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The great Chaos -Tag swindle

Da war ja was los in Hannover, am Wochenende des 5. bis 7. August 1994: Laut Polizeiberichten und Medien hatten die Punks dazu aufgerufen "Hannover in Schutt und Asche zu legen". Das taten sie dann auch, glaubt man den Medien: "600 Randalierer", so heißt es, seien "mit Messern, Schlagringen und Baseballkeulen" durch die Stadt gezogen, hätten Polizeibeamte angegriffen, ganze Straßenzüge zerschlagen, "Barrikaden gebaut und Feuer angezündet", seien "in die Wohnungen von Bürgern eingedrungen" und hätten "bei allen Autos in der Nordstadt die Reifen zerstochen". Der Sachschaden sei "immens".

Terror auf Deutschlands Straßen? Anscheinend. Dummerweise war ich an diesem Wochenende auch in Hannover. Und wer dort war, kann eine andere Geschichte erzählen. Und - noch besser - wer die Medien gut verfolgt hat, kann ebenso zu anderen Schlußfolgerungen kommen. Dröseln wir mal auf.

So hat beispielsweise niemand das Flugblatt gesehen, in dem die Punks auffordern, "Hannover in Schutt und Asche zu legen". Jaja. Auf allen Flugblättern wurde ein unterhaltsames Programm angekündigt, das mit Slogans wie "Deutsche Polizisten - Gärtner und Floristen" Spaß erzeugen wollte. Es gab definitiv kein Plakat und kein Flugblatt, auf dem der Satz mit "Schutt und Asche auftauchte". Denn sonst - ganz klar! - hätten die Medien das doch im Fernsehen gezeigt. Oder nicht? Meine Vermutung: Das Flugblatt ist eine Erfindung der Polizei, die eine Handhabe brauchten, 600 Leute in den Knast zu stecken, weil sie bunte Haare hatten.

Und dann kommen wir gleich zu der Zahl von "600 Randalierern", zu denen auch mein Freund Schwick gehört. Der war in der BILD-Zeitung auf Seite 1, und man konnte ihn gleich auch in mehreren Fernsehberichten "bewundern". In den Fernsehberichten sieht man ihn auf dem Boden liegen, vier Bullen fesseln ihn, und ein weiterer tritt wie ein Idiot auf ihn ein. Wenn Schwick ein Schwarzer wäre, hätten irgendwelche Linksalternativen garantiert schon eine Demo gestartet - er ist aber ein Punk. In weiteren Berichten ist Schwick zu sehen, wie ihn zwei Bullen in eine Wanne schleppen; eindeutig ist zu erkennen, daß er total zusammengeschlagen wurde. Und in BILD sieht man sein blutverschmiertes Gesicht. Klasse! Schwicks einziges "Verbrechen": Er war auf dem Chaostag, er war besoffen, und er kam nicht schnell genug weg, als ihn prügelgeile Bullen auf offener Straße überfielen.

Überhaupt: Wenn's denn so viel "Randalierer" gegeben hat, warum gibt es dann in keinem einzigen Medienbericht "Randale"-Fotos? Warum sieht man immer nur angreifende Bullen und prügelnde Bullen, auf dem Boden liegende Punks oder Punks, die ihre blutende Hand in die Kamera halten? Ist es vielleicht möglich, daß es gar keine Randale gab, sondern nur und ausschließlich prügelnde Bullen? Aber sicher nicht! Denn Deutschlands Medien verbreiten ja keine erfundenen Nachrichten und schon gar keine Lügen! Wo kämen wir denn da hin?

Soviel zu den "Randalierern", kommen wir zur Zahl "600". Es gab 600 Festnahmen. Stimmt. Die Bullen schickten nach eigenen Angaben "mehrere hundert" Punks wieder in ihre Heimatorte zurück. Trotzdem waren am Sonntag morgen nach zweitägigen "Krawallen" immer noch locker 200 bis 300 Punks in der Stadt unterwegs. Damit kommen wir auf geschätzte 1200 Teilnehmer an den Chaos-Tagen - und alles andere ist erstunken und erlogen.

Besonders empört hat es alle Berichterstatter, vor allem von der BILD-Zeitung, daß die Punks "mit Messern, Schlagringen und Baseballkeulen" bewaffnet gewesen seien. In der Tat konnte der Polizeisprecher bei der "Waffenschau" im Fernsehen ein (1 !!!!!) beschlagnahmtes Messer, einen (1 !!!!) "selbstgebastelten" Schlagstock und einige Nietenarmbänder präsentieren. Mit diesen Nietenarmbändern, so der Polizist, könne man Menschen verletzen. Daß Nietenbänder zu den "normalen" Kleidungsstücken vieler Punks gehören, wurde natürlich nicht erwähnt. Hm. Wenn die Bullen Baseballkeulen beschlagnahmt hätten, hätten sie voller Freude und sehr gerne welche gezeigt. Da sie aber nicht haben... - könnte es vielleicht sein, daß...?

Natürlich haben die Punks auch ganze Straßenzüge zerschlagen. Man sah es in den Medien: Immer wieder wurde dieselbe zerschlagene Scheibe gezeigt. Mehr gab es nicht. Die ganze Innenstadt war heil. In der Nordstadt gab es sogar in der Straße, in der es am Freitag und am Samstag nacht zu größeren Auseinandersetzungen gekommen war, sage und schreibe zwei bis drei eingeschlagene Scheiben, mehr nicht. Daß die Kameras der Medien immer nur eine Scheibe abbildeten, weist darauf hin, daß sie die zweite Scheibe (in einem Flur...) nicht gesehen haben. Totale Randale also. Eine Scheibe eingeschlagen, 600 Festnahmen! Oder, anders gesagt: Hätte es mehr kaputte Scheiben gegeben, wären die ja wohl auch gezeigt worden.

