| Viele Verletzte,
kaputte Schaufenster und 180 Festnahmen
Geschäftsleute ließen
Gitter herunter / Pflastersteine
flogen
Zu schweren Ausschreitungen von
Punks und Skinheads kam es am verkaufsoffenen
Sonnabend in der Innenstadt. Bis
in die Abendstunden zogen Randalierer
durch die City, an rund 50 Gebäuden
im Stadtzentrum und in der Nordstadt
gingen Scheiben zu Bruch. Die Polizei
bot mehrere Hundertschaften aus
ganz Niedersachsen auf, um die Teilnehmer
des "Verbrüderungstreffens"
zwischen bunthaarigen Punks und
kahlköpfigen Skins in Schach
zu halten. Bei den Auseinandersetzungen
wurden 17 Beamte verletzt; über
die wahrscheinlich noch höhere
- Zahl von Verletzten auf der anderen
Seite gibt es keine Informationen.
Etwa 180 junge Leute wurden vorübergehend
festgenommen.
Sonnabend vormittag auf dem Bahnhofsvorplatz:
Trotz der nächtlichen Schlacht
in der Kornstraße - die HAZ
berichtete darüber in einem
Teil ihrer Sonnabendausgabe - setzt
die Polizei noch einmal auf Verständigung.
Wie schon am Vortag verteilen Beamte
grüne Handzettel an die jungen
Leute, die rund ums Ernst-August-Denkmal
die Flaschen kreisen lassen. "Für
ein friedliches Treffen - gegen
Gewalt und Chaos" steht darauf geschrieben.
Doch in der Luft liegt Randale.
Schaulustige Passanten belagern
die Logenplätze an der Passerellenbalustrade.
Vor und unter ihnen kommt es zu
ersten Reibereien - in der Wolle
liegen sich zunächst nur ein
paar Punks und Skinheads untereinander.
Irgendwann fliegen Flaschen und
Dosen. Unten in der Passerelle rückt
ein Polizeicordon vor, oben riegeln
Beamte den Zugang zur Bahnhofstraße
und links und rechts zu den Parkplätzen
ab.
Das Wurfbombardement verstärkt
sich auch Pflastersteine zischen
Richtung Polizeitrupps. Plötzlich
stürmt alles Richtung Bahnhofsgebäude,
an dessen Eingänge Bahnpolizisten
postiert sind. Es hagelt Steinwürfe
gegen die Fensterfront des Portals,
Scheiben zerbersten, Beamte setzen
Gummiknüppel und Tränengas
ein.
Dann beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel
quer durch die City. Spontan" wie
das Treffen an sich sind auch die
"Aktionen" der vielleicht 500 bis
600 Teilnehmer (die Polizei schätzt
die Zahl auf kaum mehr als 360).
Während überall in der
Innenstadt kleine Punk- und Skinheadgrüppchen
friedlich lagern, gibt es an den
verschiedensten Brennpunkten Zoff:
Die Stadt ist erfüllt von den
"Oi-Oi"-Rufen der Randalierer und
dem Tuten der Martinhörner.
Die meisten Geschäftsleute
haben an den Eingängen Vorposten
aufgestellt, bei Magie bewachen
Body-Guards mit Hunden die Portale
überall gehen die Schaufenstergitter
herunter.
Als Mannschaftswagen der Polizei
über den Platz am Kröpcke
rollen, trifft sie ein Bombardement
von Pflastersteinen, Scheiben zerbersten.
Gleich um die Ecke hat sich ein
Punktrupp "McDonald's" vorgenommen.
Mit Stiefeltritten gegen die gläserne
Eingangstür werden die Angestellten,
die aus Angst dichtgemacht haben,
dazu genötigt, wieder aufzuschließen.
Der Sturm aufs "Hamburger"-Lokal
endet erst, als eine Polizeimannschaft
naht.
Beide Seiten gehen jetzt immer
härter gegeneinander vor: Wenn
irgendwo wieder Schaufensterscheiben
klirren, stürmt ein Pulk von
Beamten hinter den flüchtenden
jungen Leuten her. Nicht immer sind
es die Rädelsführer, auf
die der Gummiknüppel niedergeht.
Einzelne Punks und Skins werden
über den Boden geschleift,
es hagelt Fußtritte, in der
Luft hängt der beißende
Geruch von Tränengas. Verletzte
werden mit Unfallwagen abtransportiert.
