recht schnell erzählte, war er selbst nicht dabei; er hatte an diesem Wochenende freigehabt, seine Einheit habe aber ranmüssen. Und anscheinend haben ihm die Sachen erzählt, die weder mit dem übereinstimmten, was ich erlebt habe, noch mit dem, was in den Medien rüberkam. Damit gibt es also ein drittes Bild von den Chaos-Tagen.

So hatte mein Gesprächspartner die Nordstadt völlig anders in Erinnerung als ich. "Da sah's aus wie nach dem Krieg", erzählte er mir am Telefon. "Überall waren die Scheiben eingeschlagen, und überall standen ausgebrannte Autos herum." Das fand ich klasse! Nach meinem höchstpersönlichen und sehr nüchternen Augenschein war ein Auto als Barrikade mißbraucht worden - abgefackelt wurde, soweit ich mich erinnere, kein einziges. Aber er war der festen Meinung, daß es so ausgesehen habe.

Und - weiter: "Es wurde ein Supermarkt auf dem E-Damm geplündert, und zwei kleine Kioske wurden komplett ausgeräumt", berichtete mir mein Gesprächspartner. Das fand ich dann noch interessanter; denn das war nicht einmal in den Medien gemeldet worden.

Ein klassischer Fall von Realitätsverschiebung: Der Mann war selbst nicht dabei, aber ihm haben seine Kollegen einen Film ins Ohr geredet; er selbst hat dazu noch die Bilder von Bremen im Fernsehen mitgekriegt - und aus diesen Eindrücken und aus dem, was er sehen wollte, hat er ein eigenes, ein neues Bild zusammengesetzt. Das zeigte sich auch bei anderen Sachen, die er mir so erzählte.

"Meine Kollegen wurden massiv mit Steinen und Flaschen eingedeckt", berichtete er. "Normalerweise hätten die dann angreifen müssen, das ist so üblich. Der Einsatzleiter wollte über Funk mehr Informationen holen, aber die Zentrale beruhigte und sagte, die Kollegen dürfen noch nicht angreifen." Hm, mag sein. Und weiter? "Es wurden ja auch genügend Leute von Euch von den eigenen Leuten mit Steinen verletzt." Klassischer Fall von Falsch-Information: Der Mann hat wieder mal das gehört, was die Medien verbreiten. Und weil er sich nicht vorstellen konnte, daß seine Kollegen wirklich wie die Geistesgestörten auf Punks einprügeln würden, hat er sofort die Darstellung seiner Polizei-Führung geglaubt.

Des weiteren sprach mein "Informant" noch von 600 bis 800 Festnahmen allein auf dem Sprengel-Gelände. Das müssen wohl seine Kollegen erzählt haben. Daß diese Darstellung sowohl dem offiziellen Polizeibericht als auch unserer Einschätzung widerspricht (es waren überhaupt maximal 400 bis 500 Leute im Sprengel-Gelände eingekreist), ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie verzerrt die Realität in diesem Fall ist.

Der Mann hat mich nicht angelogen - warum sollte er auch? Er hat die Wahrheit gesprochen - oder zumindest das, was er für die reine Wahrheit hält. - Karl K. Putt

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
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