Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:38. - 625 Seiten archiviert
Home Archiv Fanzines 1994 Punker-Terror Artikel
 
Dem Punk in die Seele geglotzt!

ARD Morgenmagazin

Einer der Menschen, der sich schon seit geraumer Zeit mit dem Thema "Jugend und Gewalt" beschäftigt hat, ist Professor Heitmeyer von der Universität Bielefeld.

ARD: Herr Professor Heitmeyer, das was im Augenblick in Hannover am vergangenen Wochenende geschehen ist, ist so etwas überhaupt vorhersehbar, ist so etwas eine politische Aktion im engeren Sinn?

HEITMEYER: Nun, Gewalt ist immer schwer zu erklären, zunächst mal auch deshalb, weil es sich bei der ganzen Punk-Aktion um so etwas wie expressive Gewalt handelt, also wenig gesteuert, und nicht klar in den Zielsetzungen, aber man muß daran erinnern, daß die Gewalt in der Punkszene nicht von ungefähr wieder aufblüht, denn wir erleben seit geraumer Zeit, daß bestimmte Jugendszenen ja aus den Städten vertrieben werden, daß ihre Plätze immer mehr in Gefahr geraten, insofern verwundert mich das überhaupt nicht.

ARD: Wer gehört eigentlich in Deutschland zur Punkszene, wie sie sich jetzt in Hannover gezeigt hat, aus welchen Familien, aus welchen sozialen Verhältnissen kommen die Jugendlichen?

HEITMEYER: Nun, das ist immer schwer zu sagen, weil sich da sehr schnell so Stereotypen bilden, aber man muß den Hintergrund, glaube ich, intensiver ausleuchten, und da zeigt sich, daß die Jugendlichen ja Seismographen dieser Gesellschaft sind, und daß immer wieder deutlich wird: Diese Gesellschaft hat ein großes Integrationsproblem, dafür stehen Jugendgruppen, und die Punkszene steht dafür, dafür stehen aber auch zum großen Teil etwa rechtextreme Jugendliche, also insgesamt geht es um Integration oder Desintegrationsprobleme, und Gewalt ist dann häufig ein Mittel, darauf nochmal hinzuzweisen.

ARD: Integration und Desintegration - das klingt noch ein Stückchen akademisch.

HEITMEYER: Nun, es geht ja darum, daß diese Gesellschaft mehr Sinn verbraucht als Sinn produziert, und mehr Zugehörigkeiten auflöst als Zugehörigkeiten stiftet, und Sinn stiftet, also was kann man tun, und wo findet man Anerkennung. Also, in alten Gesellschaften ging es darum: Man wollte Leute binden, Personen binden und dann ruhig stellen. In unserer modernen Gesellschaft geht es um Anerkennungsprozesse, und daran hapert es zunehmend. Es geht in dieser Gesellschaft ja um Durchsetzung, und an vielen Stellen auch um Ausgrenzung.

ARD: Heißt das denn konkret, daß die Jugendlichen, die jetzt auf die Straße gehen, die jetzt vorsätzlich Scheiben einschlagen, Autos anzünden, daß die z. B. auch keinen Arbeitsplatz haben, daß die für die Frage: Was mach ich in den nächsten 10, 20 Jahren auch nicht die Perspektive haben?

HEITMEYER: Aus einer unserer neuen Untersuchungen, und das Ergebnis bestätigt sich immer wieder, man muß es auch deshalb immer wieder ganz laut sagen: Überall dort, wo pessimistische Zukunftssichtweisen sich subjektiv bei den Jugendlichen festgesetzt haben, ist Gewalt nicht weit, und dafür gibt es ja nun immer mehr Anlässe, und die sind auch von Jugendlichen nicht aus der Luft geholt.

ARD: Was können denn die Älteren, was können wir Älteren, eigentlich in dieser Situation überhaupt machen, denn so die ersten Reaktionen auf Hannover waren eigentlich Fassunglosigkeit, daß da bewußt zur Randale aufgerufen wird, bewußt zur Zerstörung aufgerufen wird. Wie kann man darauf reagieren?

