Was das Thema "Skins" angeht, hatten nicht wenige Schlimmes
für den Chaos-Tag befürchtet. Zwar war das diesjähre
Treffen ursprünglich sogar als "United"-Treffen angekündigt
worden, aber dieses Motto fiel dann doch bei den weiteren
Flugblättern unter den Tisch. Man war sich wohl bewußt
geworden, daß das - wie schon 83 - auch eine Menge
Nazi-Glatzen auf den Plan ruft. Sollten die Skins, die Bock
auf ein Treffen mit Punks haben, doch einfach aus eigenenm
Entschluß kommen!
Nichtsdestotrotz hatten viele Leute Hauereien zwischen
Punks und Skins befürchtet, weil bei der Menge der
Leute ja meist auch immer einige darunter sind, die nur
nach dem Aussehen urteilen.
Es kam aber ganz anders: Gute Stimmung miteinander war
fast ausnahmslos angesagt, und man kann nur hoffen, daß
das im nächsten Jahr genauso abläuft!
Mit dabei war natürlich FRANCO, ein Skin aus Hannover
mit großer Punk-Seele. Berühmt-berüchtigt
auch für seine schriftstellerischen Ambitionen, bei
denen nicht nur im Text Blut, Dreck und Bier eine wichtige
Rolle spielen, sondern auch bei einer Vorlesung schonmal
die Fäuste gegen irgendwelche Nazi-Säcke fliegen
können...
Daß Franco die Chaos-Tage mit viel Bier verbracht
hat, könnt ihr euch also sicher denken. Mehr dazu im
folgenden Bericht...
Freitag
Ich war am Freitag ab 9.00 Uhr am Bahnhof und zunächst
guter Dinge. Viele Leute, gute Laune, und es wurden immer
mehr.
Als dann die Bullen am frühen Nachmittag schließlich
begannen, einen Kessel zu bilden, fand ich es unheimlich
gut, daß es so viele Durchblickertypen gab, die alles
versucht haben, Leute aus dem Kessel zu befreien. Die Bullen
hatten von Anfang an geplant, uns keine Möglichkeit
zu einem Treffen zu geben und benahmen sich auch dementsprechend:
Sie schlugen auf eine Frau ein, die ihnen ihren Polamedon-Ausweis
entgegenstreckte, mit der Begründung, sie hielten diesen
für ein Messer. Was für ein Haufen Scheiße!
Sie ließen mich eine halbe Stunde warten, bis ich
für eine im Kessel eingesperrte Freundin den Rucksack
mit ihrem Asthmaspray aus dem Schließfach holen durfte.
Gute Aktion war die Sammelaktion für Tabak und Bier,
die wir dann in den Kessel schmuggelten.
Am Anfang war es für uns Skins noch kein Problem,
durch die Gegend zu laufen, um Leuten zu helfen, die nicht
genau wußten, was zu tun war, da die Bullen wohl nicht
so recht wußten, was mit uns anzufangen war. Keine
Ahnung, ob die Bullen uns nun für rechts oder links
hielten, aber als immer mehr Skins auftauchten, gingen die
Bullen schließlich auch auf Glatzenjagd. Ich kam noch
davon, andere (etwa 20) wurden festgenommen. Und immer mehr
Leute kamen aus dem Bahnhof und rannten ziellos in den Kessel.
Irgendwann wurde es auch für uns zu gefährlich,
in der Stadt zu bleiben, da sie nun auch die Leuten aus
den anliegenden Straßen abgriffen, sogar teilweise
Leute aus den Straßenbahnen, und kleinere Grupen jagten
und umstellten. Der Bahnhof und die Innenstadt galt als
Verbotszone für jedwedes Punkgesocks (O-Ton Bulle).
Wir fuhren in die Nordstadt, wo schon an die hundert Leute
ihr Unwesen trieben. Den Rest des Tages verbrachten wir
damit, rumzusitzen, zu quatschen und zwischen Nordstadt
und City zu pendeln.
