Letzte Änderung: November 22 2005 13:23:07. - 625 Seiten archiviert
Home Archiv Fanzines 2000 LTVH Artikel
 
 
Seit 1995 wird zurückgelogen
 

Die süße Rache der blutrünstigen Untermenschen!

Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Daß die Medien eine von der Polizei zerschlagene Party sowie die zehnminütige Straßenschlacht am Abend darauf konsequent in ein die Republik erschütterndes Horrorszenario verwandeln würde - damit hatte niemand gerechnet!

Und zum "Beweis" für das Vorhaben der Punks, "Hannover in Schutt und Asche zu legen", wurde ein Flugblatt in die Kameras gehalten, in dem nicht ein Wort darüber drinstand!

Ein Spaßflugblätt ohne jede Aggressivität mußte als Hauptargument für den harten Polizeieinsatz herhalten; bei der Gelegenheit ließ es sich insbesondere Tom Junkersdorf von der "Neuen Presse" nicht nehmen, noch einige Briketts nachzulegen. Von "Todesangst in der Nordstadt" bis zu "Blut klebte an den Steinen und Containern" reichten seine Schlagzeilen; und bei den Artikeln, die er für auswärtige Zeitungen schrieb, erfand er noch schnell "überall umgestürzte und brennende Autos" dazu, weil sich das wohl besser verkaufte.

Auch die Versuche, die Medien dazu zu bewegen, doch einmal eines der genannten Gewalt-Pamphlete vorzulegen, blieben fast alle fruchtlos. Lediglich der SPIEGEL brachte eine Mini-Meldung, die die Medienlüge entlarvte.

Das hinderte aber insbesondere die Boulevardmedien nicht, im nächsten Jahr wieder ganz groß das "Schutt-und-Asche"-Märchen unter die Leute zu bringen..

Zuvor war bereits in der Punk-Szene die Losung "Seit 1995 wird zurückgelogen" ausgegeben worden. Eine wahre Flut von Flugblättern und Aufrufen überschwemmte die Konzerte, aber auch die Redaktionsstuben und Polizeiwachen.

Den größten Erfolg erzielte sicher der ultrabrutale Gewaltaufruf im 94er-Look, der zur "Vergewaltigung von Polizistinnen" aufrief und "viele tote Bullen" versprach. Zwar deutlich gekennzeichnet als "Fälschung" ließen sich die Medien diese Gelegenheit zu blutigen Schlagzeilen nicht entgehen.

Dennoch fand sich im Sommer 1995 mit der "Lager Gang" noch einmal eine Gruppe von Leuten zusammen, die erstmals über das Internet so etwas wie "Gegenöffentlichkeit" herstellen wollte.

Dieser letzte Versuch, nicht mit Lüge, sondern Information und der Schilderung von Ereignissen zu operieren, scheiterte bei den Chaos-Tagen ‘95 kläglich.

Die Art und Weise, wie die Berichterstattung der "Lager Gang" über die Ursachen für den heftigen Zoff von den Medien einfach ignoriert wurden, machte klar, daß nun schwerere Geschütze aufgefahren werden mußten...

Für das nun folgende Jahr 1996 standen zwar wieder Chaos-Tage an, aber eigentlich war allen Punks klar, daß sich die Polizei nicht noch einmal so eine Niederlage leisten konnte. Jeder ahnte, daß eine Polizeiarmada Hannover hermetisch abriegeln und Chaos-Tage schon im Ansatz unterbinden würden.

Was also tun? Einfach klein begeben und nicht nach Hannover fahren? Nein: Die Lösung hieß, diesen ganzen widerlichen Macht- und Polizeiapparat bei seiner eigenen Paranoia zu packen und sich dabei der hysterischen Medien zu bedienen.

Denn wenn schon klar war, daß Chaos-Tage um jeden Preis verhindert werden sollten, dann sollte dieser Preis in möglichst schwindelerregende Höhen getrieben werden. Und dabei zusätzlich noch einen kleinen Vorgeschmack davon vermitteln, welche Ausgeburt von Sicherheitswahn uns bei der EXPO 2000 erwartet...

Also meldete sich im April 1996 erstmals der "Cannibal Home Channel" (CHC) mit schlimmen Schreckensmeldungen aus dem Internet. Den Boulevardmedien gleich, hetzte der CHC mit einer ziemlich gemeinen Mischung aus wahren und falschen Informationen zum Großeinsatz GEGEN die Punks, die angeblich vorhätten, Hannover in ein einziges blutiges Schlachtfeld zu verwandeln.

