Letzte Änderung: November 22 2005 13:22:24. - 625 Seiten archiviert
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Die Reise ins Punk-Paradies
Weg aus Wuppertal, auf nach Hannover! Sagenhaftes hatte ich schon über diese Stadt an der Leine gehörte: Dort sollte es eine RICHTIGE SZENE geben - mit vielen Bands, "politischem Bewußtsein", toll anzusehenden Punks und Punquetten und der ersten Punk-Partei, der APPD. Also träumte ich davon, Zewa, die erste Vorsitzende der APPD kennenzulernen und vielleicht und überhaupt...

Ich konnte es kaum erwarten, diese schöne neue Punk-Rock-Welt kennenzulernen und fuhr daher schon einen Tag - an einem Sonntag - vor Antritt meines Zivildienstes nach Hannover.

Am Bahnhof von Hannover traf ich auf eine Szenerie, die mir verdächtig bekannt vorkam: Ein Dutzend ziemlich häßlicher, kaputter und betrunkener Punks, teilweise mit Pattextüte, und dazwischen ein Typ mit dem Namen Schelmy, der es wohl besonders elegant fand, mit vorgehaltenem Messer irgendwelche Neulinge um kleine Spenden zu bitten.

Rette sich wer kann, dachte ich mir, und rannte wie Falschgeld in der City rum, immer auf der Suche nach den "richtigen" Punks. Abends kam ich schließlich zu einer großen Disco, der ROTATION, wo ich schließlich auf einige bunthaarige Gestalten traf, die auch nicht gerade den frischesten Eindruck machten. Immerhin erfuhr ich, daß sich die meisten Leute ständig im UJZ Kornstraße trafen, welches natürlich am Sonntag nicht aufhatte.

Meine erste Nacht in dieser tollen Stadt verbrachte ich so auf dem warmen Abluftschaft eines Kaufhauses in der Liste Meile, denn an einen Pennplatz war natürlich nicht heranzukommen...

Am nächsten Tag trat ich meinen Zivildienst an, und es war schonmal ein gutes Zeichen, daß die Belegschaft des Krankenhauses Siloah tatsächlich mit einem Punk als Zivi leben konnte, wenn auch nur tief unten im Keller in der Ausgabestelle des Medizinischen Lagers.

In den nächsten Tagen konnte ich dann endlich in der Kornstraße die hannoversche Punk-Szene ausmachen. Es war ein ziemlich großer Haufen, und ich konnte wirklich aufatmen: Auf Pattex stand die Todesstrafe, die meisten Leute waren ernstzunehmen und Bands gab´s in Massen. Ein kleines Punk-Paradies für mich, wenn mir auch ziemlich auf die Nerven ging, daß die meisten kifften wie die Dampfmaschinen - obenan Gurkenglaskönig Error und auch Zewa, der sich zu meinem Bedauern als Schwanzträger entpuppte.

1982 war auch das Jahr, in dem sich einige wichtige hannoversche Punk-Bands gründeten, so etwa die BOSKOPS sowie die unübertroffenen BLUT & EISEN. Daneben gab es aber auch Unmengen von anderen Bands, und ich war ständig auf der Lauer, selbst irgendwo als Sänger einsteigen zu können.

Wie ich aber auch erfuhr, hatte sich die Lage in puncto Skins in den letzten Tagen ziemlich verschärft: Skins hatten einen Punk in der ROTEN KUH kräftig die Treppe hinuntergeworfen: Schädelbruch. Auf der anderen Seite war ein Skin bei einer Auseinandersetzung von einem Punk mit einem Messer schwer verletzt worden.

Schon wenige Tage später der Super-Schock: Ein halbes Jahr Punk-Rock hatte meinem Körper einen schweren Schlag versetzt: Neben den 13 Kilo, die ich abgenommen hatte (was ja ein angenehmer Effekt war...) verlor ich nun wegen der ständigen Färberei Unmengen von Haaren, und gleichzeitig begann sich auch noch mein Zahnfleisch auf breiter Front zu entzünden. Die Gulaschsuppen, ihr wißt schon...

