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Welch schreckliches Ende Hannover erwartet, wird nach der Lektüre dieses
Heftes jedem klar sein.
Aber wie konnte es passieren, daß Hannover zum Brennpunkt historischer Ereignisse
wurde? Was hat dazu geführt, daß ausgerechnet die niedersächsische
Landeshauptstadt zum Abriß verurteilt ist?
Nachfolgend wollen wir Euch eine kleine Chronik der Ereignisse vorstellen, damit
Ihr einen ungefähren Eindruck davon bekommt, wie die Bombe scharf gemacht wurde...
1982
DIE URSPRÜNGE...
...liegen bereits ein paar weitere Jahre zurück, und zwar im Ruhrgebiet.
Dort gibt es bereits seit 1979 immer größer werdende Punk-Treffen in den
Citys von Großstädten wie Recklinghausen, Bochum und zuletzt Duisburg,
wo dann 1981 die Staatsmacht hart durchgreift, da sich die Geschäftsleute über
starke Umsatzeinbußen beklagen.
Bereits kurze Zeit später aber ging es in Wuppertal wieder los. Was als einmaliges
Treffen von Punks, Teds und Skins begann, wurde schnell zu einer monatlichen Punk-Party
an jedem 1.Samstag: auf dem Höhepunkt der Wuppertaler Punk-Treffen im Sommer
1982 über 300 Punks reisten Punks aus dem ganzen Bundesgebiet an.
Die Polizei reagiert auch hier völlig überdreht; immer wieder kommt
es zu Festnahmen; im Mai ‘82 wird glatt das komplette Treffen festgenommen, als man
einen SPD-Parteitag aufsuchen will.
Als ein Monat später auf dem Punk-Treffen bei einer spontanen Demonstration
gegen diese Massenfestnahmen protestiert werden soll, will die Polizei dies verhindern
und es kommt zu einer Straßenschlacht, die Schlagzeilen macht.
Danach greift die Polizei hart durch. Es kommt zu Hausdurchsuchungen in der Punk-Szene,
und weitere Punk-Treffen werden mit einem massiven Polizeiaufgebot sowie ständigen
Kontrollen abgeschirmt und schließlich mehr oder weniger unmöglich gemacht.
Zusätzlich wird eine neue Stadtverordnung erlassen, in der der Aufenthalt
in der City nur noch zu Konsumzwecken erlaubt ist - schon bald ein Vorbild für
viele andere Städte...
NOVEMBER '82 DIE AUFDECKUNG EINER "PUNKER-KARTEI" FÜHRT ZUM 1.
CHAOS-TAG
Der Journalist Jürgen Voges deckt eine sog. "Punker-Kartei" auf,
in der die hannoversche Polizei die ihr "verdächtige" Punk-Szene erfasst.
Kurz darauf erscheinen die ersten Aufrufe zu einem "Chaos-Tag". Man
will mit massenhaftem Erscheinen von echten und falschen Punks die Datei wertlos
machen und den "Untergang Hannovers" herbeiführen.
DEZEMBER '82: DIE "DEAD KENNEDYS! UNTERSTÜTZEN DEN CHAOS-TAG
Auf ihrer Tour durch eine Reihe europäischer Städte ruft die Punk-Kult-Band
"Dead Kennedys" die Konzertbesucher auf, zum Chaos-Tag nach Hannover zu
fahren.
18. DEZEMBER '82: DIE POLIZEI ESKALIERT DEN ERSTEN CHAOS-TAG VON HANNOVER ZUM
KRAWALL
Rund 800 Punks & Freunde finden sich Samstag Mittag am Kröpcke zum Chaos-Tag
ein. Als sich ein Demonstrationszug formiert, fordert die Polizei kurz die Auflösung
der Versammlung und setzt dies dann per Knüppeleinsatz durch. Es kommt zu einer
kurzen Straßenschlacht mit Verletzten - in erster Linie auf Punk-Seite.