Man merke: GEGEN Punks und andere ungeliebte Minderheiten darf völlig legal selbst mit den übelsten Lügen zur Hatz geblasen werden! Das hatte man von den BILD & Konsorten erfolgreich gelernt!

Folglich sah der Staatsanwalt keine Möglichkeit zum Einschreiten, denn dann wären ja Tür und Tor geöffnet gewesen, auch die "journalistische Arbeit" anderer Medien an den Pranger zu stellen!

Einige besonders gewitzte Journalisten versuchten nun dummerweise, die Meldungen des CHC als "Gewalt-Ankündigungen" von "Internet-Punks" darzustellen und erfanden gleich noch ein paar Details hinzu.

Prima! Eine gute Gelegenheit nun für den CHC wiederum, aus der Presse zu zitieren und dies als Beweis für die eigene Behauptung von der Gefährlichkeit von Chaos-Tagen darzustellen!

Ein wahres "Informations- und Lügen-Recycling" entwickelte sich, und die Medien überschlugen sich mit Horror-Schlagzeilen. Der Druck auf die Polizei, anläßlich des zu erwartenden Horrorszenarios in Hannover den totalen Überwachungsstaat aufzurufen, nahm immer mehr zu - sogar eine eigene stümperhaft zusammengestellte PolizeiWebsite wurde ins Netz gestellt!

Die Polizei erließ eine Verbotsverfügung - inclusive wirklich lustiger Beschreibung "punktypischen Verhaltens - und erklärte ein totales "Punker-Verbot" für zwei Wochen (siehe auch Seite 11 in diesem Heft).

Mit dem Beginn des Verbots hatten nun auch die Medien gemerkt, daß sie vom CHC kräftig verarscht und mißbraucht worden waren. Man beschoß, CHC-Meldungen künftig keinen Glauben mehr zu schenken - auch der Meldung nicht, Ersatz-Chaos-Tage in Bremen seien angesagt.

Dumm nur, daß dies KEINE Falschmeldung war! Und während einige Hundert Journalisten, Fotografen und Kameraleute in Hannover vergebens auf den bunten Pöbel warteten, knallte es im Bremer Steintorviertel...

Ein Jahr darauf erlebte der CHC noch einmal ein kurzes Comeback, als er das Märchen von der angeblichen Massen-Mobilisierung zu Chaos-Tagen in Berlin verbreitete. Die gleichzeitig stattfindende Love Parade sollte genutzt werden, "Berlin in Schutt und Asche" zu legen.

Flyer dazu gab es tatsächlich, aber ob der oder die Verfasser mehr als ein Dutzend Kopien herumgereicht haben, ist eher fraglich. Aber das mußte man ja den Medien nicht sagen...

 

DIE "ABSCHLUSSERKLÄRUNG" DES CANNIBAL HOME CHANNEL

Der KARNEVAL HOME CHANNEL enthüllt:
WIR HABEN GELOGEN - UND ES HAT SEHR VIEL SPASS GEMACHT!

Liebe Medienkollegen: Wir haben Euch gefickt, gefickt, gefickt! Und trotzdem hätten wir uns niemals träumen lassen, daß man so viel Scheiße schreiben kann und trotzdem ernstgenommen wird!

Habt Ihr Euch eigentlich jemals gefragt, WESHALB wir diesen schönen Kanal betreiben? Etwa um die Punks zu den Chaos-Tagen zu mobilisieren, wie immer so nett geschrieben wird? Oder um Hannover via Internet "in Schutt und Asche zu legen"?

Völliger Unsinn: Es ging darum, EUCH zu den Chaos-Tagen zu mobilisieren! Wir haben die blutigen Stichworte geliefert, nach denen Ihr gelechzt habt; wir haben Euch mit dem SPIRITUS RECTOR einen widerlichen "Chefideologen" der Chaos-Tage präsentiert, und Ihr habt bereitwillig die Köder geschluckt, die wir für Euch ausgelegt hatten. All den Dreck, all die "Schutt und Asche"-Scheiße, mit der Ihr die Punkszene in den letzten beiden Jahren überschüttet habt, wurde Euch nun gut präpariert selbst als Fraß vorgesetzt. Und nun leidet Ihr an einer kräftigen Informationsvergiftung!