HEITMEYER: Nun, man muß noch einmal sagen: Jede Jugend zeigt der Gesellschaft das Bild ihrer eigenen Zukunft, und Jugendliche setzen sich nur mit dem auseinander, was die Herrschenden übriggelassen haben, und insofern geht es noch einmal um Anerkennungsprozesse, und diese Anerkennungsprozesse müssen sehr früh anfangen, denn Gewalt ist kein Naturprodukt, was einfach so vom Himmel fällt, sondern Gewalt hat eine lange Vorgeschichte, und zwar in der Biografie eines jeden einzelnen."

ARD: Heißt: Was kommt konkret auf die Eltern zu, um so etwas, was sich jetzt ereignet, für eine nachfolgende Gereration nicht wiederholen zu lassen?

HEITMEYER: Nun, das sind sicherlich viele Faktoren. Aber ein ganz entscheidender Faktor taucht in den Untersuchungen auch immer wieder auf. Das ist der Zeitfaktor. Das heißt, die Eltern die Erwachsenden, die Herrschenden haben immer mehr individuelle freie Zeit, aber die sozial geteilte Zeit, also sich mit Kindern, mit Jugendlichen auseinanderzusetzen, ihnen Zeit zu widmen, die nimmt immer mehr ab. Hier ist ein entscheidender Faktor, aber es gibt natürlich sehr viel mehr. Aber man soll ja klein anfangen, und wenn man dies zunächst mal überhaupt erreichen würde, wäre schon viel gewonnen, denn über gemeinsam geteilte Zeit, da verlaufen die Anerkennungsprozesse, indem ich mich den Jugendlichen zuwende, erkenne ich ja schon an, daß sie was sind, und zwar als Personen, und nicht als Leistungsträger."

ARD: Vielen Dank an Sie nach Bielefeld

RTL Nord Live

Zuschlagen, draufhauen, alles kaputtmachen. Was soll das bloß? Diese Frage stellt sich wohl jeder, der diese Bilder der Zerstörung sieht. Dr. Andreas Herter, sie therapieren ja in Hannover als Diplom-Psychologe seit Jahren gewalttätige junge Leute.

RTL: Was soll das, daß sich da plötzlich 600 Punks an einem Tag treffen, alles kurz und klein hauen. War das Absicht, oder ist das einfach so passiert?

ANDREASHERTER: Also, einfach so ist das sicherlich nicht passiert, sondern es ist schon eindeutig Gewalt gewesen. Gewalt, mit der der einzelne nicht klar gekommen ist, die dann in der Gruppe zu einer ganz gefährlichen Mischung herangereift ist, die dann diese Auschreitungen haben so ausgehen lassen, wie wir sie gerade eben gesehen haben.

RTL: Wenn man sich das Flugblatt hier zum Beispiel mal anschaut: `Chaos-Tage in Hannover. Es treffen sich junge Leute mit Lust auf Zukunft und Europa, in sympathischer Kleidung, farbenfroh und geruchsneutral.' Und zum Programm heisst es: `Die Tagesparole von Freitag: Das Leben ist schön. Um 14.00 Uhr die gute Tat des Tages: Wir helfen allen Rentnern über die Straße.' Das hört sich eigentlich für mich ein bißchen ironisch an.

ANDREASHERTER: Das ist absolut sarkastisch. Denn in der Terminologie der Punker oder auch der Hooligans bedeutet das ganz einfach, einen Menschen über die Straße helfen, ihn über die Straße zu schubsen...(...) Nur, so hätten sie das nie anmelden können. Wenn die gesagt hätten, wir haben vor, hier alles kurz und klein zu schlagen, dann hätte wahrscheinlich niemand diese Demonstration genehmigt, und wir haben ja 84 das gleiche schon mal gehabt. Man muß einfach davon ausgehen, daß sie sich damit sehr gut verständigen konnten. (...)

RTL: Also steckt im Grund genommen in diesem Flugblatt schon die reine Gewalt, schon im Vorfeld?!

ANDREASHERTER: Ja. eindeutig. (...) Denn ich hab noch nie nen Punker gesehen, der in Gruppe nun versucht, wirklich mal einer älteren Dame oder einem alten Herrn über die Straße zu helfen, Tasche abzunehmen, oder irgendwo diese Pfafinder-Gute-Tat zu vollbringen.

