ARD Morgenmagazin
Einer der Menschen, der sich schon seit geraumer Zeit mit
dem Thema "Jugend und Gewalt" beschäftigt hat, ist
Professor Heitmeyer von der Universität Bielefeld.
ARD: Herr Professor Heitmeyer, das was im Augenblick
in Hannover am vergangenen Wochenende geschehen ist, ist
so etwas überhaupt vorhersehbar, ist so etwas eine
politische Aktion im engeren Sinn?
HEITMEYER: Nun, Gewalt ist immer schwer zu erklären,
zunächst mal auch deshalb, weil es sich bei der ganzen
Punk-Aktion um so etwas wie expressive Gewalt handelt, also
wenig gesteuert, und nicht klar in den Zielsetzungen, aber
man muß daran erinnern, daß die Gewalt in der
Punkszene nicht von ungefähr wieder aufblüht,
denn wir erleben seit geraumer Zeit, daß bestimmte
Jugendszenen ja aus den Städten vertrieben werden,
daß ihre Plätze immer mehr in Gefahr geraten,
insofern verwundert mich das überhaupt nicht.
ARD: Wer gehört eigentlich in Deutschland zur
Punkszene, wie sie sich jetzt in Hannover gezeigt hat, aus
welchen Familien, aus welchen sozialen Verhältnissen
kommen die Jugendlichen?
HEITMEYER: Nun, das ist immer schwer zu sagen, weil
sich da sehr schnell so Stereotypen bilden, aber man muß
den Hintergrund, glaube ich, intensiver ausleuchten, und
da zeigt sich, daß die Jugendlichen ja Seismographen
dieser Gesellschaft sind, und daß immer wieder deutlich
wird: Diese Gesellschaft hat ein großes Integrationsproblem,
dafür stehen Jugendgruppen, und die Punkszene steht
dafür, dafür stehen aber auch zum großen
Teil etwa rechtextreme Jugendliche, also insgesamt geht
es um Integration oder Desintegrationsprobleme, und Gewalt
ist dann häufig ein Mittel, darauf nochmal hinzuzweisen.
ARD: Integration und Desintegration - das klingt
noch ein Stückchen akademisch.
HEITMEYER: Nun, es geht ja darum, daß diese
Gesellschaft mehr Sinn verbraucht als Sinn produziert, und
mehr Zugehörigkeiten auflöst als Zugehörigkeiten
stiftet, und Sinn stiftet, also was kann man tun, und wo
findet man Anerkennung. Also, in alten Gesellschaften ging
es darum: Man wollte Leute binden, Personen binden und dann
ruhig stellen. In unserer modernen Gesellschaft geht es
um Anerkennungsprozesse, und daran hapert es zunehmend.
Es geht in dieser Gesellschaft ja um Durchsetzung, und an
vielen Stellen auch um Ausgrenzung.
ARD: Heißt das denn konkret, daß die
Jugendlichen, die jetzt auf die Straße gehen, die
jetzt vorsätzlich Scheiben einschlagen, Autos anzünden,
daß die z. B. auch keinen Arbeitsplatz haben, daß
die für die Frage: Was mach ich in den nächsten
10, 20 Jahren auch nicht die Perspektive haben?
HEITMEYER: Aus einer unserer neuen Untersuchungen,
und das Ergebnis bestätigt sich immer wieder, man muß
es auch deshalb immer wieder ganz laut sagen: Überall
dort, wo pessimistische Zukunftssichtweisen sich subjektiv
bei den Jugendlichen festgesetzt haben, ist Gewalt nicht
weit, und dafür gibt es ja nun immer mehr Anlässe,
und die sind auch von Jugendlichen nicht aus der Luft geholt.
ARD: Was können denn die Älteren, was
können wir Älteren, eigentlich in dieser Situation
überhaupt machen, denn so die ersten Reaktionen auf
Hannover waren eigentlich Fassunglosigkeit, daß da
bewußt zur Randale aufgerufen wird, bewußt zur
Zerstörung aufgerufen wird. Wie kann man darauf reagieren?
