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"Wochenblatt" 7.7.83
Meine Nacht mit Punks und Skins
 
Wochenblatt-Mitarbeiter wagte sich in das Chaos von Hannover

Straßenschlachten in Hannovers Innenstadt. Das angekündigte "Friedensfest" der verfeindeten Gruppen von Punks und Skinheads schlug ins Gegenteil um: Bürgerkriegsähnliche Situationen, offener, brutaler "Schlagabtausch" zwischen Punks, Skins und Polizei. Die Bilanz: 195 Festnahmen und riesiger Sachschaden. Ein Wochenblatt-Mitarbeiter wagte es, sich unter die Punks zu mischen. Hier sein Bericht.

Ich gehe am späten Freitagnachmittag mit einem unguten Gefühl in der Magengegend zum Hauptbahnhof, um über das "Friedensfest der Punks und Skinhead-Gruppen" weiterzuberichten. In der Nacht zuvor hatte ich ja schon bei Gesprächen mit Punks und Skinheads erfahren, daß es zu keinerlei Verbrüderung kommen sollte.

Wer für dieses Zusammentreffen der einzelnen Gruppen verantwortlich war, ist nicht nachvollziehbar. Es wird wohl Mundpropaganda gewesen sein.

Gegen 16.30 Uhr bin ich am Bahnhof, man sieht die Menschenmenge schon von weitem. Rund ums Ernst-August-Denkmal haben sich Hundertevon Punks und Skinheads zusammengerottet, wollen die Verbrüderung, wie sie sagen, "gemeinsam gegen Bullen und Bonzen", aber dazu kommt es nicht.

An den Balustraden der Passerelle stehen Hunderte von Schaulustigen, für sie ist es wie der Reiz der Exotik, wenn sie Punks und Skins betrachten. Sie sagen laut, was sie denken und tun würden mit denen, die ihre "ach so heile Welt" stören; sie schimpfen auf die ihrer Meinung nach untätig herumstehende Polizei, aber tauschen wollen sie mit ihnen auch nicht.

Die Stimmung wird dadurch um so gereizter, der Spruch der Punker und Skins dröhnt jedem in den Ohren: "Deutsche Polizisten, Mörder und Faschisten" so hallt es immer wieder.

Steine und Flaschen fliegen, nicht nur auf die Polizei, nein auch die Passanten, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten, werden mit Wurfgeschossen bombardiert. Zivilfahnder und uniformierte Polizei greifen ein, einige von den Punks und Skins werden festgenommen, der Rest der Chaoten rennt grölend die Bahnhofstreppen hoch.

Gemeinsam, die einzige Art der Verbrüderung, die ich feststellen konnte an den vier Tagen, ist wie überall die gemeinsame Flucht vor der Polizei.

Dann später der Sturm auf die Straßenbahn, 10n Punks stürmen die Linie 6 am Hauptbahnhof. Fahrgäste fliehen. Die Bahn ist übervoll mit Punks und vereinzelten Skins. Uniformierte Polizei und Zivilfahnder fahren mit.

Ziel ist das Unabhängige Jugendzentrum in der Kornstraße wo am Abend zuvor ein Konzert stattfand. Ich fahre mit dem eigenen Auto Richtung Jugendzentrum, lasse es in sicherer Entfernung stehen, da ich aus Erfahrung weiß, wie schnell so ein Auto von ihnen demoliert wird.

In der Kornstraße kommt es zu einer wahren Straßenschlacht, Punks und Skins gegeneinander - man glaubt, man sei im Bürgerkrieg -, aber dann gemeinsame Front gegen die Polizei. Steine, Flaschen, ja, sogar Molotow-Cocktails fliegen, ein Auto brennt, der Sachschaden ist groß.

Erstmals, für mich erstaunlich, setzen die Chaoten Tränengas gegen die Polizei ein. Die Straßenschlacht dauert bis tief in die Nacht. Entgegen meinen Vorstellungen verzichte ich, in das Jugendzentrum zu gehen und Punks und Skins zu fragen, warum man die Problematik, die sie bewegt, nicht auf anderen Wegen hätte lösen können. Ich denke in diesem Moment daran, daß ich auch Familie habe, daß dies hier offener Krieg ist, ein Krieg, der mit solch einer Brutalität geführt wird, wie ich es in Hamburg oder Berlin noch nicht erlebt hatte.