RTL: (...) Kann man überhaupt noch unterscheiden zwischen rechter und linker Gewalt?

ANDREASHERTER: Nein, das kann man absolut nicht mehr. Hier geht es um Gewalt, (...) während der normale Mensch ja andere Möglichkeiten hat, Gewalt auszuagieren, in der Diskussion, in der Erotik zweifelsfrei auch (...)

RTL: Hätte man das nicht irgendwie verbieten müssen?

ANDREASHERTER: Das wäre sicherlich ´ne juristische Frage gewesen. Das wäre sicherlich gut gewesen, es zu verbieten. Die Frage ist, wäre es dann unangemeldet an anderer Stelle losgebrochen? Hier muß man Prävention betreiben.

RTL: Schönen Dank. Sie helfen dabei auf jeden Fall.

SAT 1 Regionalreport

SAT 1: Sie haben die Befürchtungen des Jugendbeauftragten gehört: Stehen wir vor einer neuen Gewaltwelle? Ist das das erste, was passiert ist? Stehen wir vor einem heißen Spätsommer, einem heißen Herbst?

Joachim Perels: Das kann man nicht ganz genau vorhersagen. Es kommt auch drauf an, wie man auf eine solch schreckliche Krawallnacht reagiert. Ob man versucht eine Strategie der Deeskalierung (...) zu entwickeln, oder ob man das als Naturereignis nimmt, gegen das nur die legale Gegengewalt der Polizei hilft."

SAT 1: Nun hat ja die Polizei eigentlich doch deeskalierend gewirkt. Sie sind nur sehr vorsichtig gegen einzelne Störer am Anfang vorgegangen, trotzdem ist das dann ausgeartet, dieser Krawall. Wie kommt das?

Joachim Perels: Das hängt nach meiner Beobachtung - die sich ja nur aus Berichten zunächst zusammensetzt, (...) damit zusammen, daß ein Großteil der Punks ja keine politischen Ziele mehr hat, sondern nur noch das Ziel, ihre Frustration aggressiv loszulassen. (,...) Frühere Formen von linker Demonstration hatten ja immer eine konkrete Zielsetzung im Auge. Hier kann ich sie nicht sehen, denn "Hannover in Schutt und Asche" zu setzen war ja sozusagen nicht das ganz praktische Ziel, sondern das war ´ne Mobilisierungsparole, mit schrecklichen Folgen, wie wir alle gesehen haben. Aber das beunruhigende ist sozusagen die Leere des Protests, die uns hier entgegenschlägt.

SAT 1: Die meisten Jugendlichen haben kaum ´ne Perspektive, kaum Arbeit, wissen nichts mit ihrem Leben anzufangen. Wo hat denn, der Staat da versagt? Was muß da getan werden?

Joachim Perels: Also, äh, der Staat hat möglicherweise in der Hinsicht auch versagt, daß er den Jugendlichen keine Insitution, selbstorganiserte, in zureichendem Maße geboten hat, in denen solche Selbstfindungsprozesse, auch vielleicht mit Hilfe von bestimmten Sozialarbeitern, stattfinden können, in der alten DDR ist das ´n bekanntes Phänomen, aber auch hier, äh, in Westdeutschland, äh, ist das ein Problem, und da wäre viel zu tun, und wir stellen fest, daß umgekehrt aufgrund der Haushaltslage gerade diese Bereiche der Streichung unterliegen.

SAT 1: Das heisst, daß in den Etats bei den Städten, bei den Kommunen soll nicht in der Jugendarbeit gestrichen werden, sondern müßte erst recht Geld beeitgestellt werden, um sowas zu verhindern?

Joachim Perels: Ja. Ja. Das wäre eine Deeskalationsstrategie!

weiter

 

 
  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
Home | Aktuell | Archiv | Diskussion | Downloads | Kontakt

 

WWW.CHAOS-TAGE.DE - das Internet-Archiv zum Thema
Für Inhalt, Gestaltung und Programmierung verantwortlich: Karl Nagel, Schleswiger Str. 2, 22761 Hamburg
 
Bilder des Chaos!
KOT
Bilder des Chaos!