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Überleben in der Wüste!

Punk 1988-93: Jahre, in denen es kaum Bands gibt und noch weniger Fanzines. Jegliche Form der Aktivität scheint für die letzten bunten Gestalten, die man hier und da durch die Fußgängerzonen torkeln sieht, wie ein Fremdwort.

Die Attraktivität der Szene für Neueinsteiger ist gleich Null, und Bands wie DIE ÄRZTE, ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN oder DIE TOTEN HOSEN mischen zwar ganz gut bei der Verteilung von Tantiemen und Farbreportagen der BRAVO mit, repräsentieren aber nicht im mindesten das, was Punk einmal bedeutet hat - und erst recht nicht die paar armseligen bunthaarigen Penner.

Der erste, der sich einen Dreck um diese Entwicklung schert, ist Willi Wucher aus Duisburg, der nach seiner ziemlich peinlichen Skin-Zeit überraschend wieder auftaucht und einfach da ansetzt, wo er 1982 aufgehört hat. Sein SCUMFUCK wird schnell zum Kult-Fanzine einer kleinen neuen Gruppe aktiver Punks.

Mit der deutschen Einheit 1990 ändert sich die Situation rapide: Auf der einen Seite stößt die Skin-Szene in das Vakuum vor, das Punk hinterlassen hat. Die Kids, die mit ihrer Situation unzufrieden sind und nach Auswegen sucht, hören jetzt BÖHSE ONKELZ, und die besonders rabiaten verlegen sich gleich auf die richtigen Skin-Bands wie STÖRKRAFT und KAHLKOPF. Das besonders eklige dabei: Es ist eine Mischung von Musik, die wie Punk klingt und doch übelster Nazi-Dreck ist, gepaart mit hemmungslosem Saufkult. Es gibt einen regelrechten Naziboom, der schließlich mit den Krawallen von Hoyerswerda und Rostock seinen ersten Höhepunkt erlebt.

Gleichzeitig setzt aber gerade auch im Osten Deutschlands ein wahrer Run auf alte Punk-Scheiben ein, Punk ist bei vielen Kids Kult, schließlich war es früher ein Riesenproblem, Orignalplatten in die FInger zu bekommen.

So bahnt sich langsam aber sicher ein Revival des Deutschpunk an. Bands wie TOXOPLASMA sind plötzlich wieder da, ebenso die bekannteste deutsche Punk-Band aller Zeiten: SLIME.

Auch in der Skin-Szene gibt es Veränderungen: Unter dem Namen "Sharp" bildet sich eine Gegenbewegung, um den Nazi-Einfluß in der Szene einzudämmen. In vielen Städten lassen die Auseinandersetzungen zwischen Skins und Punks merklich nach, zumal die bisherigen Nazi-Skins mittlerweile voll auf dem HJ-Trip oder zu Hooligans geworden sind und sich dementsprechende Frisuren und Klamotten zulegen.

Es tat docht verdammt weh, sich von einigen liebgewordenen Grundeinstellungen zu trennen. Irgendwie verstand ich jetzt auch ein wenig die frühen Skins, die oft nur Haß für die Punks übrig gehabt hatten. Anscheinend konnte man sich nur so vom Punk abnabeln. Mit jeder Menge Wut im Bauch schrieb ich Artikel für ein neues HACKFLEISCH, die schließlich als Serie im ZAP veröffentlicht wurden und jedem klarmachen sollten, daß Punk für mich erledigt war.

Das dachte ich tatsächlich, und im Laufe der Jahre kam mir bald all das, was ich die Jahre zuvor so getrieben hatte, total fremd vor. "Punks" und "Skins", ich verstand absolut nicht mehr mehr den Sinn dieser Bewegungen.

