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Eine Frage, die nicht nur wir, sondern auch die Polizei oder die EXPO-Gesellschaft
gerne beantworten würden!
Chaos-Tage haben es nun mal so an sich, daß außer Gerüchten keiner
so recht was weiß. Gerüchte haben aber oft auch die unangenehme Eigenschaft,
daß Panik und Angst geschürt werden - witzig, wenn die Gegenseite diesem
Wahn verfällt, gefährlich, wenn man selbst auch dem letzten Scheiß
Glauben schenkt! Gerade wenn es mal wieder um die bösen Nazis geht...
1983 hieß es, "30 Busse mit Nazi-Skins" seien im Anmarsch, 1984
hatten die Nazis angeblich 3 Punks totgeschlagen und 1995 sollten sich "3000
englische Hooligans angesagt" haben. Eigentlich überflüssig zu sagen,
daß all das gequirlte Scheiße war.
Von Anfang an war die Angst, was auf Chaos-Tagen wohl passieren möge, immer
fester Bestandteil des Rituals - auf allen Seiten! Trotzdem haben sich Jahr für
Jahr immer mehr Punks und anderes Getier auf den Weg nach Hannover gemacht, weil
sie es einfach nicht aushielten, zuhause zu bleiben, während in Hannover ein
riesiges Spektakel ablief.
Selbst 1996, als Hannover zur Polizeifestung erstarrt war, wußten eigentlich
alle, daß es keine Chance gab, in die Stadt zu gelangen - und doch haben es
über 3000 Leute versucht! Auf diese Weise fanden die Chaos-Tage eben DOCH statt,
und ohne diese 3000 Leute hätte heute die EXPO-Gesellschaft nicht die Hosen
gestrichen voll.
Daß die Legende immer noch lebt, ist nicht denen zu verdanken, die "ganz
genau wissen", daß "niemand eine Chance" habe. Daß weiß
doch eh jeder, und das war von Anbeginn der Chaos-Tage an so. Aber wer sich den eigenen
Spaß und die eigene Neugier nicht vermiesen läßt, findet immer Gelegenheit
zu Chaos-Tagen - ob nun in Hannover, Bremen oder Poppenbüttel.
Wer dann nicht offen für Entwicklungen ist und mit einem festen Ziel nach
Hannover fährt, hat die Eigenschaft des Chaos noch nicht verstanden - es kommt
nämlich immer anders als man denkt! Ganz typisch Chaos-Tage, seit 18 Jahren!
Gewinnen kann wohl nur der, der einfach nur nach Hannover reinwill, um dort dann
zu schauen, wie man sich am besten amüsieren kann...
Viele haben sich bereits sogar EXPO-Karten besorgt (gibs ab 15 Mark für
ne Schüler-Abendkarte - Tel. 0-2000), die in der Praxis nichts anderes als
Chaos-Tage-Eintrittskarten nach Hannover sind.
Aber auch sonst sieht es gar nicht so schlecht aus: Täglich werden einige
Hunderttausend EXPO-Besucher erwartet, und da die EXPO aus Imagegründen mit
irgendwelchen "Underground-Stars" wie Nina-Hagen gezielt versucht "ausgeflipptes
Publikum" nach Hannover zu locken, ist es nicht unmöglich, sich in der
Masse versteckt nach Hannover zu schmuggeln.
Wies dann weitergeht, bleibt jedem selbst überlassen. Probleme haben sicher
die, die glauben, so ein Spektakel wie 95 ließe sich noch einmal wiederholen.
Wer mit dem Vorsatz nach Hannover fährt, dort eine riesige Straßenschlacht
zu inszenieren, wird schlechte Karten haben gegen 6000 Grün-Weiße und
sich schnell in einer Zelle wiederfinden.
Aber das Spektakel wird stattfinden, so oder so. Ob nun als große Party
oder zersplittert in viele kleine, ob nun in Hannover oder in Bremen, das mal wieder
als Ausweichort genannt wird.
