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Oh, wie hasse ich diese Quälgeister, die einem wie
die letzten Jammerlappen ewig mit ihrem Geheule in den Ohren
liegen! Die vor 10 Jahren als 17jährige Punx selbst
die größte Scheiße bauten und heute den
besorgten Sozialarbeiter mimen. "Keine Gewalt" heißt
es, und gemeint ist doch eigentlich nur "Ich will meine
Ruhe haben!". Da haben sie sich ihr warmes Plätzchen
gebaut, mit netter Wohnung, vielleicht einem gutbezahlten
Job oder doch zumindest geilem Übungsraum für
die Band, und schon haben sie was zu verteidigen.
Natürlich spielt das schlechte Gewissen auch im Hinterkopf
eine gewisse Rolle, vorne raus kommen aber großmäulig
Appelle zur Vernunft, die die dummen Punker einfach nicht
befolgen wollen! Wozu, wenn es doch nur auf die Schnauze
gibt und dazu ein Haufen Leute eingefahren werden, wozu
überhaupt einen Chaos-Tag?
Ja, wozu eigentlich?
Nun, wenn man seinen Arsch im Trocken und sich ansonsten
mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt abgefunden hat, dann
braucht man natürlich keinen CHAOS-TAG. Da reicht hier
und da eine kritische politische Äußerung, und
ansonsten zeigt sich das Engagement vielleicht ja ausnahmsweise
durch Teilnahme an einer Demo, vorzugsweise für Asylanten
und gegen den Faschismus, da kann man sich moralisch wirklich
als Sieger fühlen. Und wer sich für einen besonders
gefährlichen Aktivisten hält, wählt als Mittel
des ganz speziellen politischen Ausdrucks die gemeinsame
Vermummung im Schwarzen Block.
Auf der anderen Seite dann die "Gereiften", die ja längst
eingesehen haben, daß man sowieso nichts machen kann
und sich so lieber mehr oder minder erfolgreich Beruf, Familie
oder auch der Drogenkarriere widmen.
Punks aber, das sind die, die sich öffentlich in den
Innenstädten vollaufen lassen. Die sexistische Witze
immer noch nicht lassen können und wegen irgendwelcher
schwachsinniger Aktionen im Knast landen. Das Sicherheitsrisiko,
mit solchen Leuten etwas gemeinsam zu unternehmen, will
natürlich kein kluger Kopf auf sich laden.
Am Chaos-Tag nun aber versammelt sich diese ganze Bande
ausgerechnet in Hannover, läßt sich feigerweise
aus der City vertreiben, trifft sich abends in "unserem"
Viertel und provoziert so Angriffe der Polizei. Und schafft
es noch nicht einmal, eine ordentlich brutale Straßenschlacht
mit der Polizei durchzuziehen - aber feiert die 600 Verhaftungen
auch noch großmäulig als Erfolg
Nein, diese linken Spießer brauchen tatsächlich
keinen Chaos-Tag, und es ist gut, daß sie das erkennen!
Die Arroganz, mit der sie das, was Punk heute darstellt,
abschätzend betrachten, hat aber auch durchaus ihre
Vorteile. Sie verhindert nämlich, daß sie wie
die Aasgeier über die Szene herfallen, um sie in ihre
klebrigen Finger zu bekommen.
Was besseres kann der Punk-Szene also überhaupt nicht
passieren, und es ist gut so, daß die hannoverschen
Punks den Vorschlag irgendwelcher Autonomer, doch nach den
Ereignissen des Chaos-Tages eine gemiensame Demo gegen Bullenterror
zu organisieren, dankend ablehnten.
Es kann daher überhaupt nicht schaden, wachsam zu
bleiben gegenüber den Umarmungsversuchen diverser Sucker,
ebenso, bei zu heftigem Liebeswerben oder gar parasitärem
Verhalten, auch mal freundlich mit der Keule zu winken.
Um nun aber doch noch einmal die Frage aufzugreifen: Wozu
ein Chaos-Tag?
Eigentlich ist es ganz einfach: Es treffen sich die Leute,
die überall ausgegrenzt sind, vom Staat wie von seinen
politischen Widersachern, weil sie sich nicht die Mühe
machen, an der schönen neuen und bunten Welt von Morgen
mitzubauen. Und die es sich nicht nehmen lassen, sich monatelang
darauf zu freuen, Leute aus ganz Deutschland in Hannover
zu treffen - und das auch zeigen. Halt eine Riesenfete,
die natürlich einschließt, sich endlich mal NICHT
alles gefallen zu lassen. Vom wem auch immer!
