| Wochenblatt-Mitarbeiter
wagte sich in das Chaos von Hannover
Straßenschlachten in Hannovers
Innenstadt. Das angekündigte
"Friedensfest" der verfeindeten
Gruppen von Punks und Skinheads
schlug ins Gegenteil um: Bürgerkriegsähnliche
Situationen, offener, brutaler "Schlagabtausch"
zwischen Punks, Skins und Polizei.
Die Bilanz: 195 Festnahmen und riesiger
Sachschaden. Ein Wochenblatt-Mitarbeiter
wagte es, sich unter die Punks zu
mischen. Hier sein Bericht.
Ich gehe am späten Freitagnachmittag
mit einem unguten Gefühl in
der Magengegend zum Hauptbahnhof,
um über das "Friedensfest der
Punks und Skinhead-Gruppen" weiterzuberichten.
In der Nacht zuvor hatte ich ja
schon bei Gesprächen mit Punks
und Skinheads erfahren, daß
es zu keinerlei Verbrüderung
kommen sollte.
Wer für dieses Zusammentreffen
der einzelnen Gruppen verantwortlich
war, ist nicht nachvollziehbar.
Es wird wohl Mundpropaganda gewesen
sein.
Gegen 16.30 Uhr bin ich am Bahnhof,
man sieht die Menschenmenge schon
von weitem. Rund ums Ernst-August-Denkmal
haben sich Hundertevon Punks und
Skinheads zusammengerottet, wollen
die Verbrüderung, wie sie sagen,
"gemeinsam gegen Bullen und Bonzen",
aber dazu kommt es nicht.
An den Balustraden der Passerelle
stehen Hunderte von Schaulustigen,
für sie ist es wie der Reiz
der Exotik, wenn sie Punks und Skins
betrachten. Sie sagen laut, was
sie denken und tun würden mit
denen, die ihre "ach so heile Welt"
stören; sie schimpfen auf die
ihrer Meinung nach untätig
herumstehende Polizei, aber tauschen
wollen sie mit ihnen auch nicht.
Die Stimmung wird dadurch um so
gereizter, der Spruch der Punker
und Skins dröhnt jedem in den
Ohren: "Deutsche Polizisten, Mörder
und Faschisten" so hallt es immer
wieder.
Steine und Flaschen fliegen, nicht
nur auf die Polizei, nein auch die
Passanten, die sich das Schauspiel
nicht entgehen lassen wollten, werden
mit Wurfgeschossen bombardiert.
Zivilfahnder und uniformierte Polizei
greifen ein, einige von den Punks
und Skins werden festgenommen, der
Rest der Chaoten rennt grölend
die Bahnhofstreppen hoch.
Gemeinsam, die einzige Art der
Verbrüderung, die ich feststellen
konnte an den vier Tagen, ist wie
überall die gemeinsame Flucht
vor der Polizei.
Dann später der Sturm auf
die Straßenbahn, 10n Punks
stürmen die Linie 6 am Hauptbahnhof.
Fahrgäste fliehen. Die Bahn
ist übervoll mit Punks und
vereinzelten Skins. Uniformierte
Polizei und Zivilfahnder fahren
mit.
Ziel ist das Unabhängige Jugendzentrum
in der Kornstraße wo am Abend
zuvor ein Konzert stattfand. Ich
fahre mit dem eigenen Auto Richtung
Jugendzentrum, lasse es in sicherer
Entfernung stehen, da ich aus Erfahrung
weiß, wie schnell so ein Auto
von ihnen demoliert wird.
In der Kornstraße kommt es
zu einer wahren Straßenschlacht,
Punks und Skins gegeneinander -
man glaubt, man sei im Bürgerkrieg
-, aber dann gemeinsame Front gegen
die Polizei. Steine, Flaschen, ja,
sogar Molotow-Cocktails fliegen,
ein Auto brennt, der Sachschaden
ist groß.
