Letzte Änderung: November 22 2005 13:28:36. - 625 Seiten archiviert
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"Hannoversche Allgemeine" 8.8.94
Punks verbreiten Schrecken in Hannover
 
Randalierer demolieren Autos, plündern Geschäfte und stecken Barrikaden in Brand/600 Festnahmen

rfi Hannover Bei Krawallen haben mehrere hundert Punks aus der gesamten Bundesrepublik die Bewohner Hannovers in Angst und Schrecken versetzt. Die Randalierer hatten sich am Wochenende mit dem Aufruf, die Stadt "in Schutt und Asche" zu legen, zu sogenannten Chaos-Tagen getroffen. Die Randalierer errichteten Straßenbarrikaden und zündeten sie an.

Seit den ersten Ausschreitungen am Freitag griff die Polizei rigoros durch und nahm insgesamt etwa 600 Punks in Gewahrsam. Sie wurden in Haftzellen und eine eigens dafür hergerichtete Turnhalle einer Polizeikaserne gesperrt. Ihren Höhepunkt erreichten die Krawalle in der Nacht zum Sonntag, als sich 300 Täter eine Straßenschlacht mit der Polizei lieferten, bei der es zahlreiche Verletzte gab.

In der Nacht zum Sonntag spitzte sich die Situation in der hannoverschen Nordstadt rings um das von "Autonomen" bewohnte Gelände der ehemaligen Sprengel-Schokoladenfabrik zu. Mehr als 300 Punks begannen plötzlich zu randalieren, nachdem sie von einem Rockkonzert friedlich in den Stadtteil gezogen waren. Nach Angaben der Polizei zündeten die aggressiven Punks alte Möbel und andere Gegenstände auf den Straßen an, errichteten Barrikaden und beschädigten mehrere Autos. Es flogen Pflastersteine gegen Fenster und Zivilpolizisten.

Die Einsatzleitung ließ sofort drei Hundertschaften, die sich einen Häuserblock entfernt, aufgehalten hatten, um nicht zu provozieren, gegen die Randalierer vorrücken. Es kam zu einer 15minütigen Straßenschlacht, bei der Steine und Bierflaschen auf die Beamten niedergingen. Dennoch nahmen die Uniformierten 100 Punks fest und setzten auch gegen die übrigen 150 Punks nach die auf das ehemalige Fabrikgelände flüchteten. Dort den sie in einem leerstehenden Gebäude. überwältigt. 17 Polizisten erlitten teilweise schwere Verletzungen, die Zahl der verletzten Punks ist bislang unbekannt.

· Weitere Krawalle: Auch in Bremen kam es in der Nacht zum Sonnabend zu Ausschreitungen. Im Steintorviertel brachen etwa 250 Jugendliche nach einem Rockkonzert in einem Jugendheim mehrere Geschäfte auf. Außerdem wurden ein Juwelierladen und ein Schuhgeschäft geplündert. Die Polizei schätzte den Sachschaden - ohne die Plünderungen - auf rund 200 000 Mark. Die Polizei war in dem Heim erschienen, weil sich Anwohner über laute Musik beschwert hatten.

Straßenschlacht ist schnell beendet
Brennende Barrikaden in der Nordstadt / Sprengel-Bewohner distanzieren sich

Die "Chaos-Tage" von Punks haben in der Nacht zum Sonntag ihren Höhepunkt erreicht. Etwa 300 Randalierer lieferten sich eine 15minütige Straßenschlacht mit Hundertschaften der Polizei. Die meisten der Gewalttäter wurden überwältigt. Bei ihrem Einsatz rückten die

Beamten auch auf das Sprengelgelände vor. 17 Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt, die Zahl der verletzten Punks ist ebenso wie die Höhe der angerichteten Schäden noch unbekannt. 600 Männer und Frauen waren am Wochenende in Gewahrsam.

Nach der Festnahme von 175 Randalierern vor dem Hauptbahnhof Freitag nachmittag beruhigte sich die Situation nur bis zum späten Abend. 450 weitere Punks ks reisten an und sammelten sich in der Nordstadt. Teilweise drangen Störenfriede in Hausflure ein. Zehn geparkte Autos wurden beschädigt. 200 Punks wurden auf dem Hof des Sprenge Geländes eingekesselt, bis Ruhe einkehrte. Am Sonnabend hatten sich etwa 100 Punks am Bahnhof eingefunden, wo sie unter anderem in die Passerelle urinierten. Wieder ging die Polizei rigoros vor und nahm alle Anwesenden in Gewahrsam. Viele der am Freitag Festgenommenen wurden am Sonnabend in Züge gesetzt und von Beamten bis in die Heimatstädte begleitet.

Der Tag schien zunächst friedlich zu verlaufen, die Punks kw feierten auf dem Fährmannsfest. Von dort zogen sie gegen Abend in die Nordstadt. Nach Auskunft der Polizei hatten sich etwa 300 stark alkoholisierte Punks kw versammelt, als die Stimmung von einer Minute auf die andere umschlug. Plötzlich wurden Barrikaden auf der Straße angezündet, Autos quergestellt und demoliert sowie erste Steine auf Zivilpolizisten geworfen.

