Letzte Änderung: November 22 2005 13:28:37. - 625 Seiten archiviert
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"Neue Presse" 8.8.94
600 Punker festgenommen
 
Hannover: Die Chaosnächte
Todesngst in der Nordstadt
Feuer, Steine, viele Verletzte

VON TOM JUNKERSDORF UND KLAUS GEMBOLIS

HANNOVER. Zwei Chaosnächte in Hannover: Punker aus dem gesamten Bundesgebiet terrorisierten am Freitag und Samstag die Nordstadt. Über tausend lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, legten Feuer, beschädigten Autos, schlugen Scheiben ein, warfen mit Steinen.

Die zumeist alkoholisierten Punks, die sich zu den jährlich wiederkehrenden "Chaos-Tagen" in Hannover getroffen hatten, waren teilweise mit Messern, Schlagwerk-: zeugen und Ketten bewaffnet. Ihr Treffen hatte bereits am Freitag (NP berichtete) begonnen. Erst am Sonntag beruhigte sich die Lage, nachdem rund 600 kurzfristig festgenommen und in Zügen nach Hause geschickt worden waren. t

Die Bilanz der drei Tage, die bei vielen Nordstadtbewohnern für Todesangst sorgte: 17 zum Teil schwer verletzte Polizeibeamte, zahlreiche verletzte Punker und ein Schaden von mehreren 100 000 Mark. Alle Punker mußten gestern abend freigelassen werden.

Auch in Bremen kam es zu Krawallen, nachdem 250 Jugendliche im Anschluß an ein Rockkonzert mehrere Geschäfte in der Innenstadt aufgebrochen hatten.

Auf Flugblättern hatte die Szene bereits im Vorfeld auf die Chaos-Tage aufmerksam gemacht. 600 folgten dem Aufruf, Hannover in "Schutt und Asche" zu legen.

Bereits bei den ersten Auseinandersetzungen am Freitag vor dem Hauptbahnhof schritt die Polizei konsequent auch mit Schlagstöcken ein, nahm ' 180 Punker vorübergehend fest.

450 zogen in die Nordstadt, wo es im Verlauf des Sonnabends zu einer Straßenschlacht mit der Polizei kam. Zuvor hatten die alkoholisierten Jugendlichen Steine geschleudert, Polizisten und Journalisten angegriffen, Autos beschädigt. Sie schoben Container auf die Straße, steckten Möbel in Brand.

Die Polizei leitete Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs, Widerstandes gegen Vollzugsbeamte, Körperverletzung und Sachbeschädigung ein.

Das vergangene Wochenende war der zehnte Jahrestag der sogenannten Chaos-Tage.

An Steinen und Containern klebte das Blut
Punker stürmten Polizei-Hundertschaft

HANNOVER. Sonntag morgen, kurz nach Mitternacht: Vor der Lutherkirche lodert ein einsames Feuer. An Pflastersteinen, zwischen Scherben, umgekippten Containern und zerbeulten Autos klebt Blut. Krach ist nur noch auf dem Sprengelgelände Etwa 50 Punks stöhnen im grellen Scheinwerferlicht, gefesselt, mit den Gesichtern im Dreck. Gespenstische Szene nach der größten Straßenschlacht in Hannovers Nordstadt.

Und allmählich trauen sich auch Anwohner, ihre Rolläden wieder hochzuschieben. Nach und nach öffnen sie Fenster, starren gebannt auf ein Trümmerfeld.

Sondereinsatzkommandos zerren derweil die letzten Krawallmacher in Gefängnisbusse, vor der Bereitschaftspolizei warten schon Wagen der Stadtreinigung und ein Großaufgebot an Krankenwagen. Der Terror, der stundenlang in diesem Wohngebiet tobte, ist vorbei. Die zum Teil noch recht jungen Männer und Frauen in den gepanzerten Uniformen sind erleichtert. Auch sie haben Angst gehabt.

Denn zwischendurch war die Lage außer Kontrolle geraten. Nachdem mehrere Hundertschaften das Gebiet ab 21 Uhr abgeriegelt hatten sich aber nicht zum Eingreifen provozieren ließen, nahm das Chaos gegen 23 Uhr seinen Lauf.

In gestohlenen Einkaufswagen hatten Punker ausgerissene Pflastersteine gesammelt. Im Gebrüll stürmten sie die in der Appelstraße postierte Hundertschaft, im Steinehagel blieb den Beamten nur der Rückzug.

