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Die Chaostage funktionieren nach einem simplen Prinzip: Es wird einfach behauptet,
daß sich alle (Punks und Jugendliche, die sich in irgendeiner Art und Weise
mit ihnen verbunden fühlen) an einem bestimmten Wochenende im Jahr irgendwo
treffen, um eine riesengroße Party zu feiern. Durch die Flut von Flyern, Gesprächen
über die Chaostage der vergangenen Jahre, Berichten in Medien wird eine Stimmung
erzeugt, die es dem einzelnen Punk nahezu unmöglich macht, nicht nach Hannover
zu fahren.
Daß es keinen Veranstalter gibt, ist nicht von Interesse. Selbst wenn es
einen gäbe und er oder sie ins Licht der Öffentlichkeit treten würde,
würde man ihm nicht glauben.
Denn das Chaos hat keine Köpfe. Es gibt niemanden, der das Sagen hat, also
gibt es auch niemandem, dem man den Kopf abschlagen und das Chaos so besiegen kann.
Das Chaos besteht aus der Lust an Unordnung, dem sich aus Zufall ergebenden, dem
Ziellosen, das nur den Moment kennt. Es ist nicht politisch, da es nicht mit Kategorien
wie Zukunft oder Vergangenheit arbeitet. Es kennt nur das Jetzt.
Wer aber dann macht die Flyer, wer lädt zum alljährlichen Treffen ein?
Es sind irgendwelche Leute, die Spaß daran haben, selbst etwas zu produzieren,
ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.
Viele der Flyer-Hersteller machen wahrscheinlich auch selbst Musik, schreiben
in Fanzines, organisieren Konzerte usw. Sie wissen, daß der Otto-Normal-Punk
von Natur aus faul und lethargisch ist und wie der gute Kunde bei Karstadt gern auf
ein breitgefächertes Angebot zurückgreift. Demnach kommen sie zu dem Schluß,
daß sie selbst etwas tun müssen (Flyerproduktion), damit etwas passiert.
(Wie am Ende der DDR: Alle wollten Bananen, doch niemand kam auf die Idee, selbst
einen Bananenbaum zu pflanzen, nein, ein paar findige Leute mußten unter dem
Vorwand eines unmenschlichen Regimes eine friedliche Revolution anzetteln, damit
alle zu ihren heißgeliebten Bananen kommen.)
Daß es funktioniert, läßt sich mit dem Herdentrieb erklären:
Wenn einige in eine bestimmte Richtung laufen, rennen alle anderen hinterher. Man
könnte ja etwas verpassen. Es muß schon einen Grund geben, warum alle
in dieselbe Richtung laufen, am Ziel gibt es bestimmt etwas lohnenswertes zu holen.
Es gibt auf den Chaostagen kein Programm, das abgespult wird. Flyer, die wie beispielsweise
1994 ein ganz klar definiertes Tagesprogramm zum Inhalt hatten, waren lediglich scherzhafter
Natur. Alle kommen in der Hoffnung, daß etwas passieren wird. Diese Hoffnung
ist nicht ganz unbegründet.
Folgende Elemente sorgen für Abwechselung:
1. Die Tatsache, daß eine Menge biologisch kompatibler Wesen (= ein Haufen
cooler Punks und geiler Punketten, die einen Scheiß auf Verhütung geben
und endlich einmal genug Auswahl zum Baggern haben!) mit ähnlicher Zielsetzung
an einem Ort zusammentreffen.
2. Die Gegenwart von Rauschmitteln aller Art, Stimmungsaufhellern, Uppern, Downern,
Alk und Kiffe.
3. Die Schockwirkung auf die örtlichen Ureinwohner, die dem Punk das Gefühl
vermitteln, mal wieder der Asi zu sein, der ergerne sein möchte, was angesichts
der Tatsache, daß man des öfteren im Fernsehen Punks zu sehen bekommt,
die von Zukunft, Ausbildung und Kinderwünschen erzählen, ein wenig schwieriger
als vor zehn Jahren geworden ist.
4. Die Presseberichte vorher und nachher (jedweder Couleur, positive, Verrisse
und ganz normale Lügen), die einem das gute Gefühl vermitteln, endlich
mal wieder etwas fürs Image getan zu haben.
