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Moses On The Punk
Punk 1980: Das erste große Jahr des Streetpunk, Hamburg, Berlin & Duisburg sind die Hochburgen. Nachdem es im Jahr zuvor schon in Bochum die ersten Punk-Treffs gegeben hatte, findet am 15.März in Duisburg das erste von Willi Wucher organisierte Punktreffen statt, das sich von da an bis Jahresende jeden langen Samstag wiederholt. Die Punks lassen kräftig die Sau raus, bis schließlich die Polizei hart durchgreift und dem Spuk ein Ende macht.

In Hamburg geht es noch eine Spur härter zur Sache: Das Karo-Viertel ist Szenehochburg, und während die Punks sich im Jahr zuvor noch als "Faschisten" beschimpfen lassen mußten, bezeichnet sie nun die Zeitung des "Kommunistischen Bundes" als "autonome Linke". Es gibt aber tatsächlich Nazi-Punks, und Bindeglied ist hier ein Punk, der gleichzeitig Mitglied von Michael Kühnens Hansa-Bande ist. Nach einem Überfall von Autonomen und linken Punks trennt sich die Spreu vom Weizen, die Nazis werden aus der Szene geprügelt.

Ende 1980 eskaliert die Situation: Nach Krawallen bei einer Anti-Strauß-Demo und einer gemeinsam mit Teds veranstalteten Popper-Jagd in Hamburg-Pöseldorf setzt ein Polizeiterror ein, der sich gewaschen hat: Punks werden willkürlich verhaftet, mißhandelt und in der Lüneburger Heide ausgesetzt. Das Karo-Viertel wird punkfrei gemacht.

So kristallisieren sich die Themen heraus, die bald schon auf jeder Punk-Platte Pflicht sind: Nazis und Bullen sind nicht gerade beliebt.

Bis zum Alter von 15 Jahren verlief mein Leben in den geregelten Bahnen eines ganz normalen 70er Jahre Teenagers, den der Krieg zwischen BAY CITY ROLLERS und SMOKIE Fans nicht sonderlich interessierte und für den LEIF GARRET nicht Gott war.

Und doch gab es ein paar Ausgangspunkte, die die Tatsache ab Frühjahr 1980 mit selbst geschneiderter Frisur durch die Gegend zu laufen begünstigten. Ich wurde zwar äußerlich von einem zum anderen Tag als Punk erkennbar, innerlich ging diesem Schritt allerdings eine längere Entwicklung voraus.

In meiner Klasse, am "Mädchen - Gymnasium" war ich das einzige Kind aus einer Arbeiterprollfamilie und fühlte mich dementsprechend früh bereits als eine Art Underdog.

Ich kam mir vor, wie einer aus einer anderen Welt, der es geschafft hatte in eine Welt vorzudringen, in die er eigentlich nicht hineingehörte. Ich bemerkte früh, daß diese Welt gar nicht so war, wie sie uns als Kind geschildert wird und daßhinter der Fassade aus Konsum und angeblicher Demokratie ein gewaltiger stinkender Scheißhaufen auf mich wartete, in den ich nur noch hineintreten mußte.

So sensibilisiert sog ich die Nachrichten in mich auf und nahm jedes negative Zeitgeschehen, wie beispielsweise die Schweinereien rund um die Startbahn West begierig auf, um mir immer wieder selbst zu versichern, daß hier mächtig die Scheiße am Dampfen ist.

Ich war DAGEGEN, das was hier als normal galt war nicht meine Welt. Ungerechtigkeit und Profitgier, Falschheit und Intoleranz schienen die Stützen dieser Gesellschaft. Ich spürte Hass und den Willen auszubrechen.

Aber wie sollte ich meine Opposition Äußern? Ganz sicher nicht indem ich den rechten Arm hob und nach einem starken Führer brüllte, dazu hatte ich mir schon zuviele Gedanken gemacht.

In meiner Dorf - Mofaclique ging es höchstens darum, wie man die MK2 auf 100 frisieren konnte, wer wann wieviel gesoffen hatte, wer mit wem geknutscht oder wo die nächste Party war. Totale geistige Leere.

Die örtliche Protestbewegung bestand aus einem Haufen Hippies, die zwar im Jugendzentrum aktiv, ansonsten aber wenig attraktiv waren, immer einen absoluten Kult um das Beschaffen von ein paar Krümeln Hasch machend. Ich wollte weder so aussehen wie die, noch deren beschissene Musik hören, außerdem waren sie von der Gesellschaft voll akzeptiert. Wer störte sich 1980 noch an langen Haaren oder Blumenkinderoutfit. Das, wofür die ersten Hippies noch fast oder richtig gesteinigt wurden, war längst akzeptiert. Es mußte was Neues her.

