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Fassen wir als letzte objektive Zeitschrift, die mit zahlreichen
Mitarbeitern direkt im Herzen der Geschehnisse vertreten
war, zusammen, was wirklich passiert ist:
Waren die Chaostage 1984 nichts weiter als eine total besoffene
Antifa-Demo mit an-schließender Zerstörung eines
eigenen Jugendzentrums, sowie von der Presse totgeschwiegener
Masseninternierung, so besaßen die Chaostage 1994
tatsächlich so etwas wie eine positive "If The Kids
Are United" Atmosphäre, trotz oder vielleicht sogar
wegen der Massenverhaftungen und zahlreicher Kessel.
Das Wetter im Vorfeld heizte die Stimmung bereits auf.
Es war Summer in the City und das Publikum war eine wirklich
bunte Mischung. In der Presse war zwar ständig von
Punks die Rede, aber die waren auch unter den Verhafteten
nicht unbedingt die Mehrheit. Es tummelten sich viele Hardcore-Kids,
Skins, St.-Pauli Fans und einiges mehr, was sich so auf
der Straße rumtreibt, auf einem Haufen.
Bezeichnend für die gute Entwicklung in der Szene
ist die Tatsache, daß es aufgrund der Kleiderordnung
keine Anmache oder gar regelrechte Kriege wie früher
gab. Selbst die früher als arrogant verschrieenen Nietenkaiser,
also die wirklich gut gestylten Punks akzeptieren den Nachwuchs
und Leute die weniger bunt rumliefen.
Diese wiederum machten sich nicht über irgendwelche
sogenannten "Dupus" lustig. Gerade diese bunte und breite
Mischung hat bei den Bullen wohl auch zur Verwirrung geführt.
Hannover 1994 war auch in dieser Beziehung eine WENDE. Gräben
wurden zugeschüttet, die Spaltung wurde rückgängig
gemacht.
Die einseitige Eskalation von Gewalt begang durch die Polizei
am Freitagnachmittag vor dem Bahnhof. Dort wurde, weil ein
paar Pfandpflaschen kaputt gingen und Punks mit Wasserspritzpistolen
brutal auf Zivilpolizisten ballerten, eine Horde wildgewordner
Bullen auf die Menge losgelassen und eine Massenverhaftung
vollzogen, wie sie noch bei kaum einem Naziaufmarsch gesehen
wurde. 175 Leute wanderten in den Bau, ob sie nun das schreckliche
Verbrechen mit Wasserspritzpistolen geschossen zu haben
begangen hatten, oder nicht.
Dieses Gemetzel aus total nichtigem Anlaß wurde als
Krawall und Straßenschlacht aufgebauscht um nachfolgende
Gewaltorgien der Cops zu rechtfertigen. Zeitgleich ging
es über den Äther um die Welt, daß zahlreiche
böse Punker plötzlich aufgetaucht seien, um Hannover
in SCHUTT UND ASCHE zu legen.... und tatsächlich telefonierte
ich noch von unserem Gefechtsstand in der Nordstadt am Freitag
Abend mit GODZILLA, um ihn ausdrücklich zu unserer
duften Party einzuladen. Aus irgendwelchen Gründen
tauchte er leider nicht auf, entweder er war zu sehr mit
Tokio beschäftigt oder die Bullen hatten ihn am Bahnhof
gleich wieder in einen abfahrenden Zug gesteckt, so wie
sie es mit zahlreichen Punks ebenfalls getan hatten.
Die Punkmonster wurden mittlerweile zu rechtlosen Wesen
degradiert, dementsprechend gingen die, übers Wochenende
von ihre Verlobten getrennten Schnurbartwackler auch vor.
Samstag mittag wurden lediglich aufgrund ihrer Frisur zahlreiche
Leute in der Innenstadt verhaftet, um die schöne plastikfarbene
Konsumwelt der Kabelfernsehen geschädigten Ozonmutanten
nicht zu stören.
So eingestimmt und von den Medien in Livesendungen angekündigt,
begangen die Cops dann schließlich am Samstagabend
eine letzte größere Straßenschlacht.
