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Nachdem ich den frühen Nachmittag - als fauler Punker
und gleichzeitig intellektuelle Drecksau - in gemütlichem
Abschlaffen in der Uni-Mensa beim Salat-Futtern und am Baggersee
verbracht hatte, wurde es gegen später dann doch Zeit,
sich so langsam Richtung Punk-Treff zu entfernen.
Der große Plan, den Rainer und ich ausgeheckt hatten,
war einfach: Jeder holt sich ein Sixpack mit Bier, und dann
latschen wir Richtung Bahnhof. Klingt eigentlich ganz logisch.
Dachten wir.
Also steuerten wir in aller Gemütsruhe in Richtung
Bierstand, wobei wir uns ein bißchen über die
Ansammlung von Punks an der Lutherkirche wunderten. Dort
hängen zwar immer welche ab, aber in diesen Mengen
hatte ich keine Punks erwartet. "Die sind wohl zu faul,
zum Bahnhof zu gehen", redeten wir uns ein und gingen schnurstracks
zum Bierstand. Ich will ja nicht wissen, was die Leute allein
an diesem Abend nur an mir verdient haben - an diesem Wochenende
haben die auf jeden Fall so viel Bier verkauft wie sonst
in einem Jahr. Um's vorwegzunehmen: Sogar während Bullen-Attacken
und Steinhagel ließen die den Laden offen. Cool!
Zur Orientierung gingen wir in Richtung Lutherkirche. Keine
fünf Meter weiter fiel mir Freund Jochen in die Arme,
Ex-Sindelfinger, jetzt Berliner, der uns freudenstrahlend
erzählte, er sei der einzige aus seiner Gruppe. Alle
anderen seien bereits am Bahnhof verhaftet worden. Rainer
und ich hockten uns zu der fröhlichen Gruppe; wir tranken
fleißig die ersten Biere und ließen uns einige
Geschichten erzählen - von allen möglichen Leuten.
Beginn am Bahnhof
Am Bahnhof waren bereits um die Mittagszeit an die 100
bis 150 Punks zusammengesessen. Dummerweise hatten einige
von ihnen nicht ihre Flaschen in die Leergut-Container geschleppt
(andere waren tatsächlich so umweltbewußt, jaja!),
sondern praktisch an irgendwelchen Wänden und auf dem
Fußboden entsorgt. Das fanden die Bullen nicht so
gut. Nach welchem System unsere grün uniformierten
Freunde vorgegangen sind, war mir auch hinterher nicht ganz
klar.
Ich vermute, daß sie folgendermaßen dachten:
Als die ersten zwei Pfandflaschen kaputt waren und ein Sachschaden
von 30 Pfennig entstanden war, wurden die Ordnungswüter
nervös. Dann zersplitterten weitere Pfandflaschen,
und der Sachschaden stieg zuerst auf 45, dann auf sagenhafte
60 Pfennig. Als der Gesamt-Sachschaden von 90 Pfennig im
Bahnhofsbereich erreicht worden war, mußten die deutschen
Polizeikräfte natürlich einsteigen - angesichts
der Probleme der deutschen Wirtschaft konnte das nicht hingenommen
werden!
So ähnlich muß es gewesen sein: Im ganzen Bahnhofsviertel
gab es keine Sachbeschädigungen, mit Ausnahme der zerstörten
Pfandflaschen. Aber das reichte den Bullen: Mit einem Großeinsatz
wurden die Punks zusammengedroschen und die ersten 150 Personen
eingesackt. Wer danach am Bahnhof ausstieg, wurde entweder
gleich verhaftet oder zurückgeschickt. Bereits um diese
Zeit wurde über die Medien die Geschichte verbreitet,
die Punks hätten dazu aufgerufen, "Hannover in Schutt
und Asche zu legen", und deshalb müsse man vorsorgen.
Trotzdem schafften es viele, aus dem Bahnhof zu entkommen
- wobei ihnen sogar Bürger der Stadt oder Mitarbeiter
der Bahnhofsmission mit Tips behilflich waren. Diese Punks
kämpften sich allein oder in kleinen Gruppen in die
Nordstadt durch, wo sie an der Lutherkirche auf den Mob
stießen.
