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Weg aus Wuppertal, auf nach Hannover!
Sagenhaftes hatte ich schon über
diese Stadt an der Leine gehörte:
Dort sollte es eine RICHTIGE SZENE
geben - mit vielen Bands, "politischem
Bewußtsein", toll anzusehenden
Punks und Punquetten und der ersten
Punk-Partei, der APPD. Also träumte
ich davon, Zewa, die erste Vorsitzende
der APPD kennenzulernen und vielleicht
und überhaupt...
Ich konnte es kaum erwarten,
diese schöne neue Punk-Rock-Welt
kennenzulernen und fuhr daher
schon einen Tag - an einem Sonntag
- vor Antritt meines Zivildienstes
nach Hannover.
Am Bahnhof von Hannover traf
ich auf eine Szenerie, die mir
verdächtig bekannt vorkam:
Ein Dutzend ziemlich häßlicher,
kaputter und betrunkener Punks,
teilweise mit Pattextüte,
und dazwischen ein Typ mit dem
Namen Schelmy, der es wohl besonders
elegant fand, mit vorgehaltenem
Messer irgendwelche Neulinge um
kleine Spenden zu bitten.
Rette sich wer kann, dachte ich
mir, und rannte wie Falschgeld
in der City rum, immer auf der
Suche nach den "richtigen" Punks.
Abends kam ich schließlich
zu einer großen Disco, der
ROTATION, wo ich schließlich
auf einige bunthaarige Gestalten
traf, die auch nicht gerade den
frischesten Eindruck machten.
Immerhin erfuhr ich, daß
sich die meisten Leute ständig
im UJZ Kornstraße trafen,
welches natürlich am Sonntag
nicht aufhatte.
Meine erste Nacht in dieser tollen
Stadt verbrachte ich so auf dem
warmen Abluftschaft eines Kaufhauses
in der Liste Meile, denn an einen
Pennplatz war natürlich nicht
heranzukommen...
Am nächsten Tag trat ich
meinen Zivildienst an, und es
war schonmal ein gutes Zeichen,
daß die Belegschaft des
Krankenhauses Siloah tatsächlich
mit einem Punk als Zivi leben
konnte, wenn auch nur tief unten
im Keller in der Ausgabestelle
des Medizinischen Lagers.
In den nächsten Tagen konnte
ich dann endlich in der Kornstraße
die hannoversche Punk-Szene ausmachen.
Es war ein ziemlich großer
Haufen, und ich konnte wirklich
aufatmen: Auf Pattex stand die
Todesstrafe, die meisten Leute
waren ernstzunehmen und Bands
gab´s in Massen. Ein kleines
Punk-Paradies für mich, wenn
mir auch ziemlich auf die Nerven
ging, daß die meisten kifften
wie die Dampfmaschinen - obenan
Gurkenglaskönig Error und
auch Zewa, der sich zu meinem
Bedauern als Schwanzträger
entpuppte.
1982 war auch das Jahr, in dem
sich einige wichtige hannoversche
Punk-Bands gründeten, so
etwa die BOSKOPS sowie die unübertroffenen
BLUT & EISEN. Daneben gab
es aber auch Unmengen von anderen
Bands, und ich war ständig
auf der Lauer, selbst irgendwo
als Sänger einsteigen zu
können.
Wie ich aber auch erfuhr, hatte
sich die Lage in puncto Skins
in den letzten Tagen ziemlich
verschärft: Skins hatten
einen Punk in der ROTEN KUH kräftig
die Treppe hinuntergeworfen: Schädelbruch.
Auf der anderen Seite war ein
Skin bei einer Auseinandersetzung
von einem Punk mit einem Messer
schwer verletzt worden.
Schon wenige Tage später
der Super-Schock: Ein halbes Jahr
Punk-Rock hatte meinem Körper
einen schweren Schlag versetzt:
Neben den 13 Kilo, die ich abgenommen
hatte (was ja ein angenehmer Effekt
war...) verlor ich nun wegen der
ständigen Färberei Unmengen
von Haaren, und gleichzeitig begann
sich auch noch mein Zahnfleisch
auf breiter Front zu entzünden.
