Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:47. - 625 Seiten archiviert
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Tagebuch eines Kriminellen

Nachdem ich den frühen Nachmittag - als fauler Punker und gleichzeitig intellektuelle Drecksau - in gemütlichem Abschlaffen in der Uni-Mensa beim Salat-Futtern und am Baggersee verbracht hatte, wurde es gegen später dann doch Zeit, sich so langsam Richtung Punk-Treff zu entfernen.

Der große Plan, den Rainer und ich ausgeheckt hatten, war einfach: Jeder holt sich ein Sixpack mit Bier, und dann latschen wir Richtung Bahnhof. Klingt eigentlich ganz logisch. Dachten wir.

Also steuerten wir in aller Gemütsruhe in Richtung Bierstand, wobei wir uns ein bißchen über die Ansammlung von Punks an der Lutherkirche wunderten. Dort hängen zwar immer welche ab, aber in diesen Mengen hatte ich keine Punks erwartet. "Die sind wohl zu faul, zum Bahnhof zu gehen", redeten wir uns ein und gingen schnurstracks zum Bierstand. Ich will ja nicht wissen, was die Leute allein an diesem Abend nur an mir verdient haben - an diesem Wochenende haben die auf jeden Fall so viel Bier verkauft wie sonst in einem Jahr. Um's vorwegzunehmen: Sogar während Bullen-Attacken und Steinhagel ließen die den Laden offen. Cool!

Zur Orientierung gingen wir in Richtung Lutherkirche. Keine fünf Meter weiter fiel mir Freund Jochen in die Arme, Ex-Sindelfinger, jetzt Berliner, der uns freudenstrahlend erzählte, er sei der einzige aus seiner Gruppe. Alle anderen seien bereits am Bahnhof verhaftet worden. Rainer und ich hockten uns zu der fröhlichen Gruppe; wir tranken fleißig die ersten Biere und ließen uns einige Geschichten erzählen - von allen möglichen Leuten.

Beginn am Bahnhof

Am Bahnhof waren bereits um die Mittagszeit an die 100 bis 150 Punks zusammengesessen. Dummerweise hatten einige von ihnen nicht ihre Flaschen in die Leergut-Container geschleppt (andere waren tatsächlich so umweltbewußt, jaja!), sondern praktisch an irgendwelchen Wänden und auf dem Fußboden entsorgt. Das fanden die Bullen nicht so gut. Nach welchem System unsere grün uniformierten Freunde vorgegangen sind, war mir auch hinterher nicht ganz klar.

Ich vermute, daß sie folgendermaßen dachten: Als die ersten zwei Pfandflaschen kaputt waren und ein Sachschaden von 30 Pfennig entstanden war, wurden die Ordnungswüter nervös. Dann zersplitterten weitere Pfandflaschen, und der Sachschaden stieg zuerst auf 45, dann auf sagenhafte 60 Pfennig. Als der Gesamt-Sachschaden von 90 Pfennig im Bahnhofsbereich erreicht worden war, mußten die deutschen Polizeikräfte natürlich einsteigen - angesichts der Probleme der deutschen Wirtschaft konnte das nicht hingenommen werden!

So ähnlich muß es gewesen sein: Im ganzen Bahnhofsviertel gab es keine Sachbeschädigungen, mit Ausnahme der zerstörten Pfandflaschen. Aber das reichte den Bullen: Mit einem Großeinsatz wurden die Punks zusammengedroschen und die ersten 150 Personen eingesackt. Wer danach am Bahnhof ausstieg, wurde entweder gleich verhaftet oder zurückgeschickt. Bereits um diese Zeit wurde über die Medien die Geschichte verbreitet, die Punks hätten dazu aufgerufen, "Hannover in Schutt und Asche zu legen", und deshalb müsse man vorsorgen.

Trotzdem schafften es viele, aus dem Bahnhof zu entkommen - wobei ihnen sogar Bürger der Stadt oder Mitarbeiter der Bahnhofsmission mit Tips behilflich waren. Diese Punks kämpften sich allein oder in kleinen Gruppen in die Nordstadt durch, wo sie an der Lutherkirche auf den Mob stießen.