Party an der Lutherkirche
Und mittlerweile wurde es ein richtig guter Mob: Ich schätze,
daß irgendwann mal zwischen 400 und 500 Personen um
die Lutherkirche herum saßen und standen. Es war eine
grandiose Party! Die beste, die ich in diesem Jahr besuchen
konnte! Immer wieder kamen Gruppen von Punks an, manche
zusammengeschrumpft, weil die Bullen einzelne Leute weggeschnappt
hatten, andere komplett, und jede Gruppe wurde mit frenetischem
Gejohle begrüßt. Bierflaschen und Dosen machten
die Runde, irgendwo dröhnte aus einem Ghetto-Blaster
Punkrock, die ersten Besoffenen legten sich irgendwo auf
den Asphalt, und als der erste Regen losging, nahmen das
die meisten Leute dankbar als Erfrischung auf.
Geil war in meinen Augen, daß so viele korrekte Skinheads
anwesend waren. Sie kamen nicht in einem einzigen Pulk,
sondern mit Punk-Cliquen an, waren damit keine Fremdkörper,
sondern in den gesamten Mob integriert. In der zweiten Nacht
war's dann leider nicht mehr ganz so "united" wie in der
ersten Nacht - aber es gab am ganzen Wochenende keine Gewalt
zwischen Skins und Punks. Auch was neues!
Dummerweise nahm der Regen zu; die Stimmung sackte kurzfristig
ab. Unser kleines Häuflein, das mit ständig schwankender
werdendem Schritt zwischen Bierbude und Lutherkirche pendelte,
bekam irgendwann mal mit, daß es angeblich Pennplätze
auf dem Sprengel-Gelände geben sollte. Mit ungefähr
200 Punks flitzten wir durch den Regen bis zum Sprengel-Gelände,
wo tatsächlich - hinter irgendwelchen Bretterzäunen
und hinter einem Gestrüpp ein leerstehendes Gebäude
war. Dieses Haus, das sogenannte Kesselhaus, wurde gleich
beschlagnahmt, die meisten Leute kamen aber sofort wieder
zurück zur Kirche.
Bullen stören immer
Es kam, wie es kommen mußte: Die Bullen kreuzten
auf. Ständig hieß es, "die Bullen kommen", und
angeblich haben sie irgendwann auch Stellung bezogen. Und
wenn eine Bullen-Doppelreihe aufgestellt ist, bleibt es
nicht aus, daß aus dem Punk-Mob Flaschen auf die Bullen
geschmissen werden. Das konnte ja nicht lange gut gehen...
Ich stand gerade an meiner Bierbude und ließ mir
ein pißwarmes Bier geben (das kalte war natürlich
längst aus), als der Sturm losging: Plötzlich
rannten überall die Leute, Bullen prügelten wie
die Idioten auf Menschen ein; einer wurde beim Pissen zusammengedroschen,
und direkt neben mir bekam eine Frau derart eine verpaßt,
daß sie zusammenbrach. Mit besoffenem Kopf blieben
wir an der Bierbude stehen, während zuerst die flüchtende
Punk-Meute und dann die Bullen an uns vorbeirannten.
Ein einzelner Bulle stellte sich vor uns, mit Schild und
Knüppel, wollte wohl unsere Gruppe bewachen. Zuerst
lachten wir ihn aus, dann redeten wir mit ihm, und der arme
Kerl beruhigte sich. Es schien ihm irgendwie klarzuwerden,
daß er allein war und wir zu zehnt: zwar alle stinkebesoffen
und ultra-friedlich, aber im Notfall stärker als er.
Also blieben wir an der Bierbude stehen und tranken weiter.
Was sollten wir in der Situation auch sonst tun?
Die Bullen sperrten zwischen Lutherkirche und Sprengel-Gelände
die Straße ab, trommelten wie die Idioten auf ihren
Schilden rum, machten einen Riesen-Rabatz (ich vermute,
daß das dann die Ruhestörungen waren, die Anwohner
am Schlaf hinderten, ha!). Aber langsam zogen sie sich zurück,
eifrig von Flaschen und Dosen beworfen; einige Steine flogen
auch, und einer aus unserer Gruppe beobachtete einen Bullen,
der eifrig Steine in die Punk-Meute zurückschleuderte.
Soviel zum Thema "steinewerfende Punks verletzen ihre eigenen
Leute", wie es hinterher in der Zeitung hieß...
Irgendwann war die rückweichende Bullenkette neben
"unserem" Bierstand, was ich nicht so gut fand. Also laberte
ich mit einigen Bullen rum: Es waren größtenteils
halbe Kinder, gerade mal von der Polizeischule, die vor
uns garantiert mehr Angst hatten als wir vor ihnen. Ich
redete auch mit irgendeinem Einsatzleiter, der uns riet,
die Bierbude zu verlassen, weil wir sonst "von den eigenen
Steinen" getroffen würden. Ha! Wir blieben und amüsierten
uns über die ängstlichen Bullen.
