Letzte Änderung: November 22 2005 13:28:03. - 625 Seiten archiviert
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"Die Tageszeitung" 2.8.84
Pogo statt Volkstanz
 
Punker wollen totalen Fun beim 3. Chaos-Tage in Hannover / Sie befürchten Störungen durch Rechtsradikale

Wenn Hannovers Hausfrauen und Familienväter übermorgen am verkaufsoffenen Samstag an die Grabbeltische des Sommerschlußverkaufs eilen, werden sie in der City auf eine bisher nicht gekannte Zahl von Bunt-Frisierten treffen. Mit über 2000 "Gästen", so die wohl richtige Einschätzung der "Szene", sollen die dritten hannoverschen Chaos-Tage "Europas größtes Punk-Treffen" werden.

Hannover (tnz) ~ Wer vor mehr als einem halben Jahr der unbekannte Punk aus Hannovers Südstadt war, der als erster für Freitag bis Samstag in die Landeshauptstadt gerufen hat, ist heute nicht mehr auszumachen. Doch kursieren seither diverse, in schwarz gehaltene Blätter von Punk zu Punk per Post kreuz und quer durch die BRD, und selbst in einem US-Fanzine ist im Frühjahr ein Aufruf zum 4.8. erschienen.

In München werben sie per Handzettel schlicht mit dem Spruch: "4.8. - Ferienspaß in Hannover". "Punx aus Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Hannover" haben sich selbst zu einem "Internationalen Punk-Rat" ernannt und für den 3. bis 5.8. die Innenstadt zur "Punk-besetzten Zone" erklärt. Und ein unbekannter Hamburger Punk hat einfach eine Schulheftseite voll geschrieben und kopiert und ruft ,.alle Punks, Chaoten, Stralßenpöbel und sonstiges linksradikales, perveses, arbeitsscheues und militantes Gesox" zum "groooooooßartigen Chaos-Tag in Hannover". Angesagt sei der "kompromißlose Kampf für Spasseken und Funneken'-»

Zwar gibt es fürs Wochenende ein paar Treffpunkte, aber natürlich kein festes Programm, kein Ankündigungsplakat oder gar einen verantwortlichen Organisator. Man schwört auf die "tausend Ideen von tausend Punks", befürchtet aber gleichzeitig wieder Auseinandersetzungen mit der Nazi- und rechten Jugendszene: "Das bedeutet für uns neben Komasaufen Gelegenheitsficks und allerlei Vergnüglichkeiten (nebst Konzerten und Straßenrennereien vor und hinter den Pigs) jedoch auch leider wieder die Auseinandersetzung mit den ach so lästerlichen Faschos, rechten Rokkern, Skinheads und ANS-Gruppierungen samt Gefolge", heißt es auf der kopierten Schulheftseite, unter die "Pogo statt Volkstanz" und "Genickschuß für Rudolf Hess'- gekrakelt ist.

auch der "Internationale Punk-Rat hat auf sein Flugblatt ein kleines Hitler Bild mit der Überschrift "Chaos-Tag gegen die braune Pest" gesetzt. Er warnt davor, "sich wegen der Rechten in die Hosen zu scheißen und nicht nach Hannover zu fahren" und fordert auf, "darauf zu achten, daß nicht jeder Skin ein Nazi ist", aber es sei auch klar ",daß sich auch dieses Jahr wieder Fascho-Skins in Hannover treffen, um sich für die Niederlage vom letzten Jahr zu rächen".

Tatsächlich spiegelt sich in der Entwicklung der bisherigen Chaos-Tage die zunehmende Polarisierung der Jugendscenen wieder. Die Stadt Hannover hat ursprünglich ihren Ruf als Punk-Metropole nicht so sehr der hier gegründeten "Anarchistischen Pogo Partei Deutschland" zu verdanken, die inzwischen in über zwanzig Städten über "'n paar hundert" Mitglieder verfügt, als vielmehr der eigenen Polizei. Deren Abteilung für Staatsschutzdelikte hatte im Sommer begonnen systematisch "alle Erkenntnisse über sog. Punker" in einer gesonderten Datei zu erfassen. Gegen diese ."Punker-Kartei" protestierten in der Weihnachtszeit des selben Jahres erstmals an einem Chaos-Tag etwa 1.000 Punks und auch Skins gemeinsam durch bloße trinkende Anwesenheit. Die "grün-weißen Sportsfreunde" haben sie dann prompt als zu beseitigende Störung des Vorweihnachtseinkaufs in der Innenstadt empfunden und "aufgemischt".