Drei Hundertschaften rannten sofort von der Kopernikusstraße los. Nach einer kurzen, aber heftigen Straßenschlacht wurden 250 Männer und Frauen überwältigt, gefesselt und abtransportiert. 150 von ihnen hatten sich in einem leerstehenden Haus auf dem Sprenge Gelände verschanzt.

Am Sonntag morgen versuchte noch eine Gruppe von 100 Tätern, den Gottesdienst in der Lutherkirche zu stürmen, sie wurde aber von einer Polizeikette abgedrängt. Von Sonntag nachmittag an wurden die Festgenommenen in kleinen Grüppchen entlassen. Sie wurden entweder von Beamten in Zügen begleitet oder an Autobahnen gefahren, von wo aus sie als Tramper nach Hause wollten. Die Sprengel-Bewohner distanzierten sich unter essen von den Krawallmachern. rfi

Polizisten donnern den Takt mit Schlagstöcken,

Mehrere Punks kippen einen alten VW-Golf mitten auf die Straße vor der Lutherkirche. Dahinter lodern Flammen aus einem Stapel alter Möbel. Von der Polizei ist noch nichts zu sehen. Nur zwei Zivilbeamte beobachten aus einiger Entfernung mit Fernglases die Szenerie. Eben noch waren die betrunkenen Punks friedlich, jetzt legen sie mit hemmungsloser Randale los. Die Hundertschaften Uniformierter stehen einen Häuserblock weiter In der Kopernikusstraße, um nicht durch ihre Anwesenheit zu provozieren

Als auch noch Pflastersteine fliegen, geht es im Polizeifunk hektisch zu. Die Beamten bekommen kurze und präzise Anweisungen, dann strammen sie geschlossen in Richtung Lutherkirche und tragen ihre Schilde wie eine Wand vor sich her. Sofort werden sie mit einem Stein. und Flaschenhagel empfangen. Doch ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr, jeweils nach einigen Metern lassen die Zugführer stoppen und Ihre Beamten müssen wieder in geschlossener · Reihe antreten, bevor sie weiterrennen. Zum Einschüchtern der Punks und als Zeichen ihrer Entschlossenheit Donner sie im Takt mit ihren Schlagstöcken auf die Plastikschilde.

Die Randalierer weichen immer weiter zurück. Auch aus der anderen Richtung naht eine Riege fest entschlossener Polizisten. Die Punks flüchten auf das Sprengelgelände. Doch die Bewohner der Kofferfabnk geben: ihnen: tatsächlich kein Asyl, die Krawallmacher ziehen sich auf den Hinterhof -zurück- Weiter fliegen Steine, Flaschen. und -Leuchtraketen. In der Enge und Dunkelheit kommen die Fluchtenden nur langsam voran, die vorderen werden von den Wurfgeschossen ihrer eigenen Leute getroffen. Die Polizei überrennt geradezu hundert der Punks fesselt sie und läßt sie erst einmal La auf dem Boden liegen.

Schon wenig später werden auch die letzten 150 Betrunkenen ohne Umschweife aus einem leerstehenden Gebäude geholt. ,. Polizisten behandeln Verletzten auf beiden Seiten, 18 von ihnen werden mitRettungswagen in Krankenhäuser gebracht. Mit Blaulicht starten zwei Gefangenenbusse, die Turnhalle der Polizeikaserne in der Tannenbergalee ist ihr Ziel. Die Autonomen in der Kofferfabrik beobachten von ihren Fenstern aus die Szenerie. Nach und nach werden alle Punks weggeschafft, zurück bleiben Scherben, Steine und Autowracks.

Bunthaarige aus der Nordstadt kehren vor der Lutherkirche

Ihr Motto haben sie mit schwarzer - Farbe neben die Rolladen einer verrammelten Trinkhalle gesprüht: Chaos ist Leben. Doch am Tag nach den Krawallen - wirkt die Nordstadt rund um die Schaufelder Straße alles andere als lebendig. Es ist trostlos und leer. Nur einige Dutzend ' Punks lungern noch zwischen demolierten Autos am Rand der mit Scherben und Mull übersiften Straße herum. Wenige hundert Meter weiter bietet 'sich jedoch ein ganz anderes Bild: Bunthaarige aus der Nordstadt, über das angerichtete Chaos in ihrem Stadtteil wenig glücklich, helfen mit, den Vorplatz der Lutherkirche von Unrat zu säubern.