Erstmals, für mich erstaunlich,
setzen die Chaoten Tränengas
gegen die Polizei ein. Die Straßenschlacht
dauert bis tief in die Nacht. Entgegen
meinen Vorstellungen verzichte ich,
in das Jugendzentrum zu gehen und
Punks und Skins zu fragen, warum
man die Problematik, die sie bewegt,
nicht auf anderen Wegen hätte
lösen können. Ich denke
in diesem Moment daran, daß
ich auch Familie habe, daß
dies hier offener Krieg ist, ein
Krieg, der mit solch einer Brutalität
geführt wird, wie ich es in
Hamburg oder Berlin noch nicht erlebt
hatte.
Ich fahre zurück zum Hauptbahnhof.
In der Halle halten sich vereinzelte
Gruppen von Punks und Skins auf,
jede für sich nach dem Motto
"Tust du mir nichts, tu ich dir
auch nichts".
Die Bahnpolizei ist mit Hundeführern
präsent. Ich gehe in die Passerelle.
Dort unten treffe ich auch eine
Gruppe der Punks wieder, die mich
schon am Vortag gefragt hatte, was
ich denn überhaupt hier machen
würde, ob ich denn auch "schön"
fotografieren würde, ob die
Bilder vielleicht zur Ergänzung
der sogenannten Punkerkartei dienen
sollten. Ich verneinte und frage
zurück, was sie, die sie ja
für drei Tage im Mittelpunkt
stehen würden, unter "schön
fotografieren" verstanden.
Klaus (Banklehrling in Hamburg
und Wochenendpunker) antwortet mir
spontan:, Na wie wir die Leute anmachen
Steine schmeißen und Schaufenster
plündern würden, wie wir
den Zivi (Zivilfahnder) vorhin fertiggemacht
haben." Ja, auch das würde
ich fotografieren, wenn sich die
Gelegenheit für mich bietet:
Ich will festhalten, was ich sehe.
Dann, bevor wir im Gespräch
fortfahren können, kommt eine
Gruppe Punks auf uns zu: "Haste
Bier oder 'ne Kippe, wenn nich',
wenigstens 'nen Heiermann - sonst
gibt's wat auf die Nuß! -
Ach, von de Presse biste, mach mal
ein Foto von uns."
Ich gebe ihnen drei Zigaretten,
Geld und Alkohol bekommen sie nicht,
aber sie ziehen weiter, und so kann
ich mein Gespräch mit Klaus
und einigen anderen aus der Gruppe,
die durch die Randale der Berliner
Punks wachgeworden waren, fortsetzen
.
Birgit (auch Banklehrling und Wochenendpunkerin
wie der größte Teil der
Gruppe aus Hamburg) meint auf meine
Frage der Verständigung mit
den Skins: "Es ist doch Utopie.
Einige glauben, daß man das
rechtsradikale Auftreten und die
Brutalität der Neonazis unter
ihnen auffangen und auf diese Art
und Weise versuchen könne das
Bild, das sie in der Öffentlichkeit
jetzt darstellen, zu verbessern.
Aber das wird nicht möglich
sein, solange wir selbst nicht in
der Lage sind, mit einem nüchternen,
klaren Kopf zu verstehen, was wir
eigentlich wollen. Und aus diesem
Grunde wird es niemals zur großen
Bruderschaft mit den Skinheads kommen."
Und weiter: "Morgen gibt es eine
wahre Schlacht mit den Skins und
Bullenschweinen."
Ich verlasse die Gruppe, es ist
mittlerweile drei Uhr morgens gehe
durch die Passerelle und habe mit
den noch wachen oder schon wieder
wachen Punks und Skins keine nennenswerten
Schwierigkeiten.
Draußen auf der Bahnhofstreppe
und in der Passerelle selbst sind
Reinigungstrupps bei der Arbeit.
Ein nutzloses Unterfangen. Andere
beschäftigen sich damit, Pflastersteine
vor dem Ernst-August-Denkmal (herausgerissen
von Punks oder Skins, ich weiß
es nicht) wieder an ihrem alten
Platz zu befestigen eh
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