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In den nächsten Wochen gab´s
dann eine Enthüllung in der
Presse, die alle Punks betraf:
Die Bullen hatten in den letzten
Monaten eine Kartei angelegt,
in der sie gezielt Daten über
die Punk-Szene sammelten, so daß
sogar Datenschützer Bedenken
bekamen.
Die hannoversche Punkszene war
nun allerdings nicht so wehrlos
wie die in Wuppertal, überließen
Aktionen nicht ausschließlich
der Polit-Szene: 3 Punks begannen,
gegen ihre Eintragung in die Kartei
zu prozessieren, und schon bald
trafen wir uns, um eine größere
Aktion zu organisieren.
Die Idee war, eine riesige Punk-Demo
zu machen, zu der auch alle "Pseudo-,
Mode, -Karnevals-, Pattex- und
Disco-Punks" eingeladen waren,
auf "daß der Polizei-Computer
vor lauter ätzender Punk-Daten
explodiere". Die schon vorhandenen
Daten sollten so wertlos gemacht
werden, für die Bullen sollte
es unmöglich sein, herauszufinden,
welche Punks nun "echt" waren
oder nicht, das totale Chaos auf
der Straße und bei der Polizei
Als wir nur noch ein zündendes
Motto suchten und uns dabei die
Köpfe heißredeten,
war es Holy, der in bekannt herzhafter
Art die Sache auf den Punkt gebracht:
"Schluß mit dem Gequatsche,
ist doch ganz einfach: Wir wollen
Chaos, also is´ CHAOS-TAG!".
So, jetzt wißt ihr wenigstens
mal, wem ihr die schöne Bezeichung
CHAOS-TAG zu verdanken habt...
In den folgenden Wochen ließen
wir Unmengen von Flugblättern
und Plakaten auf die Menschheit
los, auf denen wir wie im Countdown
den "Untergang Hannovers" beschworen.
Sehr viel half uns wohl die DEAD-KENNEDYS-Tour,
die gerade stattfand. Es gelang
uns, irgendwie über die Reihen
breitschultriger Ordner-Arschlöcher
Kontakt mit dem DK-Schlagzeuger
aufzunehmen, und kurze Zeit später
war die ganze Band über die
Sache informiert. Kurzerhand wurde
der Song "Nazi-Punks - Fuck Off!"
zu"Chaos Day- Chaos Day" umgetauft
und Wolle wurde auf die Bühne
geholt, um die Werbetrommel für
unser Treffen zu rühren.
Wolle fuhr dann auch den Rest
der Tour mit, um auch in anderen
Städten zum CHAOS-TAG einzuladen
und schwärmte nach seiner
Rückkehr vom Dopevorrat der
Band, von "Riegeln so groß
wie ´ne Tafel Milka-Schokolade"...
Als ich mich dann endlich am
Tag der Tage, dem 18.12.82, zum
Kröpcke, dem geplanten Treffpunkt,
einfand, waren schon über
500 Leute da, also deutlich mehr
als bei den schon ziemlich großen
Treffs in Wuppertal. Die Stimmung
war bestens und wurde noch besser,
als im Laufe der folgenden Stunde
die Anzahl auf 800 anschwoll.
Mitten drin eine Gruppe von ca.
20 Skins, die in erster Linie
durch ihre lauten Gesänge
auffielen und sich ansonsten bestens
mit den Punks verstanden. Das
lag in erster Linie daran, daß
nach der "Schlacht" in der Kornstraße
die englischen Skins dem Nazi-Boß
was auf die Fresse gegeben und
zusammen mit dem neuen "big man"
Mario dafür gesorgt hatten,
daß keine Attacken mehr
stattfanden. Nach ihrer Ansicht
sollte es sein wie in England:"OI
for Punks, and OI for Skins!".
Die Polizei verhielt sich anfangs
recht zurückhaltend, und
alles sah nach einem lockeren
Treffen auf. Als sich dann jedoch
die Demo formierte, kam es zum
üblichen Showdown. Der Einsatzleiter
erklärte die Demo per Megaphon
für aufgelöst, wegen
"Sachbeschädigungen", womit
wohl einzelne Flaschen gemeint
waren, die hier und da zu Boden
gingen.
Um dieser Forderung Nachdruck
zu verleihen, marschierte eine
ganze Garde grüner Roboter
mit Helm, Schild und Knüppel
auf und begann die Demo auseinanderzutreiben.
Sofort wurden sie mit einem Hagel
von Flaschen bombardiert, und
auch ein naheliegender Gemüsestand
wurde geplündert und Birnen
und Äpfel als Wurfgeschosse
mißbraucht.
Nach einem harten Knüppeleinsatz
verteilte sich die Demo in alle
Richtungen. Kaufhäuser wurden
mit Buttersäure beglückt,
und vereinzelt gingen Scheiben
zu Bruch. Am Steintor schließlich
der Showdown: Die flüchtenden
Punx & Bundesgenossen freuten
sich über die Baustelle,
die da auf ihrem Weg lag und bedienten
sich der massig herumliegenden
Steine...
Nach einer kurzen, aber heftigen
Schlacht war der Spuk mit einem
Mal vobei. Man zog sich in die
Korn zurück, wo am Abend
ein Konzert anstand...
Ansonsten war die Stimmung bestens:
Es hatte keine Idioten-Aktionen
gegeben, und die Schlagzeilen
waren uns sicher. Aber trotzdem
war es nicht das gewesen, was
wir geplant hatten: Wir wollten
eigentlich keine "Schlacht mit
der Polizei", sondern in erster
Linie das totale Chaos in der
City, über Stunden hinweg.
So aber war nach einem kurzen
Treffen die Sache eskaliert und
zerschlagen worden.
Karl Nagel
weiter
...
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