Schon der zweite Chaos-Tag, der unter dem Motto . Die Wende" ein Versuch war, "Punks und Skins. die nicht so auf dem Fascho Trip sind' . wieder zusammenzubringen, endete damit, daß eine Gruppe von ca. 80 rechten Berliner und Hamburger Skins brutal prügelnd einmal durch die meist schon betrunkenen Punks hindurchzog. Daß sie anschließend allesamt von der Polizei festgenommen wurden, weil sie ausgerechnet im Hof des Präsidiums lautstark gegen einige Verhaftungen protestierten, wird heute in dieser rechten Jugendszene als "Verrat der Punks" kolportiert, für den man sich bei den diesjährigen Chaostagen "rächen" will.

Inzwischen haben sich auch in Hannover, bis auf vereinzelte Ausnahmen, Punk- und Skinszene völlig getrennt.

Skins. die noch auf seiten der Linken zum Fußballspiel Deutschland-Türkei nach Berlin gefahren waren, marschieren heute bei Überfällen mit Leuchtkugeln oder Molotow-Cocktails auf das UJZ Kornstraße vorneweg. Sie haben sich wieder die einschlägigen rechten Embleme zugelegt und einige rückten auch am letzten Samstag zum geplatzten Treffen der ANS-Nachfolgeorganisation FAP'- an.

Mit dieser Entwicklung gehen zunehmende nächtliche Prügeleien gegen einzelne Punks und auch andere Jugendliche einher und dies, obwohl es in Hannover sicherlich immer noch zehnmal mehr Punks als Skinheads gibt. Erst am vergangenen Samstag wurden nach einem Überfall von neun Skins auf drei Jugendliche zwei der Verprügelten stationär ins Krankenhaus eingeliefert. Mit solchen Vorfällen liegt nun auch Hannover im Bundweiten Trend: ,.Die Zeiten, wo Punk so eine Modegeschichte war, wo jeder Harre Punk geworden ist, sind vorbei", umschreibt ein Blondschopf aus der Kornstraße die Situation.

Man schwimmt nicht mehr auf 'ner Welle" und auch für die Medien sei Punk nicht mehr so ein Ereignis. Dagegen gäbe es öfter von Prolls und Skins oder irgendwelchen Rechten, die ihren Frust ablassen müssen, "welche auf die Fresse". Dennoch oder gerade weil die Punks auch in Hamburg, Nürnberg, Lübeck, Dortmund oder Frankfurt echt gefährlich leben", resultiert. daß diesmal in Hannovermehr zum Chaos-Tag kommen als die 1.500, die es beim Letzten Mal waren. Die vom letzten Jahr kämen sowieso wieder und er habe aus x-Städten Nachricht von neuen Leuten, die diesmal unbedingt dabei sein wollen, Denn in diesem Jahr gehe es darum, klarzumachen, daß die Bewegung doch nicht tot sei, daß sie sich nicht Kleinkriegen lasse. Die Masse der Punks müsse den Einzelnen wieder hochbringen.

Natürlich sind die Punks am Wochenende nicht auf Prügeleien mit den Rechten aus, sondern wollen ihren "totalen Fun" veranstalten, und das Wort "Bandenkrieg" kann mein Gesprächspartner nicht hören . Das sei die Art der 'Bildzeitung', die immer Punks und Skins durcheinander werfe. Natürlich glaubt er, daß die rechten Skins am Wochenende in der absoluten Minderzahl sein werden. Doch unter den Punks gäbe es sehr viele "Kids" und die Rechten seien meist "echte Schläger". Man dürfe sich am Chaos-Tag aber auf keinen Fall verprügeln lassen, sonst würden die Skins anschließend in den einzelnen Städten noch offensiver auf die Punks losgehen. Es steht also am Wochenende in Hannover auch ein simpler Machtkampf auf der Tagesordnung. Eine Auseinandersetzung darüber, ob sich der "Lebensstil Punk" in einer zunehmend von eher rechten Schlägern dominierten jugendlichen Subkultur noch öffentlich behaupten kann. Hannovers Punks hoffen nur, daß darüber die anderen ins Auge gefaßten Aktionen nicht untergehen: Da sollen alle ihre Fanzines und Farbsprühdosen mitbringen, man will Kneipen besuchen, in die Punks sonst nicht reinkommen und am Samstagmittag um 12.00 Uhr soll im Rahmen einer Kundgebung, die antifaschistische Linke angemeldet haben, mitten im Einkaufsrummel ein Open-Air-Konzert gestartet werden. Am Sonntagmorgen soll die Möchtegern-Schickeria bei ihrem "traditionellen Schorsenbummel" auf der Georgstraße durch die anwesenden Punks an die wirkliche Welt erinnert werden und anschließend will der Chaos-Tag den Nacktbadestrand an den Kiesteichen in der Südstadt erobern.

