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"Lager-News" #5 vom 5. August 1995
IM LAGER IST FÜR JEDEN UNTERMENSCHEN NOCH EIN PLÄTZCHEN FREI!

Ja, wir sind immer noch am Ball, und noch immer ist die Lager-Gang jeden Tag unterwegs, um möglichst viele Informationen einzusammeln. Allerdings haben wir den Kontakt zu einigen unserer Zuträger verloren, und von einem wissen wir definitiv, daß er sich mittlerweile in einem wunderschönen Lager in Langenhagen befindet, in einer ehemaligen Briten-Kaserne. Dort sollen rund 250 Leute festgesetzt sein, bewacht von 150 Bullen. Im Radio lief übrigens vor wenigen Minuten die Meldung, diese Kaserne sei mit Molotow-Cocktails angegriffen worden. Keine

Ahnung, ob das wahr ist...

DIE BÜCHSE DER PANDORA IST GEÖFFNET!

Noch immer strömen Unmengen von Punks, Skins und allen möglichen Leuten, die mit uns zusammen die größte Punk-Fete aller Zeiten feiern wollten, nach Hannover. Seit Mitternacht gilt das 30-Mark-Ticket, und so ist damit zu rechnen, daß im Laufe des Samstags noch einmal eine Riesenmenge Punks & Freunde nach Hannover kommen werden.Es sind Leute aus allen möglichen Ländern dabei, und so ist die Wut der Leute über die Ausschreitungen der Polizei international.

Und natürlich sind auch die Medien wieder in Hochform: Immer wieder müssen wir uns die gleiche Scheiße anhören, nämlich, daß die Punks nur deshalb nach Hannover gekommen seien, um die Stadt in "Schutt und Asche zu legen"

Nun heißt es, daß es an den Punks liege, daß das sogenannte "Deeskalationskonzept" der Polizei an der Gewalt der Punks gescheitert sei. Polizisten verkünden in der Glotze mit treuherzigem Augenaufschlag, wieviel Verständnis man für die Punks habe, und daß man ja alles versucht habe, um Gewalt zu vermeiden.

Ihr Heuchler! All die Tage, wo die Polizei sich nicht blicken ließ, gab es keinen Zoff, weder in der Nordstadt noch in der City. Sogar als schließlich massive Kontrollen begannen, benahmen sich die Punks immer noch wie die Schafe.

Selbst als Ihr am Donnerstag ohne jeden Grund mit einem fetten Schweineeinsatz die Leute aus der City vertrieben habt, haben sich alle noch mal zusammengenommen und keinen Ärger angefangen.

Aber welcher Punk läßt sich schon auf die Dauer von Platzverbot zu Platzverbot durch die Stadt jagen. Mit Eurem selbstgerechten Law-and Order-Einsatz Donnerstag Nachmittag habt Ihr dann endgültig die Lunte gezündet: Als Ihr eine Reihe Punks, die in eine Pizzeria reinwollten, willkürlich mit Platzverbot belegt habt, war die Geduld vieler am Ende.

Ihr habt die Büchse der Pandora geöffnet, schaut, wie Ihr mit den Folgen klarkommt! Wir können uns nicht vorstellen, daß diese Eskalation jetzt noch zu stoppen ist; niemand kann die Situation noch kontrollieren, am wenigsten die Polizei. Ihr seid die grün-weißen Zauberlehrlinge: Wer Wind sät, wird Sturm ernsten...

Ja, wir wissen, daß die meisten von dieser ganzen Medien-Arschlöchern sich einen Dreck für das interessieren, was wir uns hier zusammenschreiben. Ihr seht nur die fliegenden Steine, die Feuer und Barrikaden. Für Euch sind die Polizisten, die Punks wie die Hasen durch die Straßen jagen, automatisch im Recht, und wer sich gegen diese Verbrechen wehrt, ist nun selbst ein Verbrecher.

Wir wünschen all diesen Dreckschweinen einen Sohn oder eine Tochter mit bunten Haaren, die Euch für diese Lügen und Verdrehungen was auf die Fresse hauen.

