In ihren Augen war nur Haß
Die Schlacht um Sprengel.
Dunkelheit hat den Mob mutig gemacht. Vor der Lutherkirche
lodert auf der Straße ein Feuer. 300 Chaoten mit grellbunten
Haaren lassen sich vollaufen. Flaschen zerplatzen auf den
Autos der Anwohner. Punks reißen den Gehweg auf, zertrümmern
die Steinplatten zu faustgroßen Wurfgeschossen. En ihren
Augen: Haß.
Steine fliegen auf Polizisten und Journalisten. Krawallmacher
bauen aus Mülltonnen und Autos Barrikaden. Verängstigt
lassen Bewohner die Rolläden herunter. Die Polizei riegelt
die Nordstadt ab.
Geflüstert kommt der Befehl über Funk in die weißen
Polizeihelme. "Fertig zum Stürmen."
Stiefel poltern über den Lutherplatz, unter den Tritten
knirscht Glas. Rhythmisch klatschen die Beamten im Laufen
mit ihren Knüppeln auf die Schilde. Das soll nicht nur
Angreifer abschrecken: Es vertreibt die eigene Angst.
Die Polizei Im Sturm auf Sprengel. Ein Pflasterstein-Hagel
prasselt auf die köpfe der Beamten: Bombardement von
einem Flachdach. In der ersten Reihe der Polizeikette spritzt
Blut. Sieben Beamte verletzt. Schlagstöcke kreisen, schreiend
gehen Punks zu Boden.
Szenen wie Im Bürgerkrieg.
Die Punks flüchten aufs Sprengelgelände, verschanzen
sich in dem Irrgarten aus Schrott Bauwagen und Abbruchhäusern
hinter der Kofferfabrik. Die ehemaligen Sprengel-Besetzer
(und jetzigen Mieter) halten sich heraus.
Die Polizisten holen 250 Jugendliche vom Gelände zwei
Gefangenen-Busse pendeln zwischen Schaufelder Straße
und dem Notknast in der Polizei-Kaserne Tannenbergsallee.
Die 60 Haftzellen in
der Polizeidirektion Hardenbergstraße waren schon Freitag
überfüllt. Zum "Chaos"-Auftakt hatte die Polizei
den Bahnhof geräumt 175 Punks abgeführt. 20 wurden
nach der ersten Straßenschlacht vorm Sprengel festgenommen
(BILD berichtete). Der Chaos-Sonnabend: Mittags wurden 144
inhaftiert, der Bahnhofsplatz abgesperrt. BGSBeamte nahmen
Neuankömmlinge schon am Bahnsteig in Empfang setzten
sie in den nächsten Zug zurück.
Ruhe bis zum Abend. Die Meute tauchte erst beim "Fährmannsfest"
am Weddigen-Ufer wieder auf. Die Punk-Band "Vision" heizte
ein. Nach dem Konzert und hunderten Litern Bier waren die
Punks bereit für die große Sprengel-Schlacht mit
der Polizei . . .
"Chaos-Bilanz: 17 Polizisten zum Teil schwerverletzt - Brüche,
PIatzwunden, Schnitte, Prellungen. 10 Punks verletzt, 600
Festnahmen, 20 Autos kaputt, 50 000 Mark Schaden.
Der Punker-Krieg fing vor zwölf Jahren an
Bereits 1982 hatten sich 1000 Punks aus ganz Europa in Hannover
zusammengerottet. Motto: "Gegen Bonzen und Bullen." Es gab
Straßenschlachten zwischen linken Punks und rechten
Skinheads in der City, gemeinsam gegen Polizisten. 1984 die
schlimmsten Krawalle: Mit Wasserwerfern und Tränengasgranaten
rückte die Polizei damals gegen die steinewerfenden,
betrunkenen Randalierer vor. 125 Verletzte, 23 Autos demoliert,
zahlreiche Fensterscheiben Bruch, 300 Festnahmen, 1000 Waffen
beschlagnahmt.
