| Zum Auftakt
des großen Treffens flogen Bierdosen
und Flaschen
Unablässig dröhnte Freitag
nachmittag das Tschingdarassabum
von "Rickes großer Romantikorgel"
über den Bahnhofsvorplatz.
Doch den vielen hundert Schaulustigen,
die die Balustraden zur Passerelle
säumten, stand der Sinn nicht
nach Romantik. Sie waren Zaungast
eines Spektakels, wie es Hannover
noch nicht erlebt hat: Rund ums
ErnstAugust-Denkmal hatten sich
Hunderte von Punks und Skinheads
aus allen Teilen der Bundesrepublik
und sogar aus dem Ausland zu ihrem
bislang größten "Bundestreffen",
versammelt. Motto des Dreitagemeetings
in der Landeshauptstadt: Verbrüderung
von Bunthaarigen und Kahlgeschorenen,
gemeinsam gegen "Bonzen und Bullen".
Wer das Freundschaftstreffen auf
die Beine gestellt hat, weiß
wohl kaum jemand aus dem kunterbunten
Haufen. Eddy aus Berlin, Skinhead
durch und durch, hat es daheim irgendwann
mal in der Kneipe gehört: "Ick
bin denn heute früh gleich
los, wa, Daumen raus, über
die Autobahn."
Daß es mal an der Zeit war,
Schluß zu machen mit dem Gerangel
- Skins kontra Punks -, findet auch
Sven, der per Bundesbahn zum Bundestreffen
geeilt ist. "Was soll das", findet
der Hamburger, daß wir uns
gegenseitig eins auf die Mütze
hauen? Wir müssen zusammenhalten
gegen die Bullenschweine." daß
unter den kahlköpfigen Skinheads
auch ein paar Nazis" sind, wie der
18jährige weiß, ist erstmal
zweitrangig. Und auch was ablaufen
soll in den drei Tagen an der Leine,
spielt keine Geige. Klar, es gibt
so was wie ein Programm, die Bonzen
beim Einkauf stören, dann irgend
so 'ne Aktion am Kröpcke",
auch ein gemeinsamer Rundgang über
den Flohmarkt.
"Richtig los", weiß ein Hamburger
Punk namens "Tube" zu berichten,
geht's erst heute so gegen Mitternacht."
Tube ist schon fünf Tage in
Hannover. Wo er schlafen soll in
den kommenden Nächten, steht
noch in den Sternen: Bis jetzt hab'
ich mit ein paar anderen in so 'ner
alten Fabrik beim TÜV gepoft."
Die Nachtruhe allerdings sei typisch
- ein paarmal von "Bullen" gestört
worden.
Auf härtere Auseinandersetzungen
ist ' Tube vorbereitet, eine Gasmaske
hab' ich im Handgepäck". Über
den Handzettel, die: Polizisten
am frühen Nachmittag verteilt
a haben, kann der 17jährige
nur den Kopfschütteln. Für
ein friedliches Treffen - "Gegen
Gewalt und Chaos" steht darauf,
geschrieben. Und auch dies: Greifen
Euch rivalisierende Gruppen an,
könnt Ihr mit unserem Schutz
rechnen."
Tube setzt die Pulle ab. "Da, guck
dir das, an!" Unten in der Passerelle
marschiert langsam ein Polizeicordon
vor. "Bullenschweine, Bullenschweine"
schallt es ihnen: im Chor entgegen,
dann fliegen Bierdosen,Flaschen
zerbersten, brüderlich spurten
Punks und Skins Richtung Bahnhofsvorplatztreppe.
sto
Angetrunkene "Punks" kamen hinter
Gitter
Am ersten Tag des ersten "Bundestreffens"
von Punks und Skinheads an diesem
Wochenende in Hannover ist es Freitag
abend zwischen rivalisierenden Gruppen
und der Polizei zu massiven Handgreiflich
keilten gekommen. Elf jugendliche
Punks zumeist angetrunken - kamen
in Polizeigewahrsam.
Schon in den frühen Morgenstunden
waren Punks und Skinheads aus allen
Teilen des Bundesgebiets sowie aus
Westberlin nach Hannover getrampt
und hatten sich im Bahnhofs- und
Passerellenbereich konzentriert.
Polizeibeamte in Uniform und Zivil
waren ständig präsent.
Die ersten Zwischenfälle ereigneten
sich nach Darstellung der Polizei,
als Passanten sich über die
Punks mokierten, worauf diese mit
einem Bombardement leerer Flaschen
reagierten.
Gegen 17 Uhr begann die Polizei
mit der Räumung von Bahnhofsvorplatz
und Passerelle. Hierbei kam es zu
den Festnahmen. Gegen 20 Uhr formierten
sich Punks und Skinheads und zogen
zum Unabhängigen Jugendzentrum
in der Kornstraße, wo sie
an einer Konzertveranstaltung teilnehmen
wollten. khk
Schlacht in der Kornstraße
Kurz vor Mitternacht kam es vor
dem Unabhängigen Jugendzentrum
in der Kornstraße zu einer
wahren Straßenschlacht, wie
sich die Polizei ausdruckte. Zunächst
prügelten sich Punks und Skinheads,
die danach gemeinsam Front gegen
die Polizei machten. Dabei wurde
ein Auto umgekippt und in Brand
gesetzt, Polizeibeamte wurden mit
Steinen und Molotow-Cocktails beworfen.
In der Nachbarschaft gingen zahlreiche
| Scheiben von Geschäften zu
Bruch. Erstmalig wurden von seiten
der Demonstranten ! Tränengasgeschosse
gegen Polizeibeamte eingesetzt.
Bei Redaktionsschluß dieser
Ausgabe waren die Auseinandersetzungen
noch in vollem Gange. khk
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