Zum Konkreten:

Nachdem man der Polizei in der Nacht von Donnerstag auf Freitag klargemacht hatte, daß der Zoff bei einem Verschwinden der Bullen schnell aufhören würde, zogen sie tatsächlich ab. Der Grund lag allerdings weniger in der Einsicht der Polizei begründet, sondern in der Tatsache, daß sie einfach nicht genug Kräfte vor Ort hatten, um gründlich aufzuräumen.

Wir hatten ja schon darüber berichtet, daß die Polizei in ihrem dilettantischen Einsatzkonzept bis zuletzt davon ausgegangen ware, daß die CHAOS-TAGE ordentlich und pünktlich Freitag morgens beginnen würden. Und das, obwohl von den verschiedensten Seiten immer wieder darauf hingewiesen wurde, sogar von Seiten des Bezirksrats Klaus Müller-Kilian., daß viele Punks schon früher anreisen würden.

Allerdings fragen wir uns schon mittlerweile, ob dieses Verhalten wirklich nur bloßer Dilettantismus war, oder ob da verschiedene Leute bei der Polizei etwa ein ernsthaftes Interesse an der Eskalation hatten.

Weiter geht's: Die Nacht über war's dann ziemlich ruhig - wenn man einmal davon absieht, daß eine fast euphorische Stimmung bei vielen Leuten herrschte, weil es gelungen war, die Polizei von der Sprengel zu vertreiben.

Am nächsten Morgen wurde dann wieder der Barrikadenbau aufgenommen, weil man natürlich nicht so blauäugig war, anzunehmen, daß die Polizei nicht schon bald mit stärkeren Kräften erneut anrücken würde.

Diese Einschätzung bestätigt sich auch aus den heutigen Presseberichten: Es ist zu lesen, daß die Polizeiplanung ja - wie gesagt - erst für Freitag Morgen angesetzt war, und so ein Großteil der Kräfte und schweren Fahrzeuge erst dann zur Verfügung stand.

Gegen Mittag schließlich ein erster schlecht vorbereiteter Angriff der Polizei: Die Cops werden mit einem Hagel von Pflastersteinen und anderen Wurfgeschossen empfangen und müssen sich schließlich zurückziehen. Wie man so hört, waren die eingesetzten Bullen ziemlich sauer, auf die Art von ihrer Einsatzleitung verheizt zu werden. Wir sagen Euch deshalb: Werft die Brocken hin oder verklagt den Einsatzleiter!

So, nun Schluß mit den billigen unrealistischen Witzchen, den ab 13 Uhr ging es richtig zur Sache: Die Polizei startete ein Großangriff auf die Barrikaden und setzte dabei auch Räumpanzer ein. Einzelne Punks enterten die Panzer, anderen warfen sich davor, und versuchten so, das Vorrücken der Bullen aufzuhalten. Als die Panzer schließlich der Barrikade bedrohlich nahe kamen, kletterten diese Verteidiger in letzter Sekunde über die Barrikaden.

Eine Frau, die nicht rechtzeitig wegkam, wurde vom Räumpanzer überrollt, und schnell machte die Nachricht die Runde, daß sie auf diese Arte von den Bullen kaltblütig ermordet worden sei.

Als die Räumpanzer schließlich gegen die Barrikaden vorging, wurden sie und die nachrückenden Bullen mit einen unübersehbaren Hagel an allen möglichen Wurfgeschossen empfangen: Steine, Balken, Stühle, eben alles was auf diese Weise zur Verteidigung eingesetzt werden konnte.

Gleichzeitig bewaffneten sich in einem anliegenden Gelände die Bullen systematisch mit Steinen und schleuderten diese massenhaft gegen die Leute im Sprengel-Gelände. Übrigens hervorragend dokumentiert von Fernsehkameras, und immer wieder gern in allen möglichen Programmen gezeigt...

Die Leute mußten schließlich der Übermacht der Bullen weichen, viele flüchteten durch Gassen und Hinterhöfe, einige verbarrikadierten sich in einem abbruchreifen Haus und verteidigten sich dort gegen die vorrückenden Bullen. Schließlich mußten aber auch sie aufgeben.

Das Sprengel-Gebäude selbst wurde bei diesem Einsatz selbst nicht geräumt.

