Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:44. - 625 Seiten archiviert
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Ein Skin auf Chaos-Pfaden

Was das Thema "Skins" angeht, hatten nicht wenige Schlimmes für den Chaos-Tag befürchtet. Zwar war das diesjähre Treffen ursprünglich sogar als "United"-Treffen angekündigt worden, aber dieses Motto fiel dann doch bei den weiteren Flugblättern unter den Tisch. Man war sich wohl bewußt geworden, daß das - wie schon 83 - auch eine Menge Nazi-Glatzen auf den Plan ruft. Sollten die Skins, die Bock auf ein Treffen mit Punks haben, doch einfach aus eigenenm Entschluß kommen!

Nichtsdestotrotz hatten viele Leute Hauereien zwischen Punks und Skins befürchtet, weil bei der Menge der Leute ja meist auch immer einige darunter sind, die nur nach dem Aussehen urteilen.

Es kam aber ganz anders: Gute Stimmung miteinander war fast ausnahmslos angesagt, und man kann nur hoffen, daß das im nächsten Jahr genauso abläuft!

Mit dabei war natürlich FRANCO, ein Skin aus Hannover mit großer Punk-Seele. Berühmt-berüchtigt auch für seine schriftstellerischen Ambitionen, bei denen nicht nur im Text Blut, Dreck und Bier eine wichtige Rolle spielen, sondern auch bei einer Vorlesung schonmal die Fäuste gegen irgendwelche Nazi-Säcke fliegen können...

Daß Franco die Chaos-Tage mit viel Bier verbracht hat, könnt ihr euch also sicher denken. Mehr dazu im folgenden Bericht...

Freitag

Ich war am Freitag ab 9.00 Uhr am Bahnhof und zunächst guter Dinge. Viele Leute, gute Laune, und es wurden immer mehr.

Als dann die Bullen am frühen Nachmittag schließlich begannen, einen Kessel zu bilden, fand ich es unheimlich gut, daß es so viele Durchblickertypen gab, die alles versucht haben, Leute aus dem Kessel zu befreien. Die Bullen hatten von Anfang an geplant, uns keine Möglichkeit zu einem Treffen zu geben und benahmen sich auch dementsprechend: Sie schlugen auf eine Frau ein, die ihnen ihren Polamedon-Ausweis entgegenstreckte, mit der Begründung, sie hielten diesen für ein Messer. Was für ein Haufen Scheiße! Sie ließen mich eine halbe Stunde warten, bis ich für eine im Kessel eingesperrte Freundin den Rucksack mit ihrem Asthmaspray aus dem Schließfach holen durfte. Gute Aktion war die Sammelaktion für Tabak und Bier, die wir dann in den Kessel schmuggelten.

Am Anfang war es für uns Skins noch kein Problem, durch die Gegend zu laufen, um Leuten zu helfen, die nicht genau wußten, was zu tun war, da die Bullen wohl nicht so recht wußten, was mit uns anzufangen war. Keine Ahnung, ob die Bullen uns nun für rechts oder links hielten, aber als immer mehr Skins auftauchten, gingen die Bullen schließlich auch auf Glatzenjagd. Ich kam noch davon, andere (etwa 20) wurden festgenommen. Und immer mehr Leute kamen aus dem Bahnhof und rannten ziellos in den Kessel.

Irgendwann wurde es auch für uns zu gefährlich, in der Stadt zu bleiben, da sie nun auch die Leuten aus den anliegenden Straßen abgriffen, sogar teilweise Leute aus den Straßenbahnen, und kleinere Grupen jagten und umstellten. Der Bahnhof und die Innenstadt galt als Verbotszone für jedwedes Punkgesocks (O-Ton Bulle).

Wir fuhren in die Nordstadt, wo schon an die hundert Leute ihr Unwesen trieben. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, rumzusitzen, zu quatschen und zwischen Nordstadt und City zu pendeln.

Die Nacht war für mich das wirkliche Chaos, überall Punx und Skins, die allen möglichen Blödsinn trieben, aber nichts ernstes, wobei sich die Skins am ruhigsten verhielten.

Irgendwann so um 23.00 wollten wir mit ein paar Skins in die City. Wir trafen an der U-Bahnhaltestelle Kopernikusstraße auf eine Horde Punx die uns mit OI!OI!OI! begrüßten - geile Gefühle! Da noch viele in der Bahnstation und Bullen im Anmarsch waren, forderten wir sie auf, auf die Straße zu kommen und Richtung Lutherkirche zu gehen. Wie immer ein heilloses Durcheinander und ein Punk wurde von den Bullen gegriffen und verprügelt.

Die meisten traten den Rückzug an, was ich verstehen kann, doch etwa 20 blieben stehen und forderten die Freilassung des Punks - darunter überwiegend Skins, auch ne geile Sache! Doch die Polizisten hielten weiter Kurs auf uns. Also bewaffneten wir uns mit Flaschen, die die Bullen aber nicht sonderlich beeindruckten, so daß wir uns Richtung Lutherkirche zurückzogen.

Dort standen etwa 30 Leute und wußten genauso wie wir nicht, was zu tun war. Ein paar Steine wurden ausgegraben, aber wenige verwendet, da andere in unserem Rücken nicht so recht Bock hatten. Gut so. Also verabschiedete man sich vor den heranstürmenden Bullen mit ein paar Flaschenwürfen, und beschloß, den Rest des Abends lieber Party zu machen...

Ich verpisste mich in eine Kneipe, deren Wirt die Tür zuschloß und und all denen, die keinen Selbstmord begehen wollten, riet, nicht nach draußen zu gehen. Doch die Neugier trieb uns dann irgendwann doch wieder raus: Alles friedlich, die Bullen hatten sich zurückgezogen. In den Straßen flanierten wieder Hunderte von Leuten. Prima.

