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"Lager-News" #4 vom 4. August 1995
ICH WEISS NEN PLATZ, WO ICH HINGEHÖR - KZ!
ICH WEISS NEN PLATZ, WO ICH NIEMANDEN STÖR! - KZ!

Wir haben uns in den letzten Tagen bemüht, eine ohnehin delikate Situation nicht auch noch anzuheizen. Aber was sollen all die freundlichen Worte, wenn die Polizei fast schon handstreichartig alles in die Scheiße reitet. Es steht zu befürchten, daß nach den gestrigen Ausschreitungen der Polizei neues Unheil vor der Tür steht, und all die Chancen eine riesige friedliche Punk-Party zu feiern, durch polizeiliche Dummheit zerstört werden.

Natürlich werden sich die Massenmedien mal wieder am Polizeibericht orientieren; und die Bullen wären natürlich schön blöd, ihr eigenes Versagen freiwillig öffentlich zu machen. Also dürfen wir wieder in den nächsten Tagen die Lügen von brandschatzenden und marodierenden Punks vernehmen. Und wenn es erst mal kracht, ist es auch ein leichtes, die entsprechenden Bilder zu bekommen.

Zur Chronik: Donnerstag Mittag begann die Gruppe der am Bahnhof feiernden Punks langsam immer größer zu werden, nahm aber dennoch keine riesigen Maße an. Gegen 14 Uhr waren etwa 150 Leute am Bahnhofsvorplatz.

Die meisten Punks saßen auf die Boden, hier und dort kontrollierten die Cops die Personalien. Die Szene glich aufs Haar dem Bild der vergangenen Tage, wo die Polizei auch sehr gelassen und flexibel auf die kleineren Ordnungswidrigkeiten einzelner Punks reagiert. Natürlich lag eine Menge Müll in der Gegend rum - das kennt man ja auch von der Love Parade - aber anstatt den Punks wie in den vergangenen Tagen Müllsäcke auszuhändigen, geschah folgendes:Eine größere Menge Bullen rückte unvermittelt an, und der Einsatzleiter forderte die Punks auf, sich sofort zu verpissen. Und obwohl den Punksdas ganze wohl zu heikel wurde, und sich die meisten sofort erhoben, erhielten die Bullen im gleichen Moment von einem Riesentrupp Behelmter mit gezücktem Schlagstock und Kampfmontur. Einzeln Bullen drohten sofort Prügel an, wenn man sich nicht im Nu davonmache.

Also setzte sich die Gruppe von Punks in Bewegung und wurde von der Polizei mitten durch die City getrieben. Wäre dies wirklich ein Haufen bunthaariger Gewalttäter gewesen, hätte sich die City im Nu in ein Schlachtfeld verwandelt und kein Schaufenster wäre heilgeblieben.

Aber nicht doch: Die bösartigen Punker wurden noch nicht einmal laut, sondern ließen sich wie die Schafe bis zu einem Park in der Nähe der Universität geleiten.

Ab sofort begann wieder die große Punkerhatz in der City: Zunächst wurden aufkreuzende Punks nur von einzelnen Bullen aufgefordert, sofort die Innenstadt zu verlassen, was eigentlich auch alle taten. Einige Zeit später ging die Polizei einen Schritt weiter: Die City wurde systematisch punkfrei/judenfrei gemacht, und es begannen die sattsam bekannten Szenen des letzten Jahres. Szenen, die wir ja auch schon aus Rostock von Seiten ganz normaler Nazis kennen: Polizisten hetzten hinter Punks her, die sich nicht mitnehmen lassen wollen, werfen sie zu Boden, verpassen ihnen eine Packung und schleppen sie in die bereitstehenden Wagen. Ab ins Gas, Freunde, oder was. In diesem Zusammenhang war auch zu erfahren, daß später einer dieser Punks in der Zelle von einer Bullenfrau zusammengeschlagen worden war.

