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Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Eindrücke derer, die Chaos-Tage am
Fernseher erleben, und jener, die direkt dabei waren, voneinander abweichen. Das
über die Medien vermittelte Bild dringt derart tief in die Köpfe selbst
kritischer Zeitgenossen ein, daß man sich als Teilnehmer von Chaos-Tagen die
schlimmsten Vorwürfe anhören muß: Da ist von "sinnloser Zerstörungswut"
die Rede, von einem einzigen "Saufgelage stumpfer Idioten". Und ein paar
Gutwillige halten Chaos-Tage für eine Demonstration oder ein Konzert, das irgendwann
aus den Fugen geraten ist.
Fragt man aber die, die selbst auf Chaos-Tagen waren, lernt man eine ganz andere
Perspektive kennen. Eine ganz andere Realität.
Nicht die Schwachsinnsaktionen irgendwelcher Durchgeknallter, die es schon immer
fast zwangsläufig zu Chaos-Tagen verschlagen hat, stehen hier nämlich im
Vordergund, sondern der wichtige Markstein, zu dem Chaos-Tage im Leben vieler geworden
sind.
Chaos-Tage sind etwas Besonderes, Einzigartiges. Man reist nämlich nicht
zu einem speziellen, kurzen Ereignis an, das man danach schnell wieder vergißt,
sondern LEBT einige Tage in Hannover.
Auf keinem Punk-Konzert, auf keiner Demonstration, in keinem Urlaub lernt man
so schnell so viele verschiedene Leute kennen, mit denen man zudem eine extrem intensive
Zeit verlebt; zusammen mit Menschen, die man vielleicht nie zuvor gesehen hat, wird
das eigene Leben einer radikalen Veränderung unterworfen.
Man hängt ja nicht einfach gemütlich oder gar apathisch in irgendeinem
Ghetto rum, abgeschoben und abgeschottet. Stattdessen ist man ständigem Streß
ausgesetzt, ein permanenter Adrenalinrausch läßt einen keine Minute zur
Ruhe kommen.
Und das nicht mal deswegen, weil eine Straßenschlacht die nächste jagt,
weil es überall kracht oder harte Drogen die Sinne durcheinanderwirbeln.
Aber es gibt keinen Stillstand, ständige Veränderungen lassen niemanden
zur Ruhe kommen. Andauernd neue Leute aus den merkwürdigsten Orten und Ländern,
neue Ansichten, Sympathien, Erotik oder auch Leute, die einen nur nerven oder gar
ankotzen.
Die merkwürdigsten und verrücktesten Dinge geschehen; der geklaute Kasten
Bier aus dem Supermarkt, mit hundert Leuten auf einem Friedhof übernachten,
der BILD-Reporter, der einen beim Pissen fotografiert.
Der Ärger mit der Polizei tut dann sein übriges und schweißt die
Leute förmlich zusammen, läßt sie einen Zusammenhalt erleben, den
man sonst im Alltag nie kennenlernt.
Wie viele kurze Sex-Abenteuer, aber auch Freundschaften fürs Leben entstehen
hier! Wie viele Dinge, die noch lange über Chaos-Tage hinausgehen! Bands haben
sich hier gefunden, Kinder wurden gezeugt, und die Aktivitäten der APPD in den
Achtzigern und Neunzigern wären ohne Chaos-Tage ebenfalls nicht denkbar gewesen.
Die Chaos-Tage 1984 lösten durch die Zerstörung eines Hannoveraner Jugendzentrums
einen Schock aus, der eine Distanzierung vieler Punks von der eigenen Szene zur Folge
hatte und schließlich im Hardcore mündete.
Aber Chaos-Tage waren auch zehn Jahre später die Initialzündung für
einen neuen Start, denn hier wurde klargemacht, daß Punk die alte Kraft noch
lange nicht verloren hat.
Es geht also bei Chaos-Tagen gar nicht mal in erster Linie darum, die Welt um
sich herum zu verändern. Es geht um das eigene Erleben, darum, daß man
selbst durch Chaos-Tage verändert wird. Einfach ein Stück der Kraft, die
man hier gewonnen hat, mit nach Hause nehmen
Denn Chaos-Tage sind ein Ereignis, bei dem zumindest die Partygäste selbstbestimmt
die Regeln festlegen, wie sie diese Zeit verbringen wollen, und diese Möglichkeit
ist einzigartig in einer Zeit, in der die Gesetze wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit
auch die letzte Scheiß-Veranstaltung fest im Griff haben.