Nachdem wildgewordene Punkerhorden reihenweise die Wohnungen
anständiger Bürger gestürmt und dort Wellensittiche
und Goldhamster vergewaltigt und danach verspeist hatten,
ließ der eine oder andere verhaltensgestörte
Sadist in Uniform, für den Einsatzgegner und persönliches
Feindbild ausnahmsweise (im Gegensatz zu Antinazieinsätzen)
übereinstimmten, seinem Wesen freien Lauf.
Unter den Internierten vom Mittag herrschte derweil größtenteils
gute Stimmung, denn mit einem weiteren Verfahren war sowieso
nicht zu rechnen, da bis zum heutigen Tage das Tragen von
unanständigen Frisuren noch nicht unter Strafe gestellt
werden kann.
Laut Polizeiangaben gab es innerhalb der drei Tage einen
Sachschaden von sage und schreibe gigantischen 50.000 DM(!)
und dafür 600 Festnahmen, wobei die Sachschäden
meist nur dann entstanden, wenn die Cops mal wieder Bock
hatten, ein paar Leute zu verhaften.
Der demolierte rote Golf eines Anwohners mußte in
zahllosen Berichten für den Beweis der "riesigen Ausschreitungen"
herhalten und dürfte mittlerweile das bekannteste Fahrzeug
Deutschlands gewesen sein. Selbst Schuhmachers Benetton
wirkte dagegen wie eine blasse Seifenkiste.
Einige der angeblich in Angst und Schrecken versetzten
Bewohner der Nordstadt verhalfen zahlreichen Punks sogar
zur Flucht über Hinterhöfe und durch Keller, als
die übereifrigen gestreßten Beamten das Gelände
systematisch abriegelten und mit dummdreisten Sprüchen
für etliche Lacher sorgten. Vielleicht aus Dank, weil
die Chaostageteilnehmer ein paar Straßen in der Nordstadt
kurzerhand zur Verkehrsberuhigten Zone erklärt hatten?
Weniger zu Lachen hatten die Leute, die wirklich was auf
den Kopf bekommen hatten, und das waren einige. Alles in
allem war für eine Adrenalinschwemme in gediegener
Atmosphäre gesorgt, und obwohl bei manchem von uns
in gewissen Situationen die Rosette rotierte, hätte
sich im Endeffekt wohl jeder der Anwesenden in den Arsch
gebißen, wenn er dieses epochale Ereigniss nicht selbst
mitgemacht hätte.
Fazit: Es müßen nur genügend Punks, Skins
und andere Streetkids zusammen eine kleine Fete feiern,
dann werden Bullen und Presse den Rest schon besorgen, um
für einen weiteren guten Ruf zu sorgen, und die Chaostage
1995 in Hannover werden auch in dieser Beziehung sicher
neue Maßstäbe setzen.
Wie ja aus gewöhnlich gut informierten Kreisen zu
hören war, sollen im nächsten Jahr vom 4-6 August
wieder CHAOSTAGE in Hannover stattfinden.... und diesmal
soll Hannover NICHT in Schutt und Asche gelegt werden. Stattdessen
wurden GODZILLA und KING KONG eingeladen, um die ganze City
zuzuscheißen. Wir sind schon gespannt in welche Turnhallen
sie die beiden sperren wollen. Da dürfte die Polizei
in echte Schwierigkeiten kommen.
Für alle anderen, die auch im nächsten Jahr auf
Grund ihres äußeren Erscheinungsbildes eingelocht
werden: Nehmt euch vorsorglich Gesangs- und Gebetsbücher
mit, denn gemeinsam abgesungene Kirchengesänge, ein
kräftiges Vaterunser und Co. sorgen für Stimmung
im Zellentrakt oder in der Turnhalle und außerdem
hört vielleicht der liebe Herrgott im Himmel das ganze
und beschleunigt die Freilassung.
Mit wem ist im nächsten Jahre noch zu rechnen: mit
Hools, Bürgerwehr und Faschos? Schließlich wollen
alle ihren Spaß haben, auch prügelgeile Bullen,
und da solltet ihr aufpassen.
Vielleicht kommen diesmal auch wirklich die Berufschaoten
in Zivil, da sich die Bullen voll und ganz auf Punx konzentriert
haben und konzentrieren werden. Oder es kommen ganz normale
Geisteskranke, die wirklich in in Omas Wohnung eindringen
und die Möbel rausschmeißen. Das hat die Presse
jetzt davon.
Weiterer Ehrengast im nächsten Jahr: Kaiser Nero!
Moses
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