Letzte Änderung: November 22 2005 13:22:34. - 625 Seiten archiviert
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Der Spaß hat ein Ende...

Punk 1984: Punk ist endgültig auf dem absteigenden Ast. Die wenigen Punks, die man noch im Straßenbild sieht, sind fast ausschließlich die verachteten Penner-Punks sowie die betrunken in den Fußgängerzonen herumliegende EXPLOITED-Anhängerschaft. Auch die geben sich mittlerweile "politisch" und erklären jede Schlägerei mit prügelgeilen Prolls zum "antifaschistischen Kampf". Ihre Jackenaufschriften degenerieren zur immer gleichen Scheiße und beschränken sich neben diversen hingeschmierten Bandnamen auf platte Polit-Parolen, die stumpf von irgendwelchen linken Demotransparenten abgeschrieben sind und jede eigene Idee vermissen lassen.

Auf der anderen Seite zieht sich die "Intelligenz" der Punk-Szene immer mehr zurück. Man trifft sich mit anderen zuhause oder in Übungsraum und hier und da auf Konzerten, wobei die Internationalisierung immer weiter voranschreitet. Die Situation der Punk-Szene im Ausland ist für viele interessanter als die frustrierende Punk-Realität in Deutschland.

Mit dieser Entwicklung verbreiten sich auch neue Ideen in der Szene: Vegetarismus und der Kampf gegen Tierversuche sind hier nur zwei Stichworte, und zum ersten Mal sieht man auch Punks auf Skateboards.

Der letzte Versuch, mit der "Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands" (APPD) eine eigenständige Punk-Idee zu entwickeln, scheitert an der Apathie der Szene.

1984 ist auch das letzte große Jahr der "Touristen-Punks", die ein wichtiges Element sind, um die Kontakte zwischen den Städten aufrechtzuerhalten. Zur Reisevorbereitung gehört nun für jeden auf seine Gesundheit bedachten Punk endgültig die Information, wie es am Zielort mit Skins aussieht, wo man mit ihnen rechnen muß. Man ist ja nicht lebensmüde...

Trotz der fantastischen Ereignisse des vergangenen Jahres bekam ich immer mehr das Gefühl, daß die Situation ganz schön auf der Kippe stand. Gerade die hannoversche Szene versank immer mehr in Apathie, und es wurden auch immer weniger Leute auf Konzerten, in der Korn und erst recht auf der Straße.

Auf der anderen Seite wuchs die Skinszene beständig, und wieder einmal hatten eine ganze Reihe von Punks den Wechsel zum Skinhead durchgemacht. Die Situation zwischen beiden Gruppen war zwar noch recht entspannt, aber irgendwie spürte jeder, daß da was im Gange war. Immer öfter kam mir zu Ohren, daß es den meisten Skins gar nicht schmeckte, von Glatzen aus anderen Städten als "Lutscher" und "Punk-Freunde" beschimpft zu werden.

Um auch der eigenen Szene wieder mehr Schwung zu verleihen und ebenso, um die Langeweile zu vertreiben, war es an der Zeit, ein kleines "Beschäftigungsprogramm" zu starten: Die Punkband ALTE KAMERADEN wurde gegründet, wir hatten Spaß bei den Aufnahmen zu einer selbstgeschriebenen Foto-Love-Story, die Vorbereitungen für den CHAOS-TAG 84 liefen an und zu guter Letzt belebten wir erneut die "Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands" (APPD).

Im Februar gab´s den ersten Parteitag, zu dem wir die beklopptesten Punks des Landes eingeladen hatten und auf dem wir schließlich unser Parteiprogramm verabschiedeten. Anschließend gab´s einen kleinen Zug durch die Szenekneipen Hannovers, bei dem wir lauthals die erste Ausgabe der Parteizeitung "Armes Deutschland" unter die Leute brachten.