Dann war 10 Jahre lang Ruhe . . . Auf Flugblättern drohten
die Punks an: Wir kommen wieder zu den Chaos-Tagen '95".
Chaos-Tage: 400 Polizeibeamte im Dauerstreß
Zweite " in der Nordstadt. Samstag, 23 Uhr. Viele Beamte
sind seit 36 Stunden im Einsatz. "Drei Stunden habe ich dazwischen
geschlafen. Geduscht wieder los", sagt ein Beamter müde.
Füße und Rücken schmerzen. Unter Beinschonern
und Brustpanzern rinnt der Schweiß, die Uniformhemden
sind klitschnaß.
400 Polizisten im Dauerstreß, die meisten aus Hannover.
Vielen wurde das freie Wochenende gestrichen, alle müssen
Überstunden schieben. Weil sie die Stadt vor einer Horde
Chaoten schützen sollen.
Unterschätzte die Einsatzleitung die CHAOS-TAGE? Wir
hatten nicht mit soviel Aggression gerechnet", räumt
Polizeisprecher Manfred Paetzold (42) ein. Aber: Es machte
wenig Sinn mehr auswärtige Kräfte zusammenzutrommeln.
Nachts in der Nordstadt brauchen wir Beamte, die mit dem Sprengel-Gelände
und den Schlupflöchern vertraut sind."
Polizeipräsident Herbert Sander (60) will heute die
Verletzten im Krankenhaus besuchen. Er lobte seine Beamten
gestern: "Alle zeigten sich vorbildlich und engagiert. Durch
den entschlossenen Einsatz ist es ihnen gelungen, schlimmere
Ausschreitungen rigoros zu unterbinden."
Punks - sie verachten alles Bürgerliche
Was sind Punker?
Jugendliche, die gegen den Staat rebellieren. Sie wollen
provozieren: Färben sich ihre Haare schrill, ziehen sich
Ringe durch Nasen und Augenbrauen, tragen SchmuddelLook, Lederkluft,
Springerstiefel.
Übersetzt bedeutet "Punk": "wertlos", "verdorben".
Wo entstand der Punk?
Mitte der 70er Jahre in England: Wirtschaftskrise, Wut und
Zerstörungssucht unter Slumkindern. Vom Leben gelangweilt
suchten sie einen Kick: Aggression, Zerstörung, Normalbürger
schocken. Die Rockgruppe Sex Pistols wurde zu ihrem Idol:
primitiver, Hammer-Rock, ordinäre Texte.
Wen trifft Punker-Gewalt?
Sie ist ziellos.
In Hannover wurde aufgerufen zu Aktionen gegen "Bonzen" die
Rädelsführer wollten die Stadt "in Schutt und Asche"
legen. Doch nicht jeder Jugendliche der dritten Punk-Generation
ist gewalttätig . Unter den Chaoten die nach Hannover
reisten: viele Milchgesichter,
kaum 12, 13 Jahre alt. Und jede Menge Mitläufer. Sich
sinnlos besaufen, tierisch die Sau 'rauslassen: Das fanden
sie "einfach geil".
Sind Punks politisch?
Sie fühlen sich als Anarchisten lehnen jede Ordnung
ab. Ihre Feinde: "Faschos - Rechtsextreme, Hooligans, Neo-Nazis.
Sie hassen sie schlagen sich mit rechtsextremen Skinheads.
Es gibt auch linksorientierte "Glatzen" wie die Red Skins"
. Gesinnungsbrüder der Punks.
Was sagt der Psychologe? Polizeipsychologe
Uwe Füllgrobe "Punker verachten unsere gesellschaftlichen
Werte hassen alles Bürgerliche. Dazu kommt Frust - in
der Schule, im Beruf, in der Arbeitslosigkeit. Der entlädt
sich dann in blinder Zerstörungswut."
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