Etwas zu mutig war im letzten Jahr eine "Massenorgie in der Innenstadt" angekündigt worden. Damit es diesmal wirklich dazu kommt, wollen die Punks durch ihr "erschreckendes Äußeres" erstmal die ..fettbäuchigen Bürger von ihren Lustwiesen am Nacktbadestrand vertreiben" und dann zum Knuddeln, zur angekündigten Massenorgie, übergehen .

Internationaler Punk-Rat

Der sogenannte "Internationale Punk-Rat" hat sich wegen der befürchteten Übergriffe an die Linken gewandt: "Autonome Antifa-Kräfte fordern wir auf uns im Kampf gegen eventuelle NaziPrügelkommandos zu unterstützen" schreibt er. Nach konkreten Warnungen von Punks aus anderen Städten rechnet man in Hannover mit einigen anderen Städten Nordrhein-Westfalens ist z.B. ein Flugblatt verteilt worden in

dem "Skinheads und Kameraden" nach Hannover mobilisiert werden. Man wolle nicht wie im letzten Jahr "den stinkenden Haufen lederbejackter Chaoten ignorieren", sondern "die stinkenden Punk-Schweine verjagen und zerschlagen", heißt es in dem Pamphlet, das mit einem Bild von Skinheads mit Hitlergruß bestückt ist.

Unter dem Motto ."Gegen Naziterror und '"Wende-Politik" hat inzwischen ein "Antifaschistisches Aktionsbündnis Hannover", in dem linke, grüne und Ausländerorganisationen vertreten sind, eine Kundgebung für Samstag 11.30 auf dem hannoverschen Opernplatz angemeldet. Dieser Termin stößt allerdings bisher auf geringe Resonanz. Einzelne Punks erheben bereits den Vorwurf, daß die Linken zu ihnen ein rein funktionales Verhältnis hätten. Bei allen antifaschistischen Aktionen sei es NPD-Parteitag oder daß Fußballänderspiel BRD-Türkei, seien viele Punks dabeigewesen. Doch wenn sie selbst bedroht wären, seien die Linken Verständnislos Desinteressiert

Lübecker Verhältnisse

Lübeck/Hannover (taz) Im Laufe der letzten Wochen haben in Hannover Skinheads verstärkt von sich reden gemacht. MolotowCocktails flogen gegen das "Unabhängige Jugendzentrum Kornstraße", und in der Innenstadt wurden Ausländer, Punks und Linke angepöbelt, gejagt oder auch 'mal' verprügelt. Die hannoversche Szene befürchtet bei einem Andauern dieser Situation "Lübecker Verhältnisse". Lübecker Verhältnisse, das waren innerhalb des letzten Jahres zahlreiche Überfälle auf türkische Jugendliche, Linke Schwule, Punks und auf das autonome Kommunikationszentrum "Alternative". Auch hier waren die Angreifer in der Mehrzahl jene Skins, die mit kahlgeschorenem Kopf Bomberjacken und "Sieg Heil-Gebrülle in den Innenstädten der BRD immer öfter auftauchen. Die Reaktion von staatlicher Seite bescherte Lübeck als erster Stadt im Bundesgebiet eine diesbezügliche Sonderkommission der Kriminalpolizei. Ein ausführlicher Bericht des Jugendamtes, der zu Beginn des Jahres in der Bürgerschaft der Hansestadt diskutiert wurde, machte der Legende von ,Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendgruppen" ein Ende. Bei den Skins geht es dem Bericht zufolge um Jugendliche, bei denen "ein offenes oder sympathisierendes Verhältnis zum Faschismus festzustellen ist".

Allerdings sind die Skins kein straff organisierter und ideologisch gefestigter Faschistenhaufen, auch wenn ein Hamburger Glatzkopf vor der Presse tönt, daß er ,nichts als ein einfacher SA-Mann sein" wolle. Den meisten von ihnen - etliche waren früher Punks geht es wohl mehr darum, Mitglied derjenigen Peer-group zu sein, in der die härtesten Schläger anzutreffen sind. Allein in Lübeck gibt es etwa 50 Skins, die diesem Kreis der "Harten" zuzurechnen sind. Mit ihrer Brutalität und Skrupellosigkeit in der direkten Auseinandersetzung konnten sie auf den Straßen der Innenstadt die "Machtfrage" mehrmals für sich entscheiden. Zumal die Linke in der Hansestadt allein schon von der Anzahl nicht besonders stark ist. Die Punks haben sich bis auf einen kleinen Rest zurückgezogen, in Dosenbier ersäuft oder den Skins angeschlossen. Die Skins, die vor allem auf die von der offiziellen Politik diskriminierten Randgruppen Jagd machen, sind selbst Underdogs und kommen Großteils aus den Betonghettos der Großsstadtrandbezirke.