Ich fahre zurück zum Hauptbahnhof. In der Halle halten sich vereinzelte Gruppen von Punks und Skins auf, jede für sich nach dem Motto "Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts".

Die Bahnpolizei ist mit Hundeführern präsent. Ich gehe in die Passerelle. Dort unten treffe ich auch eine Gruppe der Punks wieder, die mich schon am Vortag gefragt hatte, was ich denn überhaupt hier machen würde, ob ich denn auch "schön" fotografieren würde, ob die Bilder vielleicht zur Ergänzung der sogenannten Punkerkartei dienen sollten. Ich verneinte und frage zurück, was sie, die sie ja für drei Tage im Mittelpunkt stehen würden, unter "schön fotografieren" verstanden.

Klaus (Banklehrling in Hamburg und Wochenendpunker) antwortet mir spontan:, Na wie wir die Leute anmachen Steine schmeißen und Schaufenster plündern würden, wie wir den Zivi (Zivilfahnder) vorhin fertiggemacht haben." Ja, auch das würde ich fotografieren, wenn sich die Gelegenheit für mich bietet: Ich will festhalten, was ich sehe.

Dann, bevor wir im Gespräch fortfahren können, kommt eine Gruppe Punks auf uns zu: "Haste Bier oder 'ne Kippe, wenn nich', wenigstens 'nen Heiermann - sonst gibt's wat auf die Nuß! - Ach, von de Presse biste, mach mal ein Foto von uns."

Ich gebe ihnen drei Zigaretten, Geld und Alkohol bekommen sie nicht, aber sie ziehen weiter, und so kann ich mein Gespräch mit Klaus und einigen anderen aus der Gruppe, die durch die Randale der Berliner Punks wachgeworden waren, fortsetzen .

Birgit (auch Banklehrling und Wochenendpunkerin wie der größte Teil der Gruppe aus Hamburg) meint auf meine Frage der Verständigung mit den Skins: "Es ist doch Utopie. Einige glauben, daß man das rechtsradikale Auftreten und die Brutalität der Neonazis unter ihnen auffangen und auf diese Art und Weise versuchen könne das Bild, das sie in der Öffentlichkeit jetzt darstellen, zu verbessern. Aber das wird nicht möglich sein, solange wir selbst nicht in der Lage sind, mit einem nüchternen, klaren Kopf zu verstehen, was wir eigentlich wollen. Und aus diesem Grunde wird es niemals zur großen Bruderschaft mit den Skinheads kommen."

Und weiter: "Morgen gibt es eine wahre Schlacht mit den Skins und Bullenschweinen."

Ich verlasse die Gruppe, es ist mittlerweile drei Uhr morgens gehe durch die Passerelle und habe mit den noch wachen oder schon wieder wachen Punks und Skins keine nennenswerten Schwierigkeiten.

Draußen auf der Bahnhofstreppe und in der Passerelle selbst sind Reinigungstrupps bei der Arbeit. Ein nutzloses Unterfangen. Andere beschäftigen sich damit, Pflastersteine vor dem Ernst-August-Denkmal (herausgerissen von Punks oder Skins, ich weiß es nicht) wieder an ihrem alten Platz zu befestigen eh

 

 
  Dumme Punks und böse Glatzen
Nachdem sich die Medien über Jahre hinweg kaum die Mühe gemacht hatten, zwischen Punks und Skins zu differenzieren, waren sie durch diese Chaos-Tage 1983 gezwungen, da ein wenig anders heranzugehen.
Ab sofort hieß es dann Punk=links und Skin=Nazi. Und beide spinnefeind und ultrabrutal. Cowboys gegen Indianer. Eine schöne Geschichte.
Nichtdestotrotz Chaos-Tage, die Hannover zwar ganz schön durcheinanderwirbelten, aber immer noch überregional kaum ein Medienecho hervorriefen. Aber immerhin den ersten SPIEGEL-Artikel. (der mir dummerweise nur unvollständig vorliegt - wer hat ihn?)
-kn-
 
 
   
 
 
 
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