Ich widmete mich meiner neuen Band, den MILITANT MOTHERS, und das, was in den Überresten der Punk-Szene stattfand, verschwand fast völlig aus meinem Blickfeld. Was ich jedoch noch mitbekam, reichte völlig aus, um mir die Haare zu Berge stehen zu lassen: Die alte Punkszene verschwand fast völlig, und viele ehemalige oder dabeigebliebene Punks begegneten mir als verfaulende, lebende Heroin-Leichen wieder. Manchmal kamen sie mir wie eine Herde Paviane im Zoo vor: grunzende Laute ausstoßend, ständig um eine kleine Gabe bettelnd und mit ungelenken Bewegungen umherstreifend.

Stell Dir vor, Du findet Deinen Vater, der sich vor 10 Jahren nach dem Zigarettenholen einfach verpisst hat, dahinvegetierend auf einer Müllhalde wieder. Da kommt eine Mischung aus Wut und Trauer, gepaart mit völliger Hilflosigkeit auf. All das, was mir einmal so viel bedeutet hat, war zu einem Haufen stinkender Scheiße verkommen.

Das konnte ich mir nicht mitansehen, und so knipste ich alle Gedanken an die Vergangenheit einfach aus. Die Punk-Szene existiere einfach für mich nicht länger, und das war auch ziemlich einfach, denn außer ein paar herumstreifenden Penner-Punks gab es unfreiwillig meist nicht viel zu sehen.

Glücklicherweise hatte ich meine Band, in die ich meinen ganz persönlichen Punk hineinstecken konnte. Und trotzdem fühlte ich mich in dieser Hardcore-Szene nie wirklich zu Hause, so sehr ich mir auch Mühe gab. Dieser ganze Plattensammlerwahn war nie mein Ding, und auch diese völlige Vergötterung der Bands ist echt zum Kotzen. Überall die gierigen Klauen derer, die die Freiheit und Phantasie der Einzelnen in ihre vorherbestimmten Bahnen lenken wollen: Plötzlich wurde der kommerzielle Erfolg einer Band ein wichtiger Antrieb, die Aussagen der Bands gerieten zu egozentrischem und pseudogesellschafskritischen Gequatsche und Hefte wie das ZAP brachten auch nicht mehr auf die Reihe als Beiträge zur Pop-Kultur, gepaart mit der Aufforderung zum heroischen antifaschistischen Kampf.

Was interessiert mich Hardcore, was interessiert mich der antifaschistische Kampf, wenn mein eigenes Leben dabei auf der Strecke bleibt?

Karl Nagel

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  In 14 Tagen zusammengekloppt...

Als im Frühjahr 1994 die ersten Flugblätter auftauchten und nach zehnjähriger Pause wieder zu Chaos-Tagen in Hannover aufriefen, griff ZAP-Herausgeber Moses zum Telefon und pflanzte mir kurzerhand die Idee einer Sonderausgabe zum Thema Chaos-Tage ins Hirn.
In Windeseile wurde diese Idee durchgezogen, und wenige Wochen später war das Heft fertig. Es beschreibt Entstehung und Geschichte der Chaos-Tage anhand unserer Erlebnisse und gibt somit zumindest einen gewissen Einblick in das Thema.
Diese Erlebnisberichte, die sich natürlich in erster Linie um um unsere ganz persönlichen Eindrücke drehen, können natürlich überhaupt nicht repräsentativfür das komplette Geschehen sein, und niemand sollte auf die Schnapsidee kommen, das Heft zum wahrhaftigen "Geschichtsbuch" zu erklären.
Jeder, der in den Achtzigern mit Punkrock oder Chaos-Tagen zu tun hatte, wird seine eigene Darstellung, seine eigene Geschichte haben. Da sich aber eben bisher niemand die Mühe gemacht hat, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen, müßt Ihr nun eben mit STREETPUNK vorliebnehmen, und auch mit der Sichtweise der beiden Schreiber.
Aber eines hat das Heft auf jeden Fall bewirkt: Viele haben sich wieder daran erinnert, daß das, was früher zum Kotzen war, auch heute noch übel aufstößt. Und mancher Kid-Punk hat sich nach der Lektüre von STREETPUNK gesagt, daß die Zeit für Chaos-Tage noch lange nicht vorbei ist.
Und ist nach Hannover gefahren. -kn-

 
 
   
 
 
 
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