HEITMEYER: Nun, man muß noch einmal sagen:
Jede Jugend zeigt der Gesellschaft das Bild ihrer eigenen
Zukunft, und Jugendliche setzen sich nur mit dem auseinander,
was die Herrschenden übriggelassen haben, und insofern
geht es noch einmal um Anerkennungsprozesse, und diese Anerkennungsprozesse
müssen sehr früh anfangen, denn Gewalt ist kein
Naturprodukt, was einfach so vom Himmel fällt, sondern
Gewalt hat eine lange Vorgeschichte, und zwar in der Biografie
eines jeden einzelnen."
ARD: Heißt: Was kommt konkret auf die Eltern
zu, um so etwas, was sich jetzt ereignet, für eine
nachfolgende Gereration nicht wiederholen zu lassen?
HEITMEYER: Nun, das sind sicherlich viele Faktoren.
Aber ein ganz entscheidender Faktor taucht in den Untersuchungen
auch immer wieder auf. Das ist der Zeitfaktor. Das heißt,
die Eltern die Erwachsenden, die Herrschenden haben immer
mehr individuelle freie Zeit, aber die sozial geteilte Zeit,
also sich mit Kindern, mit Jugendlichen auseinanderzusetzen,
ihnen Zeit zu widmen, die nimmt immer mehr ab. Hier ist
ein entscheidender Faktor, aber es gibt natürlich sehr
viel mehr. Aber man soll ja klein anfangen, und wenn man
dies zunächst mal überhaupt erreichen würde,
wäre schon viel gewonnen, denn über gemeinsam
geteilte Zeit, da verlaufen die Anerkennungsprozesse, indem
ich mich den Jugendlichen zuwende, erkenne ich ja schon
an, daß sie was sind, und zwar als Personen, und nicht
als Leistungsträger."
ARD: Vielen Dank an Sie nach Bielefeld
RTL Nord Live
Zuschlagen, draufhauen, alles kaputtmachen. Was soll das
bloß? Diese Frage stellt sich wohl jeder, der diese
Bilder der Zerstörung sieht. Dr. Andreas Herter, sie
therapieren ja in Hannover als Diplom-Psychologe seit Jahren
gewalttätige junge Leute.
RTL: Was soll das, daß sich da plötzlich
600 Punks an einem Tag treffen, alles kurz und klein hauen.
War das Absicht, oder ist das einfach so passiert?
ANDREASHERTER: Also, einfach so ist das sicherlich
nicht passiert, sondern es ist schon eindeutig Gewalt gewesen.
Gewalt, mit der der einzelne nicht klar gekommen ist, die
dann in der Gruppe zu einer ganz gefährlichen Mischung
herangereift ist, die dann diese Auschreitungen haben so
ausgehen lassen, wie wir sie gerade eben gesehen haben.
RTL: Wenn man sich das Flugblatt hier zum Beispiel
mal anschaut: `Chaos-Tage in Hannover. Es treffen sich junge
Leute mit Lust auf Zukunft und Europa, in sympathischer
Kleidung, farbenfroh und geruchsneutral.' Und zum Programm
heisst es: `Die Tagesparole von Freitag: Das Leben ist schön.
Um 14.00 Uhr die gute Tat des Tages: Wir helfen allen Rentnern
über die Straße.' Das hört sich eigentlich
für mich ein bißchen ironisch an.
ANDREASHERTER: Das ist absolut sarkastisch. Denn
in der Terminologie der Punker oder auch der Hooligans bedeutet
das ganz einfach, einen Menschen über die Straße
helfen, ihn über die Straße zu schubsen...(...)
Nur, so hätten sie das nie anmelden können. Wenn
die gesagt hätten, wir haben vor, hier alles kurz und
klein zu schlagen, dann hätte wahrscheinlich niemand
diese Demonstration genehmigt, und wir haben ja 84 das gleiche
schon mal gehabt. Man muß einfach davon ausgehen,
daß sie sich damit sehr gut verständigen konnten.
(...)
RTL: Also steckt im Grund genommen in diesem Flugblatt
schon die reine Gewalt, schon im Vorfeld?!
