|
Punk 1981: Ein Jahr,
in dem sich die Punkszene grundlegend
verändert. Nachdem im Jahr
zuvor Punk zum wiederholten Male
für tot erklärt worden
war, gibt es das erste richtige
Revival: Eine neue Welle von OI!-Punk-Bands
schwappt von England rüber,
andererseits gibt es eine zunehmende
Politisierung, die vielen Punks
der 79er-Generation nicht schmeckt.
Bei den Hausbesetzungen in Berlin
und anderswo mischen jede Menge
Punks mit und schaffen sich mit
Gewalt ihren eigenen Lebensraum.
Sie treten nicht als ohnmächtige
bunte Witzfiguren auf, sondern aggressiv,
fordernd, kompromißlos. Und
meist ziemlich betrunken. Punk ist
POSITIV und weitaus weniger "No
Future" als vielmehr der totale
Adrenalinschock. Der Spaß
bleibt dabei aber keineswegs auf
der Strecke.
Das ändert sich erst, als
viele Punks wegen der zunehmenden
Einflußnahme durch linke Politik
auzssteigen oder es für besonders
originell halten, zur ersten deutschen
Skinwelle zu mutieren. Sie sehen
sich als die "wahren Punks" und
geben den verhassten linken "Hippiepunks"
kräftig was auf die Schnauze.
Manche dieser Skins wollen es besonders
perfekt machen und würzen ihr
Auftreten mit derben Naziparolen.
Die Dümmsten und Härtesten
der Punk-Szene finden das wohl besonders
attraktiv und laufen in Scharen
über. Wahnwitzigstes Beispiel
dieser Entwicklung ist der Hamburger
Punk Heiner Grasshoff, ein Kind
eines farbigen US-Soldaten und einer
deutschen Frau, der nun ebenfalls
am Rassisten-Dasein Gefallen findet
und schon bald als schlimmster Nazi-Schläger
Hamburgs gefürchtet ist.
DIE Gelegenheit für die
ehemaligen Nazi-Punks, wieder Einfluß
zu gewinnen: Figuren wie Karsten
Wacker bringen die Hamburger Skinszene
auf strammen Rechtskurs und verstärken
die Bindungen zu Kühnen &
Kameraden.
1981: Ein Jahr, in dem die Punkszene
ihre spielerische Unabhängigkeit
verliert - und gleichzeitig viele
Punks der ersten Jahre. In dem sie
sich aber auch zum ersten Mal die
Straße erobert, weil die Politisierung
und die damit zusammenhängende
Medienpräsenz massenhaft neue
Leute bringt.
Ich bin wohl das, was Willi Wucher
mal "81er-Spätlese", und ich
war wirklich verdammt spät
dran. Schließlich war ich
schon fast 21 und hatte eigentlich
meine komplette "Jugendkarriere"
schon hinter mir. Als Teenie begeisterter
Alice-Cooper-Fan, kam ich irgendwann
1976 /77 zu der Überzeugung,
meine komplette Plattensammlung
entweder zu verkaufen oder wegzuwerfen
und stattdessen lieber Kommunist
in der KPD/ML zu werden. Deren Stalin-Gequatsche
wurde mir irgendwann zuviel, so
daß ich mich schließlich
doch mehr in autonomen Kreisen herumtrieb.
Eines Tages streckte schließlich
der Ernst des Lebens seine blutigen
Klauen nach mir aus, und eh ich
wußte, wie mir geschah,
fand ich mich plötzlich in
einer Lehre als Industriekaufmann
wieder. Schöne Scheiße,
wenn man jeden Tag immer mehr
Haß entwickelt, aber absolut
nicht weiß, wie raus aus
dem Schlamassel...
Die ganze Punk-Welle hatte ich
dabei total verschlafen, weil
ich das ganze Musik-Business eh
als Riesenbetrug empfand, und
Punk war nach dem, was so in der
Presse stand, soundso was für
minderbemittelte Stümper.
1981 stand mir langsam aber sicher
das Wasser bis zum Hals, und endlich
durfte man meine ersten gelungenen
Tobsuchtsanfälle an meinem
Arbeitsplatz registrieren. Ich
klinkte völlig aus, holte
mir in Brokdorf Blasen an den
Füßen, lebte zwei Wochen
in Berlin in einem besetzten Haus
und labte mich an diversen Krawallen.