1983
APRIL '83: AUFRUFE ZU NEUEN CHAOS-TAGEN GEHEN UM
Weil im Gegensatz zu anderen Städten die eher unpolitischen oder gar linken
hannoverschen Skinheads ein gutes Verhältnis zur Punk-Szene pflegen, will man
ein Zeichen setzen: Es wird zur "Wende" aufgerufen - Punks und Skins sollen
ab sofort "zusammenhalten", gegen Nazis, Staat und brave Bürger. Für
dieses Treffen werden diesmal gar drei Tage angesetzt - aus einem "Chaos-Tag"
werden "Chaos-Tage"!
1.JUNI '83
CHAOS-TAGE 1983/FREITAG: NAZIS GREIFEN AN
Rund 500 Punks bevölkern bereits am Freitagnachmittag den hannoverschen Bahnhof,
bis dann die Polizei die Szene räumen läßt - wegen "Pöbelns".
Geschäftsleute hatte sich beschwert. Bei einem Konzert am Abend im Unabhängigen
Jugendzentrum in der Kornstraße bevölkern schließlich über
1000 Punks und Skins die völlig überfüllte Veranstaltung. Am späten
Abend kommt es zu einem Angriff einer großen Gruppe von Nazi-Skins aus Hamburg
und Berlin, der aber zurückgeschlagen wird. Die Nazis flüchten sich hinter
die Reihen der angerückten Polizei, die sich und auch die Nazis vor den Attacken
ihrer Gegner schützt. Es kommt zu heftigen Krawallen und auch Plünderungen
in der gesamten Nordstadt.
2. JUNI '83
CHAOS-TAGE 1983/SAMSTAG: DAS ENDE DER "WENDE"
Die BILD-Zeitung liefert eine tolle Schlagzeile: "Angst! 5000 Punker sind
da!"
Soviel Punks sind es dann aber doch nicht: Rund 1500 Chaos-Tag-Besucher treffen
sich "High Noon" in der hannoverschen City - eine bislang nie dagewesene
Ansammlung von Punks und Skins im Zentrum einer Großstadt
Den auch anwesenden Nazis gelingt es aber, durch ständige und willkürliche
Attacken gegen Punks und zunehmend offener auftretendes faschistisches Auftreten
eine Polarisierung von Punks auf der einen und Skins auf der anderen Seite herbeizuführen.
Es kommt zur offenen Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen, die mit dem Abzug
der Skinheads endet. Die "Wende" ist gescheitert.
3. JUNI '83
CHAOS-TAGE 1983/SONNTAG: RUHE KEHRT EIN
Während die Punks und Skins abzuziehen beginnen, herrscht Panik und Paranoia
beim Schützenausmarsch. Attacken auf den Zug bleiben aber aus, die einsatzbereiten
privaten Knüppelgarden bekommen ihre potentiellen Gegner kaum zu Gesicht..."
17. DEZEMBER '83: 1. "WEIHNACHTS-POGO"
Ein Jahr nach dem ersten Chaos-Tag versammeln sich rund 150 Punks zum zum ersten
"Weihnachts-Pogo". Ohne konkreten Anlaß kesseln Polizeikräfte
die Gruppe ein und nehmen den Großteil fest.
1984
FRÜHJAHR: ... UND AUFRUFE ZU NEUEN CHAOS-TAGEN!
Auf neuen Flugblättern ruft ein "Internationaler Punk-Rat" zu Chaos-Tagen
1984 nach Hannover. Nach den Erfahrungen vom Vorjahr heißt es diesmal: "Chaos-Tage
gegen die braune Pest!". Zum ersten Mal wird auch im Ausland für die Chaos-Tage
geworben; im weltweit vertriebenen US-Fanzine "Maximum RocknRoll" erscheint
ein großer Aufruf.
3. AUGUST '84
CHAOS-TAGE 1984/FREITAG
Ein ähnliches Bild wie im Jahr zuvor: Hunderte Punks lagern am Hauptbahnhof,
bis die Polizei dem Treiben mit einem harten Einsatz ein Ende bereitet. Es kommt
zu ersten Schlägereien mit Nazi-Skins.