Die Nacht war für mich das wirkliche Chaos, überall
Punx und Skins, die allen möglichen Blödsinn trieben,
aber nichts ernstes, wobei sich die Skins am ruhigsten verhielten.
Irgendwann so um 23.00 wollten wir mit ein paar Skins in
die City. Wir trafen an der U-Bahnhaltestelle Kopernikusstraße
auf eine Horde Punx die uns mit OI!OI!OI! begrüßten
- geile Gefühle! Da noch viele in der Bahnstation und
Bullen im Anmarsch waren, forderten wir sie auf, auf die
Straße zu kommen und Richtung Lutherkirche zu gehen.
Wie immer ein heilloses Durcheinander und ein Punk wurde
von den Bullen gegriffen und verprügelt.
Die meisten traten den Rückzug an, was ich verstehen
kann, doch etwa 20 blieben stehen und forderten die Freilassung
des Punks - darunter überwiegend Skins, auch ne geile
Sache! Doch die Polizisten hielten weiter Kurs auf uns.
Also bewaffneten wir uns mit Flaschen, die die Bullen aber
nicht sonderlich beeindruckten, so daß wir uns Richtung
Lutherkirche zurückzogen.
Dort standen etwa 30 Leute und wußten genauso wie
wir nicht, was zu tun war. Ein paar Steine wurden ausgegraben,
aber wenige verwendet, da andere in unserem Rücken
nicht so recht Bock hatten. Gut so. Also verabschiedete
man sich vor den heranstürmenden Bullen mit ein paar
Flaschenwürfen, und beschloß, den Rest des Abends
lieber Party zu machen...
Ich verpisste mich in eine Kneipe, deren Wirt die Tür
zuschloß und und all denen, die keinen Selbstmord
begehen wollten, riet, nicht nach draußen zu gehen.
Doch die Neugier trieb uns dann irgendwann doch wieder raus:
Alles friedlich, die Bullen hatten sich zurückgezogen.
In den Straßen flanierten wieder Hunderte von Leuten.
Prima.
Irgendwie kam es dann doch wieder zu Auseinandersetzung
mit den Bullen, die ab der Lutherkirche die Schaufelder
Straße abgeriegelt hatten .Vor der Polizeiette standen
einige Leute, machten sich lustig über die Bullen und
schmissen Flaschen. Mir und vielen anderen Leuten wurde
das zu blöd und wir stellten uns vor die Bullen, bildeten
eine Kette, redeten auf Bullen und Leute ein . Das Beschissene
aus meiner Sicht war jedoch, daß einige Punx, die
das ganze nicht so ganz kapierten, uns mit Sprüchen
á la "Wollt ihr die Bullen schützen" beschimpften
und dabei insbesondere die vielen Skins in der Kette anmachten.
Schade! Wir versuchten, die Leute zurückzudrängen
und redeten auf sie ein, daß es doch besser wäre,
einfach Spaß zu haben und nicht solche Blödaktionen
zu machen. Doch es waren einfach noch zuviele Idioten dazwischen,
daß es mir jedenfalls irgendwann zu dumm wurde, wieder
in der Menge untertauchte und mich mit ein paar Leuten in
die Nordstadt in eine ruhige Kneipe verpisste. Als wir später
wieder auf die Straße gingen, waren weniger Leute
zu sehen, und es war eigentlich wieder ganz funny . Irgendwann
verließ mich dann mein Memoryspeicher...!
Samstag
Samstag morgen: völlig verkatert und verdreckt erstmal
ein wirklich lustiges Frühstück, bis die Stadtmacht
wieder eintrudelte. Die Leute rannten teilweise ohne Grund
davon, darauf die Bullen natürlich hinterher. Schließlich
wurde die Schaufelder Straße wieder abgeriegelt. Ich
stand vor der Lutherkirche und fegte zusammen mit einigen
anderen die Reste der letzen Nacht auf, da der Pastor uns
Handfeger und Besen zusammen mit der Bitte gegeben hatte,
ein wenig sauber zu machen Gesagt getan. Auch sehr lustig!