Übrigens: Im Vorfeld soll es anläßlich der Anti-EXPO-Aktionswochen
sogar ein "Chaos-Tage-Trainingslager" geben. Es soll pünktlich zur
EXPO-Eröffnung am 1. Juni beginnen und drei Tage dauern.
Ansonsten schauen wir alle gebannt auf das erste Augustwochenende, dem Höhepunkt
der (letzten?) Chaos-Tage von Hannover. Aber man wird sicher auch schon vorher Chaos-News
aus Hannover hören. Schließlich sind diesmal ja gar vier Wochen Chaos-Tage
angesagt (Beginn 10.7). Und die EXPO wollen wir auch nicht vergessen - die macht
schon ganz eigene Chaos-Tage...
SIE VERSTEHEN NICHTS...
Und die Journalisten sind auch ganz gewitzt: Nee, diesmal lassen sie sich nicht
wie anno ´96 vom CANNIBAL HOME CHANNEL verarschen!
Als ob es von wirklicher Wichtigkeit wäre! Egal ob Hooligans, Punks oder
politische Fraktionen aller Coleur, ob nun per Internet oder Handy - die neuen Kommunikationsformen
sind längst auch hier ganz normal geworden und überall verbreitet. So haben
die Chaos-Tage den medialen Hype überhaupt nicht mehr nötig, weil man sich
eh über das Web fleißig austauscht und so jeder Kinderpunkrocker von den
Chaos-Tagen weiß. Also muß auch nicht gelogen werden, weil niemand die
Medien mehr benötigt, um den Virus in jedes Kuhdorf zu tragen.
Und da bleibt endlich mal was beim alten: Die Medien wie auch die Polizei hatten
früher keinen Einblick in die Rezeptur von Chaos-Tagen, und heute verstehen
sie selbstverständlich immer noch nichts. Also werden sie alles falsch machen.
Wie schön!
aus "Keine Chance für die Armee der Gewinner" / Spiritus Rector
April 2000)
DIE BESTEN BANDS DER WELT!
Normale Punk-Konzerte sind zum Kotzen! Irgendwann taucht man auf, kloppt sich
die ersten paar Bier rein und dann kommt die Band auf die Bühne und rattert
mit einer mehr oder weniger guten Anlage ihre Songs runter. Dann ist das Konzert
vorbei, man ist tierisch besoffen, geht heim oder torkelt noch sonstwohin. Und das
soll Punk Rock sein?
Viel geiler ist es, wenn eine Band, von der man nichts weiß, plötzlich
auftaucht, die ihre Anlage auf einen Laster geschnallt hat und einfach zu spielen
anfängt, weil sie Bock drauf hatnicht weil sie muß, wegen Zusagen von
vor einem halben Jahr oder weil sie den Zaster für die nächste Ladung Dope
braucht...
Bands dieser fitteren Sorte waren auf den Chaostagen 94 WIZO und 95 DIE LETZTEN.
Da merkt man einmal wieder den Unterschied zwischen denen, die den Punk Rock im Blut
haben und denen, die nur darauf machen und gleich anfangen zu weinen, wenn ihr Equipment
in Gefahr ist...
Außerdem kann man durch ein einziges Konzert berühmter werden als durch
eine Welttournee. Die Band "TOTAL CHAOS" gab es vor ihrem legendären
Auftritt auf dem Fährmannfest 1995 bereits einige Zeit. Nur würde heute
kein Hahn mehr nach ihnen krähen, wenn sie nicht 1995 anläßlich der
Chaostage auf dem gleichzeitig stattfindenden Fährmannsfest einen Auftritt durchgeboxt
hätten. Aber durch diesen einen Auftritt haben sie sich in das goldene Buch
der Punkgeschichte geschrieben und werden nach ihrem Ableben Met mit Thor und Sid
Vicious trinken.
Dieses Jahr werden sich bestimmt auch wieder einige Bands finden, die auf irgendeiner
Wiese auftauchen, einer Seitenstraße oder sonstwo auftauchen und das geilste
Konzert ihres Lebens hinlegen. Sogar Kommerz-Pisser wie die "Toten Hosen"
wollen laut Gerüchten auf den Chaostage-Zug aufspringen, vielleicht um ihr verkauftes
Punkego wieder zu beruhigen und ganz nebenbei einen Stapel Platten mehr abzusetzen.