Danach entspannte sich die Lage wieder, viele Punks zogen sich in irgendwelche Seitenstraßen oder in den nahegelegenen Uni-Park zurück.

Gleichzeitig begann die Polizei aber wieder in der City mit systematischer Menschenjagd. Es wurde ein generelles Einreiseverbot nach Hannover für alle Punks ausgesprochen, und in der City setzten die Bullen mit einem riesigen Aufgebot alles daran, dieses Selektionsprinzip tatkräftig umzusetzen. Wer sich nicht sofort in sein Schicksal fügte, kassierte kräftig Prügel, wurde gezwungen, die Heimreise anzutreten.

Viele Leute ließen sich dennoch davon nicht beeindrucken, suchten und fanden andere Wege, nach Hannover hereinzukommen - diesmal in die Nordstadt, so daß hier im Laufe des Tagesimmer mehr Punks & Freunde ankamen.

Die Polizei verlor immer mehr den Überblick, reagierte immer panischer und unkontrollierter.

Gegen 21.30 setzten sie schließlich zur nächsten Attacke an, diesmal gegen ein Haus in der Heisenstraße. Dort befindet sich ein städtisches Wohnprojekt für Punks und andere Leute, und natürlich hatten dort in den letzten Tagen viele Punks übernachtet.

Die Polizei vermutete so hier einen Hort von "Gewalttätern" und fuhr massiv auf.

"Haut ab! Wir wollen hier keinen Ärger! Dies ist ein legales Haus! Wir halten die Straße frei! Haut ab!", schallte es den Bullen immer wieder entgegen, aber die ließen sich nicht davon abhalten, schließlich doch Wasserwerfer aufzufahren und die Bewohner und ihre Gäste zur Übergabe aufzufordern.

Nachdem diese dazu nicht bereit waren, begann der Angriff. In der total engen Straße versuchten die Bullen mit ihren Wasserwerfern, das Haus sturmreif zu schießen, konnten aber nicht gleichzeitig mit ihren Kampftruppen das Haus stürmen, weil sie sonst nur von ihrem eigenen Wasserwerfer mit Gas und Wasser eingedeckt worden wären. Wobei dieser zudem auch noch gleich die umliegenden Wohnungen und Häuser kräftig durchwässerte...

Die Bewohner setzten sich tatkräftig gegen die attackierende Polizei zur Wehr, und weil gleichzeitig eine große Gruppe von Punks versuchte, sichs zwecks Hilfeleistung Richtung Heisenstraße zu bewegen, mußte die Polizei schließlich Kräfte abziehen, die dann aber doch nur völlig planlos in der Gegend herumliefen.

Immerhin hatte dies den Effekt, daß die Bullen von der Räumung der Heisenstraße absahen, um lieber noch ihr eigenes Chaos zu vergrößern.

Die Stimmung wurde immer aggressiver, weil sich die Nachricht von der überfahrenen Frau mittlerweile herumgesprochen hat, immer wieder schallte den Bullen "Mörder, Mörder!" entgegen. Später erfuhren wir aber, daß die Frau "nur" sehr schwere Verletzungen hat, glücklicherweise aber noch lebt.

Schließlich gelang es der Polizei, etwa 300 Punks in den Uni-Park abzudrängen, dort lieferte man sich immer wieder kleinere Scharmützel.

Gegen Mitternacht gelang es dann wieder vielen Leuten, aus dem Park Richtung Königsworther Platz zu entkommen. Bei anschließenden Verfolgung durch die Bullen gingen diverse Scheiben zu Bruch, es gab aber auch wieder viele Festnahmen.

Überhaupt sah man den ganzen Tag immer wieder große Gefangenenbusse durch die Stadt fahren, teilweise wurden sogar Linienbusse dafür benutzt, was bei vielen Punks den Effekt hatte, auf jede Annäherung der Polizei entweder mit Weglaufen oder Attacken zu reagieren.

Ab Mitternacht begann sich die Situation in der Nordstadt immer mehr zuzuspitzen, ebenso die Planlosigkeit der Polizei. Die Nordstädter Bürger reagierten zunehmend sauer auf die wilden Aktionen der Polizei,

immer wieder wurde die Bullen von ganz normalen Leuten angebrüllt, sie sollten doch endlich verschwinden, dann wäre doch Ruhe.

