Letzte Änderung: November 22 2005 13:22:10. - 625 Seiten archiviert
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Der erste Chaos-Tag
In den nächsten Wochen gab´s dann eine Enthüllung in der Presse, die alle Punks betraf: Die Bullen hatten in den letzten Monaten eine Kartei angelegt, in der sie gezielt Daten über die Punk-Szene sammelten, so daß sogar Datenschützer Bedenken bekamen.

Die hannoversche Punkszene war nun allerdings nicht so wehrlos wie die in Wuppertal, überließen Aktionen nicht ausschließlich der Polit-Szene: 3 Punks begannen, gegen ihre Eintragung in die Kartei zu prozessieren, und schon bald trafen wir uns, um eine größere Aktion zu organisieren.

Die Idee war, eine riesige Punk-Demo zu machen, zu der auch alle "Pseudo-, Mode, -Karnevals-, Pattex- und Disco-Punks" eingeladen waren, auf "daß der Polizei-Computer vor lauter ätzender Punk-Daten explodiere". Die schon vorhandenen Daten sollten so wertlos gemacht werden, für die Bullen sollte es unmöglich sein, herauszufinden, welche Punks nun "echt" waren oder nicht, das totale Chaos auf der Straße und bei der Polizei

Als wir nur noch ein zündendes Motto suchten und uns dabei die Köpfe heißredeten, war es Holy, der in bekannt herzhafter Art die Sache auf den Punkt gebracht: "Schluß mit dem Gequatsche, ist doch ganz einfach: Wir wollen Chaos, also is´ CHAOS-TAG!". So, jetzt wißt ihr wenigstens mal, wem ihr die schöne Bezeichung CHAOS-TAG zu verdanken habt...

In den folgenden Wochen ließen wir Unmengen von Flugblättern und Plakaten auf die Menschheit los, auf denen wir wie im Countdown den "Untergang Hannovers" beschworen. Sehr viel half uns wohl die DEAD-KENNEDYS-Tour, die gerade stattfand. Es gelang uns, irgendwie über die Reihen breitschultriger Ordner-Arschlöcher Kontakt mit dem DK-Schlagzeuger aufzunehmen, und kurze Zeit später war die ganze Band über die Sache informiert. Kurzerhand wurde der Song "Nazi-Punks - Fuck Off!" zu"Chaos Day- Chaos Day" umgetauft und Wolle wurde auf die Bühne geholt, um die Werbetrommel für unser Treffen zu rühren. Wolle fuhr dann auch den Rest der Tour mit, um auch in anderen Städten zum CHAOS-TAG einzuladen und schwärmte nach seiner Rückkehr vom Dopevorrat der Band, von "Riegeln so groß wie ´ne Tafel Milka-Schokolade"...

Als ich mich dann endlich am Tag der Tage, dem 18.12.82, zum Kröpcke, dem geplanten Treffpunkt, einfand, waren schon über 500 Leute da, also deutlich mehr als bei den schon ziemlich großen Treffs in Wuppertal. Die Stimmung war bestens und wurde noch besser, als im Laufe der folgenden Stunde die Anzahl auf 800 anschwoll.

Mitten drin eine Gruppe von ca. 20 Skins, die in erster Linie durch ihre lauten Gesänge auffielen und sich ansonsten bestens mit den Punks verstanden. Das lag in erster Linie daran, daß nach der "Schlacht" in der Kornstraße die englischen Skins dem Nazi-Boß was auf die Fresse gegeben und zusammen mit dem neuen "big man" Mario dafür gesorgt hatten, daß keine Attacken mehr stattfanden. Nach ihrer Ansicht sollte es sein wie in England:"OI for Punks, and OI for Skins!".

Die Polizei verhielt sich anfangs recht zurückhaltend, und alles sah nach einem lockeren Treffen auf. Als sich dann jedoch die Demo formierte, kam es zum üblichen Showdown. Der Einsatzleiter erklärte die Demo per Megaphon für aufgelöst, wegen "Sachbeschädigungen", womit wohl einzelne Flaschen gemeint waren, die hier und da zu Boden gingen.

Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, marschierte eine ganze Garde grüner Roboter mit Helm, Schild und Knüppel auf und begann die Demo auseinanderzutreiben. Sofort wurden sie mit einem Hagel von Flaschen bombardiert, und auch ein naheliegender Gemüsestand wurde geplündert und Birnen und Äpfel als Wurfgeschosse mißbraucht.

Nach einem harten Knüppeleinsatz verteilte sich die Demo in alle Richtungen. Kaufhäuser wurden mit Buttersäure beglückt, und vereinzelt gingen Scheiben zu Bruch. Am Steintor schließlich der Showdown: Die flüchtenden Punx & Bundesgenossen freuten sich über die Baustelle, die da auf ihrem Weg lag und bedienten sich der massig herumliegenden Steine...

Nach einer kurzen, aber heftigen Schlacht war der Spuk mit einem Mal vobei. Man zog sich in die Korn zurück, wo am Abend ein Konzert anstand...

Ansonsten war die Stimmung bestens: Es hatte keine Idioten-Aktionen gegeben, und die Schlagzeilen waren uns sicher. Aber trotzdem war es nicht das gewesen, was wir geplant hatten: Wir wollten eigentlich keine "Schlacht mit der Polizei", sondern in erster Linie das totale Chaos in der City, über Stunden hinweg. So aber war nach einem kurzen Treffen die Sache eskaliert und zerschlagen worden.

Karl Nagel

weiter ...

 

 
  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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