Letzte Änderung: November 22 2005 13:28:33. - 625 Seiten archiviert
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"Bild-Zeitung " 8.8.94
Blutige Punker-Schlacht:
 
In ihren Augen war nur Haß
Die Schlacht um Sprengel.

Dunkelheit hat den Mob mutig gemacht. Vor der Lutherkirche lodert auf der Straße ein Feuer. 300 Chaoten mit grellbunten Haaren lassen sich vollaufen. Flaschen zerplatzen auf den Autos der Anwohner. Punks reißen den Gehweg auf, zertrümmern die Steinplatten zu faustgroßen Wurfgeschossen. En ihren Augen: Haß.

Steine fliegen auf Polizisten und Journalisten. Krawallmacher bauen aus Mülltonnen und Autos Barrikaden. Verängstigt lassen Bewohner die Rolläden herunter. Die Polizei riegelt die Nordstadt ab.

Geflüstert kommt der Befehl über Funk in die weißen Polizeihelme. "Fertig zum Stürmen."

Stiefel poltern über den Lutherplatz, unter den Tritten knirscht Glas. Rhythmisch klatschen die Beamten im Laufen mit ihren Knüppeln auf die Schilde. Das soll nicht nur Angreifer abschrecken: Es vertreibt die eigene Angst.

Die Polizei Im Sturm auf Sprengel. Ein Pflasterstein-Hagel prasselt auf die köpfe der Beamten: Bombardement von einem Flachdach. In der ersten Reihe der Polizeikette spritzt Blut. Sieben Beamte verletzt. Schlagstöcke kreisen, schreiend gehen Punks zu Boden.

Szenen wie Im Bürgerkrieg.

Die Punks flüchten aufs Sprengelgelände, verschanzen sich in dem Irrgarten aus Schrott Bauwagen und Abbruchhäusern hinter der Kofferfabrik. Die ehemaligen Sprengel-Besetzer (und jetzigen Mieter) halten sich heraus.

Die Polizisten holen 250 Jugendliche vom Gelände zwei Gefangenen-Busse pendeln zwischen Schaufelder Straße und dem Notknast in der Polizei-Kaserne Tannenbergsallee.

Die 60 Haftzellen in

der Polizeidirektion Hardenbergstraße waren schon Freitag überfüllt. Zum "Chaos"-Auftakt hatte die Polizei den Bahnhof geräumt 175 Punks abgeführt. 20 wurden nach der ersten Straßenschlacht vorm Sprengel festgenommen (BILD berichtete). Der Chaos-Sonnabend: Mittags wurden 144 inhaftiert, der Bahnhofsplatz abgesperrt. BGSBeamte nahmen Neuankömmlinge schon am Bahnsteig in Empfang setzten sie in den nächsten Zug zurück.

Ruhe bis zum Abend. Die Meute tauchte erst beim "Fährmannsfest" am Weddigen-Ufer wieder auf. Die Punk-Band "Vision" heizte ein. Nach dem Konzert und hunderten Litern Bier waren die Punks bereit für die große Sprengel-Schlacht mit der Polizei . . .

"Chaos-Bilanz: 17 Polizisten zum Teil schwerverletzt - Brüche, PIatzwunden, Schnitte, Prellungen. 10 Punks verletzt, 600 Festnahmen, 20 Autos kaputt, 50 000 Mark Schaden.

Der Punker-Krieg fing vor zwölf Jahren an

Bereits 1982 hatten sich 1000 Punks aus ganz Europa in Hannover zusammengerottet. Motto: "Gegen Bonzen und Bullen." Es gab Straßenschlachten zwischen linken Punks und rechten Skinheads in der City, gemeinsam gegen Polizisten. 1984 die schlimmsten Krawalle: Mit Wasserwerfern und Tränengasgranaten rückte die Polizei damals gegen die steinewerfenden, betrunkenen Randalierer vor. 125 Verletzte, 23 Autos demoliert, zahlreiche Fensterscheiben Bruch, 300 Festnahmen, 1000 Waffen beschlagnahmt.

