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Nun, wir sprachen ja bereits vom vielzitierten "Spaß´" -
ein sehr ernstes Thema! Denn wenn man im Zusammenhang mit Chaos-Tagen von "Spaß"
redet, erntet man oft nur verständnislose Blicke. Wie kann man Spaß daran
haben, tagelang eine Großstadt zu verunsichern, aus dem Asphalt herumzulungern,
sich vielleicht sinnlos zu besaufen und die verängstigten Passanten nach Geld
anzuschnorren?
Überhaupt scheiden sich hier die Geister: Es gibt jede Menge Leute mit "politischem
Bewußtsein", aus der politischen Linken, auch aus der Punk-Szene, die
diese Art von Spaß total ablehnen. Die sich abgestoßen fühlen von
dem besoffenen Mob, der sich natürlich auf Chaos-Tagen auch sein Stelldichein
gibt. Und die diese Art von chaotischem Spaß ohne konkrete politische Zielsetzung
für die Ausgeburt purer Dummheit halten.
Ja, wenn auf Chaos-Tagen genau diese Art von Spaß am größten
ist, dann hält es meist auch die Staatgewalt für geboten, regulierend einzugreifen
und dem Treiben ein Ende zu setzen.
Schließlich besteht eine ernste Gefahr für die Bevölkerung - oder
wenigstens für Sicherheit und Ordnung. Wo doch Punks wie Tobias Scheiße
mit ernster Miene folgende Unglaublichkeiten per MTV in die Wohnzimmer schickten:
"Spaß, der heißt: saufen, kaputtmachen, sich mit den Bullen anlegen,
das heißt das! Ihr versteht das nicht. Das kommt einfach aus mir raus, und
dann mach ich alles kaputt. Punkt!. Hast Du schon mal jemals ne Mülltonne in
ein Schaufenster geschmissen? Das macht einfach Bock. Da brauchste kein Hooligan
für sein. Ich bin Punkrocker und schmeiß Mülltonnen!"
FÜR DIE EINEN BEDEUTET CHAOS SPASS - FÜR DIE ANDEREN IST ES DAS TOTALE
GRAUEN!
Nun fragen sich die versammelten Journalisten, was denn dieses ganze ewige Gequatsche
mit dem SPASS eigentlich soll. Tja, verstehen können sie es natürlich nicht,
und trotzdem berichten sie darüber bis zum Abwinken. Allein diese Tatsache macht
schon eine Menge SPASS!
All diese dummen verständnislosen Visagen machen SPASS. Eine säbelrasselnde
und völlig durchgeknallte Polizei macht SPASS. Spass macht auch, daß sich
da Tausende aus ganz Europa einmal so treffen, wie SIE es wollen und nicht wie irgendwelche
geld– oder kontrollgeilen Pißnelken es gerne hätten.
Also: DAS CHAOS und seine Vertreter sind ALLE da, und DIE Ordnung und Ihre Vertreter
sind ALLE da, und jeder spielt nach seinen eigenen Spielregeln. Und zum SCHLUSS hat
DAS CHAOS gewonnen, weil seine Spielregeln die BESSEREN sind. So einfach ist das,
und genau das macht SPASS!
(aus "Hannover muß zur Wiese werden" / Spiritus Rector, 1996)
ACHTUNG! KEIN WITZ!
DAS PUNKTYPISCHE VERHALTEN
Aus der polizeilichen Verbotsverfügung zu den Chaos-Tagen 1996:
Da die Punk-Bewegung weithin die bürgerlichen Regeln, Riten und Sicherheits-
und Ordnungsgesetze in militanter Weise ablehnt und durch grenzenlose Freiheit des
Individuums ersetzen will, handelt es sich bei den Chaos-Tagen 1996 auch nicht um
eine Veranstaltung im traditionellen Sinn, d. h. es gibt keine Massenkundgebung mit
Ansprachen oder einem Aufzug, sondern es wird zu einem Punkveranstaltungszeitraum
eingeladen.