Wir verhandelten mit den Bullen, der Einsatzleiter meinte,
er würde sich mit seinen Leuten zur Kirche zurückziehen,
wenn dann Ruhe sei. Wir dürften aber weiterfeiern.
Einige Leute schnappten sich ein Megaphon und versuchten
die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Hippie-mäßig,
wie ich vor allem mit besoffenem und total bedröhntem
Kopf drauf bin, bildeten einige Leute inklusive mir eine
Kette zwischen Bullen und Punks, um die Lage zu entschärfen.
Ich ließ es dann sein. In der Tat hätten wir
an diesem Abend die Bullen von der Lutherkirche weg und
bis in die Innenstadt prügeln können; zumindest
die aufgescheuchte und verängstigte Truppe an der Bierbude
und dahinter. Wir waren 500 und sie vielleicht 150 - aber
ich ging davon aus, daß die leichter Verstärkung
kriegen würden als wir. Und ich hatte Bock auf Party,
nicht auf Krieg.
Irgendwann beruhigte sich die Lage tatsächlich einigermaßen.
Die Bullen zogen sich bis an die Lutherkirche zurück
und legten dort Schild und Helm ab, die meisten Punks blieben
auf der Straße oder zogen in Richtung Sprengel.
Hip- Hop Party
Anfangs wollten nur Martin, Rainer und ich zum Bahnhof
gehen - weil wir ja schon immer ein bißchen wahnsinnig
waren. Unterwegs trafen wir drei weitere Leute, was sehr
schnell zum Biervernichten genutzt wurde. Dann zogen wir
weiter gen Bahnhof, nunmehr zu sechst. Eigentlich war es
gut bescheuert: Ständig kamen uns Punks entgegen, die
von den Bullen aus der Innenstadt rausgeprügelt worden
waren - und wir wollten unbedingt dahin. Das konnte ja nicht
gut gehen...
Tat's auch nicht. Irgendwann, auf dem E-Damm, registrierten
wir eine Party - direkt in einem Haus auf der anderen Straßenseite.
Andi brüllte hoch, die brüllten von oben zurück;
ein Wort gab das andere, und dann schrie einer, "ja, kommt
doch hoch". Wobei ich bis heute nicht weiß, ob das
nun eine Einladung zur Schlägerei oder zur Party war...
Egal: Sechs besoffene Punks entern eine Studenten-Wohngemeinschaft.
Fünf Zimmer, in jedem Musik und viele Leute, ein großer
Balkon und so weiter. Gleich in der Eingangstür hemmte
ein glimmender Joint unseren Fortbewegungsdrang, und leider
hatten die Studenten nicht mehr viel davon. Auch von ihrem
lauwarmem Bier hatten sie nicht mehr viel in dieser Nacht.
Andi, der ein Gespür für so was hat, fand sogar
kühles Bier, in einer Plastiktüte unter einem
Stuhl versteckt - und das teilte er brüderlich mit
mir (jaja, Schwarzwälder halt). Martin, der den ganzen
Tag nichts gescheites gegessen hatte, fiel über das
kalte Büffet her und kämpfte sich von vorne bis
hinten durch.
Und ich - so gestehe ich zu meiner großen Schande
- habe angeblich HipHop getanzt. Jaja. Später begegnete
ich noch mal einem Bier und einem Joint, und noch später
legte ich mich ins Treppenhaus ab, wo mich aber Martin und
Rainer aufstöberten (ich hatte den Wohnungsschlüssel,
daher die Fürsorge). Wir verließen die grandiose
Party, ließen die anderen drei zurück, die dort
konsequenterweise gleich mal pennten, und wankten Richtung
Nordstadt.
Ich kann Euch sagen, Leute - das war harte Arbeit! Vor
allem, als Rainer meinte; er müßte auf einem
Betonsockel pennen. Oder als mein Bier (das im Körper)
zu mir sagte: "Noch einen Schluck, und ich verlasse dich
sturzartig." Oder als Martin den heroischen Vorschlag machte:
"Laß uns den Rest einfach stehen, sonst kotzen wir
alle drei." Irgendwie haben wir's geschafft.
Klaus N. Frick
weiter
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