Letzte Änderung: November 22 2005 13:21:58. - 625 Seiten archiviert
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Wozu ein Chaos-Tag?

Oh, wie hasse ich diese Quälgeister, die einem wie die letzten Jammerlappen ewig mit ihrem Geheule in den Ohren liegen! Die vor 10 Jahren als 17jährige Punx selbst die größte Scheiße bauten und heute den besorgten Sozialarbeiter mimen. "Keine Gewalt" heißt es, und gemeint ist doch eigentlich nur "Ich will meine Ruhe haben!". Da haben sie sich ihr warmes Plätzchen gebaut, mit netter Wohnung, vielleicht einem gutbezahlten Job oder doch zumindest geilem Übungsraum für die Band, und schon haben sie was zu verteidigen.

Natürlich spielt das schlechte Gewissen auch im Hinterkopf eine gewisse Rolle, vorne raus kommen aber großmäulig Appelle zur Vernunft, die die dummen Punker einfach nicht befolgen wollen! Wozu, wenn es doch nur auf die Schnauze gibt und dazu ein Haufen Leute eingefahren werden, wozu überhaupt einen Chaos-Tag?

Ja, wozu eigentlich?

Nun, wenn man seinen Arsch im Trocken und sich ansonsten mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt abgefunden hat, dann braucht man natürlich keinen CHAOS-TAG. Da reicht hier und da eine kritische politische Äußerung, und ansonsten zeigt sich das Engagement vielleicht ja ausnahmsweise durch Teilnahme an einer Demo, vorzugsweise für Asylanten und gegen den Faschismus, da kann man sich moralisch wirklich als Sieger fühlen. Und wer sich für einen besonders gefährlichen Aktivisten hält, wählt als Mittel des ganz speziellen politischen Ausdrucks die gemeinsame Vermummung im Schwarzen Block.

Auf der anderen Seite dann die "Gereiften", die ja längst eingesehen haben, daß man sowieso nichts machen kann und sich so lieber mehr oder minder erfolgreich Beruf, Familie oder auch der Drogenkarriere widmen.

Punks aber, das sind die, die sich öffentlich in den Innenstädten vollaufen lassen. Die sexistische Witze immer noch nicht lassen können und wegen irgendwelcher schwachsinniger Aktionen im Knast landen. Das Sicherheitsrisiko, mit solchen Leuten etwas gemeinsam zu unternehmen, will natürlich kein kluger Kopf auf sich laden.

Am Chaos-Tag nun aber versammelt sich diese ganze Bande ausgerechnet in Hannover, läßt sich feigerweise aus der City vertreiben, trifft sich abends in "unserem" Viertel und provoziert so Angriffe der Polizei. Und schafft es noch nicht einmal, eine ordentlich brutale Straßenschlacht mit der Polizei durchzuziehen - aber feiert die 600 Verhaftungen auch noch großmäulig als Erfolg

Nein, diese linken Spießer brauchen tatsächlich keinen Chaos-Tag, und es ist gut, daß sie das erkennen! Die Arroganz, mit der sie das, was Punk heute darstellt, abschätzend betrachten, hat aber auch durchaus ihre Vorteile. Sie verhindert nämlich, daß sie wie die Aasgeier über die Szene herfallen, um sie in ihre klebrigen Finger zu bekommen.

Was besseres kann der Punk-Szene also überhaupt nicht passieren, und es ist gut so, daß die hannoverschen Punks den Vorschlag irgendwelcher Autonomer, doch nach den Ereignissen des Chaos-Tages eine gemiensame Demo gegen Bullenterror zu organisieren, dankend ablehnten.

Es kann daher überhaupt nicht schaden, wachsam zu bleiben gegenüber den Umarmungsversuchen diverser Sucker, ebenso, bei zu heftigem Liebeswerben oder gar parasitärem Verhalten, auch mal freundlich mit der Keule zu winken.

Um nun aber doch noch einmal die Frage aufzugreifen: Wozu ein Chaos-Tag?

Eigentlich ist es ganz einfach: Es treffen sich die Leute, die überall ausgegrenzt sind, vom Staat wie von seinen politischen Widersachern, weil sie sich nicht die Mühe machen, an der schönen neuen und bunten Welt von Morgen mitzubauen. Und die es sich nicht nehmen lassen, sich monatelang darauf zu freuen, Leute aus ganz Deutschland in Hannover zu treffen - und das auch zeigen. Halt eine Riesenfete, die natürlich einschließt, sich endlich mal NICHT alles gefallen zu lassen. Vom wem auch immer!