Betäubt von den vielen spendierten Bieren, wankten die meisten schließlich um Mitternacht zu ihrer Schlafstätte. Ich hatte die Ehre, APPD-Sektionsleiter Sven Brux sowie Freundin Antje ("Sie küssten und sie schlugen sich") zu beherbergen, wobei im Verlaufe der Nacht einige kleinere Einrichtungsgegenstände meines Zimmers in Sperrmüll verwandelt wurden.

Die APPD-Idee schlug schnell Wurzeln in vielen Städten, insbesondere die Münchener und Bonner Sektionen wurden die treuesten APPD-Anhänger aller Zeiten.

In Hannover sah´s dagegen anders aus: Obwohl wir unseren Spaß bei Parteiständen in der Innenstadt hatten, ernsthafte Gespräche mit Bürgern über die APPD-Forderungen "Für ein Deutschland in den Grenzen von 1237", "Für das Recht auf Arbeitslosigkeit" und "Ficken für den Frieden" führten und auch einige geile Demos organisierten, schlug uns meist offene und arrogante Ablehnung entgegen.

Das war halt die Zeit, in der es "in" wurde, erst um Mitternacht den Platz vor der Glotze zu verlassen, um diverse Szeneläden aufzusuchen. Die Nasen voller Koks und Speed, immer getreu der Forderung "Sex & Drugs & Rocknroll", machten sich diese Zombies halt über diejenigen lustig, die sich noch tagsüber auf die Straße wagten.

Irgendwie ging uns nach einigen Monaten die Luft aus, es war einfach zu frustrierend, daß die meisten, die noch auf unseren Aktionen aufkreuzten, zu der Sorte Punks gehörten, die unsere Parolen tatsächlich für bare Münze nahmen.

Auf der anderen Seite war es zwar ganz nett, daß die auswärtigen Sektionen unsere Aktionen begeistert unterstützen, aber leider ziemlich wenig eigene Ideen entwickelten, so daß Leute wie Tobi, Zewa oder ich immer mehr in die Rolle der "großen Vordenker" gerieten.

Das war´s aber nicht gerade, was wir mit der APPD erreichen wollten, und so stellten wir ARMES DEUTSCHLAND nach 8 Ausgaben erstmal vorläufig ein, die Parteiaktivitäten wurden auf Eis gelegt. Schade drum!

Mittlerweile waren die Vorbereitungen für den CHAOS-TAG schon im vollen Gange: Wie schmal die Aktivitäten geworden waren, erkennt man daran, daß mit Tobi und mir gerade mal zwei Leute die Power aufbrachten, die nötigen Flugblätter zu schreiben und zu verschicken.

Ganz praktisch war dabei, daß uns mit dem seit einigen Monaten in einem hannoverschen Plattenladen erhältlichen MAXIMUM ROCKNROLL die ideale Punk-Adressenquelle von Grönland bis Papua-Neuguinea zur Vergügung stand. Die Flugblätter gingen wirklich um die ganze Welt, und auch das MRR selbst brachte eine fette Ankündigung.

Die Monate bis zum CHAOS-TAG brachten aber für Hannover dann doch noch eine ziemlich üble Entwicklung: Die Skins hatten beim BLACK-FLAG-Konzert nach einer Schlägerei am Bahnhof zur ersten großen Punk-Hatz geblasen, und in den Wochen darauf eskalierte die Situation auch tagsüber in der City immer mehr.

Ausgerechnet beim ersten Auftritt der ALTEN KAMERADEN in der Korn gab es die bis dahin heftigste Attacke der Glatzen: Sie griffen mit Leuchtspurmunition und Molotow-Cocktails an und versuchten, mit einem Benzinkanister das Dach des Jugendzentrums, auf dem sich die Verteidiger verschanzt hatten, in Brand zu setzen. Ein Wunder, daß es an diesem Tag keine Toten gab!

So war natürlich auch klar, daß der diesjährige CHAOS-TAG ganz im Zeichen der Auseinandersetzungen mit den Skins stand; dazu kam, daß auf einem Flugblatt der Nazi-Skins offen dazu aufgerufen wurde, am CHAOS-TAG die "Punk-Schweine zu zerschlagen und zu verjagen".

Karl Nagel

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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