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Hannover: Auf dem Weg zur Wende?
Das Jahr 1983 wurde ziemlich heftig für die hannoversche Punkszene eingeläutet: Aus einer Silvesterknallerei im Jugendzentrum Glocksee entwickelte sich urplötzlich ein "Artillerieduell" zwischen parallel stattfindender Punk- und Prollfete. Es ging ziemlich zur Sache, und schließlich griff ein Punk zu einem kleinkalibrigen Revolver und versenkte eine Kugel im Kopf seines Gegners - glücklicherweise ohne größere gesundheitliche Folgen. Aber für Schlagzeilen reichte es allemal! Weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Am nächsten Tag fand Schotte, der BLUT & EISEN-Sänger, sein Auto als Barrikade wieder - von den Prolls die Kellertreppe zu den Übungsraumen der Punk-Bands hinuntergeworfen...

Aber so beschissen das Jahr auch angefangen hatte, so wurde es doch auch das Jahr der Sternstunden. Los gings mit einem "Konzert" von B-TEST, das wir in einer Straßenbahnlinie organisierten. Die Stimmung war bombastisch, bis schließlich Lukas, unser gewalttätiges Riesenbaby (Beruf: Schlachter) die Notbremse zog und die Polizei mit einem kurzen Knüppeleinsatz die Party auflöste. Einige Wochen später verschwand Lukas hinter Gittern, weil er mit einer Gasknarre irgendeine Tankstelle überfallen hatte - allerdings so ungeschickt, daß ihn die Polizei prompt schnappte. Die Beute: ein paar hundert Mark!

Die meisten Punks gingen in ihren Methoden doch subversiver vor: Um der Bundeswehr zu entgehen, wurden fleißig Tips für richtig angewandten Drogenkonsum ausgetauscht oder geschickt Selbstmordversuche vorgetäuscht. Absoluter Gewinner in diesem Business wurde mal wieder Error: Er schaffte es, sich ein halbes Jahr nicht zu waschen, und dann auf dem Kreiswehrersatzamt einen derart beschränkten Auftritt hinzulegen, daß fortan die Bundeswehr absolut kein Interesse mehr an ihm zeigte...

Die Welle des US-Hardcore erreichte bald auch Hannover, und mit ihnen Bands wie D.O.A. und BLACK FLAG. Ich sah das absolut beste Konzert meines Lebens: BAD BRAINS in der Kornstraße! Das Wasser tropfte von der Decke, und der Konzertsaal glich von vorne bis hinten einem durchgeknallten Irrenhaus. Sowas hatte man bis dahin nicht gesehen.

Kurze Zeit später hörte man aus Köln ganz andere Nachrichten: Beim dortigen BAD-BRAINS-Konzert im Stollwerk waren Skins als Ordner aufgetreten und hatten in übelster faschistischer Manier das Publikum terrorisiert. Auch hier ehemalige Punks in vorderster Reihe, nämliche die Leute von COTZBROCKEN. Peinlich für mich, denn die Band war mir 1981 zum ersten Mal in einem WDR-Film ("Randale und Liebe") aufgefallen, und die gleichzeitige Schilderung ihres Punk-Lebens hatte mir damals ganz schön imponiert...

Glücklicherweise nahm die Skin-Geschichte in Hannover einen ganz anderen Verlauf. Spätestens seit dem vergangenen CHAOS-TAG hatte sich das Verhältnis zwischen Punks und Skins merklich entspannt. Viele Skins beteiligten sich sogar an einer antifaschistischen Demo, und zwei Skin-Bands hatten Übungsräume in der Glocksee fitgemacht.

Mittlerweile hatte ich auch Skin-Boß Mario genauer kennengelernt, und im Laufe der Zeit wurden wir ziemlich dicke Freunde. Mir ging zwar ziemlich auf die Nerven, daß auch er noch immer gerne mal eine braune Zote auf die Umgebung losließ, aber es war überhaupt nicht klar, was daran ernstgemeint war. Fakt war nur, daß er Nazis und solchen in Skin-Kluft immer gerne was zwischen die Zähne gab und sich rein menschlich mir gegenüber immer okay verhielt.

Ich verbrachte damals eine Menge Zeit mit den Hannover-Glatzen, weil der kräftige Drogen- und Alkoholkonsum der Punks sich immer mehr zu ziemlicher Schlaffheit auswuchs. Auf den Straßen oder am Bahnhof sah man fast nur noch die von der Korn-Szene verachteten Stumpfcores - die daher schnell zu der Ansicht kamen, sie seien die einzig "wahren" Punks... Die Skins dagegen waren erstaunlich agil, außer zu den üblichen Wochenendbesäufnissen fast nie betrunken und ständig zu jeder Schandtat bereit. Das imponierte mir, denn für´s Altersheim fühlte ich mich eigentlich noch zu jung.

Und weil ich irgendwie immer noch die Idee der "Einheit der Straße" im Hinterkopf hatte, dachte ich mir, daß man die in Hannover gezeigte friedliche Koexistenz doch auch bundesweit verwirklichen können müßte.

Abgesehen davon bohrte es immer noch in mir, daß der CHAOS-TAG des letzten Jahres eigentlich eine stinknormale Demo gewesen war und die bunten Phantasien, die ich vorher gehabt hatte, nicht im mindesten erfüllen konnte.

Größenwahnsinnig, wie ich nun mal bin, nahm ich mir also vor, das größte Punktreffen aller Zeiten zu organisieren und lud ein paar Punks und Skins ein, um ein ganz dickes Ei zu legen: DIE WENDE!

Was getan wurde, war eigentlich nichts außergewöhnliches: Wir ließen einen Schwall diverser Flugblätter auf die Menschheit los und verschickten die Dinger ins In- und Ausland. Das Problem war dabei, die Leute davon zu überzeugen, daß das Treffen der Oberhammer werden würde, uns so mußten wir einen ganz schönen Wirbel veranstalteten und forderten einfach ALLE Punks auf, gefälligst nach Hannover zu kommen, immer in der Hoffnung, daß DAS KEINER verpassen wollte!

Und irgendwie sprang der Funke über: Viele Bands machten Durchsagen bei ihren Konzerten, die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, selbst im kleinsten Kaff packten Punks ihr Bündel, um nach Hannover zum CHAOS-TAG zu fahren!

Karl Nagel

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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