4. AUGUST '84
CHAOS-TAGE 1984/SAMSTAG
Gegen Mittag versammeln sich rund 2000 Punks, davon viele aus dem Ausland, am
Opernplatz. Allgegenwärtig die Polizei, die ununterbrochen Leibesvisitationen
durchführt, "Waffen" wie Nietengürtel und Lederjacken beschlagnahmt
und willkürlich Verhaftungen vornimmt. Eine von einem "Antifaschistischen
Bündnis" angemeldete Demonstration Richtung Glocksee beginnt, wo ein Konzert
stattfinden soll.
Das Konzert in der Glocksee wird nach rund 2 Stunden beendet, als vor dem Eingang
ein Auto angezündet wird. Eine stundenlange Schlacht mit der Polizei beginnt,
in der das Zentrum verwüstet wird und rund 1500 Punks die ganze Nacht über
in dem abgeriegelten Areal festgehalten werden.
5. AUGUST '84
CHAOS-TAGE 1984/SONNTAG
Die Enttäuschung in der Punk-Szene ist groß, das Treffen völlig
aus den Fugen geraten. Bei vielen setzt sich die Erkenntnis durch, daß dies
wohl für lange Zeit die letzten Chaos-Tage gewesen sind. In den folgenden Monaten
und Jahren wenden sich viele Punks von der Szene ab und bilden stattdessen den Kern
der sog. "Hardcore"-Szene.
1994
JANUAR/FEBRAUR '94: DAS COMEBACK DER CHAOS-TAGE
Nach zehnjähriger Pause rufen hannoversche Punks auf verschiedenen Flyern
für den 5.-7. August zu den 4. Chaos-Tagen in Hannover auf und kündigen
eine Fortsetzung bis zum Jahre 2000 an.
Einige Wochen später erscheint eine Chaos-Tage-Sonderausgabe des ZAP-Fanzines.
In dem Heft mit dem Titel "Streetpunk" werden die Ursprünge von Chaos-Tagen,
Punk-Treffen und Streetpunk aufgearbeitet und so den Chaos-Tagen 1994 große
Publizität verschafft..
4. AUGUST '94: ERSTE ANREISENDE IM VORFELD
Bereits am Donnerstag bevölkert eine große Gruppe von Punks den Bahnhof
und übernachtet auch dort. Es zeichnet sich ab, daß die Chaos-Tage 1994
an "alte Zeiten" anzuknüpfen vermögen. Polizei und Bahnhofs-BGS
sind sichtlich irritiert.
5. AUGUST '94
CHAOS-TAGE 1994/FREITAG: ALLES WIE GEHABT...
Im Laufe des Tages treffen immer mehr Punks am Bahnhof ein und beginnen, eine
riesige Party zu feiern. Wie 10 Jahre zuvor sprengt die Polizei das ganze in einem
harten Einsatz, kesselt so viele Punks wie möglich ein und nimmt 175 fest. Punks
werden ab sofort nicht mehr in der Innenstadt geduldet, so daß sich diese in
der Hannoveraner Nordstadt treffen und dort die Straßen bevölkern. Gegen
Abend sind rund 500 Chaos-Tage-"Gäste" in Hannover.
6. AUGUST '94
CHAOS-TAGE 1994/FREITAG: DIE GEBURT DER "SCHUTT-UND-ASCHE"-LEGENDE
Die hannoverschen Tageszeitungen berichten groß über die Ereignisse
vom Vortag, wobei die "Neue Presse" den Vogel abschießt, als sie
vermeldet, die Punks seien "nach eigenen Angaben" gekommen, um "Hannover
in Schutt und Asche zu legen". Diese Meldung wird von allen anderen Medien,
auch der taz, ungeprüft übernommen und in immer neuen Meldungen mehr und
mehr aufgeblasen.
In der hannoverschen Innenstadt bleibt ansonsten alles beim alten: Punks werden
rigoros der City verwiesen, so daß sich schließlich rund 800 auf dem
"Fährmannsfest" trifft, einem "Umsonst & Draußen"-Live-Festival.
Am Abend ziehen Punks und Skins wieder in die Nordstadt zu einem Konzert auf dem
Sprengelgelände. Die aufgeheizte Stimmung entlädt sich schließlich
in einer kurzen Schlacht mit der anrückenden Polizei, die anschließend
das Konzert stürmt und 400 Konzertbesucher festnimmt.