Es gibt niemanden, der jemals bei Chaos-Tagen war, für den sie nicht auf
die eine oder andere Weise einen Einschnitt im Leben gewesen wären. Vielleicht,
weil man sonst nie eine so einzigartige Gelegenheit hatte, zusammen mit so vielen
anderen den eigenen Lebensstil im Kampf mit der Staatsmacht zu verteidigen, vielleicht
aber auch nur, weil man danach endgültig von der Sauferei die Nase voll hat...
WENN DER STROM AUSGEHT, WIRD'S ERST RICHTIG LUSTIG...!
Punk ist Masse, keine Bewegung. Punk ist der Dreck, den man zu gerne unter den
Teppich kehren würde. Punk ist nicht die Musik, die man produzieren und verkaufen
und kaufen kann, die nach einiger Zeit ein schales Gefühl zurückläßt.
Ereignisse wie die Chaostage lassen sich nicht kaufen, weil sie sich nicht in
eine Form pressen lassen. An den Chaostagen sieht man: Wir sind immer noch da, auch
wenn ihr uns nicht haben wollt, wir scheißen auf euer "Nein!", sagen
es trotzdem, genau aus diesem Grund.
Die Chaostage sind eine Demonstration ohne Route und je beschissener es aussieht,
desto mehr kommen.
Man kann nicht zu den Chaostagen gehen ohne irgendwie verändert zur¸ckzukommen:
Der, der gerade erst anfängt, bekommt einen Eindruck von dem was möglich
ist, diejenigen, die schon lange dabei sind, sehen daß auch wenn es düster
aussieht, Punk noch nicht tot ist.
Wenn der Strom ausgeht, dann ist was los, dann wird es erst richtig lustig!
- Felix Gerbrod -
HANNOVER MUSS ZUR WIESE WERDEN!
WARUM MUSS HANNOVER ZUR WIESE WERDEN? WARUM GEHEN DIE PUNKS NICHT EINFACH AUF
EINE RICHTIGE WIESE?
Ein Vorschlag, der ja nun auch in Punk–Kreisen seine Anhänger hat. Eine Woche
lang Bands, Bands, und noch mal Bands, ein paar Polit–Aktionen und Party auf dem
Rasen. Das drückt aus, was viele wünschen: Die Punks sollen doch bitteschön
dorthin gehen, wo sie niemanden stören! Da haben dann alle ihre Ruhe, und der
Nerv hat ein Ende.
Auf einer Wiese liegen, Musik hören, von gesellschaftlichen Veränderungen
und Revolution schwätzen und nach einer Woche wieder nach Hause fahren.
Eine Fete auf der Wiese, ein Organisationstrupp, der kontrolliert, daß die
Partygäste sich auch gefälligst an die Spielregeln halten, kanalisiertes,
bedeutungsloses Polit– und Kulturgeschwätz, wenn`s unbedingt sein muß,
auch noch ein riesiges Massenbesäufnis.
Die Chaos–Tage von Hannover als dufte Wiesenparty KANN es also gar nicht geben,
und die politische Kraft, der es dennoch gelänge, diese Metamorphose zu realisieren,
könnte sich einen riesigen Erfolg auf die Fahnen schreiben. Denn das wäre
das Ende der Chaos–Tage, und auch Punk könnte man dann endgültig in die
Kiste stecken.
Doch Wenn es denn schon unbedingt eine Wiese sein muß, auf der die Punks
bitte ihre Party feiern sollen, warum dann nicht einfach HANNOVER ZUR WIESE MACHEN?
Daß da nach all den Chaos–Tagen immer noch ein paar Gebäude herumstehen,
ist kein Problem. Denn auch die werden bestimmt am ersten Augustwochenende von Bagger–Punks
im Handumdrehen in Schutt und Asche gelegt, und fertig ist die Wiese...
(Aus "Hannover muß zur Wiese werden" / Spiritus Rector, 1996)
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