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Es geht los: Die ersten Treffs!

Am 13. Februar 1982 war es endlich soweit: Mit über 70 Leuten trafen wir uns am Wuppertaler Brunnen. Und obwohl das Mißtrauen zwischen den verschiedenen Gruppen anfangs ziemlich groß war, wurde es ein erfolgreicher Tag. Das Eis begann zu tauen, als mich bei einer lockeren KAUFHOF-Besichtigung zwei Kaufhausdetektive abzugreifen versuchten und ein Skin und ein Ted den beiden schnell klarmachten, was Sache war. Gestärkt durch diesen Erfolg, zogen wir johlend durch die Fußgängerzone. Nach einigen schnellen ordnungspolitischen Maßnahmen bei McDonalds gings zurück zum Bahnhof, und als sich unsere Reihen schon zu lichten begannen, kam es zum grandiosen Finale: Eine Gruppe von 20 Prolls, teilweise behelmt und mit Knüppeln bewaffnet, formierte sich in 50 Metern Entfernung.

Totti, der verrückteste Punk, der mir jemals begegnet ist, und Nico liefen sofort mit lautem Gebrüll auf die Bande zu und ermunterten so den Rest von uns, daß es hier was klarzumachen galt. Der Spuk fand ein schnelles Ende, die Prolls nahmen Reißaus, die City gehörte uns.

Das sah die Polizei leider etwas anders, und so durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Gefängniszelle von innen kennenlernen.

Nach dieser gelungenen Premiere war jedem klar: NOCHMAL!!!

In den folgenden Monaten nahm die Punk-Szene einen Aufschwung, den keiner für möglich gehalten hatte. An jedem langen Samstag gab es die von Monat zu Monat größer werdenden Treffs in der City, und die Polizei wurde immer nervöser. Aber auch die Anzahl der Punks, die sich in Tag für Tag in der City trafen, wurde immer größer. Punk war DAS Thema im Tal, und wie es bei Trends leider so ist, traten auch immer mehr peinliche Gestalten auf den Plan. Denn auch die Gruppe der schnüffelnden Pattex-Punks nahm zu, ebenso gab es immer mehr völlig schwachsinige Aktionen.

Aber irgendwie nahm man das in Kauf, weil es einfach SPASS machte, Punk zu sein. Und tatsächlich muß ich zugeben, daß das Geräusch auf dem Pflaster zersplitternder Bierflaschen damals in meinen Ohren durchaus eine gewisse Erotik hatte...

Beim vierten Punk Treffen im Mai 82 kam uns schließlich die Idee, dem gleichzeitig stattfindenden SPD-Parteitag doch einen kleinen Kondolenzbesuch abzustatten, und das brachte ein Faß ins Rollen, das zu den absoluten Höhepunkten, aber auch zum Ende der Punk-Welle führte: Die Polizei nahm kurzerhand das ganze Punktreffen fest, und ich kann Euch sagen, es war eine verdammt gute Party im Zellentrakt! Ein infernalischer Lärm klang durch die Gänge, es wurde gejohlt, gesungen und gegen die Türen gehämmert. Die Wärter waren mit ihren Nerven ziemlich am Ende.

Es war also durchaus eine gelungene Aktion, zumal keiner von uns eine Anzeige bekam, da wir ja auch gar nichts gemacht hatten. Auf die Weise hatten uns die Bullen aber ein paar nette Argumente geliefert, die für die Mobilisierung zu einem richtig großen Treffen reichen sollten. Welcher anständige Punk verspürte da nicht Lust, mal soviel Leute zusammenzubekommen, daß sie nicht so einfach festgenommen werden konnten!Also entwarf ich ein fetziges Flugblatt, in dem ich die Ungerechtigkeiten dieser Welt anprangerte, und verschickte es massenhaft durchs ganze Land.

Am 5. Juni 1982 kam es schließlich zu dem legendären Treffen, das die Luft zum Kochen brachte...

Es war ein ziemlich heißer Tag, und als icham Bahnhof ankam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Über 300 bunte Gestalten hingen am Brunnen herum oder lagen in der Sonne. Dazu eine total nervöse Polizei, die absolut nicht wußte, was da geschah. Die Stimmung war völlig locker, überhaupt nicht aggressiv. Eine Unmenge von mir völlig unbekannten Figuren, und so fragte ich ein Monster von Skin, wer er denn sei. Er grinste mich an, stellte sich mit"Karl Knecht" vor und verschwand wieder in der Menge. Wie ich später erfuhr, war das Willi Wucher, damals schon eine kleine Legende und gerade am Beginn seiner dunklen Skin-Periode.

Als wir uns schließlich zu einem Zug formierten, um durch die Stadt zu ziehen, griff die Polizei ein: Rund 20 Bullen ohne Helm stellten sich uns in den Weg, und schon bald war eine heftige Schlacht im Gange. Die Polizei zog dabei zunächst den kürzeren, und die ganze Meute rannte johlend los. Ein kurzes Intermezzo: Massenpogo zu einer Straßenmusikgruppe.

200 Meter weiter schlug die Polizei dann umso härter zu: Mit aggressivem Hundeeinsatz und totalem Schlagstockeinsatz wurde die Punk-Menge schließlich auseinandergetrieben, aber das Treffen war noch nicht zerschlagen. Wir trafen uns schließlich (fast) alle wieder in einem Park in Citynähe, wo wir den Rest des Tages in der Sonne verbrachten.

