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HANNOVER: PARANOIA PARADISE!

BUNKERBRIEF NR. 14

Es geht ein Gespenst um in Europa... Es ist das Gespenst der CHAOS-TAGE, und allein die Nennung seines Namens läßt die Massen erzittern und die aufrechten Punk-Rocker frohlocken. Wenn man sieht, mit welch fieberhafter Betriebsamkeit sich schon jetzt alle beteiligten Seiten propagandistisch auf das diesjährige Treffen, das für die Zeit vom 4.-6. August angesetzt ist, vorbereiten, dann kann man ahnen, auf welch witzige Weise eine deutsche Großstadt diesen Sommer durchdrehen wird.

Und weil's so schön ist, will ich mich an dieser Stelle mit einer Spekulation beteiligen, für die ich fast meinen Arsch verwette...

Hier ist sie also nun,
die CHAOS-TAG-PROPHEZEIHUNG!

Während Ihr diese Zeilen lest, ergießt sich eine wahre Flut von Flugblättern um die ganze Welt. Punk-Fanzines von Japan über Griechenland bis Peru veröffentlichen die diversen Kettenbriefe, die da in allen möglichen Sprachen kursieren. Alle wollen wissen, was dieses Jahr in Hannover los ist, schließlich wurde die Nachricht von den CHAOS-TAGEN des vergangenen Jahres weltweit über die Medien verbreitet.

Zusätzlich verbreiten fanatische Cyber-Punks CHAOS-TAG-Infos über weltumspannende Computernetze und Mailboxen. Alle möglichen großen und kleinen Bands - nach unbestätigten Gerüchten sogar NO FX und BAD RELIGION -rühren überall auf ihren Konzerten und Interviews kräftig die Progagandatrommel.

Großer Förderer der CHAOS-TAGE ist in diesem Jahr auch die DEUTSCHE BAHN AG, denn dank des sensationell günstigen 15-Mark-Tickets, gehen jedes Wochenende ganze Heerscharen von Punks auf Wanderschaft, und so erfahren schließlich wirklich ALLE Punks Deutschlands von dem großen Treffen.

Irgendwann können auch die Musikzeitschriften, die ja ansonsten lieber die Plattensucht der Leute mit immer neuen Trend-Stories anfachen, nicht mehr umhin, von dem sich anbahnenden Großereignis zu berichten. Und weil sie ja alle so locker und berufsjugendlich sind, finden sie es irgendwie "toll", daß die bunten Punker sich da treffen, nur, bitteschön, friedlich solle es sein!

Ansonsten können diese kranken Hirne gar nicht anders, als alles in ihrer Beschränktheit dem aktuellen Punk-Trend zuzuschreiben und hoffen außerdem, daß durch die CHAOS-TAG-Publicity noch viiiiieeeel mehr Punk-Scheiben verkauft werden!

MACH NE MARK DURCH CHAOS-TAG!

Nach diversen kleineren Probeläufen machen sich langsam die Medien warm: Im Laufe der Wochen steigert sich der Ton von "warnender kritischer Berichterstattung" hin zu sich überschlagender Blutgeilheit in Tateinheit mit schönster Panikmache. Härteste Polizeimaßnahmen werden gefordert, um den verbrecherischen und brutalen Überfall der Punker auf das friedliche Hannover zu verhindern. Dazwischen natürlich immer Interviews mit Jugendexperten: Was ist mit der Jugend los?

Allmählich werden auch die Polit-Freaks wach: Wagen es da tatsächlich wahre Massen von dummen Punk-Rockern, sich zu treffen, einfach nur so, ohne große Demo und so? Und ohne die Profi-Parolenschwinger um Rat zu fragen? Das darf nicht sein! Kein Aufstand ohne Haßkappen!

Also beschließt noch schnell eine selbsternannte Avantgarde, den CHAOS-TAG in eine Speerspitze gegen den Imperialismus zu verwandeln und trifft entsprechende propagandistische und organisatorische Vorbereitungen, genauso wie einige logistisch geschicktere Punks sich mal wieder ein paar normale Klamotten besorgen, um unerkannt in Hannover anzureisen.

