Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:15. - 625 Seiten archiviert
Home Archiv Fanzines 1994 Punker-Terror Artikel
 
Chaos-Fete am Bahnhof

Als ich am Freitagmorgen um 7.30 am Bahnhof ankomme, bietet sich mir ein echt witziges Bild: Rund 70-80 Leute liegen in irgendwelchen Ecken und Nischen und schlafen den Schlaf der Gerechten. Dazwischen ein Stadtbediensteter, der mit einem Riesenbesen versucht, aus den Lücken zwischen den Schlafsäcken Bierdosen und anderen Müll zu fischen. Und dann natürlich die unvermeidlichen Bürger & Passanten, die fassunglos dieses Bild in sich aufnehmen.

Polizei ist keine zu sehen, und so ist es ein wirkliches Bild des Friedens, nur ab und zu gestört vom Geschepper der Dosen, verusacht durch den betont langsam arbeitenden Müllmann...

Nachdem ich kurz zur Arbeit fahre, um das Allernötigste anzugehen, bin ich auch um 10 Uhr schon wieder am Bahnhof, und hier beginnt die heftige Punk-Fete: Es wird getanzt, gesungen und gelacht, und Unmengen von Bier werden sinnlos in der Gegend verspritzt - oder besser gesagt: "verduscht"!

Eine wahre Wohltat für die meisten, denn eine Bullenhitze mit 34 Grad im Schatten läßt die Köpfe glühen, und Schatten ist nur am Bahnhofeingang zu finden, wo sich auch prompt die Leute drängeln.

Das macht es den Passanten nicht leicht, wie gewohnt den Bahnhof zu verlassen oder zu betreten.

Aber es ist die ausgelassenste und friedlichste Stimmung, die ich je auf einem Chaos-Tag erlebt habe, und so gibt es auch keine Spur von Aggression, die geschockten Passanten wurden eigentlich überhaupt nicht beachtet, bekommen vielleicht allemal zufällig einen Bierspritzer ab. Was dann später in den Medien flugs zum "Anpöbeln von Passanten" umfunktioniert wurde!

Auch die von früheren Chaos-Tagen bekannten Scherbenmeere gibt es diesmal nicht. Ständig rennen irgendwelche Punks mit Müllbeuteln durch die Gegend und sammeln Flaschen und Scherben ein - schließlich haben viele auch ihre Hunde dabei und wollen Verletzungen im Getümmel vermeiden.

Es sind wirklich Punks aus allen Teilen Deutschlands da, die meistgestellte Frage ist sicher: "Wo kommst Du eigentlich her?", und sogar ein Trupp von 4 Franzosen hat sich eingefunden, ebenso die ersten Skins.

Gegen 12 Uhr sind zwar erst 200 Leute da, aber es kommen ständig neue hinzu, und eigentlich wissen jetzt alle, daß es wirklich ein Chaos-Tag in der "Tradition" der "Klassiker" von 83 und 84 zu werden scheint, man spürt das. Manche ältere Punks sind wirklich überglücklich, sowas nach langen Dürrejahren noch einmal erleben zu dürfen - nachdem doch die meisten gedacht hatten, niemals wieder ein Riesen-Treffen zu erleben.

Das Gefühl, das viele dabei haben, ist: "Wir sind wieder da", und nachdem so viele Mini-Chaos-Tage die totale Pleite gewesen waren, scheint der Aufruf zum Chaos-Tag in Hannover wie ein Signal zum Aufbruch gewirkt haben: Nach diesem Wochenende werden alle wissen, daß Punk noch lebt!

Karl Nagel

weiter

 

 
  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
Home | Aktuell | Archiv | Diskussion | Downloads | Kontakt

 

WWW.CHAOS-TAGE.DE - das Internet-Archiv zum Thema
Für Inhalt, Gestaltung und Programmierung verantwortlich: Karl Nagel, Schleswiger Str. 2, 22761 Hamburg
 
Bilder des Chaos!
KOT
Bilder des Chaos!