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Am Samstag morgen waren Sirengeheul und klirrende Flaschen
die ersten Geräusche, die uns weckten; kein Wunder,
wir pennten nur wenige Meter von der Lutherkirche entfernt.
Anscheinend hatten die Bullen gleich am frühen Morgen
das Gelände vor der Kirche mit Knüppeln "geräumt";
genaueres konnte uns allerdings niemand sagen. In einem
anderen Haus in der Nordstadt hielten wir später eine
Art Vorab-Besprechung ab, weil keiner so recht wußte,
was abging. Eigentlich wollten wir an diesem Samstag auf
jeden Fall in die Innenstadt gehen.
Sicherheitshalber gingen wir vorher noch einmal bei der
Lutherkirche vorbei. Wie wir sehr schnell erfuhren, spitzte
sich die Lage mittlerweile zu. Die Medien berichteten groß
über die "Punker-Krawalle", wobei die BILD-Zeitung
von Hannover den Vogel abschoß. Ständig wurde
dieses Flugblatt zitiert, in dem von "Schutt und Asche"
die Rede sei, obwohl keiner von uns dieses Flugblatt auch
nur einmal gesehen hatte. In der Innenstadt machten die
Bullen auf jeden Fall den ganzen Nachmittag über eine
gnadenlose Hetzjagd auf Punks. Wer mit bunten Haaren, Springerstiefeln
oder nur einem etwas "anderen" T-Shirt in der Innenstadt
unterwegs war, wurde unbarmherzig gejagt und eingesperrt.
Einen Satz werde ich so schnell nicht vergessen: "Ich kam
mir in der Innenstadt vor wie ein Jude 1944 in Berlin."
Trotzdem schafften es genügend Punks bis in die Nordstadt,
so daß am frühen Nachmittag wieder an die 200
Leute um die Lutherkirche herumsaßen. Ein Fernseh-Team
kam und befragte Anwohner nach den "schrecklichen Punker-Krawallen".
Eine Anwohnerin sagte vor laufender Kamera: "Nein, ich habe
keine Angst gehabt heute nacht. Warum auch? Das sind Punks,
und die beschützen mich." Auch andere Anwohner sagten
aus, daß es ihnen nichts ausmache, wenn wir hier feiern,
und nur die Bullen seien schuld an der Eskalation. So was
wurde natürlich nicht gesendet, klar.
Der Knaller kam dann, als WIZO aufkreuzte, ihres Zeichens
Punk-Band aus Sindelfingen (liegt bei Stuttgart, ihr Erdkunde-Banausen!).
Sie rollten ihren Bus vor die Lutherkirche, packten ein
Notstrom-Aggregat und einige wenige Instrumente aus und
legten los. Sänger Axel begrüßte das Publikum
mit entsprechend dummen Sprüchen, von wegen: "Nur weil
ihr bisher noch nicht eingesperrt worden seid, müßt
ihr hier doch nicht langweilen." Und es war geil! WIZO fetzten
ab, und vom ersten Ton an waren die Leute dabei. Die Sonne
kam heraus, schien auf uns herunter, und in der Mittagshitze
haben einige Leute tatsächlich gepogt.
Ich hatte erwartet, daß es vielleicht zwei, drei
Stücke lang gut gehen würde, aber die Bullen schritten
nicht ein, und WIZO konnte gut eine halbe Stunde lang spielen.
Spätestens nach diesem Konzert sind WIZO für mich
die Helden - denn sie haben bei diesem Chaos-Tag nicht nur
die Riesenstrecke auf sich genommen (rund 1200 Kilometer
hin und zurück), sondern sie haben einfach aufgespielt,
bei vollem Risiko, einfach in den Bau gesteckt zu werden
Klaus N. Frick
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