Als ich am Freitagmorgen um 7.30 am Bahnhof ankomme, bietet
sich mir ein echt witziges Bild: Rund 70-80 Leute liegen
in irgendwelchen Ecken und Nischen und schlafen den Schlaf
der Gerechten. Dazwischen ein Stadtbediensteter, der mit
einem Riesenbesen versucht, aus den Lücken zwischen
den Schlafsäcken Bierdosen und anderen Müll zu
fischen. Und dann natürlich die unvermeidlichen Bürger
& Passanten, die fassunglos dieses Bild in sich aufnehmen.
Polizei ist keine zu sehen, und so ist es ein wirkliches
Bild des Friedens, nur ab und zu gestört vom Geschepper
der Dosen, verusacht durch den betont langsam arbeitenden
Müllmann...
Nachdem ich kurz zur Arbeit fahre, um das Allernötigste
anzugehen, bin ich auch um 10 Uhr schon wieder am Bahnhof,
und hier beginnt die heftige Punk-Fete: Es wird getanzt,
gesungen und gelacht, und Unmengen von Bier werden sinnlos
in der Gegend verspritzt - oder besser gesagt: "verduscht"!
Eine wahre Wohltat für die meisten, denn eine Bullenhitze
mit 34 Grad im Schatten läßt die Köpfe glühen,
und Schatten ist nur am Bahnhofeingang zu finden, wo sich
auch prompt die Leute drängeln.
Das macht es den Passanten nicht leicht, wie gewohnt den
Bahnhof zu verlassen oder zu betreten.
Aber es ist die ausgelassenste und friedlichste Stimmung,
die ich je auf einem Chaos-Tag erlebt habe, und so gibt
es auch keine Spur von Aggression, die geschockten Passanten
wurden eigentlich überhaupt nicht beachtet, bekommen
vielleicht allemal zufällig einen Bierspritzer ab.
Was dann später in den Medien flugs zum "Anpöbeln
von Passanten" umfunktioniert wurde!
Auch die von früheren Chaos-Tagen bekannten Scherbenmeere
gibt es diesmal nicht. Ständig rennen irgendwelche
Punks mit Müllbeuteln durch die Gegend und sammeln
Flaschen und Scherben ein - schließlich haben viele
auch ihre Hunde dabei und wollen Verletzungen im Getümmel
vermeiden.
Es sind wirklich Punks aus allen Teilen Deutschlands da,
die meistgestellte Frage ist sicher: "Wo kommst Du eigentlich
her?", und sogar ein Trupp von 4 Franzosen hat sich eingefunden,
ebenso die ersten Skins.
Gegen 12 Uhr sind zwar erst 200 Leute da, aber es kommen
ständig neue hinzu, und eigentlich wissen jetzt alle,
daß es wirklich ein Chaos-Tag in der "Tradition" der
"Klassiker" von 83 und 84 zu werden scheint, man spürt
das. Manche ältere Punks sind wirklich überglücklich,
sowas nach langen Dürrejahren noch einmal erleben zu
dürfen - nachdem doch die meisten gedacht hatten, niemals
wieder ein Riesen-Treffen zu erleben.
Das Gefühl, das viele dabei haben, ist: "Wir sind
wieder da", und nachdem so viele Mini-Chaos-Tage die totale
Pleite gewesen waren, scheint der Aufruf zum Chaos-Tag in
Hannover wie ein Signal zum Aufbruch gewirkt haben: Nach
diesem Wochenende werden alle wissen, daß Punk noch
lebt!
Karl Nagel
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