|
Wie schon in der "STREETPUNK³-Sonderausgabe geschildert,
zerbricht die Punk-Szene nach der Katastrophe des 84er-CHAOS-TAGES
in (mindestens!) zwei Fraktionen: Auf der einen Seite diejenigen,
die vom "klassischen³ Punk die Nase voll haben und
im Hardcore neue Wege suchen - und dabei aber gleichzeitig
immer mehr zu einer durch Kommerzialisierung, Professionalisierung
und einen Stapel Benimm-Regeln geprägten reinen Musik-Szene
degenerieren, garniert mit einem gewissen inhaltichen "Anspruch³,
der aber seinen Weg selten auf die Straße findet.
Auf der anderen Seite die Punks von der Straße, gefesselt
zwischen einer Kiste Karlsquell und einer Liste klassicher
Punk-Slogans gegen Nazis, Bullen und Staat. Diese Szene
regeniert sich erst langsam im Laufe der Jahre, und erst
im Zuge der Nazi-Welle nach dem Anschluß der DDR erstarkt
auch Punk wieder.
Es gibt ein regelrechtes "Punk-Revival³, und obwohl
auch die BRAVO und ähnliche Sucker auf dieser Welle
mitschwimmen, wächst die Szene nicht nur in der Masse.
Es gibt wieder viel mehr Bands und Fanzines als die Jahre
davor, und mancheiner, der in den 80ern die Szene frustriert
Richtung Hardcore oder sonstwohin verlassen hat, findet
wieder Spaß am Punk-Rock. Anderseits haben die 83er-
und 84er Chaostage in der "Überlieferung³ bei
vielen Kids allmählich legendäre Züge angenommen.
Die Chaos-Tage aber, die draufhin in fast jedem Kaff veranstaltet
werden, haben bei weitem nicht die Anziehungskraft der ursprünglichen
Treffen. Als dann Anfang 94 die ersten Flugblätter
zu einem "United-Treffen³ von Punks & Skins in Hannover
aufrufen, sind zwar auch viele genervt, anderre jedoch sehen
endlich wieder einmal eine Chance, Punk zurück auf
Straße zu bringen und dabei gleichzeitg ein kräftiges
Mediengewitter abzuziehen.
Immer mehr Flugblätter und Spuckis machen die Runde,
und schließlich erscheint die ZAP-³STREETPUNK³-Sonderausgabe,
die nochmal verschüttete Erinnerungen bei manchem weckt
und so veranlaßt, das Bündel für die CHAOS-TAGE
94 zu schnüren...
Vor dem Chaos-Tag
Die Spannung wächst täglich, die Chaos-Tage sind
tatsächlich so etwas wie "Punk-Weihnachten"! Schon
10 Tage davor treffen die ersten Leute ein, aber was zunächst
gute Stimmung macht, kippt ins Gegenteil um, als sich dieser
Trend nicht fortsetzt: Am Donnerstag früh sind vielleicht
gerade mal 15 Leute von außerhalb da, und manche unken
jetzt, daß alles wohl nur eine große Pleite
wird.
Das haben die Leute vom Sprengel-Gelände wohl auch
noch einige Wochen zuvor vermutet und das ganze nicht ganz
ernstgenommen; eigentlich haben ja alle gedacht, daß
die Zeit der Chaos-Tage endgültig vorbei ist. Nun aber,
wo ihnen durch Kontakte zu anderen Städten klar gemacht,
daß wohl mehr Leute als von ihnen erwartet kommen,
werden sie plötzlich aktiv.
Wenige Tage vor dem Treffen macht ein Flugblatt die Runde,
indem sie die Punks auffordern, ihr Treffen doch bitteschön
ausschließlich in der City abzuziehen. Sie kündigen
an, die Kofferfabrik auf dem Sprengel am Chaos-Tag dichtzumachen,
da sie wohl Dumm-Randale a la Glocksee 84 befürchten.
Einige Punks aus Hannover sind ganz schön sauer wegen
diesem Verhalten und befürchten ihrerseits, die "Automaten",
wie sie sie nennen, könnten das Konzert, das sie am
Samstag im Kesselhaus (ebenfalls Sprengel) planen, sabotieren.
Für einem solchen Fall drohen sie ihrerseits eine Attacke
gegen die Sprengel-Besetzer an.
Gerüchte machen die Runde, nach denen einzelne Polizeibeamte
für dieses Wochenende "freiwillig" Dienst irgendwo
in der Pampa angetreten haben, nur um nicht auf dem Chaos-Tag
eingesetzt zu werden...
Das gespannte Warten löst sich schließlich in
einer kräftigen Fete auf, als sich ab dem Donnerstag
Nachmittag ein wahrer Strom von Punks auf den Bahnhofsvorplatz
ergießt, wobei den Startschuß eine Gruppe von
20 Leuten aus Chemnitz macht, die zusammen mit dem Zug angereist
sind. Die Stimmung wird ständig ausgelassener, wobei
die BGS-Bahnbullen sich erstaunlich flexibel zeigen und
kaum Ärger machen.
Viele hoffen, daß alle Seiten entsprechend locker
bleiben und so kein Anlaß für eine Zerschlagung
des Treffen gegeben wird...
Karl Nagel
weiter
|