Gegen Zivilpolizisten und Beamte,
die sich ein paar Meter von ihrer
Einheit abgesetzt haben, machen
die Chaoten mobil. Immer wieder
kommt es an einigen Stellen der
City zu regelrechten Verfolgungsjagden,
immer wieder fliegen Steine und
Flaschen. Schier unbegreiflich die
Unvernunft vieler Schaulustiger,
die sich trotz polizeilicher Absperrungen
das Spektakel nicht entgehelassen
wollen und samt Kindern im Getümmel
ausharren.
Zu einer Beruhigung in der Innenstadt
kommt es erst am späten Nachmittag.
An Kröpcke fliegen gegen 18.30
Uhr die letzte Steine, rund 80 Randalierer
sind zu diesen Zeitpunkt bereits
festgenommen worden. Als sich eine
halbe Stunde später eine Gruppe
von 80 Jugendlichen Richtung Schützenplatz
in Marsch setzt, macht die Polizei
kurzen Prozeß. Ohne daß
es unmittelbar vorher zu Ausschreitungen
gekommen ist, werden alle aus Gründen
der "Gefahrenabwehr" vorübergehend
festgenommen. Scheiben klirren trotzdem
noch: Im Laufschritt ziehen Punks
und Skins, die sich abends am Jugendzentrum
Glocksee getroffen haben, durch
die Innenstadt. Wieder gibt es Festnahmen.
Nach Mitteilung der Polizei sind
inzwischen 100 der vorübergehend
inhaftierten Teilnehmer dieses bislang
größten Treffens von
Punks und Skins wieder auf freiem
Fuß. - Der Rest werde "peu
a peu" entlassen.
Gegen alle Festgenommenen seien
Strafverfahren wegen Landfriedensbruches
eingeleitet worden. Sichergestellt
wurden mehrere Messer, Eisenketten,
Stahlkugeln sowie eine Gaspistole.
Schon gestern vormittag traten
viele der Punks und Skinheads den
Heimweg an Zu den befürchteten
Störungen des Schützenumzugs
kam es nicht. p-
Was starrt ihr so?
- Wir sind doch keine Tiere"
Punks und Skinheads
erschreckten Hannover
Von Jutta Oerding
Hannover
Ob Spießer, Ted, Popper oder
Hippie, ich würde jedem Arbeit
geben. Ist doch egal was einer ist,
wenn er ranklotzt." Manuela wirft
am Ernst-August-Platz in Hannover
den künstlich aufgetürmten
lila-gelben Haarschopf in den Nacken
und hält trotzig den neugierig-abschätzenden
Blicken der Passanten stand. Für
das Punk-Mädchen ist mit dieser
lapidaren Bemerkung das Thema abgehakt,
das in dieser Zeit den meisten Jugendlichen
auf den Nägeln brennt. Auf
die Frage, warum die Punks denn
soviel kaputtschlagen und die Stadt
in eine Müllhalde verwandeln,
kommt ohne zu zögern eine verblüffende
Antwort: Ich muß doch auch
in die Glasscherben treten. Da schnorr'
ich mir eben Geld zusammen und kauf'
mir ein paar neue Schuhe!"
Manuela gehört zu den ganz
wenigen Teilnehmern des Bundweiten
Treffens von Punks und Skinheads,
die sich am Wochenende in Hannover
überhaupt mit Passanten auf
ein Gespräch einlassen. Vor
dem Bahnhof hält sie sich mit
der einen Hand am Geländer
der Passerelle fest, mit der anderen
stützt sie ihren Freund. Die
Bierflasche liegt zwar noch sicher
in seiner Hand, sein Stehvermögen
hat der Alkohol schon lange erschüttert.
Er findet nur noch Worte für
sein eigenes Elend: Meine Eltern
haben eine Schweinekohle, wirklich,
die verdienen wie die Säue.
Aber mich haben sie schon vor Jahren
rausgeschmissen."
Der Halbkreis um die beiden jungen
Leute in ihren Bunt eingefärbten
schwarzen Kunstlederjacken wird
dichter. Immer mehr Passanten reihen
sich ein, die zuvor wie gebannt
über das Geländer der
Passerelle gestarrt hatten, als
gäbe es dort mehr zu sehen
als zersplitterte Flaschen, zerbeulte
Dosen, flatternde Papierfetzen und
schmierige Essensreste. Schon vor
Stunden hat die Polizei die Passage
unter dem Hauptbahnhof geräumt.
