| 250 Randalierer
warfen mit Steinen und Bierflaschen
VON R. DRÖSE (FOTOS)
UND K. GEMBOLIS (TEXT)
HANNOVER. Farbenfroh und friedlich
hatte es begonnen, blutig und brutal
endete es: das Punkertreffen am
Kröpcke.
Zwischen von Geschäft zu Geschäft
hastenden City-Besuchern, die vollbepackte
Einkaufstüten schleppten, tanzten
und scherzten buntbemalte Punks
rund um den großen Weihnachtsbaum
an der Kröpcke-Uhr. Nur ein
paar Polizeihunde reagierten durch
die Neckereien nervös, und
Passanten schimpften, weil sie sich
durch die Massen wühlen mußten.
Was in den der linken Szene zugeordneten
Gazetten in Anzeigen als "Chaotentag"
angekündigt war, bot am Sonnabendmittag
um 12 Uhr ein solch friedfertiges
Bild wie der ständig nickende
Weihnachtsmann in einem Kaufhaus-Schaufenster.
Was dann passierte, ist auch nach
Erkenntnissen der Polizei vor allem
einer etwa 250 Mann starken Randalierertruppe
zuzuschreiben. Denn während
von den Punks bis zu diesem Zeitpunkt
keine Gewalt ausging warfen mit
Ketten und Steinen bewaffnete Krawallmacher
Bier- und Schnapsflaschen gegen
einen Mannschaftsbus der Polizei
und auf Passanten. Die Schaufensterscheibe
im TUI-Reisebüro am Kröpcke
sprang. Die Polizei griff noch nicht
ein.
Zur Konfrontation kam es genau
um 12.45 Uhr. Punks und Randalierer
hatten sich auf der Georgstraße
zu einem Demonstrationszug formiert.
Als sie trotz Aufforderung der Polizei,
die nicht angemeldete Demonstration
gegen die "Punker-Kartei" aufzulösen,
mit Stein- und Flaschenwürfen
beantworteten, gingen die Beamten
mit Schlagstöcken und Reizgas
("CS") vor.
Über die Georgstraße
flüchteten die Randalierer
erst zum Steintor, wo sie Baustellenabsperrungen
umwarfen, dann in Richtung Goseriede.
Passanten und Polizei wurden von
einem Steinhagel bedroht, erschreckte
und verängstigte Fußgänger
suchten Schutz in Geschäften
und Hauseingängen. Rücksichtslos
wurden Menschen angerempelt und
bespuckt, dicke Pflastersteine in
Schaufensterscheiben geworfen. "Scheiß-System",
"Bullenterror", "Wir wollen Steine
sehen", johlte die Menge.
Zum schwersten Zwischenfall kam
es vor dem "Otto-Versand" In der
Goseriede. Ein Demonstrationsteilnehmer
war, nachdem er die Schaufensterscheibe
des Geschäftes eingeschlagen
hatte, von einem Beamten in Zivil
überwältigt worden. Im
selben Moment sprang ein 23jähriger
den Polizisten von hinten an, würgte
ihn am Hals. Der von mehreren Demonstranten
umringte Ordnungshüter schnellte
zur Seite. Dabei fiel der 23jährige
in die Scherben der zersplitterten
Scheibe. Blutüberströmt
brach er auf dem Pflaster zusammen.
Zuvor waren durch die massiven
Steinwürfe bereits zehn Polizeibeamte
verletzt worden. Um 15 Uhr war der
Tumult beendet. Von den ursprünglich
500 Teilnehmern versammelten sich
noch 200 am Kröpcke. Vereinzelt
kam es zu Zwischenfällen, als
Randalierer aus einem Einkaufsmarkt
in der Sallstraße (Südstadt)
Flaschen mit Schnaps und Wein stahlen,
betrunken in der Passerelle Passanten
anpöbelten und vom Kröpcke
leere Bierdosen und Flaschen auf
die Passerelleebene schleuderten.