Ha! Ich mußte irgendwann kacken und ging im Keller
der Gemeindehauses auf´s Scheißhaus. Ich sitze
da so und bin am Schwitzen. Auf einmal rüttelt es an
meiner Tür, und ich höre eine Bullenfunke quieken.
Scheiße, dachte ich, jetzt haften sie dich beim Scheißen
ein, Das hatte mir gerade noch gefehlt!
Ich rief: "Ich scheiße gerade! Besetzt!". Nichts
zu hören. Endlich fertig, wankte ich raus, und vor
mir sehe ich zwei Bulletten - wobei ich bei der einen wirklich
bezweifle, daß sie durch die Tür gekommen ist
- mit zusammenkniffenen Beinen: "Mach hin, ich muß
auch mal..."
Jedenfalls konnten wir einen Deal mit den Bullen machen
und ungehindert zum Fährmannsfast kommen. Sauber !
Das Fährmannsfest war für mich ein voller Erfolg,
echt geil. Nach meiner Einschätzung tummelten sich
dort über 500 Leute. Schließlich geiler Pogo,
und ich hab mich gut vollaufenlassen lassen...
Samstag Abend Nordstadt! Wer das nicht erlebt hat, kann
es schlecht nachempfinden!
Nachdem ich geholfen hatte, noch einige Sachen für
das Konzert fit zu machen, bin ich mit einem Kumpel Bier
holen gegangen und natürlich auch, um mal nach den
Bullen zu schauen: Die spanische Armada war ein Scheißdreck
dagegen, mehrere Hundertschaften kesselten die Nordstadt
rings um die Sprengel ein. Als wir wiederkamen und in die
Schaufelder einbogen, kamen uns schon geduckte Bullen, Punx
und eine Unmenge Flaschen und Steine entgegen, so daß
wir selbst in Deckung gehen mußten. Am Ende der Straße
konnte man noch den Rest von einer Hunderschaft in die Kniestraße
einbiegen sehen. Da war nichts mehr zu machen, das war klar,
die machten jetzt alles platt. Wir konnten nur dastehen
und von einer Bullenkette aus beobachten, wie sie unsere
Freunde halbtot schlugen und alle mitnahmen. Wir blieben
dort stehen, tranken uns voll ab, und gingen zuletzt gefrustet
mit den letzten Übriggebliebenen zurück nach Hause
pennen. Ich war jedenfalls völlig am Ende ...
Fazit
Zunächst einmal: Ich bin wohl der letzte aus Hangover,
der mit so viel Leuten gerechnet hat! - Wette verloren!
(Du weißt schon, wen ich meine!) Also alle Achtung
denen, die sich auf den Weg gemacht hatten, um mit uns die
Chaos-Tage zu zelebrieren!
In erster Linie werte ich diese weltgrößten
Chaostage als Erfolg, auch wenn es viel zu überlegen
und zu kritisieren gibt. Doch ich will nicht rumstänkern:
Für mich war dies ein Treffen von Punx und Skins, um
mal wieder so richtig die Sau rauszulassen! Daß das
nicht ausschließlich mit Randalemachen verbunden ist,
war zumindest für mich klar. Gut gut, dafür haben
sich mal wieder die Bullen wie die Säue aufgeführt,
und viele von euch hatten nicht allzuviel von den Tagen,
doch was habt ihr erwartet? Daß sie uns so einfach
ziehen lassen und ihr Konsumparadies einer Horde von Punx
überlassen?
Ich fands trotzdem toll und nächstes Jahr gefälligst
mehr Skinheads (Nazis ausgeschlossen, ist ja klar!)
Zuletzt: Gruß an die Renee ,die mir die Braces wieder
geflickt hat!
Franco
weiter
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