ANDREASHERTER: Ja. eindeutig. (...) Denn ich hab
noch nie nen Punker gesehen, der in Gruppe nun versucht,
wirklich mal einer älteren Dame oder einem alten Herrn
über die Straße zu helfen, Tasche abzunehmen,
oder irgendwo diese Pfafinder-Gute-Tat zu vollbringen.
RTL: (...) Kann man überhaupt noch unterscheiden
zwischen rechter und linker Gewalt?
ANDREASHERTER: Nein, das kann man absolut nicht
mehr. Hier geht es um Gewalt, (...) während der normale
Mensch ja andere Möglichkeiten hat, Gewalt auszuagieren,
in der Diskussion, in der Erotik zweifelsfrei auch (...)
RTL: Hätte man das nicht irgendwie verbieten
müssen?
ANDREASHERTER: Das wäre sicherlich ´ne
juristische Frage gewesen. Das wäre sicherlich gut
gewesen, es zu verbieten. Die Frage ist, wäre es dann
unangemeldet an anderer Stelle losgebrochen? Hier muß
man Prävention betreiben.
RTL: Schönen Dank. Sie helfen dabei auf jeden
Fall.
SAT 1 Regionalreport
SAT 1: Sie haben die Befürchtungen des Jugendbeauftragten
gehört: Stehen wir vor einer neuen Gewaltwelle? Ist
das das erste, was passiert ist? Stehen wir vor einem heißen
Spätsommer, einem heißen Herbst?
Joachim Perels: Das kann man nicht ganz genau vorhersagen.
Es kommt auch drauf an, wie man auf eine solch schreckliche
Krawallnacht reagiert. Ob man versucht eine Strategie der
Deeskalierung (...) zu entwickeln, oder ob man das als Naturereignis
nimmt, gegen das nur die legale Gegengewalt der Polizei
hilft."
SAT 1: Nun hat ja die Polizei eigentlich doch deeskalierend
gewirkt. Sie sind nur sehr vorsichtig gegen einzelne Störer
am Anfang vorgegangen, trotzdem ist das dann ausgeartet,
dieser Krawall. Wie kommt das?
Joachim Perels: Das hängt nach meiner Beobachtung
- die sich ja nur aus Berichten zunächst zusammensetzt,
(...) damit zusammen, daß ein Großteil der Punks
ja keine politischen Ziele mehr hat, sondern nur noch das
Ziel, ihre Frustration aggressiv loszulassen. (,...) Frühere
Formen von linker Demonstration hatten ja immer eine konkrete
Zielsetzung im Auge. Hier kann ich sie nicht sehen, denn
"Hannover in Schutt und Asche" zu setzen war ja sozusagen
nicht das ganz praktische Ziel, sondern das war ´ne
Mobilisierungsparole, mit schrecklichen Folgen, wie wir
alle gesehen haben. Aber das beunruhigende ist sozusagen
die Leere des Protests, die uns hier entgegenschlägt.
SAT 1: Die meisten Jugendlichen haben kaum ´ne
Perspektive, kaum Arbeit, wissen nichts mit ihrem Leben
anzufangen. Wo hat denn, der Staat da versagt? Was muß
da getan werden?
Joachim Perels: Also, äh, der Staat hat möglicherweise
in der Hinsicht auch versagt, daß er den Jugendlichen
keine Insitution, selbstorganiserte, in zureichendem Maße
geboten hat, in denen solche Selbstfindungsprozesse, auch
vielleicht mit Hilfe von bestimmten Sozialarbeitern, stattfinden
können, in der alten DDR ist das ´n bekanntes
Phänomen, aber auch hier, äh, in Westdeutschland,
äh, ist das ein Problem, und da wäre viel zu tun,
und wir stellen fest, daß umgekehrt aufgrund der Haushaltslage
gerade diese Bereiche der Streichung unterliegen.
SAT 1: Das heisst, daß in den Etats bei den
Städten, bei den Kommunen soll nicht in der Jugendarbeit
gestrichen werden, sondern müßte erst recht Geld
beeitgestellt werden, um sowas zu verhindern?
Joachim Perels: Ja. Ja. Das wäre eine Deeskalationsstrategie!
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