Auf der anderen Seite leiden diverse Hooligans unter den Folgen der Bundesliga-Sommerpause und machen sich ernsthaft mit dem Gedanken vertraut, am ersten August-Wochenende Hannover einen kleinen Besuch abzustatten. Schließlich wird die Polizei ja an diesem Wochenende nur die mit den bunten Haaren verhaften und nicht die Spitzbuben mit den Lonsdale-Pullovern. Also eine prima Gelegenheit, mal wieder umsonst einkaufen zu gehen und sich auch ansonsten sein Mütchen zu kühlen!

Natürlich tut sich auch was in der Skin-Szene: Obwohl die meisten linken und unpolitischen Glatzen mehr auf Wiesen-Sauf-Partys stehen, möchte man doch ganz gerne dabei sein, wenn sich Europas subversive Jugend trifft. Aus diesem Grund besorgen sich auch diverse anpolitisiert eher rechte Skins für dieses Wochenende eine Jacke ohne Deutschland-Aufnäher, weil man diese Riesenfete natürlich nicht verpassen will. Auf der anderen Seite überlegen Nazi-Skins und ähnliches Gesocks, ob man denn genug Leute für eine Bürgerwehr zusammenbekommt, um durch tatkräftige Aktion mit dem Pöbel aufzuräumen.

All das kristallisiert sich im Laufe der Wochen heraus, und als bekannt wird, daß auch aus dem Ausland Tausende anreisen werden, kennen die Medien kein Halten mehr: Eine Art Ausnahmezustand wird gefordert, totaler Polizeieinsatz und natürlich die Frage: Was ist mit der Jugend los?

Während sich nun also alles auf das Wochenende vom 4.-6. August vorbereitet, interessiert das eine ganze Reihe Hardcore-Punks von der Straße einen Dreck: Es ist Sommer, und sie gehen halt mal wieder auf Wanderschaft, in diesem Fall natürlich nach Hannover, um dort schon mal die Lage zu peilen und irgendwie eine Bleibe zu finden.

Also steigt schon Tage oder sogar Wochen vor dem eigentlichen Treffen die Anzahl der vor dem Hauptbahnhof versammelten Punks, und der dabei jeden Tag hinterlassene Müllberg ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien.

Einige Tage vor dem "big meeting" startet die Polizei schließlich zur Großaktion: Punk-Ansammlungen werden schon im Keim erstickt, und zusätzlich wird bundesweit eine Festnahmeaktion von Szeneaktivisten durchgezogen, um die angeblichen "Rädelsführer" aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Polizei weiß zwar, daß die CHAOS-TAGE ein Selbstläufer sind und das ganze überhaupt nicht organisierbar ist - weder positiv noch negativ - aber der Gejammer von CDU-Gerster vom vergangene Jahr klingt dem Polizeipräsidenten noch in den Ohren, und so will man sich diesemal keine Blöße geben und macht reinen Tisch.

Jetzt wird endgültig auch die linke Presse, speziell die TAZ, wach: Flammende Artikel gegen die ungerechte und menschenrechtswidrige Behandlung der armen Punker, und daß es sowas ja wohl in einem Rechtsstaat nicht gehen dürfe. Okay, drauf geschissen.

Irgendwelche Profi-Musik-Punk-Manager in Zusammenarbeit mit den GRÜNEN schlagen vor, am Maschsee ein großes Punk-Open-Air mit GREEN DAY abzuziehen, um die Leute aus der Stadt zu kriegen und sie so zu beruhigen. Die Polizei findet das zwar irre gut, aber dummerweise findet sich kein Technikverleih, der so dumm ist, seine Anlage dahin zu stellen, zumal es schon im Vorfeld Drohungen gibt, ein solches Konzert schlagkräftig zu sabotieren.

