| Randalierer demolieren Autos, plündern
Geschäfte und stecken Barrikaden in Brand/600 Festnahmen
rfi Hannover Bei Krawallen haben mehrere hundert Punks aus
der gesamten Bundesrepublik die Bewohner Hannovers in Angst
und Schrecken versetzt. Die Randalierer hatten sich am Wochenende
mit dem Aufruf, die Stadt "in Schutt und Asche" zu legen,
zu sogenannten Chaos-Tagen getroffen. Die Randalierer errichteten
Straßenbarrikaden und zündeten sie an.
Seit den ersten Ausschreitungen am Freitag griff die Polizei
rigoros durch und nahm insgesamt etwa 600 Punks in Gewahrsam.
Sie wurden in Haftzellen und eine eigens dafür hergerichtete
Turnhalle einer Polizeikaserne gesperrt. Ihren Höhepunkt
erreichten die Krawalle in der Nacht zum Sonntag, als sich
300 Täter eine Straßenschlacht mit der Polizei
lieferten, bei der es zahlreiche Verletzte gab.
In der Nacht zum Sonntag spitzte sich die Situation in der
hannoverschen Nordstadt rings um das von "Autonomen" bewohnte
Gelände der ehemaligen Sprengel-Schokoladenfabrik zu.
Mehr als 300 Punks begannen plötzlich zu randalieren,
nachdem sie von einem Rockkonzert friedlich in den Stadtteil
gezogen waren. Nach Angaben der Polizei zündeten die
aggressiven Punks alte Möbel und andere Gegenstände
auf den Straßen an, errichteten Barrikaden und beschädigten
mehrere Autos. Es flogen Pflastersteine gegen Fenster und
Zivilpolizisten.
Die Einsatzleitung ließ sofort drei Hundertschaften,
die sich einen Häuserblock entfernt, aufgehalten hatten,
um nicht zu provozieren, gegen die Randalierer vorrücken.
Es kam zu einer 15minütigen Straßenschlacht, bei
der Steine und Bierflaschen auf die Beamten niedergingen.
Dennoch nahmen die Uniformierten 100 Punks fest und setzten
auch gegen die übrigen 150 Punks nach die auf das ehemalige
Fabrikgelände flüchteten. Dort den sie in einem
leerstehenden Gebäude. überwältigt. 17 Polizisten
erlitten teilweise schwere Verletzungen, die Zahl der verletzten
Punks ist bislang unbekannt.
· Weitere Krawalle: Auch in Bremen kam es in der Nacht
zum Sonnabend zu Ausschreitungen. Im Steintorviertel brachen
etwa 250 Jugendliche nach einem Rockkonzert in einem Jugendheim
mehrere Geschäfte auf. Außerdem wurden ein Juwelierladen
und ein Schuhgeschäft geplündert. Die Polizei schätzte
den Sachschaden - ohne die Plünderungen - auf rund 200
000 Mark. Die Polizei war in dem Heim erschienen, weil sich
Anwohner über laute Musik beschwert hatten.
Straßenschlacht ist schnell beendet
Brennende Barrikaden in der Nordstadt / Sprengel-Bewohner distanzieren
sich
Die "Chaos-Tage" von Punks haben in der Nacht zum Sonntag
ihren Höhepunkt erreicht. Etwa 300 Randalierer lieferten
sich eine 15minütige Straßenschlacht mit Hundertschaften
der Polizei. Die meisten der Gewalttäter wurden überwältigt.
Bei ihrem Einsatz rückten die
Beamten auch auf das Sprengelgelände vor. 17 Polizisten
wurden zum Teil schwer verletzt, die Zahl der verletzten Punks
ist ebenso wie die Höhe der angerichteten Schäden
noch unbekannt. 600 Männer und Frauen waren am Wochenende
in Gewahrsam.
Nach der Festnahme von 175 Randalierern vor dem Hauptbahnhof
Freitag nachmittag beruhigte sich die Situation nur bis zum
späten Abend. 450 weitere Punks ks reisten an und sammelten
sich in der Nordstadt. Teilweise drangen Störenfriede
in Hausflure ein. Zehn geparkte Autos wurden beschädigt.
200 Punks wurden auf dem Hof des Sprenge Geländes eingekesselt,
bis Ruhe einkehrte. Am Sonnabend hatten sich etwa 100 Punks
am Bahnhof eingefunden, wo sie unter anderem in die Passerelle
urinierten. Wieder ging die Polizei rigoros vor und nahm alle
Anwesenden in Gewahrsam. Viele der am Freitag Festgenommenen
wurden am Sonnabend in Züge gesetzt und von Beamten bis
in die Heimatstädte begleitet.
Der Tag schien zunächst friedlich zu verlaufen, die
Punks kw feierten auf dem Fährmannsfest. Von dort zogen
sie gegen Abend in die Nordstadt. Nach Auskunft der Polizei
hatten sich etwa 300 stark alkoholisierte Punks kw versammelt,
als die Stimmung von einer Minute auf die andere umschlug.
Plötzlich wurden Barrikaden auf der Straße angezündet,
Autos quergestellt und demoliert sowie erste Steine auf Zivilpolizisten
geworfen.