Als militante Speerspitze des gesunden Volksempfindens haben sie es auf andersdenkende, andersaussehende und andershandelnde Leute abgesehen. Das waren vorerst Punks und Ausländer, sind seit längerem aber auch Linke und Schwule sowie deren Treffpunkte. Häufig mit Keulen, Schlagstöcken, Messern, Kampfgas, Leuchtgeschossen und Schlagringen bewaffnet, haben sie bereits mehrfach türkische und deutsche Jugendliche quer durch die Stadt gejagt und teilweise schwerverletzt. Ausländische Familien werden angepöbelt und selbst ein IGMetall-Stand wurde abgeräumt. Und immer wieder Angriffe auf die "Alternative", dem Lübecker Treff von Punks und eben der "Szene" überhaupt. Eine detaillierte Auflistung weiterer Beispiele im Jugendamts-Bericht ergibt einen schaurigen Kalender von Überfallen und Bedrohungen in Lübeck. Auffallend oft sind Frauen unter den Opfern, so z.B. zwei Mitgliederinnen der "Falken", die beim Verkleben von Plakaten gegen Ausländerfeindlichkeit zusammengeschlagen wurden. Eine junge Türkin, die an einer Bushaltestelle von Skins bedroht wurde, fuhr noch lange danach mit einer anderen Linie oder ließ sich von Bekannten abholen und nach Hause fahren. Da die Opfer Angst haben, nach einer eventuellen Gegenüberstellung noch größerer Gefahr ausgesetzt zu sein, bleiben Strafanzeigen, wie auch im eben geschilderten Fall aus. Bei diesen Angriffen wird nach der Schilderung von Jugendamts Mitarbeitern "recht planmäßig vorgegangen". Da werde nichts "spontangeführt, sondern nach vorheriger sorgfältiger Sondierung der Umgebung". Bei Schlägereien sei festgestellt worden, daß "in den Gruppen häufig ein Befehlender vorhanden ist, der Beginn und Ende der Schlägerei bestimmt".

Eine zunehmende Politisierung durch extrem rechte Organisationen wie den "Aktionskreis Nationale Sozialisten" (ANS) mittlerweile verboten - wird deutlich. Deren Führer Michael Kühnen nannte schon vor längerem Skins und Fußballfans als potentielles Rekrutierungsfeld. In Lübeck scheint dieses Konzept geklappt zu haben, denn Skins haben dort ANS-Flugblätter verteilt. Die auch im Jugendblatt vermerkten ,Verbindungen zu faschistischen Erwachsenen" gehen über die ANS hinaus. Auch AltNazis und deren Organisationen pflegten dort gute Kontakte w Skins und der Kühnen-Truppe. bekannt ist die Verbindung der ANS Lübeck zu einem Dr. Sellnau, führendes Mitglied der einschlägig Bekannten "Deutschen Volksunion" (DW): sein Postfach wird auf ihren Flugblätter als Kontaktadresse angegeben.

An den einschlägigen Skin-Treffpunkten der Innenstadt zieren denn auch Hakenkreuze die Häuserwände, von antifaschistische Parolen nur notdürftig übersprüht. Die Aktivitäten der Lübecker Linken konzentrieren sich darauf, Angriffen von Skinheads möglichst entschlossen entgegenzutreten, durch Offentlichkeitsarbeit viele Menschen übel deren Aktionen und über die Ideologie de mit ihnen verbündeten Neo-Nazis aufzuklären sowie Veranstaltungen und Parteitag von Naziorganisationen zu verhindern.

konnten Angriffe auf die Alternative' durch "entschlossenen und energischen Widerstand" (so ein Lübecker Antifa-Papier' bislang immer wieder zurückgeschlagen' werden. Schwierig stellt sich dabei die von der Stadt angebotene "Zusammenarbeit" mit der Polizei dar. Während das Jugendamt die betroffenen Jugendlichen dazu auffordert, bekommen die Antifaschisten bei diesem Gedanken Bauchschmerzen. Hat doch die Polizei oft genug bewiesen, daß sie eher auf der anderen Seite steht. So etwa beim letzten Lübecker Altstadtfest, als man zweihundert Skins aus verschiedenen Städten bis zur "Alternative" vorrücken ließ, obwohl die Polizei von deren Vorhaben, das Haus zu stürmen, unterrichtet gewesen sei.

cak

 

 
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