Letzte Änderung: November 22 2005 13:27:54. - 625 Seiten archiviert
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"Neue Presse" 4.7.83
Punker schlugen 100 Schaufenster ein
 
180 Festnahmen, 500 000 Mark Schaden, Millionen-Umsatzverluste

VON KLAUS GEMBOLIS

HANNOVER. Sonntagmorgen 10 Uhr: Eine Polizeikette drängt am Kröpcke 120 Punks zum Hauptbahnhof zurück. Der Schützenausmarch geht ungestört über die Bühne.

Eine Vorsichtsmaßnahme der Sicherheitskräfte, die damit ähnlich schwere Krawalle verhindern wollten, wie sie am Tag zuvor das Deutschlandtreffen von rund 1000 Punks und Skins aus der Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland geprägt hatten.

Die Bilanz: 180 Festnahmen, 17 verletzte Polizisten, 10 verletzte Punks und eine halbe Million Mark Schaden.

40 Strafverfahren wegen Plünderungen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Diebstahl und Landfriedensbruch wurden eingeleitet. Die Polizei stellte Messer, Ketten, Nagelarmbänder und Stahlkugeln sicher.

Zu den Krawallen am Sonnabend war es gekommen, als die zumeist Jugendlichen in Gruppen durch die City zogen und Passanten auf der Georgstraße am Kröpcke und in der Passerelle belästigten.

Polizeibeamte und andere Zeugen: "Frauen wurden Einkaufstaschen aus den Händen gerissen und auf die Straße geschleudert, aus Geschäftsauslagen Tabakwaren und Alkohol gestohlen."

Die grölende Horde traf sich um 14 Uhr am Kröpcke. Zuvor waren Gruppen im Laufschritt durch Schmiede-, Oster-, Grupenstraße und Corvinusweg gezogen: Die rechtsgerichteten Skins schrien: "Sieg Heil."

Unter den Steinwürfen der Chaoten zerbrachen über 100 Schaufensterscheiben. Thomas Höhne (23), Inhaber des Stereo- S 4 Geschäftes "AudioPhil" an der Grupenstraße: "Bei mir sind nicht nur die Scheiben kaputt, viel schlimmer ist, daß auch mehrere Anlagen zerstört sind. Ich schätze den Schaden auf 60 000 Mark."

Und Verkäuferin Brigitte B. (27) aus einer Boutique in der selben Straße: "Die Chaoten stahlen circa 20 Gürtel."

Kaufmann Lothar Frees, der seinen 80 000-Mark-Porsche 925 in der Schoivinstraße geparkt hatte: "Der schöne Wagen ist mit Beulen übersät. Der ganze Lack ist zerkratzt."

Nach 14 Uhr kam es im Bereich Kröpcke und. Georgstraße bis in den späten, Abend zu Schlägereien zwischen Skins, Punks und der Polizei. Die Krawallmacher schleuderten Flaschen und Pflastersteine auf Polizeibeamte und Passanten.

Verängstigte Menschen, die beim Einkaufsbummel waren, suchten Schutz in Hauseingängen. Im Café Kröpcke mußten 30 Tische vor dem Haus abgebaut werden. Dann Schlägereien unter Punks und Skins mit Schlagringen und Stahlrohren, die sie von einem Baugerüst entfernt hatten.

Neckermann schloß zeitweise die Eingänge. Hettlage machte dicht.

Cafe-Kröpcke-Geschäftsführer Herbert Kemper: "Allein am Nachmittag' hatten wir 20000 Mark Umsatzverlust." In der Schmiedestraße prallt abends ein faustgroßer Stein durch das Schaufenster eines Antiquitätengeschäftes. Wertvolle Gläser zerbersten.

Insgesamt gehen die Einbußen bei den Geschäftsleuten in der City in die Millionen.

Gestern wurden 83 Skinheads wieder freigelassen.

 

 
  Dumme Punks und böse Glatzen
Nachdem sich die Medien über Jahre hinweg kaum die Mühe gemacht hatten, zwischen Punks und Skins zu differenzieren, waren sie durch diese Chaos-Tage 1983 gezwungen, da ein wenig anders heranzugehen.
Ab sofort hieß es dann Punk=links und Skin=Nazi. Und beide spinnefeind und ultrabrutal. Cowboys gegen Indianer. Eine schöne Geschichte.
Nichtdestotrotz Chaos-Tage, die Hannover zwar ganz schön durcheinanderwirbelten, aber immer noch überregional kaum ein Medienecho hervorriefen. Aber immerhin den ersten SPIEGEL-Artikel. (der mir dummerweise nur unvollständig vorliegt - wer hat ihn?)
-kn-
 
 
   
 
 
 
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