Drei Hundertschaften rannten sofort von der Kopernikusstraße
los. Nach einer kurzen, aber heftigen Straßenschlacht
wurden 250 Männer und Frauen überwältigt, gefesselt
und abtransportiert. 150 von ihnen hatten sich in einem leerstehenden
Haus auf dem Sprenge Gelände verschanzt.
Am Sonntag morgen versuchte noch eine Gruppe von 100 Tätern,
den Gottesdienst in der Lutherkirche zu stürmen, sie
wurde aber von einer Polizeikette abgedrängt. Von Sonntag
nachmittag an wurden die Festgenommenen in kleinen Grüppchen
entlassen. Sie wurden entweder von Beamten in Zügen begleitet
oder an Autobahnen gefahren, von wo aus sie als Tramper nach
Hause wollten. Die Sprengel-Bewohner distanzierten sich unter
essen von den Krawallmachern. rfi
Polizisten donnern den Takt mit Schlagstöcken,
Mehrere Punks kippen einen alten VW-Golf mitten auf die Straße
vor der Lutherkirche. Dahinter lodern Flammen aus einem Stapel
alter Möbel. Von der Polizei ist noch nichts zu sehen.
Nur zwei Zivilbeamte beobachten aus einiger Entfernung mit
Fernglases die Szenerie. Eben noch waren die betrunkenen Punks
friedlich, jetzt legen sie mit hemmungsloser Randale los.
Die Hundertschaften Uniformierter stehen einen Häuserblock
weiter In der Kopernikusstraße, um nicht durch ihre
Anwesenheit zu provozieren
Als auch noch Pflastersteine fliegen, geht es im Polizeifunk
hektisch zu. Die Beamten bekommen kurze und präzise Anweisungen,
dann strammen sie geschlossen in Richtung Lutherkirche und
tragen ihre Schilde wie eine Wand vor sich her. Sofort werden
sie mit einem Stein. und Flaschenhagel empfangen. Doch ein
Zurück gibt es jetzt nicht mehr, jeweils nach einigen
Metern lassen die Zugführer stoppen und Ihre Beamten
müssen wieder in geschlossener · Reihe antreten,
bevor sie weiterrennen. Zum Einschüchtern der Punks und
als Zeichen ihrer Entschlossenheit Donner sie im Takt mit
ihren Schlagstöcken auf die Plastikschilde.
Die Randalierer weichen immer weiter zurück. Auch aus
der anderen Richtung naht eine Riege fest entschlossener Polizisten.
Die Punks flüchten auf das Sprengelgelände. Doch
die Bewohner der Kofferfabnk geben: ihnen: tatsächlich
kein Asyl, die Krawallmacher ziehen sich auf den Hinterhof
-zurück- Weiter fliegen Steine, Flaschen. und -Leuchtraketen.
In der Enge und Dunkelheit kommen die Fluchtenden nur langsam
voran, die vorderen werden von den Wurfgeschossen ihrer eigenen
Leute getroffen. Die Polizei überrennt geradezu hundert
der Punks fesselt sie und läßt sie erst einmal
La auf dem Boden liegen.
Schon wenig später werden auch die letzten 150 Betrunkenen
ohne Umschweife aus einem leerstehenden Gebäude geholt.
,. Polizisten behandeln Verletzten auf beiden Seiten, 18 von
ihnen werden mitRettungswagen in Krankenhäuser gebracht.
Mit Blaulicht starten zwei Gefangenenbusse, die Turnhalle
der Polizeikaserne in der Tannenbergalee ist ihr Ziel. Die
Autonomen in der Kofferfabrik beobachten von ihren Fenstern
aus die Szenerie. Nach und nach werden alle Punks weggeschafft,
zurück bleiben Scherben, Steine und Autowracks.
Bunthaarige aus der Nordstadt kehren vor der Lutherkirche
Ihr Motto haben sie mit schwarzer - Farbe neben die Rolladen
einer verrammelten Trinkhalle gesprüht: Chaos ist Leben.
Doch am Tag nach den Krawallen - wirkt die Nordstadt rund
um die Schaufelder Straße alles andere als lebendig.
Es ist trostlos und leer. Nur einige Dutzend ' Punks lungern
noch zwischen demolierten Autos am Rand der mit Scherben und
Mull übersiften Straße herum. Wenige hundert Meter
weiter bietet 'sich jedoch ein ganz anderes Bild: Bunthaarige
aus der Nordstadt, über das angerichtete Chaos in ihrem
Stadtteil wenig glücklich, helfen mit, den Vorplatz der
Lutherkirche von Unrat zu säubern.
. Wie.bereits am Sonnabend, als sie von ' Pastor Hans Lankenau
schon einmal Besen in die Hand gedrückt bekamen, bemühen
sie sich' um Schadensbegrenzung. "Auch wenn es manchen Leuten
schwer fällt, man darf die Punks nicht alle über
einen Kamm scheren"; meint der 62 jährige, dessen Gottesdienst
einige Punks kurz zuvor zu stören versucht hatten. Die.
