Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:43. - 625 Seiten archiviert
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Science Fiction in Hannover Die virtuelle Realität

Sind wir doch mal ehrlich, wenigstens für einen Augenblick: Auch wenn wir uns vielleicht für besonders kritisch halten, so glauben wir dennoch den größten Teil des Mülls, der uns vorgesetzt wird! Wenn es heißt, in China war ein Erdbeben, dann wird das schon stimmen, und wenn wir Bilder von der Flüchtlingskatatrophe in Ruanda sehen, dann gruselt´s ein wenig.

Wer von euch nun aber beim Chaos-Tag dabeigewesen ist, wird bei der darauffolgenden Zeitungslektüre ganz verwundert den Kopf geschüttelt haben und sich fragen, ob er wirklich in Hannover gewesen ist. Wo waren die mörderischen Raubzüge der Punks, wo die umgestürzten und brennenden Autos, wo der losgelassene Punk-Mob?

Aber ist dir vielleicht auch folgendes passiert: Du kommst aus Hannover zurück, und irgendwelche Bekannten - insbesondere Ex-Punks und Linke, die sich ja für besonders kritisch halten - halten Dir schwadronierend vor, daß das da in Hannover ja wohl völlige Scheiße gewesen sei, von wegen arme Bürger zu Tode bedrohen! Das habe doch wohl mit Punk nix mehr zu tun und sei auch der letzte Beweis, daß die heutige Szene nur ein Haufen Scheiße ist. Im Gegensatz natürlich zu früher, Chaos-Tage 83 etwa, wo man nur von Banken, Juwelieren etc. die Scheiben zerdeppert hat...

Und dann mußtest Du förmlich auf Knien, die Hand zum Schwur erhoben, immer wieder versichern, daß das die harmlosesten Chaos-Tage aller Zeiten waren, viele nette Leute, lumpige 50.000 Mark Sachschaden in drei Tagen, und überhaupt alles erstunken und erlogen sei.

Nun ja, man will Dir ja glauben, aber kann es denn sein, daß die GANZEN Medien ALLE die gleichen Lügen verbreiten? Wo doch sogar die TAZ geschrieben hat, daß die Punker wie die Irren gehaust haben, die Stadt in Schutt und Asche legen wollten und angeblich sogar von Bürgern die Glotze aus dem Fenster warfen!

Was tun in dieser mißlichen Situation? Die ganze Welt gegen einen, das hält die dickste Haut nicht aus. Ich schlage hier alternativ drei Möglichkeiten vor:

a.) dem anderen Recht geben und endlich zugeben, daß man auch selbstKinder zerstückelt und Jungfrauen vergewaltigt hat,

b.) dem anderen die Freundschaft kündigen und ihn abschließend noch mal auf seine Leichtgläubigkeit hinweisen, oder

c.) gleich was auf die Fresse!

Klar sollte aber jedem sein: Die Medien haben schon längst eine "virtuelle Realität" geschaffen, einen Cyberspace für Nachrichten, wobei nur das verbreitet wird, was marktmäßig schnittig, neu und präsentabel ist. Und am besten auch noch blutig dazu.

Im Grund können wir noch nicht einmal die Verkehrsnachrichten, geschweige denn die Wettervorhersage glauben, und ob Helmut Kohl nicht in Wirklichkeit schon seit drei Jahren tot ist, kann keiner von uns mit Bestimmtheit sagen.

Der Autonome mit dem "politischem Bewußtsein" wird nun wahrscheinlich erst einmal die Stirn in Falten werfen und zum weltumspannenden Elaborat ansetzten: Die Presse lüge im Interesse der Herrschenden, und überhaupt, das alles sei ja gesteuert vom Kapital etcetc. Da ähnliches dummerweise aber auch von irgendwelchen Nazis behauptet wird (von wegen "Auschwitzlüge...), scheint das aber noch nicht der Weisheit letzter Schluß zu sein.

Der Wahrheit näher kommen wir wahrscheinlich, wenn wir uns die Situation derjenigen Arschlöcher, die diese Nachrichten verbrechen, einmal etwas näher anschauen. Da sitzt also so ein mieser Reporter in der Redaktion und muß seine Brötchen verdienen, also Nachrichten machen. Immer mit der Auflage natürlich, mehr zu verkaufen als die vom Konkurrenzblatt. Und da ist die Nachricht "Punker feierten heftig" absolut keine Nachricht, die es lohnt, gedruckt zu werden. Wie aber steht es mit "Punker wollen Hannover in Schutt und Asche legen!" Heißa! Das isses! Und so geht die Lawine um die Welt, und jeder dichtet noch etwas dazu. In der amerikanischen Zeitungen waren es dann schließlich "Punks, die Nazi-Parolen rufend durch die Stadt zogen und dabei Geschafte zerstörten und plünderten".

Die ganze verdammte Medienbranche ist pure Fantasy, vom Schallplattenkonzern, Werbung über Zeitungen bis zu Fernsehen und Rundfunk. Immer geht es darum, neue Bilder und Vorstellungen in die Köpfe der Konsumenten hineinzuprojizieren, und da wird der Anspruch und irgendwann auch der Wahrheitsgehalt zur absoluten Nebensache.

Der Chaos-Tag war da ein prima Beispiel für diese Kasperletheater-Realität, in der alle begeistert mitmachen. Ganz besonders diejenigen, die den Anspruch gepachtet haben, wie etwa die TAZ. Mit dem, was wir tagtäglich erleben, hat das alles jedenfalls NICHTSzu tun. Wir wissen jetzt aber immerhin, daß Punk ein Mittel ist, diesen ganzen Zirkus für UNS arbeiten zu lassen und dabei jede Menge Spaß zu haben. Zeitungssammeln nach einem Chaos-Tag, bei dem man selbst dabei war, macht weitaus mehr Spaß als Plattensammeln, ich sag´s euch!

Und es tut der Sache auch überhaupt keinen Abbruch, daß der Chaos-Tag in erster Linie Negativ-Schlagzeilen produziert hat. Im Gegenteil: Es müssen noch viel idiotischere Schlagzeilen provoziert werden, damit auch der letzte Idiot merkt, wie bizarr und behämmert die Informations- und Medienflut uns den Sinn für ein ECHTES Leben raubt.

Karl Nagel

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
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