Party an der Lutherkirche

Und mittlerweile wurde es ein richtig guter Mob: Ich schätze, daß irgendwann mal zwischen 400 und 500 Personen um die Lutherkirche herum saßen und standen. Es war eine grandiose Party! Die beste, die ich in diesem Jahr besuchen konnte! Immer wieder kamen Gruppen von Punks an, manche zusammengeschrumpft, weil die Bullen einzelne Leute weggeschnappt hatten, andere komplett, und jede Gruppe wurde mit frenetischem Gejohle begrüßt. Bierflaschen und Dosen machten die Runde, irgendwo dröhnte aus einem Ghetto-Blaster Punkrock, die ersten Besoffenen legten sich irgendwo auf den Asphalt, und als der erste Regen losging, nahmen das die meisten Leute dankbar als Erfrischung auf.

Geil war in meinen Augen, daß so viele korrekte Skinheads anwesend waren. Sie kamen nicht in einem einzigen Pulk, sondern mit Punk-Cliquen an, waren damit keine Fremdkörper, sondern in den gesamten Mob integriert. In der zweiten Nacht war's dann leider nicht mehr ganz so "united" wie in der ersten Nacht - aber es gab am ganzen Wochenende keine Gewalt zwischen Skins und Punks. Auch was neues!

Dummerweise nahm der Regen zu; die Stimmung sackte kurzfristig ab. Unser kleines Häuflein, das mit ständig schwankender werdendem Schritt zwischen Bierbude und Lutherkirche pendelte, bekam irgendwann mal mit, daß es angeblich Pennplätze auf dem Sprengel-Gelände geben sollte. Mit ungefähr 200 Punks flitzten wir durch den Regen bis zum Sprengel-Gelände, wo tatsächlich - hinter irgendwelchen Bretterzäunen und hinter einem Gestrüpp ein leerstehendes Gebäude war. Dieses Haus, das sogenannte Kesselhaus, wurde gleich beschlagnahmt, die meisten Leute kamen aber sofort wieder zurück zur Kirche.

Bullen stören immer

Es kam, wie es kommen mußte: Die Bullen kreuzten auf. Ständig hieß es, "die Bullen kommen", und angeblich haben sie irgendwann auch Stellung bezogen. Und wenn eine Bullen-Doppelreihe aufgestellt ist, bleibt es nicht aus, daß aus dem Punk-Mob Flaschen auf die Bullen geschmissen werden. Das konnte ja nicht lange gut gehen...

Ich stand gerade an meiner Bierbude und ließ mir ein pißwarmes Bier geben (das kalte war natürlich längst aus), als der Sturm losging: Plötzlich rannten überall die Leute, Bullen prügelten wie die Idioten auf Menschen ein; einer wurde beim Pissen zusammengedroschen, und direkt neben mir bekam eine Frau derart eine verpaßt, daß sie zusammenbrach. Mit besoffenem Kopf blieben wir an der Bierbude stehen, während zuerst die flüchtende Punk-Meute und dann die Bullen an uns vorbeirannten.

Ein einzelner Bulle stellte sich vor uns, mit Schild und Knüppel, wollte wohl unsere Gruppe bewachen. Zuerst lachten wir ihn aus, dann redeten wir mit ihm, und der arme Kerl beruhigte sich. Es schien ihm irgendwie klarzuwerden, daß er allein war und wir zu zehnt: zwar alle stinkebesoffen und ultra-friedlich, aber im Notfall stärker als er. Also blieben wir an der Bierbude stehen und tranken weiter. Was sollten wir in der Situation auch sonst tun?

Die Bullen sperrten zwischen Lutherkirche und Sprengel-Gelände die Straße ab, trommelten wie die Idioten auf ihren Schilden rum, machten einen Riesen-Rabatz (ich vermute, daß das dann die Ruhestörungen waren, die Anwohner am Schlaf hinderten, ha!). Aber langsam zogen sie sich zurück, eifrig von Flaschen und Dosen beworfen; einige Steine flogen auch, und einer aus unserer Gruppe beobachtete einen Bullen, der eifrig Steine in die Punk-Meute zurückschleuderte. Soviel zum Thema "steinewerfende Punks verletzen ihre eigenen Leute", wie es hinterher in der Zeitung hieß...