Aus einem Haus hängte ein Anwohner ein Transparant mit der Aufschrift "Noch nie waren die Ausländer in Deutschland so sicher wie an das Chaos-Tage" - wie wahr! - und ein anderer nervte die Bullen, indem er Boxen ans Fenster stellte und mit voller Lautstärke immer wieder "Freude, schöner Götterfunken" in die Straße schallte.

Bei den immer wieder aufflammenden Scharmützeln sah man bald auch immer mehr Hools und ausländische Kids, die dies wohl als gute Gelegenheit ansahen, den verhassten Bullen mal richtig eins auszuwischen.

Neben den punk-freundlichen Hools läuft aber auch ein Trupp Fascho-Hools und -Skins durch die City und macht Jagd auf Punks. Angeblich sollen eine Reihe von ihnen von der Polizei festgenommen worden sein.

Gegen 1 Uhr sammelte sich wieder ein größerer Pulk an der Lutherkirche, aber die Stimmung blieb zunächst friedlich. Schon bald jedoch war die Polizei wieder vor Ort, und wieder ging der Ärger los. Unter einem Hagel von Wurfgeschossen mußten sich die Bullen zurückziehen, und in der Schaufelder Straße wurden neue Barrikaden gebaut.

Kurze Zeit später fuhren - ohne jede Begleitung durch Fußbullen! - 3 Wasserwerfer vor, die aber außer ein bißchen Rumgespritze nichts ausrichten können. Einige Leute stellten sich sogar lachend in den Wasserwerferstrahl und amüsierten sich über dieses hilflose und planlose Vorgehen. Schließlich mußten die Wasserwerfer den Rückzug antreten, verfolgt von einer steinewerfenden Meute, wobei in einem Rutsch gleich noch Woolworth zu Bruch geht.

Bei den nachfolgenden Attacken der Bullen gab es viele Verletzte auf beiden Seiten, und das war dann wohl endgültig die Eskalation: Die Barrikaden brannten wieder, und am frühen Morgen wurde ein Penny-Markt geknackt und vollständig geplündert.

Heute morgen zog die Polizei einen Großteil der Kräfte ab, wohl, weil sie in der City mit Auseinandersetzungen rechnet. Dort treffen langsam immer mehr Punks ein, wobei die Polizei allerdings nicht genug Kräfte hat, um die Stadt problemlos vom Punk-Unrat zu reinigen. Einzelne Gruppen laufen völlig unbehelligt am Kröpcke herum, während am Bahnhof ein großen Polizeiaufgebot immer wieder Punks einkesselt und sie zwingt, die Heimreise anzutreten.

Dies ist allerdings eine ziemlich sinnlose Maßnahme, weil die meisten dann doch andere Möglichkeiten finden, nach Hannover einzusickern.

Für heute nachmittag ist allgemeines Abhängen auf dem Fährmannsfest angesagt, wo angeblich sogar TOTAL CHAOS spielen sollen.

Wollen wir hoffen, daß die Polizei dieses Fest wenigstens in Ruhe läßt, aber wer weiß schon, ob die erwähnte "Büchse der Pandora" noch einmal zu schließen ist. Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt, und es ist durchaus möglich, daß jede Annäherung der Polizei mit geballter Wut quittiert wird.

Wir wissen nicht, was die kommenden Stunden bringen werden, aber uns schwant nichts gutes.

- DIE LAGER GANG -

 
  Ein gutes Praktikum in Sachen Sensationsgeilheit
Im Nachhinein kann ich über die fast naive Absicht nur noch lächeln, so etwas wie die "Wahrheit" über die Chaos-Tage verbreiten zu wollen.
Eine perfekte Allianz aus bestimmten blutgeilen Kräften in Polizei und Medien wollte es einfach knallen lassen, folglich knallte es.
Trotzdem war es eine interessante Erfahrung, täglich Berichte durchs Internet zu schicken. Auf die Art konnte ich mir ein wenig das Handwerkszeug aneignen, um im nächsten Jahr den Cannibal Home Channel ins Leben zu rufen.
Denn dann hieß es: "Seit 1995 wird zurückgelogen!"
-kn-
 
 
   
 
 
 
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