Es war der Tag der Gerüchte und Geschichten: Man erzählte sich von einem Skin, der einem am Boden liegenden Polizisten so heftig mit seinen Stahlkappen-Doc Martens ins Gesicht getreten hatte, daß es knackte; ein kleiner Junge erzählte stolz, daß er später auch Punk werden wolle und daß er gesehen habe, wie so ein Riesenpunk einen Bullen voll gegen die Wand gehämmert hätte. Günter Gruse, unser 36jähriger Punk-Senior aus Düsseldorf, war nur mit knapper Not einem bissigen Polizeihund entkommen...

Aber wir hatten alle ein ganz übles Gefühl: Der Gegenschlag der Polizei war gewiß, und allen war klar, daß eine schwere Zeit für die Punks und Skins im Tal angebrochen war.

Die nächsten Wochen aber geschah gar nichts. Aber ab dem nächsten Treffen im Juli ging es dafür umso härter zur Sache. Es waren noch mehr Punks da als den Monat zuvor, und die Polizei wollte nun dem Spuk ein Ende machen. Alle vermeintlichen oder tatsächlichen Rädelsführer wurden im Vorfeld abgegriffen, und so durfte ich mal wieder einen Tag in der Zelle verbringen.

Das Treffen selbst wurde von der Polizei umstellt und jede kaputte Bierflasche durch harten Einsatz geahndet. Wie mir erzählt wurde, kamen sich die Punks wie in einem kleinen KZ vor. Wer sich irgendwie auf eine Weise rührte, die der Polizei nicht paßte, hatte Schlagstock, Hundebisse und anschließende Festnahme zu erwarten, wobei die Prügel für viele in den Zellen eine weitere Fortsetzung fand.

Und hinter den Polizeiketten die keifende Bürgermeute, die lauthals die schlimmsten Folterungen und Todesarten für die Punks einforderte.

Als man mich wieder aus dem Knast rausließ, erwartete mich der nächste Schock: Mein Wohnungsschlüssel paßte nicht mehr, weil die Bullen wegen einer Hausdurchsuchung das Schloß geknackt hatten. Geplant war dabei gewesen, mich direkt festzunehmen, was aber nicht klappte, weil ich die Nacht bei meiner Freundin verbracht hatte. Totale Panik bei dem Gedanken, ob ich irgendwas in der Wohnung gehabt hatte, was mich hinter Gitter bringen könnte. Und Freude bei dem Gedanken an die tote Ratte, die schon seit zwei Wochen in einem Müllsack im Keller gelegen hatte - und der jetzt im Polizeipräsidium auf die Untersuchung wartete...

Aber die nächsten Wochen killten auch den letzten positiven Gedanken: Ich erfuhr, daß in Streifenwagen mein Bild bereitlag, damit auch der dümmste Bulle mich bei einer etwaigen Straftat identifizieren konnte, und wenige Tage später ging es auch schon los: Zwei Bullen kreuzten bei mir auf, um mich wegen Vergewaltigung festzunehmen. Glücklicherweise hatte ich ein Alibi für die Zeit - wer weiß, ob ich mich sonst jetzt als potentieller Vergewaltiger verstecken müßte - immer in Furcht vor rabiaten Feministinnen, denen die Anschuldigung der Polizei ausreicht, um "Schwanz ab" zu fordern...

Aber das war´s noch lange nicht, Wuppertal wurde zum totalen Brechreiz für mich: Der Pattexkonsum steigt in unerreichte Höhen, ebenso die Dummheit; Skins und Punks attackieren hungerstreikende Türken und lassen sich von NPD-Jungnazis zum Bier einladen, Skins auf dem NPD-Parteitag, Nico, der mich in den Schwitzkasten nimmt, weil ich keine Lust mehr habe, mich von der Polizei wegen solcher Dünnschiß-Aktionen abgreifen zu lassen, eine Freundin, die mit einem anderen durchbrennt und zu guter Letzt ein Zivildienst, der von mir verlangt, die Haare abzuschneiden und mich aufgrund meiner Weigerung vom Dienst suspendiert. Die Versetzung nach Hinterbayern droht...

Es blieb nur die Flucht nach vorn: Ich suchte mir die Stadt für meine neue Zivildienststelle und bekam so einen Platz im Krankenhaus Siloah, Hannover. Da sollte es ja angeblich Unmengen von korrekten Punks geben, und die braven Bürger waren angeblich vertraut mit diesem bunten Phänomen.

Was lag also näher, als sich zu verpissen und die Luft rauszulassen aus dem Ballon, den wir zwar kunstvoll aufgeblasen hatten, aber der mir einfach eine Nummer zu groß geworden war?

Endlich weg von diesem total beschissenen Kotzbrocken Wuppertal, weg von dieser hirnlosen Szene. Sollten sie doch an Langeweile sterben ohne ihre Vorturner. Daß diese Pattexnasen und Nazideppen kein Konzert, geschweige denn Flugblätter und Plakette für Treffen aufdie Reihe kriegten, war eh klar, und für Mundpropaganda schien das Sprachzentrum leider auch nicht gut genug entwickelt. VERRECKT! VERRECKT! VERRECKT!

Karl Nagel

weiter ...

 

 
  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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