Klar war, daß nach diesen üblen Ausschreitungen der Polizei, die Lage eskalieren mußte. Und dennoch verhielten sich die meisten Punks auch den Rest des Tages über weitgehend friedlich. Sie sammelten sich in der Nordstadt, feierten dort ihre Fete, und natürlich dachte die Polizei, daß sie auch hier nicht fehlen durfte. Allen Punks, die sich an der Lutherkirche aufhielten, wurden Platzverweise erteilt, und weil Punks sich nun einmal nicht in Luft auflösen können, zogen sie sich Richtung Sprengel-Gelände zurück - der einzige Platz, wo sich sich noch ein wenig Schutz erhofft.

Als die Polizei dennoch auch hier wieder in bewährter Law-and-order-Manier vorrückte und mit Verhaftungen begann, war es mit der Geduld der Leute geschehen: Ein Stein- und Flaschenhagel vertrieb die Polizei, und in Windeseile wurden Barrikaden gebaut.

Die Polizei griff daraufhin immer wieder an, wobei einzelnen Polizeibeamte sogar selbst mit Steinen warfen, wobei eine Punk-Frau schwer am Kopf getroffen wurde. Die Angriffe wurden immer wieder zurückgeschlagen, und schließlich brannte ein altes Auto und einzelne Barrikaden. Bald schon schwebte eine riesige Rauchsäule über der Nordstadt, die Schaufelder Straße, wo das Sprengel-Gelände liegt, waren durch eine riesige Feuerwand erleuchtet.

Eigentlich dachten alle, daß nun das Sprengel-Gelände geräumt würde, aber glücklicherweise hatte die Polizei gar nicht die Mittel vor Ort, um einen solch rigiden und womöglich katastrophalen Gewalteinsatz durchzuziehen.

Selbst der Feuerwehr war es nicht möglich, den Brand zu bekämpfen, weil sie immer in Polizeibegleitung anrückte und dementsprechend von den Punks begrüßt wurde.

Nach Vermittlung eines Bezirksrats und durch Gespräche mit einem Unterhändler der Punks nahm die Situation dann doch noch eine überraschende Wendung. Es wurde vereinbart, daß die Feuerwehr ohne Polizeibegleitung vorrücken konnte und die Punks sogar bei der Brandbekämpfung helfen würden. Gleichzeitig wurde vereinbart, daß sich die Polizei zurückziehen sollen und andererseits in der Nach Ruhe gehalten würde.

Tatsächlich wurde dann das Feuer sehr schnell gelöscht und die Polizei zog sich zurück. Die Situation entspannte sich sofort, und urplötzlich war wieder friedliche Party angesagt. Das sollte allen zeigen: DIE FRIEDLICHE PARTY IST MÖGLICH GEWESEN, aber die Polizei hat diese Chance womöglich durch ihren Kotz-Einsatz endgültig zerstört.

Denn genau jetzt (10.37 Uhr) hört man, daß wieder jede Menge Polizei auffährt und andererseits neue Barrikaden gebaut werden.

Hannover wird an diesem Wochenende nicht zur Ruhe kommen; und die Polizei, die ja angeblich diese Stadt schützen will, wird durch ihr Verhalten dafür sorgen, daß Schäden entstehen, die mit Geld nicht zu bezahlen.

Mir fällt dazu nur eines ein: Steck den Einsatzleiter in den Knast oder jagt ihn in die Antarktis, denn genau dieser Mann ist für all die Gewalt verantwortlich, die wir dieses Wochenende erleben werden.

Dieser Mann in seiner bürkratischen Dummheit hat ein angeblich liberales und deeskalierendes Konzept verkündet und sich dann doch wie ein Stück Scheiße verhalten.

Uns liegen auch Informationen vor, daß die Polizei an ihrem eigenen idiotischen Apparat gescheitert ist, und das ist sicher Wasser auf den Mühlen derer, die schon seit eh und je der Meinung sind, daß die Polizei wohl zu nichts anderem gut als zu stumpfesten Gewalteinsätzen.

Dazu einige Details: Schon Wochen vor den Chaos-Tagen suchte ein Kripo-Beamter namens MARTIN ZAHEL das Gespräch mit den Punks, und diese versicherten ihm immer wieder, daß Chaos nicht gleichbedeutend mit Gewalt sei.Zahel ließ durchblicken, daß die Polizei an einem deeskalierenden Konzept arbeite, zusammen mit Sozialarbeitern und anderen, und daß man dieses Jahr nicht so blind agieren würde wie im letzten Jahr.