Die Gulaschsuppen, ihr wißt
schon...
Als ich dann nach kräftigem
Kratzen auch noch Sackratten unter
den Fingernägeln hatte, war
das Maß voll: Es folgte
die Ganzkörperrasur und ich
erlaubte mir für einige Tage
den Spaß, mit Jeans, Doc
Martens und roten Hosenträgern
durch die Gegend zu laufen.
In dieser Zeit gab es gerade
mal wieder in vielen Städten
eine kräftige Skin-Welle,
in deren Verlauf ganze Massen
von Punks zu Skins wurden. (Damit
das hier mal klar ist: in den
ersten Jahren waren fast alle
Skins Ex-Punks. Auch die BÖHSEN
ONKELZ waren mal Punks! Was leider
kein gutes Licht auf die eine
wie die andere Seite wirft...).
Und da nun wirklich viele Leute
zu fürchten begannen, ich
könnte ebenfalls die Seite
wechseln, zog ich lieber wieder
die Lederjacke an - trotz des
Sommers, trotz der Hitze. Echte
Punks haben immer eine Lederjacke
an und schwitzen außerdem
nicht mal dabei...
Am ersten Samstag im August fuhr
ich schließlich noch mal
zum Punktreffen nach Wuppertal,
um meine alten Freunde und "Freunde"
mit meiner neuen Frisur zu schocken
(war wirklich kein Problem), holte
mir eine Tracht Prügel von
der Polizei ab und fuhr zurück
nach Hannover.
Dort sollte an diesem Samstag
in der Korn ein großes Konzert
stattfinden und der Laden war
zum Brechen voll. Die Stimmung
wurde allerdings ziemlich gereizt,
als plötzlich zwei Skins
- Mario und Beule - aufkreuzten
und und von einem drohenden Skin-Angriff
kündeten. Der damalige Skin-Boß
Fatti, eine ziemlich braune Ratte
und zudem noch Halbspanier, hatte
es geschafft, die englischen Soldaten-Skins
wegen der Messerstecherei auf
seine Seite zu bringen und wollte
nun die Punks zu Schaschlik verarbeiten.
Als die Skins dann tatsächlich
um die Ecke bogen, waren wir ziemlich
gut vorbereitet, und den Skins
blieb nichts anders übrig,
als nach einer kurzen Auseinandersetzung
den Unmengen an Steinen und Knüppeln
durch schnelle Flucht zu entgehen.
Seit diesem Tag hatte der BOSKOPS-Sänger
Sperma-Willi wegen seines beherzten
Auftretens auch den Namen Spaten-Willi
weg, und an diesem Tag begegnete
mir auch zum ersten Mal Torsten
Lange, heute Frontline-Eigentümer.
Er hatte zwar eine Glatze, Docs
und Hosenträger, aber dazu
ein BLITZ-Shirt und bezeichnete
sich selbst noch als Punk. Was
sich im Laufe der nächsten
Wochen ändern sollte... Der
Gentleman schweigt hier aus Höflichkeit,
ich bin nicht DER SPIEGEL-
Nach dem Konzert machte ich mich
schließlich per Straßenbahn
auf dem Nachhauseweg, und am Bahnhof
hatte ich dann zusammen mit einigen
anderen Punks die Ehre, am Bahnhof
von den Skins abgefangen zu werden
und zum ersten Mal Doc Martens
in meinem Gesicht zu verspüren.
Ich durfte mich also erstmal wegen
heftiger Gesichtsdeformationen
für eine Woche krankschreiben
lassen und war ansonsten ziemlich
sauer, daß die meisten Punks
sich nur schnell verpißt
hatten, obwohl wir doppelt so
viele Leute wie die Skins gewesen
waren.
Naja, die Kopfschmerzen dauerten
nicht ewig, und so begann ich
mich im Laufe der nächsten
Wochen mehr und mehr in der Szene
einzuleben. Eigentlich war immer
irgendwas los, wobei ein Höhepunkt
sicher die APPD-Demo für
die Todesstrafe war, auf der ich
auch Gelegenheit hatte, eine flammende
Rede für´s "Rübe
runter" zu halten...
Karl Nagel
weiter
...
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