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Punk 1994: Das Jahr der
Wahrheit: Was ist ein Revival wert,
das von der BRAVO gepuscht wird
und von Nostalgie geprägt ist?
Hannoveraner Punks kündigen
nach 10 Jahren Pause einen neuen
CHAOS-TAG an, auf dem sich zeigen
wird, was die Punk-Szene heute wieder
auf die Beine bringt. Gibt es es
mittlerweile wieder ein städteübergreifendes
Informationsnetz, das dafür
sorgt, daß auch der letzte
Punk im hinterletzten Kaff die Nachricht
vom CHAOS-TAG überhaupt erfährt?
Gibt es wieder genug Punks, die
die Power haben, per Daumen durchs
halbe Land zu fahren, die nicht
apathisch auf schlechtere Zeiten
warten? Haben sie genug Spritzigkeit,
um dieses Treffen zu mehr als einer
dumpfen und platten "Nazis-raus"-Veranstaltung
zu machen? Und würden sie heute
eventuell stattfindenden Nazi-Aufmärschen
mehr entgegenzusetzen haben als
ein müdes "Prost"? HOLEN SIE
SICH DIE STRASSE ZURÜCK
Und wieder haben sich die Zeiten
geändert! Politisch ist seit
der deutschen Einigung nichts mehr
wie es war, und auch persönlich
sehe ich die Welt heute mit anderen
Augen: Die MILITANT MOTHERS lösten
sich Ende 92 auf, und Wellen der
"Erleuchtung" begannen, mein kleines
Hirn zu überschwemmen. Mir
wurde klar, daß ich wieder
frei war - frei von dieser elenden
Musikmaschinerie, die im Independent-Bereich
zwar nur als Sturm im Wasserglas
existiert, aber dennoch genauso
funktioniert wie das große
Monster.
Ich hatte plötzlich wieder
einen freien Blick auf meine Vergangenheit
und genoß den Höllenspaß,
mir die langsam dünner werdenden
langen Haare abzuschneiden. Stück
für Stück arbeitete
ich mich wieder an das heran,
was mir am Punk einmal wichtig
gewesen ist, und das ist halt
etwas grundsätzlich ANDERES
als das, was uns heute als "Hardcore"
präsentiert wird. Punk erwachte
langsam wieder in mir zum Leben,
aber auf eine Art, die nur mir
gehört.
Im letzten Jahr fiel mir schließlich
auf, daß in Hannover die
Zahl der Punks wieder kräftig
anstieg, und zu meinem Erstaunen
waren wieder mehr Leute dabei,
die anscheinend einen normalen
Intellgenzquotienten vorzuweisen
hatten. Wobei es natürlich
klar ist, daß die Idioten
auch weiterhin ihr Unwesen treiben
- gegen Dummheit ist leider immer
noch kein Kraut gewachsen!
Ich gönnte mir letzten Sommer
mal den Spaß, einen Nachmittag
am Hauptbahnhof zu verbringen
und kam mit einigen Kiddie-Punks
ins Gespräch. Irgendwann
rückte ich damit raus, daß
ich auch mal 81-87 Punk gewesen
war. "Mensch, dann hast Du doch
die ganze tolle Zeit miterlebt
und warst sicher auch auf den
CHAOS-TAGEN. Los, erzähl
mal!"
Mit einem Mal wurde mir ganz
mulmig, und ich hatte das Gefühl,
mir würde in Windeseile ein
langer grauer Bart wachsen, und
so verpisste ich mich, so schnell
ich konnte. Wer will schon gerne
Rentner sein?
Nachdem sich dieser Schock gelegt
hatte, startete ich in diesem
Frühjahr zu neuen Erkundungen
am Hauptbahnhof. Ich lernte eine
ganze Reihe Leute kennen und bekam
schießlich auch die ersten
Flugblätter zu einem neuen
CHAOS-TAG in die Finger, die sie
wohl schon in massenhafter Auflage
übers halbe Land verstreut
hatten. Tja, da wird einem ganz
warm ums Herz, ähem...ist
doch ganz nett, wenn sich die
eigenen Schnapsideen über
10 Jahre halten. Aber andererseits
hatten wir uns damals geschworen
"Nie wieder CHAOS-TAGE inHannover!"
Nun, alles verjährt einmal,
auch der übelste CHAOS-TAG,
und wenn die Punks von heute glauben,
die Zeiten seien wieder reif für
so ein Treffen, dann müssen
sie wissen, was sie tun. Und auch
WIRKLICH etwas TUN, damit das
ganze nicht wieder nach hinten
losgeht!
Aber natürlich werde ich
mir dieCHAOS-TAG E aus nächster
Nähe ansehen, schließlich
waren selbst die übelsten
Treffen immer noch unterhaltsamer
als manche gute Konzert...
Ach ja, einen kleinen Veteranen-Tip
in puncto CHAOS-TAG kann ich mir
dennoch nicht verkneifen: Aus
der Geschichte der Punk-Treffs
solltet ihr erkennen, daß
eine Demo mit anschließender
Schlacht so ziemlichlich das letzte
ist, was einen CHAOS-TAG erfolgreich
macht...
Und noch einen: An eurer Stelle
würde ich einen weiten Bogen
um die Glocksee machen. Die Wohnung
nämlich, die damals von Idioten-Punks
und Polizei verwüstet wurde,
gehörte LEO, der an diesem
Tag übrigens auch Geburtstag
hatte. Seine gesamte Plattensammlung,
seine Möbel und sonstigen
Klamotten, landeten in jener Nacht
als Schrott vor der Glocksee,
und das hat er bis heute nicht
vergessen. Sprecht ihn auf die
CHAOS-TAGE an, und sein Blick
wird finster.
Ihr könnt davon ausgehen,
daß er sich diesmal gut
vorbereiten wird und schwerbewaffnet
mit kugelsicherer Weste und Sturmgewehr
der Dinge harrt. Und er wird nicht
allein sein, denn allen Musikern,
die damals schon in der Glocksee
übten, ist jene apokalyptische
Nacht unvergessen geblieben. Rechnet
mit Stacheldraht, Selbstschußanlagen,
Maschinengewehrfeuer und schnellem
Tod.
Karl Nagel
weiter
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