Jaja, Ihr habt natürlich gewußt, daß wir hier jede Menge Lügen verbreiten, aber da war ja auch viel Wahres in unseren Meldungen. Es war diese unangenehme Mixtur aus Lüge und Wahrheit, die Euch in den Wahnsinn getrieben hat, und der Gedanke, daß Ihr oft das eine nicht vom anderen unterscheiden konntet, hat viel Spaß gemacht.

Was war es für eine Freude, Euren Blutdurst virtuell zu stillen! Jetzt waren wir mal selbst die Täter. Die Kotzbrocken von "Journalisten", die sich irgendeinen Dreck einfach aus den Fingern saugen! Eine tolle Sache, wirklich! Wir haben die "Argumente" geliefert für Eure Artikel und Krisensitzungen, und es war gar nicht mal sehr schwer.

Aber das war einfach mal fällig. Wir haben bewiesen, daß wir besser lügen können als Ihr, und unsere Kostenstruktur ist auch einsame Spitze - so eine Website kostet nur 50$ im Monat...

Ja, der virtuelle Krawall ist definitiv der beste: Es fließt kein Blut, aber Ihr alle macht einen Popanz daraus. Und wir wissen jetzt auch endgültig, daß es sich lohnt, ein völlig legaler blutgeiler Journalist zu sein. Du kannst lügen bis zum Abwinken, und strafbar ist es trotzdem nicht! Das Medienverbrechen zahlt sich aus!

Jetzt fragt nur noch, weshalb wir hier nicht einfach mal die WAHRHEIT verbreitet haben. Aufklärung über Punk, Chaos-Tage und so, nicht wahr! Ganz einfach: Weil niemand von Euch auch nur das mindeste Interesse an der Wahrheit hat! Das haben die letzten Jahre klar bewiesen. Ihr wolltet Blut, und wir gaben Euch - leider nur virtuelles - Blut. Beklagt Euch also nicht.

Wir haben Euch wie Dealer mit Stoff versorgt, bis Ihr genau die Dinge getan habt, die ein Puppenspieler von seinen Marionetten erwartet. Also seid Ihr massenhaft in Hannover eingefallen und habt Euch enttäuscht den Arsch zugesoffen, weil einfach kein Stein das Fliegen lernen wollte. Und weil Ihr dann doch mehr und mehr unseren Nachrichten mißtraut habt, wolltet Ihr unserer Meldung vom Ausweichen der Chaos-Tage nicht so richtig Glauben schenken. Erst als es dann doch in Bremen gerappelt habt, ist Eure Meute aufkreuzt - leider zu spät...

Daß auch die Polizei derart großartig mitspielt bei diesem Theaterstück, hatten wir allerdings nicht erwartet oder gar eingeplant. Aber es soll uns recht sein: Die Polizei-Website und die grandios formulierte Verbotsverfügung werden für immer als Reliquien und Andenken an diesen großartigen Sommer Eingang in die Punk-Geschichtsbücher finden. Vielen Dank! Allein der Ausdruck "punktypisches Verhalten" ist eine ganze Werbekampagne wert! Auch daß die Polizei in Erwartung eines gewalttätigen Mobs 10 Millionen locker gemacht hat, ist in der CHC-Redaktion mit großem Jubel begrüßt worden.

Dank auch noch einmal an all die Fernsehsender und Zeitungen, die den CANNIBAL HOME CHANNEL mit phantastischen Fernsehspots und riesigen Anzeigen unterstützt haben. Unsere Einschaltquoten haben sich dadurch verzehnfacht.

- Die CHC-Redaktion -

P.S.: Habt Ihr schon davon gehört, daß die Chaos-Tage am kommenden Wochenende wiederholt werden sollen? Oder war es das Wochenende danach? Und was ist mit den ERHOLUNGSTAGEN am Timmendorfer Strand? Alles nur Verarschung? Oder vielleicht doch wahr? Tja, das ist nun wirklich EUER Problem, denn eine Informationsvergiftung wird man nicht so schnell los...

 

 
  xxx

xxx

 
 

 

   
 
 
 
Home | Aktuell | Archiv | Diskussion | Downloads | Kontakt

 

WWW.CHAOS-TAGE.DE - das Internet-Archiv zum Thema
Für Inhalt, Gestaltung und Programmierung verantwortlich: Karl Nagel, Schleswiger Str. 2, 22761 Hamburg
 
Bilder des Chaos!
KOT
Bilder des Chaos!