Irgendwie kam es dann doch wieder zu Auseinandersetzung mit den Bullen, die ab der Lutherkirche die Schaufelder Straße abgeriegelt hatten .Vor der Polizeiette standen einige Leute, machten sich lustig über die Bullen und schmissen Flaschen. Mir und vielen anderen Leuten wurde das zu blöd und wir stellten uns vor die Bullen, bildeten eine Kette, redeten auf Bullen und Leute ein . Das Beschissene aus meiner Sicht war jedoch, daß einige Punx, die das ganze nicht so ganz kapierten, uns mit Sprüchen á la "Wollt ihr die Bullen schützen" beschimpften und dabei insbesondere die vielen Skins in der Kette anmachten. Schade! Wir versuchten, die Leute zurückzudrängen und redeten auf sie ein, daß es doch besser wäre, einfach Spaß zu haben und nicht solche Blödaktionen zu machen. Doch es waren einfach noch zuviele Idioten dazwischen, daß es mir jedenfalls irgendwann zu dumm wurde, wieder in der Menge untertauchte und mich mit ein paar Leuten in die Nordstadt in eine ruhige Kneipe verpisste. Als wir später wieder auf die Straße gingen, waren weniger Leute zu sehen, und es war eigentlich wieder ganz funny . Irgendwann verließ mich dann mein Memoryspeicher...!

Samstag

Samstag morgen: völlig verkatert und verdreckt erstmal ein wirklich lustiges Frühstück, bis die Stadtmacht wieder eintrudelte. Die Leute rannten teilweise ohne Grund davon, darauf die Bullen natürlich hinterher. Schließlich wurde die Schaufelder Straße wieder abgeriegelt. Ich stand vor der Lutherkirche und fegte zusammen mit einigen anderen die Reste der letzen Nacht auf, da der Pastor uns Handfeger und Besen zusammen mit der Bitte gegeben hatte, ein wenig sauber zu machen Gesagt getan. Auch sehr lustig! Ha! Ich mußte irgendwann kacken und ging im Keller der Gemeindehauses auf´s Scheißhaus. Ich sitze da so und bin am Schwitzen. Auf einmal rüttelt es an meiner Tür, und ich höre eine Bullenfunke quieken. Scheiße, dachte ich, jetzt haften sie dich beim Scheißen ein, Das hatte mir gerade noch gefehlt!

Ich rief: "Ich scheiße gerade! Besetzt!". Nichts zu hören. Endlich fertig, wankte ich raus, und vor mir sehe ich zwei Bulletten - wobei ich bei der einen wirklich bezweifle, daß sie durch die Tür gekommen ist - mit zusammenkniffenen Beinen: "Mach hin, ich muß auch mal..."

Jedenfalls konnten wir einen Deal mit den Bullen machen und ungehindert zum Fährmannsfast kommen. Sauber !

Das Fährmannsfest war für mich ein voller Erfolg, echt geil. Nach meiner Einschätzung tummelten sich dort über 500 Leute. Schließlich geiler Pogo, und ich hab mich gut vollaufenlassen lassen...

Samstag Abend Nordstadt! Wer das nicht erlebt hat, kann es schlecht nachempfinden!

Nachdem ich geholfen hatte, noch einige Sachen für das Konzert fit zu machen, bin ich mit einem Kumpel Bier holen gegangen und natürlich auch, um mal nach den Bullen zu schauen: Die spanische Armada war ein Scheißdreck dagegen, mehrere Hundertschaften kesselten die Nordstadt rings um die Sprengel ein. Als wir wiederkamen und in die Schaufelder einbogen, kamen uns schon geduckte Bullen, Punx und eine Unmenge Flaschen und Steine entgegen, so daß wir selbst in Deckung gehen mußten. Am Ende der Straße konnte man noch den Rest von einer Hunderschaft in die Kniestraße einbiegen sehen. Da war nichts mehr zu machen, das war klar, die machten jetzt alles platt. Wir konnten nur dastehen und von einer Bullenkette aus beobachten, wie sie unsere Freunde halbtot schlugen und alle mitnahmen. Wir blieben dort stehen, tranken uns voll ab, und gingen zuletzt gefrustet mit den letzten Übriggebliebenen zurück nach Hause pennen. Ich war jedenfalls völlig am Ende ...

Fazit

Zunächst einmal: Ich bin wohl der letzte aus Hangover, der mit so viel Leuten gerechnet hat! - Wette verloren! (Du weißt schon, wen ich meine!) Also alle Achtung denen, die sich auf den Weg gemacht hatten, um mit uns die Chaos-Tage zu zelebrieren!

In erster Linie werte ich diese weltgrößten Chaostage als Erfolg, auch wenn es viel zu überlegen und zu kritisieren gibt. Doch ich will nicht rumstänkern: Für mich war dies ein Treffen von Punx und Skins, um mal wieder so richtig die Sau rauszulassen! Daß das nicht ausschließlich mit Randalemachen verbunden ist, war zumindest für mich klar. Gut gut, dafür haben sich mal wieder die Bullen wie die Säue aufgeführt, und viele von euch hatten nicht allzuviel von den Tagen, doch was habt ihr erwartet? Daß sie uns so einfach ziehen lassen und ihr Konsumparadies einer Horde von Punx überlassen?

Ich fands trotzdem toll und nächstes Jahr gefälligst mehr Skinheads (Nazis ausgeschlossen, ist ja klar!)

Zuletzt: Gruß an die Renee ,die mir die Braces wieder geflickt hat!

Franco

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
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