5. Die Gegenwart und Konfrontation mit den Herren und Damen in Grün. Es ist
selbstverständlich ein Unding, daß es kein Programm gibt, nach dem Punk
sich richtet, das versteht der gartenzwergliebende, vorgartenmähende deutsche
Politiker nicht. Da das Fremde und Unverständliche allerzeiten den Menschen
Furcht eingeflößt hat, (das muß wohl an den Genen liegen), sieht
der Politiker sich gezwungen, dem durch seine ordentliche Präsenz, (nur die
Uniformen bei der Marine sind ordentlicher), also die Gegenwart der deutschen Tugenden
zu demonstrieren.
6. Musik: Singen (Lallen, manchmal nicht mehr zu unterscheiden), Radiorecorder,
Konzerte usw.
7. Außerdem lernt man wie nirgends sonst Punks aus allen Teilen der Republik
kennen.
Straßenschlachten, Barrikadenbau, Plünderungen, Prügelorgien mit
viel Hautkontakt, Steinewerfen zum Muskelaufbau und Randale in der Zelle sind für
das Happening der Chaostage keineswegs störend, sondern werden im Gegenteil
gerne als kostenlose Zugaben mitgenommen, um dann zehn Jahre später bei dem
Geschäftsessen mit dem Ex-Punk, der inzwischen eine florierende Firma hat, als
hervorragend pointierte Anekdote der ach so wilden Jugend wieder aufzutauchen.
Die Chaostage funktionieren wie jede gute Werbekampagne: Wurden die Chaostage
1982 noch als Protest gegen die Punkerkartei ins Leben gerufen, ist aus ihnen inzwischen
ein Markenname geworden, der alljährlich im August Polizei, Presse und buntes
Volk auf den Plan ruft, um das Ritual zu zelebrieren.
Jeder zieht aus ihnen einen Gewinn. Die Presse, die eine unterhaltsame Berichterstattung
abliefern kann, die Punks, die schön ein paar Tage rumasseln konnten, die Politik,
die Grund für neue Gesetzesinitiativen erhält, das Handwerk, das nach und
nach die Stadt wiederaufbauen kann und nicht zuletzt der Zuschauer vor dem Fernsehschirm,
der wenigstens einmal im Jahr von politischen Skandalen, Kriegen in Ländern,
deren Namen er nicht einmal kennt und Talkshows über Brustvergrößerungen
pure Action mitten in Deutschland geboten bekommt.
- Felix Gerbrod -
ES GIBT EIN LEBEN NACH DER LOVE PARADE!
... denn Im Gegensatz zur Love Parade, wo Klein– und Großunternehmer verschiedenster
Coleur die Party in einen einzigen widerlichen Werbespot verwandeln, und die ohne
das Große Geld einfach ausfallen würde, haben in Hannover die Partygäste
nur eines im Sinn: die ganze Stadt mal richtig zum Wackeln zu bringen!
Auf daß einer ganzen Bande von Arschlöchern und Unsympathen – nennen
wir sie der Einfachheit halber die POPPER! – der Arsch auf Grundeis geht! Ein Ereignis
also, bei dem Werbetafeln und Marketingaktionen sicher irgendwie deplaziert wären.
Es ist so einfach: Da wird eine Fete gefeiert von all denen, die bei den arroganten
Gewinnern und Grinsefressen unbeliebt, verhaßt und verflucht sind. Und gefeiert
werden soll nicht im Ghetto, unbemerkt und leise, toleriert und abgeschoben, sondern
mitten in der City – ein riesiger Stachel im Gedärm der Stadt. Und zwar OHNE
"West"-Sponsoring!
Also:
VON HANNOVER LERNEN HEISST SIEGEN LERNEN!
Nach Jahren unaufhörlicher Niederlagen gegen eine unbesiegbar erscheinende
Gesellschaft, die in ihrer Arroganz angesichts konventioneller Widerstandskonzepte
nur noch jovial lächelt, haben die Chaos-Tage-Kids sich Immer einer Rezeptur
bedient, die in ihrer Wirksamkeit all ihre Gegner fassungslos dastehen läßt.
Hier wurde die durch immer mächtiger werdende Staats-, Polizei- und Medienapparate
erzeugte Hoffnungslosigkeit einfach durch ein Konzept des CHAOS in die Hände
der POPPER zurückgespielt. Jetzt sind SIE es, die durch Desinformation gelähmt
sind und in ihrer Hilflosigkeit einen selbstmörderischen Amoklauf nach dem anderen
hinlegen.
