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Punk 1985-87: Nach der
Katastrophe des letzten CHAOS-TAGES
zerfällt der aktive Teil der
Szene mit rasanter Geschwindigkeit.
Viele von ihnen setzen nun endgültig
auf US-Einflüsse, weil sie
nicht länger einsehen wollen,
bei dieser Massierung von Dummheit
mitzumachen. Der Ami-Hardcore oder
auch die italienische Szene scheint
da Alternativen zu bieten. Der Versuch
in diesen Szenes, wirklich positive
und menschenwürdiger Strukturen
zu schaffen, imponiert.
Andere wiederum steigen in die
erste "Crossover"-Welle ein, der
Versuch einer Fusion von Heavy Metal
und Punk.
Im Zuge dieser Internationaliserung
gehen immer mehr Bands dazu über,
US-Einflüsse zu übernehmen
und auch englische Texte zu schreiben.
"Straight Edge", "Slam Dance" und
"Positive Mental Attitude" werden
geflügelte Worte.
So geschieht es, daß die
Punk-Szene im Laufe der nächsten
zwei Jahre fast ihre komplette "erste
Reihe" an Musikern, Fanzinemachern
und anderen Aktiven an die aufstrebende
Hardcoreszene veliert.
Das HACKFLEISCH-Fanzine als
ein Spiegel der letzten vergeblichen
Versuche, dieser Entwicklung etwas
entgegenzusetzen, wird Anfang 1987
eingestellt, während im Juni
1986 die erste Ausgabe des TRUST
als Ausdruck der neuen Kräfte
erscheint.
Die dunkelste Zeit der deutschen
Punk-Szene beginnt...
Wie konnte es nach der Katastrophe
des CHAOS-TAGES weitergehen? Es
begann eine Zeit, in der man einfach
irgendwie weitermachte, ohne jede
Euphorie, Tage, die einfach nur
verstreichen. Es war zum Heulen.
Ich hatte eigentlich immer das Gefühl,
daß ich Punk alles verdankte,
daß er wirklich mein Leben
gerettet hatte. Heraus aus der eintönigen
Scheiße des normalen Lebens,
heraus aus der Einsamkeit, in der
ich vorher steckte. Die ständige
Revolution, unaufhörlich fielen
die Mauern, es gab keine Grenzen.
Das war nun vorbei. Im Gegenteil,
ich hatte das Gefühl, daß
die Mauern täglich wieder
ein Stück näherrückten.
Ich bekam regelrechte Kontaktschwierigkeiten,
weil mich auf der einen Seite
die "Normalbürger" wegen
meines Äußeren für
eine kaputte Figur hielt, ich
aber auf der anderen Seite irgendwie
das Bild eines Leithammels abgab.
Die Freiheit, einfach das zu tun,
was ich wollte, ging mir völlig
abhanden, ich kam mir wie eine
Wachsfigur vor.
Das Gefühl, daß mich
beim Anblick einer da-hinsterbenden
Szene überkam, war schließlich
so stark, daß ich mir nur
noch mit der totalen Gegenattacke
zu helfen wußte: Es brach
die Zeit der HACKFLEISCH-Fanzines
an. Hefte, die auf der einen Seite
den Niedergang der Szene und anderseits
meine persönliche Wut und
Depression ganz gut widerspiegeln.
Ich hatte jede Zuversicht verloren
und wußte keinen Ausweg
mehr aus dieser Sackgasase. Verschlimmert
wurde die Situation noch dadurch,
daß es tatsächlich
Leute gab, die zeigten, daß
es auch anders ging. In Süddeutschland
gab es die erste Hardcore- und
Slamdance-Welle, Straight Edge
wurde zum Kultbegriff. Das hätte
für mich eigentlich die ideale
Sache sein müssen. Schließlich
war ich schon immer in der Szene
dadurch aufgefallen, daß
ich meine Finger von Alkohol und
anderen Drogen ließ.
Aber ich WOLLTE einfach nicht
meine Punk-Roots aufgeben. Es
war irgendsoeine komische Art
von Treue, die ich heute selbst
noch kaum verstehen kann.
1986 startete ich noch einmal
einen persönlichen Befreiungschlag,
um noch mal richtig einen draufzusetzen:
Ich halbierte mein Outfit genau
in der Mitte: Auf der rechten
Seite braver Bürger, auf
der linken Punk. Also: halber
Bart, halbierte Frisur, halber
Schlips, zusammengenähte
Hosen, Shirts und Hemden sowie
zwei verschiedene Schuhe. Ich
hatte meinen Höllenspaß,
es war wirklich prima, aus der
normalen Punk-Kluft wieder herauszukommen
und wieder mehr der eigenen Phantasie
zu vertrauen.