Und genau deshalb ist es auch KEIN "organisierter Krawall", auch wenn dies die Staatsmacht behauptet und die Automaten bedauern. Und dieses CHAOS, diese vermeintliche Schwäche, ist die eigentliche Stärke des Chaos-Tages: Daß man keiner Parole hinterherlaufen muß, daß hier WIRKLICH jeder selbst entscheidet, was zu vertreten ist, daß jeder einfach für sich selbst nach Hannover kommt! Der Chaos-Tag ist also KEINE Demonstration, die man ja verbieten könnte, sondern einfach nur der feste Wille, an einem Wochenende im Jahr in Hannover viele Leute zu treffen und dabei noch einen Haufen Schlagzeilen zu produzieren. So gesehen hat die Polizei konsequent gehandelt: Da es nichts gab, was man verbieten konnte, hat sie einfach die pure Existenz einer speziellen Gruppe Menschen als "Gefahr" definiert und alle Punks festgenommen. Das ist Punk-Rock pur, denn die lieben Mitmenschen und den Staat ein wenig dazu zu provozieren, die Sau rauszulassen, war schon immer ein beliebtes Punk-Hobby!!

Daß das Wiederaufleben des Chaos-Tages ein derartiger Hammer wird, hat dennoch niemand gedacht. Ich habe einen Chaos-Tages erlebt, der manche Rekorde gebrochen hat: den geringsten Sachschaden, die wenigsten Idioten, die ausgelassenste Stimmung, die größte Massenverhaftung und die durchgeknallteste Presse - all diese Dinge machen den Chaos-Tag 94 zum gelungensten Treffen, das ich bisher erlebt habe!

Es war wirklich fantastisch mitanzusehen, wie da ganze Horden witziger und korrekter Punk-Kids aufkreuzten - und ich auf der anderen Seite Gesichter sah, die ich nach all den Jahren fast schon vergessen geglaubt hatte. Mancher kam auch einfach mal aus purer Nostalgie vorbei und mußte erleben, wie der Punk wieder mit aller Macht in den Kopf schoß.

So ist´s mir auch ergangen, und bis zum Chaos-Tag war ich absolut davon überzeugt, daß Punk sein Pulver längst verschossen hat, daß das Schock-Potential schon lange verbraucht ist.

Das Gegenteil ist wahr! Es hat wohl selten eine bessere Zeit für Punk-Rock gegeben als heute - die beste Art der Sabotage, die man sich vorstellen kann. Und endlich wieder die Situation, daß die ganzen Klugscheißer es NICHT VERSTEHEN!

Punks, das sind in der Presse plötzlich nicht mehr die radikalen linken Hausbesetzer, die Aussteiger und "No-Future"-Anhänger, die Antifaschisten und Provokateure. All diese beschissenen Klischees, die Punk für ein paar Affen eine Zeitlang zur trendy Undergroundveranstaltung machten.

Nein, heute sind Punks die, die braven Bürgern die Glotze aus dem Fenster werfen; und solange die ganzen Klugschießer das glauben, hat man eine gute Chance auf viel Spaß und Verarschung. Um Himmels willen, laß sie bitte nichts verstehen!

Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf den Chaos-Tag 95 und verwette meinen Arsch, daß weitaus mehr Leute als dieses Jahr kommen werden - schon wegen der spaßigen Medienpropaganda, die ja selten versäumt hat, darauf hinzuweisen, daß es auch im nächsten Jahr wieder Chaos-Tage gibt.

In bunten Phantasien sehe ich eine ganze Stadt voller Punks, überall Bands, die von ihren fahrenden Bühnen herunterlärmen und alternativ dazu eine prima Massenverhaftung, für deren Unterbringung sich die Polizei schon jetzt einmal das Niedersachsenstadion sichern sollte...

Jaja, dämliche Bullen, geifernde Politiker, gackernde Jugendkenner und erregte Journalisten - ich freue mich schon jetzt auf euch! Ihr seid noch viel verwirrter als wir, und deshalb LASSEN WIR EUCH NACH UNSERER MUSIK TANZEN!

Karl Nagel

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  Ein Blick hinter die "Schutt-und-Asche"-Legende
Nach dem virtuellen Krawall um die Chaos-Tage 1994 gab es keinen Zweifel: Das schrie förmlich nach einer weiteren ZAP-Sonderausgabe!
Auf 60 Seiten erschien dann ein Überblick über die endlos bekloppten Medienreaktion sowie jede Menge Erlebnisberichte
. -kn-
 
 
   
 
 
 
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