Als ich dann nach kräftigem Kratzen auch noch Sackratten unter den Fingernägeln hatte, war das Maß voll: Es folgte die Ganzkörperrasur und ich erlaubte mir für einige Tage den Spaß, mit Jeans, Doc Martens und roten Hosenträgern durch die Gegend zu laufen.

In dieser Zeit gab es gerade mal wieder in vielen Städten eine kräftige Skin-Welle, in deren Verlauf ganze Massen von Punks zu Skins wurden. (Damit das hier mal klar ist: in den ersten Jahren waren fast alle Skins Ex-Punks. Auch die BÖHSEN ONKELZ waren mal Punks! Was leider kein gutes Licht auf die eine wie die andere Seite wirft...). Und da nun wirklich viele Leute zu fürchten begannen, ich könnte ebenfalls die Seite wechseln, zog ich lieber wieder die Lederjacke an - trotz des Sommers, trotz der Hitze. Echte Punks haben immer eine Lederjacke an und schwitzen außerdem nicht mal dabei...

Am ersten Samstag im August fuhr ich schließlich noch mal zum Punktreffen nach Wuppertal, um meine alten Freunde und "Freunde" mit meiner neuen Frisur zu schocken (war wirklich kein Problem), holte mir eine Tracht Prügel von der Polizei ab und fuhr zurück nach Hannover.

Dort sollte an diesem Samstag in der Korn ein großes Konzert stattfinden und der Laden war zum Brechen voll. Die Stimmung wurde allerdings ziemlich gereizt, als plötzlich zwei Skins - Mario und Beule - aufkreuzten und und von einem drohenden Skin-Angriff kündeten. Der damalige Skin-Boß Fatti, eine ziemlich braune Ratte und zudem noch Halbspanier, hatte es geschafft, die englischen Soldaten-Skins wegen der Messerstecherei auf seine Seite zu bringen und wollte nun die Punks zu Schaschlik verarbeiten.

Als die Skins dann tatsächlich um die Ecke bogen, waren wir ziemlich gut vorbereitet, und den Skins blieb nichts anders übrig, als nach einer kurzen Auseinandersetzung den Unmengen an Steinen und Knüppeln durch schnelle Flucht zu entgehen.

Seit diesem Tag hatte der BOSKOPS-Sänger Sperma-Willi wegen seines beherzten Auftretens auch den Namen Spaten-Willi weg, und an diesem Tag begegnete mir auch zum ersten Mal Torsten Lange, heute Frontline-Eigentümer.

Er hatte zwar eine Glatze, Docs und Hosenträger, aber dazu ein BLITZ-Shirt und bezeichnete sich selbst noch als Punk. Was sich im Laufe der nächsten Wochen ändern sollte... Der Gentleman schweigt hier aus Höflichkeit, ich bin nicht DER SPIEGEL-

Nach dem Konzert machte ich mich schließlich per Straßenbahn auf dem Nachhauseweg, und am Bahnhof hatte ich dann zusammen mit einigen anderen Punks die Ehre, am Bahnhof von den Skins abgefangen zu werden und zum ersten Mal Doc Martens in meinem Gesicht zu verspüren. Ich durfte mich also erstmal wegen heftiger Gesichtsdeformationen für eine Woche krankschreiben lassen und war ansonsten ziemlich sauer, daß die meisten Punks sich nur schnell verpißt hatten, obwohl wir doppelt so viele Leute wie die Skins gewesen waren.

Naja, die Kopfschmerzen dauerten nicht ewig, und so begann ich mich im Laufe der nächsten Wochen mehr und mehr in der Szene einzuleben. Eigentlich war immer irgendwas los, wobei ein Höhepunkt sicher die APPD-Demo für die Todesstrafe war, auf der ich auch Gelegenheit hatte, eine flammende Rede für´s "Rübe runter" zu halten...

Karl Nagel

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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