Vielleicht gibt's ja diesmal auch einen "band contest" ganz anderer
Art. Und zwar nicht mit einem Plattenvertrag bei Sony als Hauptpreis, sondern einfach
nur als Beweisführung, daß man es draufhat, trotz aller Behinderungen
der Ordnungsmacht, ein geiles Konzert auf der Straße abzuliefern. Und DAS sind
dann wirklich die besten Bands der Welt!
- Felix Gerbrod -
VIER JAHRE OHNE CHAOS-TAGE...
"Natürlich wird Hannovers Polizei die Absage als ihren größten
Erfolg überhaupt feiern, aber in Wahrheit bekommt sie dadurch ein gigantisches
Problem. Wenn nämlich die nächsten Jahre keine Gelegenheit bieten, das
Chaos-Problem auf die eine oder andere Weise zu lösen, dann wird sich der Mythos
einer Party, die eine ganze Stadt in den Wahnsinn treibt, endgültig und unauslöschbar
in die Köpfe von Punks und anderen Partygästen einbrennen. (...) Legenden
haben nur Bestand, wenn sie nicht alltäglich und beliebig wiederholbar erscheinen,
und die vier Jahre bis zu den Chaos-Tagen im Jahre 2000 werden ausreichen. um in
einer ganzen Generation von Punks Spannung und Vorfreude auf die vielleicht einzigen
Chaos-Tage ihres Lebens zu erzeugen. (...) Die Chaos-Tage 2000 finden statt, weil
drei Jahre davor nichts stattfinden wird. So einfach ist das, so einfach läßt
sich eine Stadt verarschen, so leicht läßt sich die EXPO 2000 ernsthaft
beschädigen."
(aus: "KLOSA, HÖR DIE SIGNALE / Spiritus Rector, 1996)
Es ging immer um CHAOS, und das Chaos hat viele Gesichter. Und am meisten macht
es Spaß, wenn man nicht sich selbst mit der Erzeugung der Unordnung abrackern
muß, sondern die Gegenseite diesen Job in einem nicht endenwollenden Anfall
von Paranoia erledigt.
Folglich war es eine durchaus kluge Idee, für vier Jahre keine Chaos-Tage
zu veranstalten.
Tja, ein echtes Dilemma! Und Hannovers Polizei hat es exakt auf die vorausgesagte
Weise zu lösen versucht: Einfach jedes Jahr am ersten Augustwochenende ein paar
Hundertschaften in die City stellen und hinterher behaupten, man habe erfolgreich
die Chaos-Tage verhindert. Das Pfeifen im Walde. "Juchu, die Chaos-Tage sind
für alle Zeiten besiegt! 1999 ist gar keiner mehr gekommen! Kein Problem für
die EXPO!"
Tolle Sache also, sich am VErhindern von Chaos-Tagen zu berauschen, die gar nicht
erst angesetzt sind! Da können sie gleich an 365 Tagen im Jahr ihre "Erfolgsmeldung"
herausposaunen...
"Ja", so hört man die Stoßseufzer, "Wenn doch die Punks
nur das EINZIGE Problem für Hannover wären...!"
Was hängt nicht alles von dieser Weltausstellung EXPO 2000 ab! Eine Ausstellung,
für die Hannover definitiv ein paar Nummern zu klein ist. Seit Jahren täglich
EXPO-Berichte in den hannoverschen Medien. Und beileibe nicht in erster Linie Gut-es:
Skandale, Managementprobleme, der ewig steigende Finanzbedarf, Planungsfehler, Baustellen
und nicht zuletzt die Ungewissheit ob des Erfolgs in Sachen Besucherzahlen.
Und nun auch noch der sich abzeichnende stetig wachsende Widerstand gegen die
EXPO aus allen möglichen politischen Lagern.