Noch zeugen die Bierflaschen von
einem gefährlichen Mitstreiter
bei den zweitägigen Auseinandersetzungen
zwischen Polizei und jungen Leuten,
zwischen Punks, Skinheads und Passanten:
dem Alkohol.
An zwei Tagen hat die Polizei in
Hannover mehr als 180 Teilnehmer
an diesem Bundestreffen der gesellschaftlichen
Außenseiter festgenommen,
17 Beamte und mindestens ebensoviel
junge Leute haben Verletzungen erlitten.
Die Polizei die mehrere Hundertschaften
aus ganz Niedersachsen angefordert
hatte, beschlagnahmte Eisenketten
und Springmesser und zählte
50 Gebäude mit eingeworfenen
Fensterscheiben.
Dabei sollte das Treffen in Hannover
ein Friedensfest werden, eine Verbrüderung
zwischen den seit Jahren rivalisierenden
Gruppen der Punks und Skinheads.
Die Skinheads mit ihrem kurzen Haarschnitt
oder völlig kahlgeschorenem
Kopf ihren Fliegerstiefeln und graugrünen
Biousons halten sich für "rein
an Körper und Seele" auch wenn
ihre schmierigen und zerrissenen
Jeans augenscheinlich vom Gegenteil
zeugen. Die Punks mit ihrem Mut
zur Häßlichkeit, poppig
eingefärbten Haaren oder dem
Hahnenkamm auf dem Kopf, den Sicherheitsnadeln
im Ohr oder dem Ring in der Nase
reizen die Skinheads seit Jahren
zu handfesten Streitereien. Die
Punks wiederum stellen die Skinheads,
eine sektiererische Gruppe, gewiß
nicht zu Unrecht in die Ecke der
Neonazis - ein Grund für sie,
keine Gelegenheit zu Prügeleien
auszulassen.
Die Nazis unter den Skinheads werden
immer weniger. Was soll der Streit
noch?", meint Peter und wirft einen
Blick auf die Steinbänke an
der Bahnhofstraße, auf denen
sich eine Gruppe Skinheads aus Hamburg
niedergelassen hat. Das rechte Lager
ist isoliert: Wer sich, wie diese
Hamburger, ein rotes Abzeichen mit
der Aufschrift "Ich bin stolz, ein
Deutscher zu sein" auf die Jacke
genäht hat, bleibt unter sich.
Die Punks, die sich eher für
Nonsensverse begeistern, tragen
kaum eine Weltanschauung zur Schau:
Sprüche wie "Keine Chance dem
4. Reich, schlagt die Nazis windelweich"
oder "Besser Punkerfeten als Atomraketen"
sind nur selten auf ihren Jacken
zu lesen.
Viele Passanten, die sich ihren
Weg über knirschendes Glas
suchen und dabei den am Boden hockenden
Grüppchen, ihren vollen Flaschen
und dem Abfall ausweichen müssen,
zeigen keinen Sinn für solche
Unterscheidungen der Kinder am Rande
der Gesellschaft. Die müßte
man alle vergasen", scheut sich
ein älterer Mann nicht zu sagen
- allerdings versucht er zuvor sicheren
Abstand zu gewinnen. "Einfach nur
auf einen Knopf drücken können,
das wäre schon", stimmt ihm
ein anderer zynisch bei. Beide erkämpfen
sich mit den Ellbogen einen Platz
am Geländer zur Passerelle
und harren eine gute halbe Stunde
aus, um eine Gruppe Punks bei ihrem
Mahl mit Bier und Frikadellen zu
beobachten.
Von nassen Zeitungen und leeren
Bierdosen, die ziellos hinausgeworfen
werden lassen sie sich ebensowenig
abschrecken wie ein Elternpaar,
das zwei kleine Jungen auf die Brüstung
hebt, damit ihnen nichts von dem
Spektakel entgeht. Erst als zwei
Punks mit Irokesenschnitt aus der
Tiefe heraussteigen und sich mit
den Worten an die Menge wenden "Was
starrt ihr uns eigentlich so an?
Wir sind doch keine Tiere" lichten
sich die Zuschauerplätze innerhalb
von Sekunden. Als das Bier einige
Stunden länger geflossen ist
und als Folge des Alkohols dann
auch gezielt Pflastersteine und
Flaschen durch die Innenstadt fliegen
Punks und Skinheads vereint vor
den Schlagstöcken der Polizisten
fliehen stehen wieder Kinder in
der vordersten Linie: Zum Familieneinkaufstag
hat Hannover sein SchauspieI gehabt.
|