AB DEM 7. AUGUST '94:
MEDIENECHO BUNDESWEIT - DIE LEGENDE WIRD AUSGEBAUT
Ab Sonntag beginnen die Medien die 10minütige Straßenschlacht in wahrhaft
gigantische Dimensionen aufzublasen: "Todesangst in der Nordstadt" - "Blut
klebte an Steinen und Containern" - "Orgie der Gewalt" - "Überall
umgestürzte und brennende Autos" - "Randalierer tobten durch Hannover"
- "Vor Haustüren und in Fluren tobte der Punkerterror" - so die Schlagzeilen.
Und immer wieder die Behauptung "Sie wollten Hannover in Schutt und Asche legen".
Als Beleg wird immer wieder ein angebliches "Flugblatt" genannt. Ein Flugblatt,
das keiner kennt und keiner zeigt. Keiner zeigen kann. Nachprüfen will die Geschichte
allerdings auch niemand.
Rund ein Dutzend Journalisten werden persönlich dazu aufgefordert, sich das
angebliche Flugblatt von der Polizei zufaxen zu lassen, aber nur einer - ein SPIEGEL-Journalist
- setzt dies in die Tat um. Aber auch im SPIEGEL erscheint dazu dann nur eine kleine
Meldung. "Schutt-und-Asche"-Märchen sind einfach interessanter.
1995
FEBRUAR'95: FLUGBLATT-WELLE ÜBERSCHWEMMT DIE PUNK-SZENE
Nach den Ereignissen des Vorjahres erwartet man in der Punk-Szene für die
'95er-Chaos-Tage wohl die sofortige Internierung. Deshalb heißt das Motto diesmal:
"Ab ins Lager!".
Unmengen verschiedener Flugblätter kommen in Umlauf, worunter eines besonders
hervorsticht: Es hat die gleiche Aufmachung wie das Fun-Flugblatt vom Vorjahr, ruft
aber zu genau den Brutalitäten auf, die den Punks im Vorjahr unterstellt worden
waren. Und versucht sich gar in Steigerungen - So wird für "Freitag, 16.00
Uhr" der Programmpunkt "Vergewaltigung von Polizistinnen" vermerkt.
Dann aber auch der Hinweis: "Dieses Flugblatt ist eine Fälschung! Aber
genau so ein Flugblatt haben uns die Pressewixer im letzten Jahr unterstellt, aber
NIE vorzeigen können!"
7. APRIL '95: DIE PRESSE NIMMT DAS ALS FAKE GEKENNZEICHNETE FLUGBLATT ERNST
In der hannoverschen "Neuen Presse" erscheint ein Artikel, in dem es
heißt: "Im August wollen Punks Hannover in Schutt und Asche legen".
Es wird aus dem Fake-Flugblatt zitiert - aber ohne auf den Satire-Charakter hinzuweisen.
Im Internet erscheinen die ersten Aufrufe: Chaos-Tage weltweit! Zum ersten Mal wird
das Internet für die Verbreitung von Chaos-Tage-Flyern genutzt: Kettenbriefe
werden abgetippt, übersetzt und in die verschiedenen Newsgroups gesetzt. Schon
bald gibt's Antwort aus San Francisco: Hier will man nun am gleichen Wochenende wie
in Hannover Chaos-Tage abhalten!
29/30. JULI '95: DIE ERSTEN PUNKS SIND DA!
Um zu verhindern, gar nicht erst in die Stadt hineingelassen zu werden, kommen
bereits am Wochenende vor den Chaos-Tagen rund 150 Punks nach Hannover. Gleichzeitig
beginnt eine "Lager-Gang" via Internet mit der Verbreitung von täglichen
Infos zum Thema.
2. AUGUST '95: DIE POLIZEI DEMONSTRIERT STÄRKE
Obwohl von den täglich neben dem Bahnhof lagernden rund 200 Punks keine Agressivität
ausgeht, fährt die Polizei ab Mittwoch mit großen Bussen vor, führt
ständige Kontrollen durch und transportiert Verdächtige und Minderjährige
ab. Die Stimmung bleibt aber friedlich.