Nordstadt-Punks und auch die Sprengel-Bewohner hatten schon
vor dem Wochenende Flugblätter verteilt, in denen sie
sich gegen Randale und für ein friedliches Zusammenleben
aussprachen" berichtet Lankenau Den "Verantwortlichen" wirft
er vor, die mehrere hundert Punks in die Nordstadt gedrängt
zu haben, "um die Innenstadt sauber zu halten."
Diese Einschätzung des Geistlichen teilen auch die Autonomen
auf dem SprengelgeländeMit der Tatsache daß sich
die Auseinandersetzungen in ihren Stadtteil verlagerten, sind
die Bewohner gar nicht zufrieden. Auf den Vorschlag, ein vernünftiges
Programm für das Treffen zu organisieren, seien die Veranstalter
nicht eingegangen. "Wir werfen den Organisatoren der Chaos-Tage
vor, sich um nichts gekümmert zu haben", sagte ein Sprecher
des Sprengel Plenums. Der massive Polizeieinsatz, so meint
er jedoch, sei unverhältnismäßig gewesen.
FDP-Chefin will Beihilfe für Sprengel stoppen
Hannovers Politiker sind sich einig- Die Polizei hat am Wochenende
Schlimmeres verhindert. Uneinigkeit herrscht allerdings über
die möglichen Konsequenzen nach den Ausschreitungen.
Die FDP-Vorsitzende Marianne Taeglichsbeck verlangt, daß
die Stadt ihre Finanzhilfe für das Sprengelgelände
sofort einstellt.
"Unsere Hochachtung gilt der Polizei" erklärte Stephan
Weil SPD-Chef in Hannover. Kommunalpolitische Konsequenzen
müßten nach den Ausschreitungen nicht gezogen werden.
Die ersten Ermittlungen der Polizei deuteten darauf hin, daß
die Jugendlichen fast ausschließlich aus anderen Städten
angereist seien. Die Bewohner des Sprengelgeländes hatten
sich danach friedlich verhalten. Sollte sich im nächsten
Jahr eine Wiederholung der "Chaos-Tage" abzeichnen, mußte
die Polizei die gewaltbereiten Punks schon an den Stadtgrenzen
abfangen. Die FDP- 1 Fraktionsvorsitzende Marianne Taeglichsbeck
will die statische Hilfe für das Sprengelgelände
wegen der Ausschreitungen sofort einstellen. "Die alte Fabrik
entwickelt sich zum Schlupfloch für Gewalttäter",
meinte die Politikerin. In diesem Jahr zahlt die Stadt eine
Beihilfe über 120 000 Mark an den Trägerverein des
Geländes .
Als "völligen Quatsch" bezeichnete ENNO Hagenah (Bündnis
90/Die Grünen) die Forderung der FDP-Chefin. Die Ausschreitungen
hätten sich überall ereignen Können, es gebe
keinen Zusammenhang mit den Bewohnem des Sprengelgeländes.
Vor voreiligen Schlußfolgerungen warnte auch der CDU-Fraktionsvorsitzende
Paul Pawelski. Zunächst mußten die weiteren Ermittlungen
der Polizei abgewartet werden
Nach dem neuen Niedersächsischen Gefahrenabwehrgesetz
kann die Polizei Randalierer mit Genehmigung eines Richters
auch länger als acht Stunden festhalten, um Platzverweise
durchzusetzen und Krawalle zu Verhindern: Mit der Vizepräsidentin
des Amtsgerichtes Ursula Ziehen, die diese Regelung in Hannover
jetzt erstmals anwendete sprach HAZ-Redakteur Michael Sasse
über die Gründe ihrer Entscheidung.
Bislang war es üblich, Störenfriede früher
wieder laufen zu lassen - Wie kam es dazu, daß sie die
Genehmigung gaben, gewalttätige Ruhestörer ein ganzes
Wochenende lang festzusetzen? Ich habe mir bereits am Freitag
mittag selbst ein Bild von der Lage am Hauptbahnhof gemacht.
Viele Punks waren betrunken und verhielten sich aggressiv.
In Flug Latten, die sie verteilt hatten, hieß es, sie
wollten in Hannover mächtig randalieren.
Was genau genehmigten Sie darauf hin der Polizei?
Ich nutzte das neue Gesetz und genehmigte, die in Gewahrsam
genommenen Personen über das Wochenende festzuhalten.
Sie mußten aber bis spätestens Montag morgen um
6 Uhr wieder frei sein. Diese Zeitdauer hielt ich für
angemessen, um zu verhindern dem, daß Gefaßte
zu schnell wieder auf freien Fuß kommen und sich erneut
an Ausschreitungen beteiligen können.
Gab es Auflagen für die lange Unterbringung so vieler
Punks?
In einer Sporthalle der Bereitschaftspolizei hatte die Einsatzleitung
Unterkünfte und Sanitäranlagen bereitgestellt. Auch
für Essen und Trinken war vorab gesorgt worden."
Werden Sie auch künftig versuchen auf diese Weise
"Wochenend-Rardalierern" den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Da muß in jedem Fall neu geprüft werden. Aber
wenn es notwendig erscheint, natürlich!
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