Letzte Änderung: November 22 2005 13:22:23. - 625 Seiten archiviert
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Nur ein Revival?

Punk 1994: Das Jahr der Wahrheit: Was ist ein Revival wert, das von der BRAVO gepuscht wird und von Nostalgie geprägt ist?

Hannoveraner Punks kündigen nach 10 Jahren Pause einen neuen CHAOS-TAG an, auf dem sich zeigen wird, was die Punk-Szene heute wieder auf die Beine bringt. Gibt es es mittlerweile wieder ein städteübergreifendes Informationsnetz, das dafür sorgt, daß auch der letzte Punk im hinterletzten Kaff die Nachricht vom CHAOS-TAG überhaupt erfährt? Gibt es wieder genug Punks, die die Power haben, per Daumen durchs halbe Land zu fahren, die nicht apathisch auf schlechtere Zeiten warten? Haben sie genug Spritzigkeit, um dieses Treffen zu mehr als einer dumpfen und platten "Nazis-raus"-Veranstaltung zu machen? Und würden sie heute eventuell stattfindenden Nazi-Aufmärschen mehr entgegenzusetzen haben als ein müdes "Prost"? HOLEN SIE SICH DIE STRASSE ZURÜCK

Und wieder haben sich die Zeiten geändert! Politisch ist seit der deutschen Einigung nichts mehr wie es war, und auch persönlich sehe ich die Welt heute mit anderen Augen: Die MILITANT MOTHERS lösten sich Ende 92 auf, und Wellen der "Erleuchtung" begannen, mein kleines Hirn zu überschwemmen. Mir wurde klar, daß ich wieder frei war - frei von dieser elenden Musikmaschinerie, die im Independent-Bereich zwar nur als Sturm im Wasserglas existiert, aber dennoch genauso funktioniert wie das große Monster.

Ich hatte plötzlich wieder einen freien Blick auf meine Vergangenheit und genoß den Höllenspaß, mir die langsam dünner werdenden langen Haare abzuschneiden. Stück für Stück arbeitete ich mich wieder an das heran, was mir am Punk einmal wichtig gewesen ist, und das ist halt etwas grundsätzlich ANDERES als das, was uns heute als "Hardcore" präsentiert wird. Punk erwachte langsam wieder in mir zum Leben, aber auf eine Art, die nur mir gehört.

Im letzten Jahr fiel mir schließlich auf, daß in Hannover die Zahl der Punks wieder kräftig anstieg, und zu meinem Erstaunen waren wieder mehr Leute dabei, die anscheinend einen normalen Intellgenzquotienten vorzuweisen hatten. Wobei es natürlich klar ist, daß die Idioten auch weiterhin ihr Unwesen treiben - gegen Dummheit ist leider immer noch kein Kraut gewachsen!

Ich gönnte mir letzten Sommer mal den Spaß, einen Nachmittag am Hauptbahnhof zu verbringen und kam mit einigen Kiddie-Punks ins Gespräch. Irgendwann rückte ich damit raus, daß ich auch mal 81-87 Punk gewesen war. "Mensch, dann hast Du doch die ganze tolle Zeit miterlebt und warst sicher auch auf den CHAOS-TAGEN. Los, erzähl mal!"

Mit einem Mal wurde mir ganz mulmig, und ich hatte das Gefühl, mir würde in Windeseile ein langer grauer Bart wachsen, und so verpisste ich mich, so schnell ich konnte. Wer will schon gerne Rentner sein?

Nachdem sich dieser Schock gelegt hatte, startete ich in diesem Frühjahr zu neuen Erkundungen am Hauptbahnhof. Ich lernte eine ganze Reihe Leute kennen und bekam schießlich auch die ersten Flugblätter zu einem neuen CHAOS-TAG in die Finger, die sie wohl schon in massenhafter Auflage übers halbe Land verstreut hatten. Tja, da wird einem ganz warm ums Herz, ähem...ist doch ganz nett, wenn sich die eigenen Schnapsideen über 10 Jahre halten. Aber andererseits hatten wir uns damals geschworen "Nie wieder CHAOS-TAGE inHannover!"

Nun, alles verjährt einmal, auch der übelste CHAOS-TAG, und wenn die Punks von heute glauben, die Zeiten seien wieder reif für so ein Treffen, dann müssen sie wissen, was sie tun. Und auch WIRKLICH etwas TUN, damit das ganze nicht wieder nach hinten losgeht!

Aber natürlich werde ich mir dieCHAOS-TAG E aus nächster Nähe ansehen, schließlich waren selbst die übelsten Treffen immer noch unterhaltsamer als manche gute Konzert...

Ach ja, einen kleinen Veteranen-Tip in puncto CHAOS-TAG kann ich mir dennoch nicht verkneifen: Aus der Geschichte der Punk-Treffs solltet ihr erkennen, daß eine Demo mit anschließender Schlacht so ziemlichlich das letzte ist, was einen CHAOS-TAG erfolgreich macht...

Und noch einen: An eurer Stelle würde ich einen weiten Bogen um die Glocksee machen. Die Wohnung nämlich, die damals von Idioten-Punks und Polizei verwüstet wurde, gehörte LEO, der an diesem Tag übrigens auch Geburtstag hatte. Seine gesamte Plattensammlung, seine Möbel und sonstigen Klamotten, landeten in jener Nacht als Schrott vor der Glocksee, und das hat er bis heute nicht vergessen. Sprecht ihn auf die CHAOS-TAGE an, und sein Blick wird finster.

Ihr könnt davon ausgehen, daß er sich diesmal gut vorbereiten wird und schwerbewaffnet mit kugelsicherer Weste und Sturmgewehr der Dinge harrt. Und er wird nicht allein sein, denn allen Musikern, die damals schon in der Glocksee übten, ist jene apokalyptische Nacht unvergessen geblieben. Rechnet mit Stacheldraht, Selbstschußanlagen, Maschinengewehrfeuer und schnellem Tod.

Karl Nagel

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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