3. AUGUST '95: DIE SITUATION ESKALIERT
Am frühen Nachmittag vertreibt die Polizei ohne erkennbaren Anlaß die
Punks aus der City. Neuankömmlinge werden auch sofort der Innenstadt verwiesen.
Der einzige Ort, wo Punks noch geduldet werden, ist die Schaufelder Straße
in der Nordstadt, direkt beim ehemals besetzten Sprengelgelände. Als die Polizei
auch dort beginnt, willkürlich Punks festzunehmen, explodiert die Situation:
Steine fliegen, es werden Barrikaden gebaut und angezündet. Die Polizei muß
sich unter einem Steinhagel zurückziehen.
4. AUGUST '95
CHAOS-TAGE 1995/FREITAG: NICHT NUR PUNKS STELLEN SICH GEGEN DIE POLIZEI
An diesem ersten "offiziellen Chaos-Tag" strömen massenhaft Punks
nach Hannover. Währenddessen bereitet man sich in der Nordstadt auf neue Angriffe
der Polizei vor und baut wieder Barrikaden. Die ersten Angriffe der Polizei werden
erfolgreich zurückgeschlagen, dann aber werden Schaufelder Straße und
auch das Sprengelgelände in einem harten Einsatz geräumt.
Danach versucht die Polizei einen Sturm der Häuser in der Heisenstr., wo
sich ebenfalls Punks aufhalten. Die Polizei muß sich aber in den engen Straßen
unter einem Steinbombardement zurückziehen.
Im Laufe der Nacht kommt es aber zu einer nochmaligen Eskalation: Angelockt durch
die Berichte von anhaltenden Krawallen reisen auch Hooligans und Autonome nach. Zusätzlich
legt sich die Polizei ohne Not mit türkischen Jugendlichen an, so daß
die Polizei nun mit fast 3000 Gegnern fertig werden muß.
Eine Aufgabe, die nicht gelingt: Die Polizei erleidet Schlappe auf Schlappe und
wird fast vollständig aus der Nordstadt vertrieben. Ein Penny-Markt wird spät
in der Nacht geplündert. Die Polizei ist machtlos.
5. AUGUST '95
CHAOS-TAGE 1995/SAMSTAG: DIE EINKESSELUNG DES FÄHRMANNSFESTES MISSLINGT
Der Morgen beginnt relativ ruhig, und das Geschehen verlagert sich auch dieses
Jahr zum "Fährmannsfest". Dort findet auch ein spontaner Auftritt
der US-Punkband "Total Chaos" statt. Gegen 19:00 eskaliert die Situation
wieder: Betrunkene haben ein Auto angezündet, und es gibt neue Auseinandersetzungen
mit der Polizei.
Für die Punks wieder mal ein Glücksfall: Starke Polizeikräfte sind
nämlich gerade dabei, das Konzertgelände hermetisch abzuriegeln und so
die Punks über Nacht am Verlassen zu hindern - ganz nach dem Vorbild von 1984.
So gelingt es den Punks aber, im allgemeinen Chaos, noch vor dem Schließen
den Kessels das Gelände zu verlassen. Die meisten wandern aber nicht wieder
in die Nordstadt, sondern feiern eine lange Party im angrenzenden Park.
In der Nordstadt dagegen sind in der Nacht in erster Linie Hooligans, türkische
und andere Jugendliche aus Hannover aktiv. Wieder kommt es zu Straßenschlachten,
bei denen die Polizei oft völlig überfordert ist.
6. AUGUST '95
CHAOS-TAGE 1995/SONNTAG: DIE RUHE NACH DEM STURM
Mal abgesehen von einzelnen kleineren Scharmützeln, kehrt langsam Ruhe in
der Nordstadt ein. Die Punks ziehen ab.
AB DEM 7. AUGUST '95: RIESIGES MEDIENECHO WELT
Riesiges Medienecho weltweit. Schon am Wochenende waren die Medien mehr und mehr
heißgelaufen, aber nun sind Zeitungen und TV voll mit Berichten über die
Chaos-Tage. Gleichzeitig wächst der Druck auf die niedersächsische Landesregierung
unter Gerhard Schröder. Man wirft ihr eine angebliche "Deeskalationsstrategie"
vor.
