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"Hannoversche Allgemeine Zeitung" 5.7.83
235 Strafanzeigen / Neue Diskussion um Punker-Kartei
 
Geschäftsleute empörten sich in einem offenen Brief: "Schwere Krawalle haben Hannovers Ruf geschädigt"

In der Innenstadt schien es unter Passanten und Geschäftsleuten auch gestern nur ein Thema zu geben: die schweren Krawalle von Punks und Skinheads am Wochenende. Zusammenfassend teilte die Polizei dazu mit, daß 195 Jugendliche während der Ausschreitungen festgenommen worden seien, es habe 235 Strafanzeigen gegeben. Der Sachschaden gehe in die Hunderttausende. In einem offenen Brief an den Polizeipräsidenten, den Oberstadtdirektor und die Ratsfraktion hat die "Werbegemeinschaft Einkaufsstadt Hannover" inzwischen Aufschluß darüber gefordert, "wie es möglich war, daß es nicht gelang, durch Präventivmaßnahmen das stattgefundene Chaos zu verhindern".

Aufgeflammt ist offenbar auch wieder die Diskussion um die "Punker-Kartei". Nachdem sich die Mehrheit des Rates mit den Stimmen von SPD, GABL und DKP im April dieses Jahres dafür ausgesprochen hatte, die Anlegung polizeilicher Spezialdateien entschieden abzulehnen, nahm die CDU-Ratsfraktion,(die neuerlichen Krawalle von Punks und Skins zum Anlaß, das Thema noch mal aufzugreifen. "Mit der überwältigender Mehrheit der Bürger" erwarte die CDU so heißt es in einer Stellungnahme., "das die Polizei alles ihr Mögliche tut, um die Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten." Diesem Bemühen diene dankenswerterweiseauch die sogenannte Punker-Kartei.

Der Pressesprecher des Polizeipräsidiums teilte in diesem Zusammenhang mit daß die umstrittene Kartei nach wie vor existiere. Bis Ende des Jahres solle geprüft und entschieden werden ob sie beibehalten werde. Keine Auskunft war darüber zu bekommen, ob die "Punker-Kartei" im Verlauf des Wochenendes weitergeführt wurde.

Die "volle Ausschöpfung aller gesetzlicher Möglichkeiten gegen die betroffenen Gruppen" forderte der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Josef Stock. Der Einsatz der Polizei habe die Anerkennung aller demokratischen Parteien verdient.

Demgegenüber übte Gerhard Magis. Besitzer des Bekleidungshauses am Kröpcke, Kritik am - wie er meint - zu späten Eingreifen der Polizei. In seiner Funktion als Sprecher der 150 Mitglieder zählenden "Werbegemeinschaft Einkaufsstadt Hannover" kreidet Magis der Polizeiführung in einem offenen Brief an, "daß zur Gefahrenabwehr im Rahmen des Gesetzes über Sicherheit und Ordnung Präventivmaßnahmen hätten durchgeführt werden müssen, um das Zusammenrotten der Punks und Skinheads im Innenstadtbereich zu verhindern". Den Geschäftsleuten in der City sei unverständlich, daß "eine Gruppe von Chaoten" sowohl das Einkaufsgeschehen stören als auch Passanten durch brutales Vorgehen in Angst und Schrecken versetzen" konnte. Dem Ruf Hannovers sei nachhaltiger Schaden zugefügt worden.

Gegenüber der HAZ wies Magis darauf hin, daß nur wenige Geschäftsleute in der City gegen Schäden versichert seien, die bei Tumult entstehen. Ein Sprecher des Deutschen Lloyd bestätigte, daß eine Glasbruchversicherung nicht dafür aufkomme, wenn Scheiben im Verlauf von Krawallen zu Bruch gehen. Die Klausel, in der von "inneren Unruhen" die Rede ist, trete bei Anzeigen wegen Landfriedensbruch in Kraft.

Die meisten der 235 Strafanzeigen, die die Polizei am Wochenende gestellt hat, lauten auf Landfriedensbruch. Alle Festgenommenen - der jüngste war 15, der älteste 25 sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. &7 der 195 vorübergehend inhaftierten jungen Leute wurden, polizeilichen Angaben zufolge, wegen strafbarer Handlungen, die übrigen vorsorglich "aus Gründen der Gefahrenabwehr" festgenommen.

Über die Zahl der Verletzten unter den Punks und Skins gibt es nach wie vor keine Informationen. Zwei der verletzten 17 Polizeibeamten sind immer noch dienstunfähig. sto

 

 
  Dumme Punks und böse Glatzen
Nachdem sich die Medien über Jahre hinweg kaum die Mühe gemacht hatten, zwischen Punks und Skins zu differenzieren, waren sie durch diese Chaos-Tage 1983 gezwungen, da ein wenig anders heranzugehen.
Ab sofort hieß es dann Punk=links und Skin=Nazi. Und beide spinnefeind und ultrabrutal. Cowboys gegen Indianer. Eine schöne Geschichte.
Nichtdestotrotz Chaos-Tage, die Hannover zwar ganz schön durcheinanderwirbelten, aber immer noch überregional kaum ein Medienecho hervorriefen. Aber immerhin den ersten SPIEGEL-Artikel. (der mir dummerweise nur unvollständig vorliegt - wer hat ihn?)
-kn-
 
 
   
 
 
 
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