Hier hat man sich einfach die Erkenntnis zunutze gemacht, daß DIE POPPER
ihre eigenen Dinosaurier-Apparate nicht mehr beherrschen können, wenn sich die
Gegenseite nicht mehr an die Spielregeln hält.
Denn Chaos-Tage sind ja eben nicht durch einen mächtigen Polizeiapparat leicht
zu bekämpfende Krawalldemo, sondern eine unorganisierte, nervende und UNkontrollierbare
Party, deren nicht vorhandene Strukturen UND DEREN Ziellosigkeit sie für effektive
Bekämpfung und Befriedung unangreifbar macht.
Deshalb ist auch vielen Leuten außerhalb der Punk-Szene der letzte Groschen
gefallen zur Erkenntnis hin, daß Chaos-Tage die spannendste Sache seit der
Entdeckung des Aids-Virus sind.
Die alten Gesetze und Regeln gelten nicht mehr. Regeln, die immer darauf hinausliefen,
daß zum Schluß DIE POPPER die Gewinner waren, weil sie jedes Ereignis
und jedes Stück Phantasie letztlich in ein kohlebringendes Stück Kulturscheiße
oder nervtötendes und zahmes Politgesabbel verwandeln.
DIE POPPER sagen, Chaos-Tage sind schwachsinnig, weil keiner ihren Sinn zu verstehen
mag. In Wirklichkeit aber passt es ihnen nur nicht in den Kram, daß all ihre
erprobten Abtötungsstrategien versagen.
Denn der SINN von CHAOS-TAGEN, einfach SPASS haben zu wollen, OHNE sich überhaupt
darüber EINIGEN zu wollen, was man denn überhaupt darunter versteht, ist
die subversivste Strategie seit langem. Denn man kann nichts kanalisieren, was gar
keine gemeinsamen Pläne und Ziele verfolgt, außer so zu leben, wie es
einem paßt!
DAS ist CHAOS, und DIESES Chaos ist unbezwingbar! Vergeßt alle anderen Erklärungsversuche,
egal ob von sabbernden Jugendforschern, verständnisvollen Altlinken oder haßerfüllten
POLIT-POPPERN!
Hier bietet sich einfach eines der letzten FREIEN Abenteuer und Widerstandskonzepte,
das sich dieser kranken POPPER-Gesellschaft entreißen läßt. Einfach
man selbst sein, ohne Eintritt und Benimmzwang jeglicher Art. Und mit vereinten Kräften
den POPPERN ihren eigenen Dreck zu fressen geben.
(aus: "Hannover muss zur Wiese Werden" / Spiritus Rector, 1996)
DIE KARRIERE DES CHAOS!
Die Chaos-Tage sind nur der Auftakt einer Entwicklung gewesen, die die politischen
Widerstandsformen radikal verändert hat und noch weiter verändern wird.
Die Zeiten, in denen ohne starke Organisationen nichts ging, sind einfach vorbei,
endlich!
Endlich Schluß mit der oft unerträglichen Macht von Organisationen,
die versuchen, individuelle und neue Denkansätze platt- und gleichzumachen.
Denn niemand braucht mehr ihre Fähigkeit, Flugblätter zu schreiben, zu
drucken und zu verteilen, niemand braucht mehr ihre Strukturen zur Informationsverbreitung,
niemand braucht mehr ihr Geld, um das alles möglich zu machen.
Bei Chaos-Tagen finden sich bereits seit Jahren all die oben geschilderten Symptome:
Keine Organisation, individuelle Entscheidungen, Irrationalität, das Verschwimmen
von klaren Unterschieden zwischen den Gruppen.
Es ist die Karriere einer Organisationsform, die von der Polit-Szene immer belächelt
und auch kritisiert wurde, weil sie so unkontrollierbar schien. Aber mittlerweile
ist der Groschen gefallen, daß sie eben auch für die Gegenseite unkontrollierbar
ist, daß sich Ordnung nicht mit Ordnung, sondern nur mit Chaos bekämpfen
läßt. Also eben keine einheitliche und zentrale Organisationsstruktur,
keine Disziplinierung der Aktiven, keine Fronten. Die größtmögliche
Freiheit für jeden.
(aus "Keine Chance für die Armee der Gewinner!" / SpiritUS Rector
-April 2000)
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