In Spiegel, Stern und anderen Illustrierten hatte ich gelesen, daß es in England etwas Neues geben sollte. Punk. Punks waren gegen alles und eigentlich war ich auch gegen alles. Ergo mußte ich Punk sein. Ich war mir nur noch nicht ganz im klaren wie ich das meine Umwelt wissen lassen sollte.

Außerdem hörten die Punks total geile Musik. Bisher hatte ich mich mit AC / CD hochgepusht aber die SEX PISTOLS waren noch wesentlich härter, außerdem hatten sie die besseren Texte. Ich begann mir so gut es ging, ein paar Scheiben zuzulegen die auch nur im entferntesten irgendwas mit Punk zu tun haben sollten.

Die Musik spielte für mich jedoch immer eine untergeordnete Rolle. Viel stärker war das Lebensgefühl ein "Total Reject" sein zu wollen.

Irgendwann im Winter 79 /80 erkrankte ich ziemlich übel an einer verschleppten Lungenentzündung und nippelte deswegen fast ab. Ans Bett gefesselt hatte ich jede Menge Zeit zum Nachdenken und mir wurde bewußt, daß ich bisher eigentlich noch nicht viel los gemacht hatte und daß ich mein Leben etwas intensiver gestalten sollte, falls ich wieder gesund werden würde.

Ich sprang dem Tod mehr oder weniger elegant von der Schippe und da ich gerade Zoff mit einem Hippielehrer hatte griff ich eines Nachmittags zur Schere, schnitt mir eine punkige Frisur und stellte meine Haare mittels Rasierschaum in alle Himmelsrichtungen.

So blickte mich aus dem Spiegel der erste leibhaftige Punk an, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Ich war zufrieden und die Reaktionen waren hervorragend. Wirklich jeder erkannte, daß ich nicht so war wie der Rest. Ich war gegen ihre Normalität und das war unübersehbar.

Ausgerüstet mit einer häßlichen Lederjacke, Hundehalsband und Springerstiefeln fuhr ich mit der Bahn nach Saarbrücken, weil ich von Bekannten gehört hatte, daß es dort angeblich Punks geben sollte.

Ich lief durch die glitzernde Einkaufspassage. Die Bürger glotzten mich an.

Am Karstadt angekommen standen dort tatsächlich zwei Typen mit grünen ! Haaren. Das war der Hammer. Echte Punks! Zum ersten Mal sah ich zwei echte Punks. Ich bekam weiche Knie und ging dann doch auf die Jungs zu . Sie schüttelten mir sofort die Hand, so als wären wir schon ewig die besten Freunde, eine Familie. Ich stellte mich mit "Moses" vor und das gefiel ihnen, denn Punks hatten keine bürgerlichen Namen mehr, die wurden bei Eintritt in die Punkszene abgelegt wie eine alte Jacke, stattdessen schlurften plötzlich hunderte von SID'S, AMOK's oder CHAOS' durch die Innenstädte.

Die beiden Punks waren wesentlich älter als ich, schon ca. 20, mit Lehrstelle und immer noch Punk. Das imponierte mir und dann noch diese grünen Haare. Total geil ! Auch ansonsten bestens nach englischen Vorbildern gestylt. Wahnsinn ! Außerdem soffen sie keinen Alkohol und verabscheuten Hippies und Kiffen, wie ich nach wenigen Minuten herausfand. Wir unterhielten uns nett und gingen dann Richtung HBF, weil ich wieder nach Hause mußte. Der Weg dorthin war ein Erlebnis. Wir waren die Attraktion im Tag der Büro- und Einkaufsmenschen. Die meisten lachten uns aus, andere warfen uns verhaßte drohende Blicke zu, viele waren verunsichert. Gemeinsam war allen, daß sie spürten, daß wir nicht zu ihnen gehören WOLLTEN ! Sie wußten nichts über uns, sie wußten nicht was wir wollten, wieso wir so rumliefen. Viele sahen unser bloßes Auftreten als einen Ausbruch, den sie sich selbst nicht wagten. Andere sahen erst durch unser Auftauchen und das Niederreißen der Normalität, ihre eigenen eng gesteckten Grenzen in denen sie gefangen waren, reagierten aggressiv.

Wir wollten anders sein und das war uns gelungen. Ich war mächtig stolz mit den beiden echten Punks durch die Straßen laufen zu dürfen und ich spürte, daß ich jetzt einer von ihnen war. Punk, mit allen Konsequenzen. Im Alter von 16 Jahren begann mein Leben. Jede Menge Abenteuer warteten auf mich.

Moses

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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