Und wer glaubt, eine über Monate zu einer Polizeifestung ausgebaute Messestadt
würde ein freundlicheres Bild abgeben und sowas wie Sicherheit vermitteln, hat
bei den Ordnungstagen 1996 nicht genau hingeschaut.
Und dann auch noch die "richtigen" Chaos-Tage am ersten Augustwochenende,
diesmal mit einem Vorlauf von vier Wochen. Gemeinerweise diesmal auch noch zu den
LETZTEN Chaos-Tagen erklärt. Also werden sie auch alle kommen. ALLE. Denn wer´s
diesmal verpaßt, kriegt keine weitere Chance mehr.
Zu glauben, daß das nur für Punks gilt, zeigt damit nur den üblichen
starren Blick auf die Vergangenheit. Chaos-Tage sind schon längst ein Kult,
der sich nicht im mindesten auf die Punk-Szene beschränkt, sondern sogar schon
in die Umgangssprache eingegangen ist. Und wie beim einzig wahren "Maschendroadzaun"
werden sie alle dabeisein wollen, bei den letzten Chaos-Tagen von Hannover. Ich wiederhole:
ALLE!
(aus: "Der Weg ohne Wiederkehr" / Spiritus Rector, März 2000)
KRAWALL AM SIELWALL?
Eine Tradition seit 13 Jahren, und kein Ende in Sicht: Seit der Silvesternacht
vom 87 auf 88 ist die Sielwall-Kreuzung in Bremen immer wieder zum Mittelpunkt
der Gewalt geworden.
"Blinde Zerstörungswut beherrschte das Szenario im Bereich der Sielwallkreuzung:
Scheiben klirrten und gingen zu Bruch, Geschäfte wurden geplündert, Rauchschwaden
verbreiteten sich, Blaulicht, Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr versuchten
Schlimmeres zu verhindern." So das Presseprotokoll der Bremer Polizei vom 1.1.88.
Das zog sich so über die Jahre hin, und die Spuren sind nicht zu übersehen:
der Penny Markt an der Kreuzung hat nach vielen Plünderungen seinen Standort
verlegt. Alle Läden in der Nähe der Kreuzung halten für Silvester
stets dicke Bretter bereit, die vor die Schaufenster genagelt werden.
Doch auch bei anderen Gelegenheiten, wie bei den Nationalfeiern zum 3. Oktober
94, wurde die Kreuzung zum Zentrum der Gewalt.
Schön und gut werdet ihr nun sagen aber was hat das mit den Chaos-Tagen zu
tun?
Nun, Bremen, ist eine Stadt, die immer von allem, was in Hannover geschah, eine
Scheibe abbekam. Schon 94 und 95 kam es zeitgleich mit den Chaos-Tagen von Hannover
auch in Bremen zu Randalen. 1996 wurden diese schließlich ganz nach Bremen
verlegt, und auch hier wußten alle, wo man sich zu treffen hatte: am Eck (wie
man als Ortsansässiger zu der heißen Kreuzung sagt).
Sogar in Jahren, in denen keine Chaos-Tage stattfanden, gab es genug Polizeieinsätze.
Allein im letzten Jahr brannte es dreimal - gelöscht wurde mit Wasserwerfern.
Beim erstenmal wurden zudem 67 Randalierer aus einer naheliegenden Kneipe gezogen.
Auch wurden, wenn man den Gerüchten glauben darf, an der Kreuzung Autoreifen
von geparkten Polizeifahrzeugen aufgeschnitten, und Lastwagen der Bundeswehr, die
eine nächtliche Fahrprüfung absolvierten mit Steinen und Flaschen beschmissen.
Geschichten wie diese werden sich unter den dort lebenden Menschen zu Hunderten
erzählt...
Doch ein anderer Grund verspricht viel mehr als alles andere, daß Bremen
mit Wahrscheinlichkeit die Randale von Hannover abbekommt: Die Bahn hat angekündigt,
das Wochenend- und das Guten-Abend-Ticket während der Dauer der EXPO nicht für
die Fahrt nach Hannover zu verkaufen.