Auch, weil andere Randalierer im Schutz der Dunkelheit unbemerkt in Häuser eingebrochen waren und in der Schaufelderstraße plötzlich von hinten angriffen. Die wenigen friedlichen Punks flüchteten, Fotografen und Kameraleute liefen mit Anwohnern und einigen Polizisten vor der wütenden Masse davon.

Bis die Polizei massiv zum Gegenschlag ausholte. Aus allen Seitenstraßen drängten Hundertschaften, die eigens für diesen Einsatz aus dem norddeutschen Raum zusammengezogen worden waren, mit erhobenen Schutzschildern in Richtung Sprengelgelände. Abfang, Kommandos in vorderster Front packten sich rigoros die Anführer, zerrten einen nach dem anderen zu Boden. Oft im Kampf Mann gegen Mann, Schlagstock gegen Pflasterstein.

Eng wurde es noch einmal, als sich die hartnäckigsten Steinewerfer auf dem Sprengelgelände verschanzten. Doch die Sondereinsatzkommandos machten jetzt keinen Halt mehr. Obwohl die vielfach Alkoholisierten mit dicken Backsteinen, Blechen; Schrott und allem, was sie in die Finger kriegten, warfen, wurde das Gebäude geräumt. Bis kurz nach Mitternacht wachen und die-: Zellen waren im Nu belegt

Die Chaosnächte: In der Nordstadt herrschte Todesangst

Die große Anzahl an Krawallmachern hat Hannovers Polizei platzmäßig überfordert. Denn für die Unterbringung von 600 Festgenommenen fehlten die Kapazitäten - und auch die Verpflegung

Autos beschädigt, Häuser belagert, Bürger bedroht

Nach dem Fährmannsfest wird Stimmung aggressiv

So erlebte die Landeshauptstadt die Chaostage:

Freitag, 14 Uhr: 300 Punker versammeln sich vor dem Hauptbahnhof. Bierflaschen kreisen. Die Jugendlichen belästigen Passanten. Polizeibeamte nehmen die ersten Hannover-Besucher fest, bis 17 Uhr sind es 175.

Freitag, 19 Uhr: 450 Punks versammeln sich in der Nordstadt rund um die Lutherkirche. Ab 21 Uhr beginnen sie nach reichlichem Alkoholkonsum mit der Randale. Häuser werden belagert Bewohner bedroht, zehn Autos beschädigt. Die Polizei umstellt 200 Randalierer auf dem Sprengelgelände. Nach 21 Uhr werden noch einmal 20 festgenommen.

Sonnabend, 12 Uhr: 100 Punks treffen sich am Hauptbahnhof. Sie belästigen Passanten. Bis 17 Uhr

Die Chronik

Es werden 144 in Polizeizellen gebracht oder in Polizeisporthallen untergebracht.

Sonnabend 14 Uhr: 250 halten sich beim Linden; Fährmannsfest auf,- 60 an der Lutherkirche in der Nordstadt. Zur selben Zeit bringen Polizei und Bundesgrenzschutz die meisten Inhaftierten zum Bahnhof, setzten sie in Züge, benachrichtigen Eltern von Minderjährigen.

Sonnabend, 22 Uhr: 300 alkoholisierte Punks ziehen von Linden in die Nordstadt. Die Stimmung wird aggressiv. Wieder werden Autos beschädigt, Feuer lodert.

Sonnabend, 23.10 Uhr: Rund 280 flüchten vor der Polizei auf das Sprengelgelände. Dennoch gelingen der Polizei bis 1 Uhr 250 Festnahmen. Die Lage entspannt sich. *

Sonntag, 9 Uhr: 60 Punks versuchen, seinen Gottesdienst in der Lutherkirche zu stören. Ordnungshüter drängen sie ab. Für die Polizei gilt auch nach 48 Stunden Alarmstufe eins.

Wilde Randale Jahr für Jahr, auch 95 wieder?

Hannover und die Chaostage, eine Geschichte über ein Jahrzehnt.

Jedes Jahr schwärmen Untergrundgazeten von der wilden Randale an der Leine. Und Jahr für Jahr kommen immer mehr der bunten Gestalten. Auseinandersetzungen mit der Polizei sind nach reichlich Alkoholgenuß immer :vorprogrammiert. Stets konnte das lärmende Chaos jedoch schnell beruhigt werden.

Mit den neuen Bundesländern zog es noch mehr Punks nach Hannover- Gewaltbereite und rücksichtsloser. Trotz der vielen Festnahmen und Verletzten haben die Verfassungsschützer bereits jetzt Erkenntnisse darüber, daß auch im kommenden Jahr die Chaostage stattfinden rollen.

 

 
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