"CHAOS-TAGE IN OLDENBURG" WERDEN VON DEN MEDIEN GEPUSCHT
Verschiedene Zeitungen berichten gleichlautend von einem neuen angeblich in Oldenburg
geplanten Punk-Treffen. In den nächsten Tagen steigert sich dieses zur Hysterie,
und die Polizei schickt vorsorglich 1500 Beamte nach Oldenburg. Per Internet wird
von Punk-Seiten zur "Aktion Tarnkappe" aufgerufen - man will angeblich
im Sakko und mit geputzten Schuhen nach Oldenburg reisen...
17. AUGUST '95: RECHTSRADIKALE WOLLEN IN HANNOVER DEMONSTRIEREN
Die "Jungen Nationaldemokraten", die Jugendorganisation der NPD, meldet
zum Todestag von Rudolf Heß eine Demonstration in Hannover an unter dem Motto
"Wenn Chaos tobt in deutschem Land, braucht Deutschland eine starke Hand".
Die Demonstration wird verboten.
19. AUGUST '95: POLIZEI UND MEDIEN LASSEN SICH IN OLDENBURG ERFOLGREICH HOCHNEHMEN
Nachdem die Polizei Oldenburg in eine Festung verwandelt hat, warten nun Hunderte
von Reportern auf die bunten Brutalos. Dummerweise tauchen nur einige wenige Gestalten
auf, die auch noch fürs Bierdosenwerfen von Journalisten bezahlt werden müssen.
Ein echter Lacher! Die Polizei aber feiert dies als Erfolg ihrer "Abschreckung".
25. AUGUST '95: HANNOVERS POLIZEIPRÄSIDENT TRITT ZURÜCK
Der durch die Chaos-Tage schwer unter Druck geratene hannoversche Polizeipräsident
Sander tritt zurück und betont, "so etwas" dürfe es nicht wieder
geben. Sanders Nachfolger wird Hans-Dieter Klosa, ein Mann vom "harten Schlag"...
8-11. OKTOBER '95: STÜRMUNG UND ABRISS DER "CHAOS-ZENTRALE"
Polizeipräsident Klosa setzt ein Zeichen für "beherztes Durchgreifen":
Im Morgengrauen werden Häuser in der Heisenstraße von der Polizei gestürmt
und somit die Schlappe vom August wettgemacht. Begründet wird dies mit angeblichen
"Schüssen auf Handwerker" und "Hinweisen", das Haus sei
im August die "Chaos-Zentrale" gewesen.
25. OKTOBER '95: GERICHT: POLIZEIMASSNAHMEN RECHTSWIDRIG
Das Amtsgericht Hannover bestätigt, daß die Festnahmen von über
500 Punks während der Chaos-Tage rechtswidrig waren.
1996
FEBRAUR '96: CHAOS-TAGE-VIDEO "KAMPF DER WELTEN" ERSCHEINT
In kleiner Auflage erscheint ein aus Spielfilmen, Nachrichten und anderen Fernsehsendungen
am heimischen Videorecorder zusammengeschnittener Film, der aber schon bald massenhaft
immer wieder weiterkopiert wird. Das Video wird DER Partyknüller.
APRIL '96: START DES "KANNIBALENKANALS"
Der "Cannibal Home Channel" (CHC) nimmt als Nachfolger der Lager-Gang
seine Aktivitäten auf, die auch schnell von den Medien bemerkt werden.
2. MAI '96: NIEDERSACHSEN VERSCHÄRFT POLIZEIGESETZ
Um die kommenden Chaos-Tage in den Griff zu bekommen, verschärft die SPD-Mehrheit
im Landtag das Polizeigesetz. Nun ist es möglich, Personen das Betreten ganzer
Stadtteile und Städte zu verbieten, falls der "Verdacht" bestünde,
es könnten Straftaten begangen werden.
25. MAI '96: CHAOS-TAGE-VERBOT ERLASSEN
Obwohl die Chaos-Tage sich als reines Treffen und nicht als politische Versammlung
verstehen, wird ein Verbot nach dem Versammlungsgesetz erlassen. Grund sei, daß
im Jahr zuvor auch Autonome angereist seien, die "erkennbare Organisationsstrukturen"
hätten.