Also ist klar, daß etwa Punks aus Bayern, die sich eine 200 Mark teure Reise
nicht leisten können, Bremen gerne als Zwischenstation benutzen werden. Oder
gleich in Bremen bleiben, weil hier so viel los sein wird, daß gar nicht mehr
nach Hannover weiterfahren.
Somit ist klar: Punks und andere werden in Bremen stranden. Und das Steintorviertel
ist, seitdem die Drogenszene vom Bahnhof vertrieben wurde, der soziale Brennpunkt
der Stadt. An Samstagnächten liegt immer was in der Luft. Es ist dieser Wille
wieder mal die Kreuzung zu erobern. Hier warten viele schon auf das nächste
Mal, wenn es heißt:
Krawall am Sielwall
- Manuel Luna -
FREIHEIT FÜR DIE SALATGURKE!
- Ein Reisebericht vom August 2000 -
Es waren Sommerferien. Wir hatten nicht sonderlich viel vor, und so kam es uns
gerade recht, daß in Hannover die Chaostage stattfinden sollten. Mit Punks
hatten wir zwar nicht viel am Hut, aber was machte das schon. Dort war Party, und
überall, wo Party ist, sind wir dabei. Da das Wetter auch noch gut war, entschlossen
wir uns spontan, uns an die Autobahn bei Ulm zu stellen und einfach mal zu sehen,
was passiert.
Wir packten unsere Sachen, nahmen eine Zweiliterflasche Chianti mit, schnappten
unseren Kassettenrecorder, die besten HipHop-Tapes und los gings.
Auf der Auffahrt warteten schon zwei andere Tramper, deren Ziel, wie es der Zufall
so wollte, ebenfalls Hannover war. Freunde besuchen.
Nach über einer Stunde hielt der erste Wagen an und nahm die beiden anderen
mit. Der Himmel hatte sich zwischendurch bewölkt, und es sah verdammt stark
nach Regen aus. Aber gerade als die ersten Tropfen fielen, hielt ein bunt angemalter
VW-Bus an. Es waren Kiffer, die zu irgendeinem Hardcore-Konzert bei Limburg wollten.
Im Bus wurde uns erst einmal eine riesige Bong angeboten, die Mike schon nach
dem ersten Zug für eine halbe Stunde ins Nirvana katapultierte. Ich schaffte
zwei Züge...
Am Ende sah es so aus, daß wir uns in Limburg wiederfanden. Da es eh erst
Mittwoch war, beschlossen wir, uns das Konzert zu geben. Es fand auf einem geilen
Gelände mitten im Wald statt. Wir lernten zwei süße Mädels kennen
mit dem Vorteil, daß sie uns in ihr Zelt einluden und wir eine lustige Nacht
verbrachten.
Am nächsten Morgen (15 Uhr...) gingen wir erst einmal in die Stadt, um uns
Nachschub an Getränken und Nahrungsmitteln zu organisieren. Wieder an der Autobahn
fanden wir auch gleich einen, der uns bis nach Kassel brachte. Von Kassel aus ging
es dann ganz schnell. Erst nach Göttingen und dann direkt bis zum Hauptbahnhof
in Hannover. Dort angekommen sahen wir schon einen Haufen buntes Volk herumlungern,
was ein sehr illustres Bild abgab.
Unsere wichtigste Aufgabe war jetzt uns neuen Brösel zu organisieren, in
Limburg war ja nichts aufzutreiben, nur Spießervolk unterwegs. Also los zu
den Punks, Punks wissen immer wo es etwas zu kiffen gibt. Dann erst einmal dazugesetzt
und den Kasi angemacht. Das gab Streß, weil wir immer noch eine Fanta-Vier-Kassette
drinhatten. Wir einigten uns dann auf die Ärzte und alles war wieder cool.
Der eine Punk mit dem krassen Iro hatte gerade eine Tüte fertig, als schon
die Bullen angerannt kamen. Sie meinten, die Musik wäre zu laut und wir sollten
gefälligst leiser machen. Wir machten leiser, sie gingen. Als sie weg waren
drehten wir wieder auf. Zehn Minuten später kamen zwei Bullenwagen angefahren
und wollten unsere Ausweise sehen. Und wir bekamen unseren ersten Platzverweis. Auf
meinem stand: "Person lungerte mit Punks auf dem Bahnhofsvorplatz herum, um
an den Chaostagen teilzunehmen."