Um 19.30 Uhr marschierten 100 zum
Jugendzentrum Glocksee. Als sie
festgestellt hatten daß ein
ursprünglich angekündigtes
Konzert nicht stattfand, verlief
sich die Menge.
Trotz der Krawalle ließen
sich die Hannoveraner nicht vom
Einkaufs- und Weihnachtsmarktbummel
abhalten. Die Polizei registrierte
überfüllte Parkhäuser.
1702 Pkw-Besitzer nutzten das Park
+ Ride-System, 4900 Personen wurden
befördert - 500 mehr als im
Vorjahr.
Dr. Karl-Theodor Simon vom Elnzelhandelsverband:
"Eventuell Umsatzeinbußen
durch das Punkertreffen sind natürlich
schwer festzustellen." Er glaube
aber kaum, daß sich Im Bereich
Aegi bis Karstadt das Treffen negativ
ausgewirkt habe.
KOMMENTAR
Erschreckte Bürger erlebten
am Wochenende in Hannovers City
vorprogrammierten Krawall. Als sich
die Punker sammelten, hatten viele
Angst, viele aber drängten
sich auch dazu, um etwas von der
angekündigten Sensation mitzuerleben.
Punker gegen Polizei - ein gesellschaftspolitisches
Match, dessen Ausgang spannend schien.
Hier der Punker - erklärter
Bürgerschreck; da die Polizei
- erklärter Bürgerschutz,
in einem zweifelhaften Rollenspiel.
Eingeschlagene Fensterscheiben,
ausgedehnte Auseinandersetzungen
zwischen Punkern und Polizei - das
störte aber doch den Streß
der vorweihnachtlichen Konsumhetze
im adventlichen Hannover zu sehr:
Solche Gewalt ist vom Bösen.
Ist sie. Niemand kann darüber
frohlocken, wenn Demonstrationen
von gewalttätigen Gruppen begleitet
werden . Aber man darf dabei den
Anlaß von Protesten nicht
aus den Augen verlieren.
Den Krawall vom Wochenende hätte
es so nicht gegeben wenn die Polizei
nicht zuvor eine fatale "Punker-Kartei"
angelegt hätte. Was angeblich
vorbeugend gegen Gewalttaten wirken
sollte war ein Flop, ein Rohrkrepierer.
Die Kartei hat Gewalt eher provoziert
und produziert als verhindert. Sie
sollte jetzt erst recht eingestampft
werden.
Rüdiger Knorr
Bahnpolizei: "Nur unser Hausrecht
wahrgenommen"
Bei ihrem Bemühen, Reisende
im Bereich des hannoverschen Hauptbahnhofs
vor Belästigungen durch - "randalierende
Punks" zu schützen, waren einige
Beamte der Bahnhofspolizei manchmal
vielleicht etwas übereifrig:
Auch Jugendliche, die wohl kaum
der Punk-Szene zuzurechnen sind,
wurden am Betreten des Bahnhofs
gehindert - übrigens ohne Angabe
von Gründen.
Rolf Elebe, Wachenleiter der Bahnhofspolizei:
"Wir haben unser Hausrecht wahrgenommen
und den Punks nur das An- und Abreisen.
nicht aber den Aufenthalt im Bahnhof
erlaubt!"
Auf die Frage, nach welchen Kriterien
es seinen Beamten möglich sei,
einen Punk von gewöhnlichen
anderen Jugendlichen zu unterscheiden,
wußte Elebe keine Antwort.
Aber: "Nur wegen des Aussehens"
sei wohl niemand der Zutritt zum
Bahnhof zu verweigern. Seine Beamten
könnten freilich Fehler gemacht
haben, räumte Elebe ein, dies
sei nur allzu menschlich. In einer
der nächsten Dienstbesprechungen
werde er zu diesem Thema noch einmal
mit seinen Beamten sprechen.
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