25. JULI '96: WEICHEN DIE CHAOS-TAGE NACH BREMEN?
Schon längere Zeit kursierende Flugblätter hatten vorgeschlagen, bei
einem totalen Abriegeln Hannovers einfach nach Bremen auszuweichen. Nun werden die
Medien durch diese Flugblätter aufgeschreckt - und die Hysterie schwappt auf
Bremen über. Auf den Flyern steht aber auch, daß die Chaos-Tage 97-99
ausfallen sollen und man sich auf die Chaos-Tage 2000 anläßlich der EXPO
konzentrieren wolle.
26. JULI '96: 11 TAGE PUNK-VERBOT IN HANNOVER
Ab heute gilt die polizeiliche Verbotsverfügung, die es der Polizei ermöglicht,
in den kommenden 11 Tagen alle Punks der Stadt zu verweisen. Was sie auch konsequent
vollzieht...
2.-4. AUGUST '96: DIE CHAOS-TAGE FINDEN STATT - UND WIE!
6000 Polizisten und 500 Journalisten stehen zum Schutz Hannovers bereit - und
der Polizei gelingt es, Hannover punk-frei zu halten. Über 3000 Platzverweise
werden erteilt. Nicht so in Bremen: Hier kommt es am Freitagabend im Steintorviertel
zur Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Punks. Niedersachsens Innenminister
Glogowski verkündet stolz: "Es wird nie wieder Chaos-Tage geben!"
Daß Glogowski da den Mund etwas voll nimmt, soll sich schon bald zeigen...
18. AUGUST '96: CHAOS-TAGE 1996 (TEIL ZWEI!)
Rund 300 Punks versammeln sich in der Hannoveraner Nordstadt zu "Ersatz-Chaos-Tagen".
Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die BILD-Zeitung titelt am folgenden
Montag: "Punker kamen zurück".Polizei und Medien sind verunsichert:
Lassen sich weitere Chaos-Tage verhindern?
1997
16-19 Mai '97: CHAOS-TAGE IN SALZBURG
Die Chaos-Tage-Hysterie erreicht nun auch Österreich: Nachdem auf einigen
Flyern zu Chaos-Tagen aufgerufen wird und Meldungen dazu im Internet kursieren, dreht
die Stadt komplett durch. Mit 1500 Beamten wird Salzburg abgeriegelt, Geschäfte
bleiben geschlossen oder werden verbarrikadiert.
JUNI/JULI '97: CHAOS-TAGE ZUR LOVE-PARADE?
Auf neuen Flugblättern wird angekündigt, die ausfallenden Chaos-Tage
1997-99 in Berlin parallel zur Love Parade stattfinden zu lassen, Die Berliner Zeitungen
verbreiten Chaos-Paranoia...
Bei der Love Parade tauchen dann tatsächlich ein paar Punks auf, aber die
werden größtenteils sofort von der Polizei festgenommen.
1998
SOMMER '98: DIE APPD - DER "LEGALE ARM DER CHAOS-TAGE"
Im Bundestagswahlkampf präsentiert sich die "Anarchistische Pogo-Partei
Deutschlands" als "einzige Möglichkeit", die Chaos-Tage 2000
zu verhindern. Man habe einen "Deal" mit den Chaoten, bis 2000 Ruhe zu
bewahren.
30. JULI - ".AUGUST '98: POLIZEI VERHINDERT AUSGEFALLENE CHAOS-TAGE!
Das gleiche Spiel wie im Vorjahr, nur diesmal mit weniger Polizisten. Keiner da
außer Grün-Weiß. Letztere sind mal wieder sehr, sehr glücklich
über ihren "Erfolg"...
2000
JANUAR 2000: DIE MOBILISIERUNG FÜR DIE CHAOS-TAGE 2000 BEGINNT
Früher als in jedem anderen Jahr tauchen die ersten Chaos-Tage Flugblätter
auf. Und auf manchen heißt es gar, dies seien die "letzten Chaos-Tage"...
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