Da aber gleichzeitig die normalen Stadtbullen immer wieder regelmäßig gegen die ersten auswärtigen Punks vorgingen, machten einige Punks Zahel klar, daß die CHAOS-TAGE nicht erst am 4. August beginnen, sondern wohl schon eine Woche vorher, daß man deshalb schon früh mit vielen Punks zu rechnen habe. Wenn dann die Polizei nicht entsprechend locker reagiere, sei der nächste Zoff schon wieder vorprogammiert.

Als dann am Wochenende vorher über 200 Punks nach Hannover kamen, war die Polizei dennoch völlig unvorbereitet. Das ganze war ihnen wohl zu heikel, und so blieben sie meist in freundlichem Abstand oder ließen sich gar nicht erst blicken. UND SO GAB ES AUCH KEINEN KRAWALL!!!!!

Am Dienstag änderte sich das Bild: Ein kurzfristig organisierter Polizeitrupp machte auf peace & love, kontrollierte dennoch alle Personalien, und alle ohne Personalausweis wurden zur Personalienfeststellung mitgenommen, später aber wieder rausgelassen.

Obwohl die psychologisch völlig ungeschickt im Riesen-Gefangenenbus geschah, verhielten sich die Punks völlig friedlich und räumten nach Aushändigung von Müllsäcken sogar leere Flaschen und Dosen weg.Durch einen sehr freundlichen Polizeibeamten war zu erfahren, daß die Polizei tatsächlich nicht genug Kräfte vor Ort habe, weil man mit einem Einsatzbeginn vom Freitag ausgegangen war. Folglich waren auch die vollmundig angekündigten Flugblätter, Sozialarbeiter und Toilettenhäuschen noch nicht vor Ort. Angeblich sollen sogar Schlafplätze in Jugendzentren organisiert worden sein.Und weil die Polizei dann eben Donnerstag damit nicht klarkam, daß einige Punks so eben an die Bäume pinkelten, griff sie schließlich zu dem rigiden oben beschriebenen Hardcore-Einsatz.

Lieber Einsatzleiter Wiedemann: Deine beschissenen Flugblätter kannst Du in den Reißwolf stecken, und Deine ganze unflexible Planung ist nur noch einen Dreck wert. Wenn es Euch nicht reicht, über eine Woche vorher zu erfahren, daß Ihr mal über Euren Plan nachdenken müßt, dann entlarvt Ihr Euch als das, was Ihr seid: Als beschissener gewalttätiger Beamtenapparat, der auch durch die liberalsten Sprüche nicht zu refomieren ist.

Allen Polizeibeamten kann nur angeraten werden, unverzüglich den Dienst zu quittieren. Nein, nicht auch ethisch-moralischen Gründen, so blauäugig sind wird nicht, sondern aus gesundheitlichen! Eure Führung wird Euch dieses Wochenende auf eine Art verheizen, die vielen Menschen - auch Euch - zu einem Aufenthalt im Krankenhaus verhelfen wird, und das könnt Ihr ganz einfach vermeiden: TRETET WIEDEMANN IN DEN ARSCH! VERKLAGT IHN! ODER WERFT DAS HANDTUCH! Denn dieser Einsatz wird Euch bestimmt KEINEN SPASS MACHEN.

Wollen wir hoffen, daß all die, die dennoch Spaß daran haben, die entsprechenden Quittung erhalten...

ERNST THÄLMANN

 
  Ein gutes Praktikum in Sachen Sensationsgeilheit
Im Nachhinein kann ich über die fast naive Absicht nur noch lächeln, so etwas wie die "Wahrheit" über die Chaos-Tage verbreiten zu wollen.
Eine perfekte Allianz aus bestimmten blutgeilen Kräften in Polizei und Medien wollte es einfach knallen lassen, folglich knallte es.
Trotzdem war es eine interessante Erfahrung, täglich Berichte durchs Internet zu schicken. Auf die Art konnte ich mir ein wenig das Handwerkszeug aneignen, um im nächsten Jahr den Cannibal Home Channel ins Leben zu rufen.
Denn dann hieß es: "Seit 1995 wird zurückgelogen!"
-kn-
 
 
   
 
 
 
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