Schön waren auch die Bilder in den Medien, die Anwohner beim Straßenfegen zeigten. Sie fegten Scherben zur Seite. Nur: Hinter den Anwohnern waren Fenstern und Einkaufspassagen zu sehen - alle heil. Das einzige, was die Leute zusammenfegen mußten, waren kaputte Flaschen. Der Sachschaden rührte vom zerstörten Flaschenpfand her...

Ganz brutal war auch, daß die Punks "Barrikaden gebaut und Feuer angezündet" haben. In einem Fernsehbericht war das eine Feuer zu sehen: Einige Tempotaschentücher, die eine Fläche von etwa dreißig Quadratzentimeter bedeckten, kokelten an einer Wand vor sich hin... In der Tat gab es zwei offene Feuer: am Samstag abend, als die Bullen rund 600 bis 800 Leute auf offener Straße einkesselten und dann angriffen. Diese "offenen" Feuer wurden aus Pappe und herumliegenden Holzresten errichtet. Und eines davon war in allen Fernsehberichten zu sehen. Mehr gab es nämlich auch nicht. Denn - wieder einmal! - wenn es Barrikaden und Feuer gegeben hätte, dann wären die Medien mit ihren Kameras wie die Wilden darauf losgegangen und hätten sie gefilmt. Sie haben's aber nicht. Warum wohl?

Punks seien "in die Wohnungen von Bürgern eingedrungen", diese hätten sich verschanzen müssen. Das ist ein schwerer Vorwurf. Ein Team von "Sat 1" hat am Samstag nach der ersten Straßenschlacht in der Nordstadt Anwohner interviewt, nachdem die Zeitungen verbreitet hätten, daß sich Menschen in den oberen Stockwerken ihrer Häuser verbarrikadiert hätten. Das "Sat 1"-Team fand keinen einzigen Nordstadt-Bewohner, der was gegen die Punks gesagt hat. Denn: Sonst wäre der ja in den Medien gekommen. Was man am Montag in den Medien sah, waren die üblichen "Ab ins Gas!"-Schwätzer, die man in jedem Dorf findet. Bester Satz einer etwa 65jährigen Frau zu "Sat 1" (ich hab's selbst gehört, ich stand daneben): "Wieso soll ich Angst haben? Das sind doch Punks, die tun mir doch nichts." Sowohl die Bierbuden als auch die Imbißstuben haben wärend der "furchtbaren Krawalle" permanent geöffnet gehabt - und noch während der ersten Straßenschlacht hat die Pizzeria Essen und Getränke für Punks zubereitet.

Seltsam. Woher dann die Aussage, Punks seien in Wohnungen eingedrungen? Des Rätsels Lösung: Als es richtig rundging, machten einige Menschen (viele Ausländer darunter!) ihre Hauseingänge auf und ließen flüchtende Punks hinein. In mindestens einem Fall schafften es diese Menschen nicht mehr, die Tür rechtzeitig zuzubekommen, worauf Bullen hinter den Punks her in die Häuser eindrangen... Was lernen wir daraus?

Zumindest das Badische Tagblatt meldete, daß "bei allen Autos in der Nordstadt die Reifen zerstochen" worden seien. In der Tat wurden mehrere Autos beschädigt: Sie standen im vorhin erwähnten Kessel. Und wenn 600 bis 800 Menschen eingepfercht sind, die Bullen angreifen und die Steine fliegen, dann gehen natürlich Autos kaputt. Das finde ich nicht gut, nein nein. Nur: Mein Auto stand drei Tage lang in der Nordstadt herum, keine 200 Meter von der Lutherkirche, dem Ort der "fürchterlichen Straßenschlachten zwischen Punkern und Polizisten" entfernt. Weder wurde mir ein Reifen zerstochen noch hat mein Auto auch nur einen Kratzer abbekommen.

Zuletzt die beste Nachricht: Der Sachschaden sei "immens", so hieß es immer wieder. "Immens" ist ein schöner Begriff, der fällt immer dann, wenn man die Schadenssummen nicht genau benennen kann. Im Laufe der Woche nach den Chaos-Tagen wurden irgendwann einmal konkretere Zahlen genannt: "im hohen fünfstelligen" Bereich seien die Schäden anzusiedeln, hieß es dann. Anders gesagt: Für gerade einmal 50.000 Mark Sachschaden wurde so ein Terz gemacht - und sogar diese wären (wie am Beispiel der zerstörten Autos zu bemerken) vermeidbar gewesen, wenn die Bullen nicht blindwütig alles eingekesselt und angegriffen hätten. Nochmal anders gesagt: Als es im Januar dieses Jahres in Mannheim zu einer kurzen, aber heftigen Scherben-Demo kam, wurden innerhalb von maximal 30 Minuten von rund 30 bis 40 Beteiligten rund 500.000 Mark Sachschaden angerichtet - in Hannover schafften es "600 bewaffnete Randalierer" in drei Tagen gerade mal auf 50.000 Mark Sachschaden...

Was lernen wir daraus? Die Chaos-Tage waren ein voller Erfolg. Schon lange nicht mehr konnten die Medien in diesem Land so verarscht werden. Die Chaos-Tag-Gewaltorigien der Punks waren somit eine reine Medienerfindung, in Wirklichkeit fanden sie nur in den Medien statt. Und das war auf jeden Fall das wichtigste Ergebnis dieses sehr spaßigen und sehr spannenden Wochenendes in Hannover.

Klaus N. Frick

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
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