Wir fuhren zusammen mit den Punks in einen anderen Stadtteil, weil wir sehen wollten
was dort abging. Dort schleppten sie uns zu irgendeinem Punker-Haus, und im Garten
machten wir ein Lagerfeuer. Irgendwann gingen wir dann pennen.
Nach dem Aufwachen wurden wir zu einem Frühstücksbier eingeladen und
fuhren danach wieder zum Bahnhof. Inzwischen war das asselnde Volk viel mehr geworden,
die Bullen auch. Wir liefen durch die Innenstadt, um die Lage zu checken. Überall
Punks und jede Menge andere ebenso heftig feiernde Gestalten!
Aus Langeweile kauften wir uns eine Tageszeitung aus Hannover. Das war Panikmache
pur. Da stand etwas von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen beim letzten
Mal und daß die Polizei dieses Jahr 6000 Mann in der Stadt bereithielte um
ähnliche Zustände wie im letzten Jahr zu verhindern.
Als wir an einem großen Platz vorbeikamen, sahen wir Unmengen von stationierten
Mannschaftswagen, Räumpanzern, Wasserwerfern usw. Die hatten ja ganz schön
aufgerüstet. Irgendwo trafen wir dann welche, bei denen wir uns dazu setzten
und den Nachmittag rumhingen.
Dann liefen uns auf einmal zwei bekannte Gesichter über den Weg: Die Tramper,
die wir in Ulm kennengelernt hatten! Was für ein Zufall. Noch besser war, daß
sie heute abend zu einer ultrageilen Party eingeladen waren, zu der sie uns mitnahmen.
Die Leute auf der Party waren in der Hauptsache Studenten, aber welche von der
lustigeren Sorte, sie erzählten uns von irgendwelchen Aktionen, die sie in Göttingen
gemacht hatten, von Hausbesetzungen und Spontandemos mitten auf einer Kreuzung, bei
denen sie "Freiheit für die Salatgurke" oder etwas in diese Richtung
forderten.
Am Samstag gab es das erste Mal richtig Streß. Die Bullen kamen und erteilten
uns wieder einen Platzverweis, dieses Mal meinten sie jedoch, wenn wir noch einmal
erwischt würden, säßen wir für den Rest des Wochenendes im Bau.
Also fuhren wir weiter nach Bremen.
Den Tip hatten wir von einer Punkerin bekommen, die meinte, dort würden alle
hinfahren, wenn es in Hannover zu stressig werden würde. Da Mike schon einmal
in Bremen gewesen war, wußte er, daß am Steintorviertel was los sein
würde. Und tatsächlich war da ein Horde Punks friedlich am Feiern. Wir
mit dabei, kauften von unserem letzten Geld das gute Bremer Haschisch und bufften
erst mal einen.
Und wie immer, wenn es am Schönsten ist, kamen die Bullen angefahren und
forderten uns auf, den Platz zu räumen. Das ließen sich die Leute aber
nicht gefallen. Sie begannen, da Pflaster auszugraben und fingen an, mit Steinen
gegen die Bullenfahrzeuge zu werfen. Das hatte den Effekt, daß sie aufgrund
zu geringer Mannschaftsstärke wieder abziehen mußten. Nur kamen sie ziemlich
schnell mit Verstärkung wieder zurück und fingen an, loszuknüppeln.
Uns wurde das zu heiß und wir begaben uns ein Stückchen abseits, um
das Spektakel aus der Ferne zu genießen. Auf einmal kamen etwa fünf Bullen
auf uns zugerannt und versuchten uns zu fangen. Wir liefen in verschiedene Richtungen
und konnten glücklicherweise entkommen.