Irgendwann war die rückweichende Bullenkette neben "unserem" Bierstand, was ich nicht so gut fand. Also laberte ich mit einigen Bullen rum: Es waren größtenteils halbe Kinder, gerade mal von der Polizeischule, die vor uns garantiert mehr Angst hatten als wir vor ihnen. Ich redete auch mit irgendeinem Einsatzleiter, der uns riet, die Bierbude zu verlassen, weil wir sonst "von den eigenen Steinen" getroffen würden. Ha! Wir blieben und amüsierten uns über die ängstlichen Bullen.

Wir verhandelten mit den Bullen, der Einsatzleiter meinte, er würde sich mit seinen Leuten zur Kirche zurückziehen, wenn dann Ruhe sei. Wir dürften aber weiterfeiern. Einige Leute schnappten sich ein Megaphon und versuchten die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Hippie-mäßig, wie ich vor allem mit besoffenem und total bedröhntem Kopf drauf bin, bildeten einige Leute inklusive mir eine Kette zwischen Bullen und Punks, um die Lage zu entschärfen.

Ich ließ es dann sein. In der Tat hätten wir an diesem Abend die Bullen von der Lutherkirche weg und bis in die Innenstadt prügeln können; zumindest die aufgescheuchte und verängstigte Truppe an der Bierbude und dahinter. Wir waren 500 und sie vielleicht 150 - aber ich ging davon aus, daß die leichter Verstärkung kriegen würden als wir. Und ich hatte Bock auf Party, nicht auf Krieg.

Irgendwann beruhigte sich die Lage tatsächlich einigermaßen. Die Bullen zogen sich bis an die Lutherkirche zurück und legten dort Schild und Helm ab, die meisten Punks blieben auf der Straße oder zogen in Richtung Sprengel.

Hip- Hop Party

Anfangs wollten nur Martin, Rainer und ich zum Bahnhof gehen - weil wir ja schon immer ein bißchen wahnsinnig waren. Unterwegs trafen wir drei weitere Leute, was sehr schnell zum Biervernichten genutzt wurde. Dann zogen wir weiter gen Bahnhof, nunmehr zu sechst. Eigentlich war es gut bescheuert: Ständig kamen uns Punks entgegen, die von den Bullen aus der Innenstadt rausgeprügelt worden waren - und wir wollten unbedingt dahin. Das konnte ja nicht gut gehen...

Tat's auch nicht. Irgendwann, auf dem E-Damm, registrierten wir eine Party - direkt in einem Haus auf der anderen Straßenseite. Andi brüllte hoch, die brüllten von oben zurück; ein Wort gab das andere, und dann schrie einer, "ja, kommt doch hoch". Wobei ich bis heute nicht weiß, ob das nun eine Einladung zur Schlägerei oder zur Party war...

Egal: Sechs besoffene Punks entern eine Studenten-Wohngemeinschaft. Fünf Zimmer, in jedem Musik und viele Leute, ein großer Balkon und so weiter. Gleich in der Eingangstür hemmte ein glimmender Joint unseren Fortbewegungsdrang, und leider hatten die Studenten nicht mehr viel davon. Auch von ihrem lauwarmem Bier hatten sie nicht mehr viel in dieser Nacht. Andi, der ein Gespür für so was hat, fand sogar kühles Bier, in einer Plastiktüte unter einem Stuhl versteckt - und das teilte er brüderlich mit mir (jaja, Schwarzwälder halt). Martin, der den ganzen Tag nichts gescheites gegessen hatte, fiel über das kalte Büffet her und kämpfte sich von vorne bis hinten durch.

Und ich - so gestehe ich zu meiner großen Schande - habe angeblich HipHop getanzt. Jaja. Später begegnete ich noch mal einem Bier und einem Joint, und noch später legte ich mich ins Treppenhaus ab, wo mich aber Martin und Rainer aufstöberten (ich hatte den Wohnungsschlüssel, daher die Fürsorge). Wir verließen die grandiose Party, ließen die anderen drei zurück, die dort konsequenterweise gleich mal pennten, und wankten Richtung Nordstadt.

Ich kann Euch sagen, Leute - das war harte Arbeit! Vor allem, als Rainer meinte; er müßte auf einem Betonsockel pennen. Oder als mein Bier (das im Körper) zu mir sagte: "Noch einen Schluck, und ich verlasse dich sturzartig." Oder als Martin den heroischen Vorschlag machte: "Laß uns den Rest einfach stehen, sonst kotzen wir alle drei." Irgendwie haben wir's geschafft.

Klaus N. Frick

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
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