UND DANN IST ES ENDLICH SOWEIT:

Das CHAOS-TAG-Wochenende steht vor der Tür. Gewarnt durch die hilfreichen Tips der Presse, verbarrikadieren sich die Bürger mit ihren Lebensmittelvorräten und Batterieradios in den Kellern, andere wiederum befinden sich in den riesigen Autoschlangen, die Flüchtlingstrecks gleich die Stadt verlassen. Hunderte von blutgeilen Presse- und Fernsehteams bevölkern die ausgestorbenen Straßen, um ihre Story zu kriegen.

Die Polizei ist mit unzähligen Hundertschaft und jede Menge schwerem Gerät angetreten, um Hannover vor dem Terror zu verteidigen.

Und der Punk-Ansturm setzt auch ein, wie vorhergesagt. Mehr als 10.000 Punks - ich sags Euch, gerade aus dem ehemaligen Ostblock werden wahre Massen kommen! - versuchen mit allen möglichen Tricks in die Stadt zu kommen.

Die, die an der Polizeikontrolle hängenbleiben, werden vor die Alternative gestellt: Knast oder Heimfahrt. Der Mob brüllt leidenschaftlich "Ab ins Lager", denn das ist das Motto dieses Jahr, und jeder, der anreist, weiß eh, daß ein netter Knastaufenthalt zum Pflichtprogramm gehört. Das schmeckt der Polizei überhaupt nicht, weil denen natürlich lieber wäre, die Leute fahren nach Hause.

Aber die Punks sind natürlich nicht so bescheuert, aus allen möglichen Ländern und Himmelsrichtungen anzufahren, nur um wieder umzudrehen. Dabeisei ist alles! Schließlich ist das die größte Massenverhaftung aller Zeiten!

Da auch jeder weiß, daß die Festnahme ohne Folgen bleiben wird, ist das ganze eine einzige Gaudi, um die Polizei zu verarschen. Mal schauen, wo die Polizei 10.000 Leute unterbringt... Einige Leute haben sich sogar noch schnell T-Shirts gemacht mit der Aufschrift: "Ich bin ein Rädelsführer: Ab ins Lager!"

Scheiße, daß das auch nicht nach den üblichen Demo-Regeln abläuften: anreisen - demonstrieren - Heimreise! Nein, die Typen wollen glatt mehrere Tage auf ihren Chaos-Tagen bleiben, und das ist echt gegen die Abmachung!

Es folgt ein Panikanruf des Polizeipräsidenten beim Chef von Hannover 96: Die Polizei braucht das Fußballstadion, um die Punk-Massen unterzubringen, und die Einwilligung erfolgt prompt. Schließlich ist man ein guter Bürger.

Die Punks finden das auch witzig, und die Polizei muß unter den Augen der Weltpresse zähneknirschend Käsebrötchen und Coca-Cola verteilen, um wenigstens was fürs Image zu tun. Schließlich will ja keiner, daß Leute sich an das Fußball-KZ von Santiago de Chile erinnert fühlen, aber natürlich denken genau das die Leute...

Einigen Tausend gelingt es natürlich trotzdem, bis in die City zu vorzustoßen. Darunter jede Menge Hools und mit Normaloklamotten getarnte Punks. Die Polizei dreht immer mehr durch und nimmt jetzt auch jeden normal aussehenden Menschen zwischen 15 und 35 fest und fordert die Bürger durch Lautsprecherdurchsagen und Radionachrichten auf, deshalb in ihren Häusern zu bleiben: Jeder, der jetzt noch auf die Straße geht, ist ein potentieller Verbrecher und damit sicherer Gefangener.

Irgendwo treffen sich gut organisierte Trupps von Punks, die als Wasserpistolen-Guerilla den feuchten Angriff auf MacDonalds wagen. Schutt und Asche wird aus dicken Säcken in der Stadt verteilt, und immer wieder tauchen Lastwagen mit Punk-Bands auf, die urplötzlich mit ihrem Krach beginnen, um dann doch von der Polizei ins Niedersachsenstadion geleitet zu werden.