Das sahen andere Punks ganz anders
und kritisierten, ich wolle ja
nur "auffallen". Na, klar, das
bringt doch erst den Kick. Nur:
Unter Punks darfst Du natürlich
auch wieder nicht auffallen, da
ist dir die Ablehnung der Punk-Spießer
gewiß!
Das Jahr machte mir endgültig
klar, daß diese Szene nichts
mehr mit dem zu tun hatte, was
ich einmal wollte. Punk-Konzerte
wurden zu einem Horrortrip. Ich
bekam einen regelrechten Haß
gegen die dort versammelte Punk-Meute.
Die Szene hatte sich selbst völlig
kastriert; alles dreht sich nur
noch um ein Thema: Nazis. Deutscher
Punk verkam zu einer endlosen
Wiederholung immergleicher Phrasen
gegen Bullen, Nazis und Spießer,
gepaart mit hemmungslosem Saufkult.
Wenn das Punk war, war ich jedenfalls
keiner. Schließlich hatte
ich schon als Jugendlicher den
langsamen Verfall meines Vaters
mitansehen müssen, der Alkohol
hat ihn schließlich auch
ins Grab gebracht. Auf der anderen
Seite hätte ich nicht Punk
werden müssen, um Antifaschist
zu sein. Das kann man bequemer
und ungefährlicher haben.
Ich wußte absolut nicht
mehr, weshalb ich so rumlief.
All die Gründe, die damals
den Ausstieg aus meinem normalen
Lebenveranlassten, konnte ich
nun problemlos auf die Punkszene
anwenden: Mein Leben war total
festgefahren, kein Ausweg sichtbar.
Ich fühlte mich eingekesselt
durch Vorschriften, was ich zu
tun und zu lassen hatte.
So MUSSTE man als echter Punk
mittlerweile Antifaschist sein!
Eigenes Verstehen war da egal.
Wo aber blieb der Spaß,
die Lebensfreude, die Power, eigene
Ideen zu entwickeln? Nicht nur
plattes Nachplappern linker Parolen,
die auch nicht origineller werden,
wenn sie mit einem Edding-Stift
auf eine Punk-Jacke geschmiert
sind!
Wir versumpften mehr und mehr
im Ghetto, und auch die paar Aktionen,
die wir im APPD-Freundeskreis
noch starteten, konnten daran
nichts ändern. Erwähnenswert
vielleicht noch das APPD-Manöver
und mit Sicherheit der APPD-Parteitag
in München.
Die Münchener Sektion der
APPD war schon in den Jahren zuvor
eine der aktivsten gewesen. Die
dortige Szene war reich an Originalen,
alle tätowiert bis zur Halskrause:
Erich Zander, der seine herumtollenden
Punk-Schafe immer wieder mit sanfter
Gewalt auf den rechten Weg brachte,
Mike Baron von Liechtenstein,
der es sich nicht nehmen ließ,
hier und da im besoffenen Kopf
Fahrscheinautomaten zu vögeln
und hochnäsige Damen anzupinkeln,
Lepra, Sänger der Ausgebombten
und Hassobjekt aller Feministen
sowie der HC-Fraktion.
Auf dem Parteitag feierten wir
noch einmal in bester CHAOS-TAG-Tradition
bei strahlendem Sonnenschein (wie
bei allen CHAOS-TAGEN!!!). Und
irgendwie feierten wir den Untergang
des Punk, wie wir ihn gekannt
hatten.
Allerdings mache ich es mir nicht
so einfach, zu glauben, selbst
nichts zu diesem Untergang beigetragen
zu haben! Schließlich war
ich doch anfangs selbst einer
der Hippie-Punks gewesen, die
Punks als Ausführung links-autonomer
Ideen gesehen hatten. Der sich
für die Politisierung der
Szene stark gemacht hatte. Der
es zur Punk-Pflicht erklärt
hat, auf antifaschistischen Demos
mitzulatschen und all die Parolen
vorexerziert hat, die dann so
eifrig nachgeplappert wurden.
Daß dabei soviel wertvolle
Power und Originalität unwiderbringlich
zerstört wurde - was "politisch
bewußte Menschen" gern als
"apolitsche Grundhaltung" bezeichnen
- wurde mir erst klar, als es
zu spät war. Als mir die
Erkenntnis langsam dämmerte,
hätte ich mich selbst stundenlang
ohrfeigen können. Doch vorbei
ist vorbei...
Ende 1987 war es dann auch für
mich soweit: Die Band MORBID OUTBURST,
die aus den ALTEN KAMERADEN hervorgegangen
war, löste sich auf, und
gleichzeitig faßte ich den
Entschluß, meine Nietenjacke
in den Schrank zu hängen.
Die Hardcore-Idee war nun endgültig
in meinen Schädel eingesickert,
daß ich bereit war, an eine
neue Alternative zu glauben.
Karl Nagel
weiter
...
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