Ich sprang in einen Busch und wartete so lange, bis keine Bullen mehr zu sehen
waren. Dafür kamen ein paar Anarchos vorbeigelaufen und zündeten das Motorrad
an, das etwa drei Meter vor dem Busch stand. Sofort war die Feuerwehr da und ich
konnte schon wieder nicht weg.
Eine halbe Stunde später war die Luft rein und ich fuhr zum Ufer irgendeines
Flusses, weil ich verdammt müde war und unbedingt pennen wollte.
Sonntag früh fuhr ich zurück nach Hannover, gammelte da noch ein bißchen
herum um brach am frühen Nachmittag mit dem Wochenendticket wieder in Richtung
Ulm auf.
Daß ich kein Ticket hatte war kein Problem. Es fuhren so viele Leute in
meine Richtung, daß ich immer jemanden mit Ticket fand.
Völlig platt kam ich um Mitternacht bei meinen Eltern an, die sich über
meinen Zustand wunderten, hatte ich ihnen doch erzählt ich würde zu einem
Kumpel nach Augsburg fahren...
DIE CHAOS-TAGE SIND ÜBERALL...
Liebe Freunde,
heute untersuchen wir den Begriff "Chaostage", - manchmal auch mit Bindestrich
"Chaos-Tage" geschrieben.
Urspünglich ein Wort aus der Punker-Szene, der das alljährliche Treffen
am ersten Augustwochenende in Hannover bezeichnete. Heute wird er auf alle Teile
der Gesellschaft bezogen, um Zustände der wie auch immer gearteten öffentlichen
Unordnung zu benennen.
Jedes Mal, wenn die Ordnung in Politik, Wirtschaft, Kultur oder einer anderen
Form des gesellschaftlichen Lebens zusammenbricht bzw. zusammenzubrechen droht, werden
die "Chaostage" heraufbeschworen.
Chaos und Ordnung
Daß die "Chaostage" immer wieder gern verwendet werden, liegt
an der schönen deutschen Eigenart des Alles-Regeln-Wollens. Es gibt keinen Bereich
des menschlichen Lebens, der von Ordnung, Einordnung, Kategorisierung, kurz, genau
festgelegten Verhaltens- und Vorgehensweisen ausgenommen ist. Glücklicherweise!
Dieser Faden zieht sich von Beziehungsführung über Arbeitsbestimmungen
bis hin zu der Krümmungsnorm für Bananen.
Ist etwas ohne genau vorherbestimmten Ablauf, wenn es "drunter und drüber
geht", empfindet der Bürger eine kreatürliche Furcht; er weiß
auf einmal nicht mehr wie er sich zu verhalten hat. Und nennt diese Situation dann
"Chaostage".
Einige Beispiele:
Politik: Nicht endenwollende Revisionen von Gesetzesvorschlägen wie etwa
beim 630-Mark-Gesetz vermitteln ein desolates Bild von den angeblich Mächtigen.
Wie eben bei "Chaostagen".
Wirtschaft: Gerät ein Aktienmarkt in eine Krise, ist die Planbarkeit der
Aktienentwicklung selbst für Börsenprofis nicht mehr kalkulierbar. Mit
anderen Worten, es herrscht Chaos, bzw. "Chaostage".
Technik: Die Umstellung der Computeruhren vom Jahr 1999 auf das Jahr 2000 schien
direkt in eine unkontrollierbare Computerkatastrophe zu führen. Ganz mutige
Visionäre beschworen eine dadurch ausgelöste Weltwirtschaftskrise. Und
das alles, weil die Ordnung dem Chaos zu weichen drohte...
Auch gibt es "Chaostage", wenn in einer bislang erfolgreichen Mannschaft
die hierarchische Ordnung nicht mehr funktioniert und sich so Niederlage an Niederlage
reiht, wenn aufgrund nicht vorhandener Regelungen am Strommarkt der Bürger verwirrt
ist ob der Vielfalt der verschiedenen Stromtarife, oder wenn bei der Eröffnung
eines Flughafens aufgrund fehlerhafter Planung nichts funktioniert.
Und, und, und...
Kurz: Chaostage sind überall!
Ihr Prof. Dr. Felix Gerbrod
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