Natürlich gibts auch irgendwo Krawall: 500.000 DM Sachschaden sind schnell zusammen, und so kann die Polizei endlich aufatmen: Böse, böse Dinge sind passiert, und nur durch gut organisierten Polizeieinsatz wurde schlimmeres verhindert. Wobei die angerichteten Schäden immer noch verbrecherisch genug sind. was wiederum die Medien freut.

Eben diese berichten die ganzen Tage mit ständigen Live-Schaltungen aus Hannover von der Front, ebenso aus SAN FRANCISCO, wo ja zeitgleich CHAOS-TAGE stattfinden. Aber die Amis sind viel zu nett für sowas, außer ein paar Konzerten und Happenings ist nix los, und genau deshalb finden es die Berichterstatter dort irre dufte, echt ein Vorbild für dummen deutschen Punker, was Dolf Hermannstädter vom TRUST, der natürlich auch da ist, gneauso sieht. Ansonsten natürlich nochmal rund um die Uhr Gespräche mit Jugendfachleuten: Was ist mit der Jugend los?

Die Zeit danach: Deutschland atmet auf, Hannover steht noch, und die Polizei stellt auf ihrer Pressekonferenz einen "vollen Erfolg" fest. Wobei sich sich nicht verkneifen werden, darauf hinzuweisen, daß mit polizeilichen Mitteln - also auch der Festnahme von sogenannten "Rädelsführern" der Sache nicht beizukommen ist. Das ganze sei völlig unorganisert, ein Problem der Gesellschaft und daher nur mit politischen Mitteln zu lesen. Jaja, unsere ach so liberale und nachdenkliche Polizei.

Ach ja, nicht zu vergessen, der Chef der Gewerkschaft der Polizei meldet sich, um festzustellen, daß die Polizei nicht der Prügelknabe sein darf, mehr Leute einstellen, bessere Arbeitsbedingungen, blablabla...

Die Presse beruhigt sich langsam wieder und wendet sich wieder Themen wie Bosnien-Herzegowina zu, während sich die Punkszene weltweit immer noch schlapplacht über diese ganzen armen Irren und schon bald wieder die ersten Flugis für 1996 auftauchen.

Ja, und in den diversen Jugend und-Musikzeitschriften des Over- und Undergrounds mit der üblichen Verzögerung die empörte Meinung irgendwelcher gut verdienender Musiker und Schreiberlinge, daß DAS mit Jugend oder auch PUNK NICHTS zu tun hat. Punk ist harte Musik mit wütendeten ehrlichen Emotionen und kein Krawall, ist doch klar. Das hamse alle nicht gewollt.. Obwohl, die Polizei war ja auch ganz schlimm, und solche brutalen Sachen sind echt Scheiße, ne!

Und doch werden sie alle im nächsten Jahr wieder mitspielen, denn da sind wieder CHAOS-TAGE, und womöglich noch größer als im Jahr zuvor.

Viel Spaß Herr Polizeipräsident, Viel Spaß, liebe Medien. Es gefällt Euch nicht, und doch könnt ihr es nicht übersehen. Punkrock auf der Straße ist ein wirkliches Ärgernis, und es bleibt zu hoffen, daß er nicht wieder in irgendwelchen Plattensammlungen und Parolensümpfen versickern wird...

Wir sehen uns im Knast, liebe Leser. Irgendwann um das erste Wochenende im August.

Karl Nagel

 

 
  Ein echter Säureerguß
1995 kam als weitere ZAP-Sonderausgabe eine Samlung von Texten, in denen ich mir gründlich und und brutal so schöne Themen wie Politik, Musik und eben auch Chaos-Tage zur Brust nahme. In Kürze gibt's die kompletten Bunkerbriefe auf meiner eigenen Website - dann findet sich hier ein entsprechendes Link.
-kn-
 
 
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