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"1995 - da war Punk noch richtig was hierzulande. Da hatte man Respekt vor
uns." Das sagte etwa 1997 eine Punkette aus der Pfalz zu mir. Da begann bereits
der Mythos der Chaostage aufs neue. Die Chaostage - das war für die vielleicht
16 Jahre alte Punkette schon Geschichte, aber eben eine Geschichte, die faszinierend
war, die einherging mit Bildern von brennenden Barrikaden und kämpfenden Punks.
Und das ist auch das, was die Chaostage für Punk-Szene bedeutet haben. Im
Nachhinein war Punk doch eigentlich Ende der 80er Jahre auch in Deutschland ziemlich
tot, Hardcore gab deutlich den Ton an. Wäre nicht durch den Anschluß der
DDR plötzlich in den neuen Bundesländern ein riesiges Interesse an altem
Punk erwacht, wer weiß, ob es noch einmal ein »Aufrappeln« der
Szene gegeben hätte.
Sicher: Die Tatsache, daß Hardcore so grandios abschiffte und zu einem riesigen
Kasperletheater für irgendwelche Kommerzkinder wurde, trug entscheidend dazu
bei, daß sich viele neue Leute auf die Punk-Szene stürzten und daß
»alte Szenegänger« sich wieder dem guten alten Punkrock zuwandten.
Aber vielleicht trug auch die neue Nazi-Welle dazu bei: Plötzlich sprossen
die braunen Banden überall aus dem Boden, verstärkt zwar im Osten, aber
eben genauso im Westen dieser Republik. Punk war für viele Leute eine gute Gegenreaktion,
vor allem für jene Leute, die keine Lust auf die manchmal arg dogmatischen Autonomen
und Antifa-Kämpfer hatten.
Der große Aufwacher kam dennoch 1994. Nach 10jähriger Pause waren die
Chaostage längst Legende. Niemand glaubte daran, diesen Mythos noch einmal wiederbeleben
zu können, und doch kamen fast 1000 Punks nach Hannover - mehr aus purer Neugier
als von dem Willen beseelt, irgendein großes Ding anzuzetteln.
Die völlig friedlich begonnenen Chaostage und die eher harmlose Straßenschlacht
sowie die hinterher erfolgte Räumung des Kesselhauses mit zahlreichen Festnahmen
hätten niemanden so richtig aus seiner Lethargie gerissen. Wer in den Jahren
zuvor bei Demos in Passau oder Solingen gewesen war, wer die Häuserkämpfe
in Hamburg oder Berlin miterlebt hatte oder wer in Wackersdorf oder an der Startbahn-West
Tausende von Polizisten auf einmal im Einsatz erlebt hatte, dem konnte der Polizeieinsatz
in Hannover keine große Angst einjagen.
Mit Hilfe der Medien gelang es, den Mythos Chaostage neu zu entfachen. Hätten
die Schmierenjournalisten im Fernsehen nicht so viel Unfug verbreitet, wäre
die Erwartungshaltung in das Jahr 1995 nicht so gewaltig ausgefallen. Tausende von
Punks und erlebnishungrigen Jugendlichen zitterten buchstäblich ein Jahr lang,
es gab unzählige konspirative Treffs, und als dann in Hannover eine Woche lang
immer mehr Punks auftauchten, wußte jeder, daß etwas Großartiges
passieren würde.
Und dennoch hatte niemand wirklich mit dem gerechnet, was dann geschah. Es war
der Hammer: Die Polizei, die damit umgehen kann, wenn eine Demonstration eine Stadt
für einige Stunden lahmlegt, kam damit nicht klar, daß sich buchstäblich
Tausende in Hannover über Tage breitmachten und einfach nicht gehen wollten.
Es krachte ordentlich, es gab viele Verletzte, es gab hinterher einige häßliche
Prozesse, und es gab unzählige Festnahmen. Und trotzdem waren die Hannoveraner
Chaostage 1995 unterm Strich ein Super-Erfolg.
Und warum? Die Punk-Szene hatte zu einem großen Schlag ausgeholt und sich
kollektiv auf das besonnen, was eigentlich Punk ausmacht: ein Kotzen in das Gesicht
der kranken Gesellschaft, ein Aufschrei ohne Rücksicht auf Diplomatie, ein Schlag
gegen steinhafte Mauern und - Tobias Scheiße sei Dank! - eine Mülltonne,
die durch eine Schaufensterscheibe geschmissen wird.
Punk war eben nicht "nur" eine Musikrichtung, die mit lustiger Lalala-Musik
à la Green Day die Bravo-Kids begeisterte. Punk war eben nicht »nur«
eine Ansammlung von Bahnhofpennern, die mehr zufällig bunte Haare trugen. Punk
war vor allem mehr als "nur" eine Jugenderscheinung, die sich nach einigen
Jahren von selbst auflöste. Punk war und ist eine Lebensanschauung, die man
Außenstehenden nicht erklären, die man sie höchstens spüren
lassen kann.
Und das geschah auf den Chaostagen 1995 derart wuchtig, daß sich viele Punks
noch Jahre danach mit wohligem Schauder daran erinnerten.
Seien wir gespannt, was im Jahr 2000 passieren wird. Niemand weiß es, aber
alle warten...
- Klaus N. Frick -
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