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Punk 1984: Punk ist endgültig
auf dem absteigenden Ast. Die wenigen
Punks, die man noch im Straßenbild
sieht, sind fast ausschließlich
die verachteten Penner-Punks sowie
die betrunken in den Fußgängerzonen
herumliegende EXPLOITED-Anhängerschaft.
Auch die geben sich mittlerweile
"politisch" und erklären jede
Schlägerei mit prügelgeilen
Prolls zum "antifaschistischen Kampf".
Ihre Jackenaufschriften degenerieren
zur immer gleichen Scheiße
und beschränken sich neben
diversen hingeschmierten Bandnamen
auf platte Polit-Parolen, die stumpf
von irgendwelchen linken Demotransparenten
abgeschrieben sind und jede eigene
Idee vermissen lassen.
Auf der anderen Seite zieht
sich die "Intelligenz" der Punk-Szene
immer mehr zurück. Man trifft
sich mit anderen zuhause oder in
Übungsraum und hier und da
auf Konzerten, wobei die Internationalisierung
immer weiter voranschreitet. Die
Situation der Punk-Szene im Ausland
ist für viele interessanter
als die frustrierende Punk-Realität
in Deutschland.
Mit dieser Entwicklung verbreiten
sich auch neue Ideen in der Szene:
Vegetarismus und der Kampf gegen
Tierversuche sind hier nur zwei
Stichworte, und zum ersten Mal sieht
man auch Punks auf Skateboards.
Der letzte Versuch, mit der
"Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands"
(APPD) eine eigenständige Punk-Idee
zu entwickeln, scheitert an der
Apathie der Szene.
1984 ist auch das letzte große
Jahr der "Touristen-Punks", die
ein wichtiges Element sind, um die
Kontakte zwischen den Städten
aufrechtzuerhalten. Zur Reisevorbereitung
gehört nun für jeden auf
seine Gesundheit bedachten Punk
endgültig die Information,
wie es am Zielort mit Skins aussieht,
wo man mit ihnen rechnen muß.
Man ist ja nicht lebensmüde...
Trotz der fantastischen Ereignisse
des vergangenen Jahres bekam ich
immer mehr das Gefühl, daß
die Situation ganz schön auf
der Kippe stand. Gerade die hannoversche
Szene versank immer mehr in Apathie,
und es wurden auch immer weniger
Leute auf Konzerten, in der Korn
und erst recht auf der Straße.
Auf der anderen Seite wuchs die
Skinszene beständig, und
wieder einmal hatten eine ganze
Reihe von Punks den Wechsel zum
Skinhead durchgemacht. Die Situation
zwischen beiden Gruppen war zwar
noch recht entspannt, aber irgendwie
spürte jeder, daß da
was im Gange war. Immer öfter
kam mir zu Ohren, daß es
den meisten Skins gar nicht schmeckte,
von Glatzen aus anderen Städten
als "Lutscher" und "Punk-Freunde"
beschimpft zu werden.
Um auch der eigenen Szene wieder
mehr Schwung zu verleihen und
ebenso, um die Langeweile zu vertreiben,
war es an der Zeit, ein kleines
"Beschäftigungsprogramm"
zu starten: Die Punkband ALTE
KAMERADEN wurde gegründet,
wir hatten Spaß bei den
Aufnahmen zu einer selbstgeschriebenen
Foto-Love-Story, die Vorbereitungen
für den CHAOS-TAG 84 liefen
an und zu guter Letzt belebten
wir erneut die "Anarchistische
Pogo-Partei Deutschlands" (APPD).
Im Februar gab´s den ersten
Parteitag, zu dem wir die beklopptesten
Punks des Landes eingeladen hatten
und auf dem wir schließlich
unser Parteiprogramm verabschiedeten.
Anschließend gab´s
einen kleinen Zug durch die Szenekneipen
Hannovers, bei dem wir lauthals
die erste Ausgabe der Parteizeitung
"Armes Deutschland" unter die
Leute brachten.
Betäubt von den vielen spendierten
Bieren, wankten die meisten schließlich
um Mitternacht zu ihrer Schlafstätte.