Und genau deshalb ist es auch KEIN "organisierter Krawall",
auch wenn dies die Staatsmacht behauptet und die Automaten
bedauern. Und dieses CHAOS, diese vermeintliche Schwäche,
ist die eigentliche Stärke des Chaos-Tages: Daß
man keiner Parole hinterherlaufen muß, daß hier
WIRKLICH jeder selbst entscheidet, was zu vertreten ist,
daß jeder einfach für sich selbst nach Hannover
kommt! Der Chaos-Tag ist also KEINE Demonstration, die man
ja verbieten könnte, sondern einfach nur der feste
Wille, an einem Wochenende im Jahr in Hannover viele Leute
zu treffen und dabei noch einen Haufen Schlagzeilen zu produzieren.
So gesehen hat die Polizei konsequent gehandelt: Da es nichts
gab, was man verbieten konnte, hat sie einfach die pure
Existenz einer speziellen Gruppe Menschen als "Gefahr" definiert
und alle Punks festgenommen. Das ist Punk-Rock pur, denn
die lieben Mitmenschen und den Staat ein wenig dazu zu provozieren,
die Sau rauszulassen, war schon immer ein beliebtes Punk-Hobby!!
Daß das Wiederaufleben des Chaos-Tages ein derartiger
Hammer wird, hat dennoch niemand gedacht. Ich habe einen
Chaos-Tages erlebt, der manche Rekorde gebrochen hat: den
geringsten Sachschaden, die wenigsten Idioten, die ausgelassenste
Stimmung, die größte Massenverhaftung und die
durchgeknallteste Presse - all diese Dinge machen den Chaos-Tag
94 zum gelungensten Treffen, das ich bisher erlebt habe!
Es war wirklich fantastisch mitanzusehen, wie da ganze
Horden witziger und korrekter Punk-Kids aufkreuzten - und
ich auf der anderen Seite Gesichter sah, die ich nach all
den Jahren fast schon vergessen geglaubt hatte. Mancher
kam auch einfach mal aus purer Nostalgie vorbei und mußte
erleben, wie der Punk wieder mit aller Macht in den Kopf
schoß.
So ist´s mir auch ergangen, und bis zum Chaos-Tag
war ich absolut davon überzeugt, daß Punk sein
Pulver längst verschossen hat, daß das Schock-Potential
schon lange verbraucht ist.
Das Gegenteil ist wahr! Es hat wohl selten eine bessere
Zeit für Punk-Rock gegeben als heute - die beste Art
der Sabotage, die man sich vorstellen kann. Und endlich
wieder die Situation, daß die ganzen Klugscheißer
es NICHT VERSTEHEN!
Punks, das sind in der Presse plötzlich nicht mehr
die radikalen linken Hausbesetzer, die Aussteiger und "No-Future"-Anhänger,
die Antifaschisten und Provokateure. All diese beschissenen
Klischees, die Punk für ein paar Affen eine Zeitlang
zur trendy Undergroundveranstaltung machten.
Nein, heute sind Punks die, die braven Bürgern die
Glotze aus dem Fenster werfen; und solange die ganzen Klugschießer
das glauben, hat man eine gute Chance auf viel Spaß
und Verarschung. Um Himmels willen, laß sie bitte
nichts verstehen!
Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf den Chaos-Tag
95 und verwette meinen Arsch, daß weitaus mehr Leute
als dieses Jahr kommen werden - schon wegen der spaßigen
Medienpropaganda, die ja selten versäumt hat, darauf
hinzuweisen, daß es auch im nächsten Jahr wieder
Chaos-Tage gibt.
In bunten Phantasien sehe ich eine ganze Stadt voller Punks,
überall Bands, die von ihren fahrenden Bühnen
herunterlärmen und alternativ dazu eine prima Massenverhaftung,
für deren Unterbringung sich die Polizei schon jetzt
einmal das Niedersachsenstadion sichern sollte...
Jaja, dämliche Bullen, geifernde Politiker, gackernde
Jugendkenner und erregte Journalisten - ich freue mich schon
jetzt auf euch! Ihr seid noch viel verwirrter als wir, und
deshalb LASSEN WIR EUCH NACH UNSERER MUSIK TANZEN!
Karl Nagel
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