In Berlin begegneten mir dann
auch die ersten Punks, die einen
ziemlichen Eindruck bei mir hinterließen.
Ich spürte, wie sich irgend
etwas in mir zu veränderte,
und tatsächlich begann ich
mich wieder für Musik zu
interessieren. Meine ersten Scheiben
waren von den SEX PISTOLS, S.Y.P.H.,
FEHLFARBEN und KFC, die mich allesamt
völlig umhauten, und zwei
Wochen später hatte ich meine
erste Punk-Band. Frage mich keiner,
wie sie hieß, wir wechselten
wohl jede Woche den Namen, wobei
dann so schöne Ergebnisse
wie NAHKAMPF und BLUTSTURZ herauskamen.
Trotzdem fühlte ich mich
immer noch total unzufrieden,
weil ich immer noch in der gleichen
beschissenen Situation war wie
vorher, und wenn ich in den Spiegel
sah, bekam ich das Kotzen: da
stand ein Typ mit mittellangen
Haaren, Brille, Parka und ausgebeulter
Cordhose. Eigentlich hatte sich
nichts geändert: Ich träumte
von einem anderen Leben, während
alles um mich herum weiter quälte.
Während nun andere Leute
eher gemächlich in die Punk-Szene
hineinschlidderten, kam es bei
mir ganz anders: Es kam der Tag
der Tage, der alles verändern
sollte; der wohl wichtigste in
meinem Leben - und für Klaus-Jürgen
Rattay der letzte...
Er wurde am 22. September 1981
von der marodierenden Polizei
nach einer Hausräumung vor
einem Bus getrieben und starb
bald darauf. Die Krawalle, die
daraufhin einsetzten, sprengten
alle Grenzen.
Ich lief an diesem Tag nichtsahnend
durch Wuppertal City, fühlte
mich gerade besonders mutig, weil
ich soeben einen glühenden
Liebesbrief abgeschickt hatte,
als mir ein Bekannter von der
Nachricht aus Berlin erzählte.
Es traf mich wie ein Hammer, und
mein eigenes, erbärmliches
und feiges Leben hing mir endgültig
zum Halse raus. Jeden Tag als
Industriekaufmann knechten, ein
paarmal im Jahr zur Pflichtdemo,
dazwischen Politgeschwafel und
ein paar Punkphantasien. Alles
ohne Konsequenz. Berlin brannte
und ich war Fernsehzuschauer.
Die Revolution geschah ohne mich.
Am nächsten Tag kündigte
ich meinen Job und besorgte mir
bald darauf eine Lederjacke. Ich
ließ mir von einem Schicki-Friseur
eine Punk-Frisur schneidern, wobei
mir schnell klar wurde, daß
man dafür eigentlich keinen
Fachmann benötigt. Seitdem
habe ich nie wieder einen Frisiersalon
betreten.
Ein alter Freund stellte ein
Hundehalsband zur Verfügung,
in dessen Verschluß ich
einen Nagel steckte, und schon
hatte ich einen neuen Namen: Karl
Nagel...
An meinem ersten Tag als Punk
entkam ich nur knapp einer Tracht
Prügel durch einen Proll,
dem ich wohl gar nicht gefiel.
Aber das war es, was ich wollte:
Endlich war ich DA! Die Ärsche
erkannten mich als jemanden, der
keinen Bock auf ihre Spielregeln
hatte und behandelten mich dementsprechend.
Also kein Gejammere über
die "Spießer", die "nur
nach dem Aussehen gehen". Das
konnte mir damals nur recht sein!
Ein spannendes Leben "an der Front"
konnte beginnen!
Ich bekam kein Geld vom Arbeitsamt,
weil ich nie einen Antrag stellte
und ernährte mich von Gulaschsuppen
und Currywürsten sowie hie
und da einem Käsebrot, so
daß ich in einem halben
Jahr 13 Kilo abnahm.
Das war meine Form der Freiheit,
einfach nur Punk sein. Jeden Tag
aufs neue. Scheiß auf die
Miete, Scheiß aufs Essen.
Hauptsache, die Haare stehen
Karl Nagel
weiter
...
|