Ich hatte die Ehre, APPD-Sektionsleiter
Sven Brux sowie Freundin Antje
("Sie küssten und sie schlugen
sich") zu beherbergen, wobei im
Verlaufe der Nacht einige kleinere
Einrichtungsgegenstände meines
Zimmers in Sperrmüll verwandelt
wurden.
Die APPD-Idee schlug schnell
Wurzeln in vielen Städten,
insbesondere die Münchener
und Bonner Sektionen wurden die
treuesten APPD-Anhänger aller
Zeiten.
In Hannover sah´s dagegen
anders aus: Obwohl wir unseren
Spaß bei Parteiständen
in der Innenstadt hatten, ernsthafte
Gespräche mit Bürgern
über die APPD-Forderungen
"Für ein Deutschland in den
Grenzen von 1237", "Für das
Recht auf Arbeitslosigkeit" und
"Ficken für den Frieden"
führten und auch einige geile
Demos organisierten, schlug uns
meist offene und arrogante Ablehnung
entgegen.
Das war halt die Zeit, in der
es "in" wurde, erst um Mitternacht
den Platz vor der Glotze zu verlassen,
um diverse Szeneläden aufzusuchen.
Die Nasen voller Koks und Speed,
immer getreu der Forderung "Sex
& Drugs & Rocknroll",
machten sich diese Zombies halt
über diejenigen lustig, die
sich noch tagsüber auf die
Straße wagten.
Irgendwie ging uns nach einigen
Monaten die Luft aus, es war einfach
zu frustrierend, daß die
meisten, die noch auf unseren
Aktionen aufkreuzten, zu der Sorte
Punks gehörten, die unsere
Parolen tatsächlich für
bare Münze nahmen.
Auf der anderen Seite war es
zwar ganz nett, daß die
auswärtigen Sektionen unsere
Aktionen begeistert unterstützen,
aber leider ziemlich wenig eigene
Ideen entwickelten, so daß
Leute wie Tobi, Zewa oder ich
immer mehr in die Rolle der "großen
Vordenker" gerieten.
Das war´s aber nicht gerade,
was wir mit der APPD erreichen
wollten, und so stellten wir ARMES
DEUTSCHLAND nach 8 Ausgaben erstmal
vorläufig ein, die Parteiaktivitäten
wurden auf Eis gelegt. Schade
drum!
Mittlerweile waren die Vorbereitungen
für den CHAOS-TAG schon im
vollen Gange: Wie schmal die Aktivitäten
geworden waren, erkennt man daran,
daß mit Tobi und mir gerade
mal zwei Leute die Power aufbrachten,
die nötigen Flugblätter
zu schreiben und zu verschicken.
Ganz praktisch war dabei, daß
uns mit dem seit einigen Monaten
in einem hannoverschen Plattenladen
erhältlichen MAXIMUM ROCKNROLL
die ideale Punk-Adressenquelle
von Grönland bis Papua-Neuguinea
zur Vergügung stand. Die
Flugblätter gingen wirklich
um die ganze Welt, und auch das
MRR selbst brachte eine fette
Ankündigung.
Die Monate bis zum CHAOS-TAG
brachten aber für Hannover
dann doch noch eine ziemlich üble
Entwicklung: Die Skins hatten
beim BLACK-FLAG-Konzert nach einer
Schlägerei am Bahnhof zur
ersten großen Punk-Hatz
geblasen, und in den Wochen darauf
eskalierte die Situation auch
tagsüber in der City immer
mehr.
Ausgerechnet beim ersten Auftritt
der ALTEN KAMERADEN in der Korn
gab es die bis dahin heftigste
Attacke der Glatzen: Sie griffen
mit Leuchtspurmunition und Molotow-Cocktails
an und versuchten, mit einem Benzinkanister
das Dach des Jugendzentrums, auf
dem sich die Verteidiger verschanzt
hatten, in Brand zu setzen. Ein
Wunder, daß es an diesem
Tag keine Toten gab!
So war natürlich auch klar,
daß der diesjährige
CHAOS-TAG ganz im Zeichen der
Auseinandersetzungen mit den Skins
stand; dazu kam, daß auf
einem Flugblatt der Nazi-Skins
offen dazu aufgerufen wurde, am
CHAOS-TAG die "Punk-Schweine zu
zerschlagen und zu verjagen".
Karl Nagel
weiter
...
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