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Wie fändest Du es, in dem
Gefühl zu schwimmen, daß
um dich herum alle Mauern fallen,
Du endlich das alles tun kannst,
wovon du immer geträumt hast.
Und das alles mit völlig
nüchternem Kopf. Das gibt
es nicht, sagst Du? Völlig
falsch. Ich hab´s erlebt
und bis heute nicht verstanden,
wie es funktioniert: Punk hieß
das Zauberwort, das mein Leben
von Grund auf verändert hat.
Ich fand zu Jesus, und er hat
meinem Leben einen Sinn gegeben...
halt... das ist der falsche Film...
Aber es war halt so, daß
ein unsicherer, unglücklicher,
ganz schön verhaltensgstörter
Peter Altenburg im September 1981
seinen Job hinschmiß, sich
eine Lederjacke besorgte, diese
und sich selbst auf phantastische
Weise verunstaltete, um sich fortan
nur noch Karl Nagel zu nennen.
Das Gefühl: Aus Clark Kent
wird Superman! Und so wollte ich
nur noch eines: Fliegen!!!
Es folgte die umwälzendste
Zeit in meinem Leben, in der ich
öfters auf die Fresse bekam,
seltener austeilen durfte und
dabei gelernt habe, daß
ein intensives Leben in diesem
verbohrten Land möglich ist,
wenn man sich nicht auf die perverse
Lebenslogik diverser kleiner &
großer Diktatoren einläßt.
Alles ist offen, und kein Linker,
Rechter, Vorgesetzter oder Bundestrainer
oder -kanzler hat den Superbonus,
hat das jüngste Gericht auf
seiner Seite.
Selbstverständlich auch
keine seligmachende Punk-Ideologie,
und als die Erstarrung der Szene
und mein eigener Würgreiz
zu groß wurden, es mir einfach
keinen Spaß mehr machte,
Punk zu sein, habe ich schnell
das Weite gesucht.
Aber das Kapitel "Punk-Rock"
habe ich nie wirklich zugemacht,
weil mich dieser jahrelange Adrenalinschock
süchtig gemacht hat. Davon
erholt man sich nie.
Ansonsten verdichten sich die
Anzeichen, daß ich allmählich
zu alt für neue Trends werde.
Und bevor ich mich dazu zwinge,
MTV & VIVA-Terror sowie Techno-Suck
bei laufendem Gehirn auszuhalten,
besinne ich mich lieber auf das,
was mich geprägt hat. Die
Punk-Musik selbst hat mir dabei
eigentlich nie so sehr viel bedeutet,
das "Streetfeeling" gab den eigentlichen
Kick.
Ich weiß natürlich,
daß trotz aller Nostalgie
eine Rückkehr nicht möglich
ist. Klar, in meinen kleinen bunten
Träumen stelle ich mir immer
noch eine tolle Punkszene vor,
mit Leuten, denen es in den Augen
blitzt. Ich träume von tollen
Punk-Frauen, die vor Selbstbewußtsein
nur so strotzen, aber keine schwachsinnigen
Emanzen sind. Von Aktionen, die
man nicht vergißt und die
keine saufende Karnevalsgesellschaft
jemals auf die Reihe kriegt.
Aber das alles gab´s vor
10 Jahren schon selten, und heute
käme ich mir nur dämlich
vor, den Rentner im Jugendclub
zu mimen. Mir reicht´s, ab
und zu am Bahnhof zusammen mit
den Punks in der Sonne zu sitzen
und ihnen dabei die Daumen zu
drücken, daß es ihnen
gelingt, all denen, die sie heute
mit Verachtung strafen, kräftig
vor den Koffer zu scheißen.
Und daß sie den Einfluß
irgendwelcher Polit-Klugscheißer
endgültig abschütteln
können, die ihnen ihre Scheiße
ins Hirn pflanzen wollen. Punk
ist eine LEBENSEINSTELLUNG und
keine politische oder sonstige
Organisation.
Aber vielleicht mache ich auch
wieder eine Band, vielleicht wieder
ein Fanzine, wer weiß? Aber
eines ist sicher: Keiner dieser
Polit-Kasper, Kampftrinker oder
zeigefingerschwingenden Szeneaktivisten
wird mich von dem abhalten, das
zu tun, was ich will. Das ist
das Schöne, wenn man nicht
mehr "dazugehört"!
Womit wir bei dem sind, was der
Klugscheißer Karl Nagel
früher selbst verzapft hat.
Einer meiner größten
Fehler ist sicher gewesen, daß
ich kräftig dabei mitgeholfen
habe, die Punk-Szene zum auführenden
Organ autonomer Polit-Phrasen
zu machen. Heute wär´s
mir echt lieber, die Leute würden
die Jackensprüche und Songtexte
mehr ihrem eigenem Leben entnehmen
als der Verpflichtung , was sich
so gehört als Punk". Tja,
zu spät... oder...?
Und der andere große Fehler
war sicher die Schnapsidee der
"Vereinigung" von Punks und Skins.
Was nicht zusammengehört,
soll auch nicht zusammenwachsen,
schließlich gab´s ja
Gründe für die unterschiedlichen
Zugehörigkeiten. Ist doch
echt sympathischer, wenn die einzelnen
Leute selbst entscheiden, ob sie
was zusammen unternehmen.. Scheiß
auf "United", es lebe die Freundschaft!
Zurück in die Gegenwart:
Am CHAOS-TAG werde ich mit Interesse
verfolgen, ob die Punks von heute
unter Chaos mehr verstehen, als
eine Palette Karlsquell zu plätten,
und richtig freuen würde
ich mich, viele von denen wiederzutreffen,
mit denen ich schon früher
viel Spaß gehabt habe. Was
ist los, Conny, Sven, Erich &
Konsorten...?
Karl Nagel
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