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Sind wir doch mal ehrlich, wenigstens für einen Augenblick:
Auch wenn wir uns vielleicht für besonders kritisch
halten, so glauben wir dennoch den größten Teil
des Mülls, der uns vorgesetzt wird! Wenn es heißt,
in China war ein Erdbeben, dann wird das schon stimmen,
und wenn wir Bilder von der Flüchtlingskatatrophe in
Ruanda sehen, dann gruselt´s ein wenig.
Wer von euch nun aber beim Chaos-Tag dabeigewesen ist,
wird bei der darauffolgenden Zeitungslektüre ganz verwundert
den Kopf geschüttelt haben und sich fragen, ob er wirklich
in Hannover gewesen ist. Wo waren die mörderischen
Raubzüge der Punks, wo die umgestürzten und brennenden
Autos, wo der losgelassene Punk-Mob?
Aber ist dir vielleicht auch folgendes passiert: Du kommst
aus Hannover zurück, und irgendwelche Bekannten - insbesondere
Ex-Punks und Linke, die sich ja für besonders kritisch
halten - halten Dir schwadronierend vor, daß das da
in Hannover ja wohl völlige Scheiße gewesen sei,
von wegen arme Bürger zu Tode bedrohen! Das habe doch
wohl mit Punk nix mehr zu tun und sei auch der letzte Beweis,
daß die heutige Szene nur ein Haufen Scheiße
ist. Im Gegensatz natürlich zu früher, Chaos-Tage
83 etwa, wo man nur von Banken, Juwelieren etc. die Scheiben
zerdeppert hat...
Und dann mußtest Du förmlich auf Knien, die
Hand zum Schwur erhoben, immer wieder versichern, daß
das die harmlosesten Chaos-Tage aller Zeiten waren, viele
nette Leute, lumpige 50.000 Mark Sachschaden in drei Tagen,
und überhaupt alles erstunken und erlogen sei.
Nun ja, man will Dir ja glauben, aber kann es denn sein,
daß die GANZEN Medien ALLE die gleichen Lügen
verbreiten? Wo doch sogar die TAZ geschrieben hat, daß
die Punker wie die Irren gehaust haben, die Stadt in Schutt
und Asche legen wollten und angeblich sogar von Bürgern
die Glotze aus dem Fenster warfen!
Was tun in dieser mißlichen Situation? Die ganze
Welt gegen einen, das hält die dickste Haut nicht aus.
Ich schlage hier alternativ drei Möglichkeiten vor:
a.) dem anderen Recht geben und endlich zugeben, daß
man auch selbstKinder zerstückelt und Jungfrauen vergewaltigt
hat,
b.) dem anderen die Freundschaft kündigen und ihn
abschließend noch mal auf seine Leichtgläubigkeit
hinweisen, oder
c.) gleich was auf die Fresse!
Klar sollte aber jedem sein: Die Medien haben schon längst
eine "virtuelle Realität" geschaffen, einen Cyberspace
für Nachrichten, wobei nur das verbreitet wird, was
marktmäßig schnittig, neu und präsentabel
ist. Und am besten auch noch blutig dazu.
Im Grund können wir noch nicht einmal die Verkehrsnachrichten,
geschweige denn die Wettervorhersage glauben, und ob Helmut
Kohl nicht in Wirklichkeit schon seit drei Jahren tot ist,
kann keiner von uns mit Bestimmtheit sagen.
Der Autonome mit dem "politischem Bewußtsein" wird
nun wahrscheinlich erst einmal die Stirn in Falten werfen
und zum weltumspannenden Elaborat ansetzten: Die Presse
lüge im Interesse der Herrschenden, und überhaupt,
das alles sei ja gesteuert vom Kapital etcetc. Da ähnliches
dummerweise aber auch von irgendwelchen Nazis behauptet
wird (von wegen "Auschwitzlüge...), scheint das aber
noch nicht der Weisheit letzter Schluß zu sein.
Der Wahrheit näher kommen wir wahrscheinlich, wenn
wir uns die Situation derjenigen Arschlöcher, die diese
Nachrichten verbrechen, einmal etwas näher anschauen.
Da sitzt also so ein mieser Reporter in der Redaktion und
muß seine Brötchen verdienen, also Nachrichten
machen. Immer mit der Auflage natürlich, mehr zu verkaufen
als die vom Konkurrenzblatt. Und da ist die Nachricht "Punker
feierten heftig" absolut keine Nachricht, die es lohnt,
gedruckt zu werden. Wie aber steht es mit "Punker wollen
Hannover in Schutt und Asche legen!" Heißa! Das isses!
Und so geht die Lawine um die Welt, und jeder dichtet noch
etwas dazu. In der amerikanischen Zeitungen waren es dann
schließlich "Punks, die Nazi-Parolen rufend durch
die Stadt zogen und dabei Geschafte zerstörten und
plünderten".
Die ganze verdammte Medienbranche ist pure Fantasy, vom
Schallplattenkonzern, Werbung über Zeitungen bis zu
Fernsehen und Rundfunk. Immer geht es darum, neue Bilder
und Vorstellungen in die Köpfe der Konsumenten hineinzuprojizieren,
und da wird der Anspruch und irgendwann auch der Wahrheitsgehalt
zur absoluten Nebensache.
Der Chaos-Tag war da ein prima Beispiel für diese
Kasperletheater-Realität, in der alle begeistert mitmachen.
Ganz besonders diejenigen, die den Anspruch gepachtet haben,
wie etwa die TAZ. Mit dem, was wir tagtäglich erleben,
hat das alles jedenfalls NICHTSzu tun. Wir wissen jetzt
aber immerhin, daß Punk ein Mittel ist, diesen ganzen
Zirkus für UNS arbeiten zu lassen und dabei jede Menge
Spaß zu haben. Zeitungssammeln nach einem Chaos-Tag,
bei dem man selbst dabei war, macht weitaus mehr Spaß
als Plattensammeln, ich sag´s euch!
Und es tut der Sache auch überhaupt keinen Abbruch,
daß der Chaos-Tag in erster Linie Negativ-Schlagzeilen
produziert hat. Im Gegenteil: Es müssen noch viel idiotischere
Schlagzeilen provoziert werden, damit auch der letzte Idiot
merkt, wie bizarr und behämmert die Informations- und
Medienflut uns den Sinn für ein ECHTES Leben raubt.
Karl Nagel
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