Letzte Änderung: November 22 2005 13:22:21. - 625 Seiten archiviert
Home Archiv Fanzines 1994 Streetpunk Artikel
 
Nachwort...?
Wie fändest Du es, in dem Gefühl zu schwimmen, daß um dich herum alle Mauern fallen, Du endlich das alles tun kannst, wovon du immer geträumt hast. Und das alles mit völlig nüchternem Kopf. Das gibt es nicht, sagst Du? Völlig falsch. Ich hab´s erlebt und bis heute nicht verstanden, wie es funktioniert: Punk hieß das Zauberwort, das mein Leben von Grund auf verändert hat. Ich fand zu Jesus, und er hat meinem Leben einen Sinn gegeben... halt... das ist der falsche Film...

Aber es war halt so, daß ein unsicherer, unglücklicher, ganz schön verhaltensgstörter Peter Altenburg im September 1981 seinen Job hinschmiß, sich eine Lederjacke besorgte, diese und sich selbst auf phantastische Weise verunstaltete, um sich fortan nur noch Karl Nagel zu nennen. Das Gefühl: Aus Clark Kent wird Superman! Und so wollte ich nur noch eines: Fliegen!!!

Es folgte die umwälzendste Zeit in meinem Leben, in der ich öfters auf die Fresse bekam, seltener austeilen durfte und dabei gelernt habe, daß ein intensives Leben in diesem verbohrten Land möglich ist, wenn man sich nicht auf die perverse Lebenslogik diverser kleiner & großer Diktatoren einläßt. Alles ist offen, und kein Linker, Rechter, Vorgesetzter oder Bundestrainer oder -kanzler hat den Superbonus, hat das jüngste Gericht auf seiner Seite.

Selbstverständlich auch keine seligmachende Punk-Ideologie, und als die Erstarrung der Szene und mein eigener Würgreiz zu groß wurden, es mir einfach keinen Spaß mehr machte, Punk zu sein, habe ich schnell das Weite gesucht.

Aber das Kapitel "Punk-Rock" habe ich nie wirklich zugemacht, weil mich dieser jahrelange Adrenalinschock süchtig gemacht hat. Davon erholt man sich nie.

Ansonsten verdichten sich die Anzeichen, daß ich allmählich zu alt für neue Trends werde. Und bevor ich mich dazu zwinge, MTV & VIVA-Terror sowie Techno-Suck bei laufendem Gehirn auszuhalten, besinne ich mich lieber auf das, was mich geprägt hat. Die Punk-Musik selbst hat mir dabei eigentlich nie so sehr viel bedeutet, das "Streetfeeling" gab den eigentlichen Kick.

Ich weiß natürlich, daß trotz aller Nostalgie eine Rückkehr nicht möglich ist. Klar, in meinen kleinen bunten Träumen stelle ich mir immer noch eine tolle Punkszene vor, mit Leuten, denen es in den Augen blitzt. Ich träume von tollen Punk-Frauen, die vor Selbstbewußtsein nur so strotzen, aber keine schwachsinnigen Emanzen sind. Von Aktionen, die man nicht vergißt und die keine saufende Karnevalsgesellschaft jemals auf die Reihe kriegt.

Aber das alles gab´s vor 10 Jahren schon selten, und heute käme ich mir nur dämlich vor, den Rentner im Jugendclub zu mimen. Mir reicht´s, ab und zu am Bahnhof zusammen mit den Punks in der Sonne zu sitzen und ihnen dabei die Daumen zu drücken, daß es ihnen gelingt, all denen, die sie heute mit Verachtung strafen, kräftig vor den Koffer zu scheißen. Und daß sie den Einfluß irgendwelcher Polit-Klugscheißer endgültig abschütteln können, die ihnen ihre Scheiße ins Hirn pflanzen wollen. Punk ist eine LEBENSEINSTELLUNG und keine politische oder sonstige Organisation.

Aber vielleicht mache ich auch wieder eine Band, vielleicht wieder ein Fanzine, wer weiß? Aber eines ist sicher: Keiner dieser Polit-Kasper, Kampftrinker oder zeigefingerschwingenden Szeneaktivisten wird mich von dem abhalten, das zu tun, was ich will. Das ist das Schöne, wenn man nicht mehr "dazugehört"!

Womit wir bei dem sind, was der Klugscheißer Karl Nagel früher selbst verzapft hat. Einer meiner größten Fehler ist sicher gewesen, daß ich kräftig dabei mitgeholfen habe, die Punk-Szene zum auführenden Organ autonomer Polit-Phrasen zu machen. Heute wär´s mir echt lieber, die Leute würden die Jackensprüche und Songtexte mehr ihrem eigenem Leben entnehmen als der Verpflichtung , was sich so gehört als Punk". Tja, zu spät... oder...?

Und der andere große Fehler war sicher die Schnapsidee der "Vereinigung" von Punks und Skins. Was nicht zusammengehört, soll auch nicht zusammenwachsen, schließlich gab´s ja Gründe für die unterschiedlichen Zugehörigkeiten. Ist doch echt sympathischer, wenn die einzelnen Leute selbst entscheiden, ob sie was zusammen unternehmen.. Scheiß auf "United", es lebe die Freundschaft!

Zurück in die Gegenwart: Am CHAOS-TAG werde ich mit Interesse verfolgen, ob die Punks von heute unter Chaos mehr verstehen, als eine Palette Karlsquell zu plätten, und richtig freuen würde ich mich, viele von denen wiederzutreffen, mit denen ich schon früher viel Spaß gehabt habe. Was ist los, Conny, Sven, Erich & Konsorten...?

Karl Nagel

 

 
  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
Home | Aktuell | Archiv | Diskussion | Downloads | Kontakt

 

WWW.CHAOS-TAGE.DE - das Internet-Archiv zum Thema
Für Inhalt, Gestaltung und Programmierung verantwortlich: Karl Nagel, Schleswiger Str. 2, 22761 Hamburg
 
Bilder des Chaos!
KOT
Bilder des Chaos!