. Wie.bereits am Sonnabend, als sie von ' Pastor Hans Lankenau schon einmal Besen in die Hand gedrückt bekamen, bemühen sie sich' um Schadensbegrenzung. "Auch wenn es manchen Leuten schwer fällt, man darf die Punks nicht alle über einen Kamm scheren"; meint der 62 jährige, dessen Gottesdienst einige Punks kurz zuvor zu stören versucht hatten. Die. Nordstadt-Punks und auch die Sprengel-Bewohner hatten schon vor dem Wochenende Flugblätter verteilt, in denen sie sich gegen Randale und für ein friedliches Zusammenleben aussprachen" berichtet Lankenau Den "Verantwortlichen" wirft er vor, die mehrere hundert Punks in die Nordstadt gedrängt zu haben, "um die Innenstadt sauber zu halten."

Diese Einschätzung des Geistlichen teilen auch die Autonomen auf dem SprengelgeländeMit der Tatsache daß sich die Auseinandersetzungen in ihren Stadtteil verlagerten, sind die Bewohner gar nicht zufrieden. Auf den Vorschlag, ein vernünftiges Programm für das Treffen zu organisieren, seien die Veranstalter nicht eingegangen. "Wir werfen den Organisatoren der Chaos-Tage vor, sich um nichts gekümmert zu haben", sagte ein Sprecher des Sprengel Plenums. Der massive Polizeieinsatz, so meint er jedoch, sei unverhältnismäßig gewesen.

FDP-Chefin will Beihilfe für Sprengel stoppen

Hannovers Politiker sind sich einig- Die Polizei hat am Wochenende Schlimmeres verhindert. Uneinigkeit herrscht allerdings über die möglichen Konsequenzen nach den Ausschreitungen. Die FDP-Vorsitzende Marianne Taeglichsbeck verlangt, daß die Stadt ihre Finanzhilfe für das Sprengelgelände sofort einstellt.

"Unsere Hochachtung gilt der Polizei" erklärte Stephan Weil SPD-Chef in Hannover. Kommunalpolitische Konsequenzen müßten nach den Ausschreitungen nicht gezogen werden. Die ersten Ermittlungen der Polizei deuteten darauf hin, daß die Jugendlichen fast ausschließlich aus anderen Städten angereist seien. Die Bewohner des Sprengelgeländes hatten sich danach friedlich verhalten. Sollte sich im nächsten Jahr eine Wiederholung der "Chaos-Tage" abzeichnen, mußte die Polizei die gewaltbereiten Punks schon an den Stadtgrenzen abfangen. Die FDP- 1 Fraktionsvorsitzende Marianne Taeglichsbeck will die statische Hilfe für das Sprengelgelände wegen der Ausschreitungen sofort einstellen. "Die alte Fabrik entwickelt sich zum Schlupfloch für Gewalttäter", meinte die Politikerin. In diesem Jahr zahlt die Stadt eine Beihilfe über 120 000 Mark an den Trägerverein des Geländes .

Als "völligen Quatsch" bezeichnete ENNO Hagenah (Bündnis 90/Die Grünen) die Forderung der FDP-Chefin. Die Ausschreitungen hätten sich überall ereignen Können, es gebe keinen Zusammenhang mit den Bewohnem des Sprengelgeländes. Vor voreiligen Schlußfolgerungen warnte auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Paul Pawelski. Zunächst mußten die weiteren Ermittlungen der Polizei abgewartet werden

Nach dem neuen Niedersächsischen Gefahrenabwehrgesetz kann die Polizei Randalierer mit Genehmigung eines Richters auch länger als acht Stunden festhalten, um Platzverweise durchzusetzen und Krawalle zu Verhindern: Mit der Vizepräsidentin des Amtsgerichtes Ursula Ziehen, die diese Regelung in Hannover jetzt erstmals anwendete sprach HAZ-Redakteur Michael Sasse über die Gründe ihrer Entscheidung.

Bislang war es üblich, Störenfriede früher wieder laufen zu lassen - Wie kam es dazu, daß sie die Genehmigung gaben, gewalttätige Ruhestörer ein ganzes Wochenende lang festzusetzen? Ich habe mir bereits am Freitag mittag selbst ein Bild von der Lage am Hauptbahnhof gemacht. Viele Punks waren betrunken und verhielten sich aggressiv. In Flug Latten, die sie verteilt hatten, hieß es, sie wollten in Hannover mächtig randalieren.

Was genau genehmigten Sie darauf hin der Polizei?

Ich nutzte das neue Gesetz und genehmigte, die in Gewahrsam genommenen Personen über das Wochenende festzuhalten. Sie mußten aber bis spätestens Montag morgen um 6 Uhr wieder frei sein. Diese Zeitdauer hielt ich für angemessen, um zu verhindern dem, daß Gefaßte zu schnell wieder auf freien Fuß kommen und sich erneut an Ausschreitungen beteiligen können.

Gab es Auflagen für die lange Unterbringung so vieler Punks?

In einer Sporthalle der Bereitschaftspolizei hatte die Einsatzleitung Unterkünfte und Sanitäranlagen bereitgestellt. Auch für Essen und Trinken war vorab gesorgt worden."

Werden Sie auch künftig versuchen auf diese Weise "Wochenend-Rardalierern" den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Da muß in jedem Fall neu geprüft werden. Aber wenn es notwendig erscheint, natürlich!

 

 
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