Während dieser Zeit kann jeder Punk seine Aktivitäten entfalten und
in seiner individuellen Art für die Ziele der Punkbewegung werben. Hier kommt
es darauf an, das Erscheinungsbild einer Großstadt durch größere
und kleinere Ansammlungen zu prägen und die systemtreuen Bürger zu provozieren,
ihnen ihre Machtlosigkeit durch aggressives Verhalten vor Augen zu führen, um
dadurch eigene Stärke zu genießen.
Die Angehörigen der Punk-Szene verstehen sich als Subkultur unserer Gesellschaft.
Dies bringen sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild wie auffällige
Kleidung, besetzt mit einer Vielzahl von Symbolen, Aufschriften und Nieten und die
typischen farbigen Punkfrisuren zum Ausdruck. Bürgerliche Konventionen und Umgangsformen
sowie Moral- und Ethikbegriffe lehnen sie ab. Natürliche Pietät und Schamempfinden
werden bewußt verletzt.
Inhalt und Absicht des gesamten Auftretens und Verhaltens ist das Bemühen,
Mitbürger zu provozieren und das öffentliche Leben zu beeinträchtigen,
dabei soll gleichzeitig das von ihrem Freiheitsbegriff geprägte Leben zum Ausdruck
kommen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist grundsätzlich jedes Mittel recht, wobei
nachfolgend aufgeführte Verhaltensweisen in der Vergangenheit besonders häufig
zu beobachten waren:
- übermäßiger Alkoholgenuß in der Öffentlichkeit bis
hin zu Alkoholexzessen
- Beschimpfen, Anpöbeln, Beleidigen, Anspucken, Beschmutzen und Bedrohen
von Passanten, in Einzelfällen bis hin zur gefährlichen Körperverletzung
- gruppenweises Lagern, Nächtigen, Sitzen an zentralen Orten der Innenstadt,
zumeist in Fußgängerzonen, verbunden mit Anpöbeleien der Passanten
- Verschmutzen von Straßen, Wegen und Plätzen sowie von Hauswänden
und Kraftfahrzeugen
- demonstratives Urinieren in der Öffentlichkeit
- Werfen von Steinen, Getränkedosen/-flaschen gegen Gebäude, Schaufenster,
Kraftfahrzeuge
- offenes und verdecktes Mitführen von Waffen, verbotenen Gegenständen
und gefährlichen Werkzeugen
- Zeigen von verbotenen Parolen und Emblemen
- Betreten von Kaufhäusern, Eindringen in Wohnhäuser/sonstige Gebäude,
um Unruhe und Unordnung zu verbreiten (z.B. durch Verspritzen von Buttersäure)
- Diebstahl geringwertiger oder zum Verzehr geeigneter Sachen, Anbetteln von Passanten,
mitunter mit besonderer Aggressivität
- in Einzelfällen Raub oder Erpressung von Geld/Sachen des täglichen
Bedarfs; Plünderungen in Geschäften und von Auslagen.
Diese weithin für die Punkszene typischen Ausdrucksweisen sind immer dann
anzutreffen, wenn sich Punks aufgrund ihrer Anzahl sicher fühlen, den Folgen
ihrer Handlungen erfolgreich mit Gewalt begegnen zu können. Die Sicherheit bietende
Anzahl wird dabei von ihnen nicht erst in Großgruppen, sondern insbesondere
in kleineren, aber in Vielzahl auftretenden Kleingruppen, soweit sie das Straßenbild
einer Stadt oder einer eines eng umgrenzten Gebietes beherrschen, gesehen.
Größere Zusammenkünfte sind wegen ihres besonders ausgeprägten
Freiheitsbegriffs - außer bei Konzerten - nicht möglich. Daher geht aufgrund
des typischen Punk-Verhaltens gerade von Kleingruppen, insbesondere während
der Chaos-Tage, zu denen des Krawalls wegen eingeladen wird, eine besondere Gefahr
aus.
Der Besuch der Chaos-Tage ist allein darauf gerichtet, Chaos zu verbreiten, nicht
durch EINE Großaktion, sondern durch viele separate Aktionen an vielen Orten.
Diese abgelehnte Gesellschaftsform soll über das von Punks veranstaltete Chaos
überwunden werden, es werden ein Countdown des Schreckens, Randale, Messerstechereien,
zentnerweise Scherben angekündigt.
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