Dann war 10 Jahre lang Ruhe . . . Auf Flugblättern drohten die Punks an: Wir kommen wieder zu den Chaos-Tagen '95".

Chaos-Tage: 400 Polizeibeamte im Dauerstreß

Zweite " in der Nordstadt. Samstag, 23 Uhr. Viele Beamte sind seit 36 Stunden im Einsatz. "Drei Stunden habe ich dazwischen geschlafen. Geduscht wieder los", sagt ein Beamter müde. Füße und Rücken schmerzen. Unter Beinschonern und Brustpanzern rinnt der Schweiß, die Uniformhemden sind klitschnaß.

400 Polizisten im Dauerstreß, die meisten aus Hannover. Vielen wurde das freie Wochenende gestrichen, alle müssen Überstunden schieben. Weil sie die Stadt vor einer Horde Chaoten schützen sollen.

Unterschätzte die Einsatzleitung die CHAOS-TAGE? Wir hatten nicht mit soviel Aggression gerechnet", räumt Polizeisprecher Manfred Paetzold (42) ein. Aber: Es machte wenig Sinn mehr auswärtige Kräfte zusammenzutrommeln. Nachts in der Nordstadt brauchen wir Beamte, die mit dem Sprengel-Gelände und den Schlupflöchern vertraut sind."

Polizeipräsident Herbert Sander (60) will heute die Verletzten im Krankenhaus besuchen. Er lobte seine Beamten gestern: "Alle zeigten sich vorbildlich und engagiert. Durch den entschlossenen Einsatz ist es ihnen gelungen, schlimmere Ausschreitungen rigoros zu unterbinden."

Punks - sie verachten alles Bürgerliche

Was sind Punker?

Jugendliche, die gegen den Staat rebellieren. Sie wollen provozieren: Färben sich ihre Haare schrill, ziehen sich Ringe durch Nasen und Augenbrauen, tragen SchmuddelLook, Lederkluft, Springerstiefel.

Übersetzt bedeutet "Punk": "wertlos", "verdorben".

Wo entstand der Punk?

Mitte der 70er Jahre in England: Wirtschaftskrise, Wut und Zerstörungssucht unter Slumkindern. Vom Leben gelangweilt

suchten sie einen Kick: Aggression, Zerstörung, Normalbürger

schocken. Die Rockgruppe Sex Pistols wurde zu ihrem Idol: primitiver, Hammer-Rock, ordinäre Texte.

Wen trifft Punker-Gewalt?

Sie ist ziellos.

In Hannover wurde aufgerufen zu Aktionen gegen "Bonzen" die Rädelsführer wollten die Stadt "in Schutt und Asche" legen. Doch nicht jeder Jugendliche der dritten Punk-Generation ist gewalttätig . Unter den Chaoten die nach Hannover reisten: viele Milchgesichter,

kaum 12, 13 Jahre alt. Und jede Menge Mitläufer. Sich sinnlos besaufen, tierisch die Sau 'rauslassen: Das fanden sie "einfach geil".

Sind Punks politisch?

Sie fühlen sich als Anarchisten lehnen jede Ordnung ab. Ihre Feinde: "Faschos - Rechtsextreme, Hooligans, Neo-Nazis. Sie hassen sie schlagen sich mit rechtsextremen Skinheads. Es gibt auch linksorientierte "Glatzen" wie die Red Skins" . Gesinnungsbrüder der Punks.

Was sagt der Psychologe? Polizeipsychologe

Uwe Füllgrobe "Punker verachten unsere gesellschaftlichen Werte hassen alles Bürgerliche. Dazu kommt Frust - in der Schule, im Beruf, in der Arbeitslosigkeit. Der entlädt sich dann in blinder Zerstörungswut."

 

 
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