Hannover: Die Chaosnächte
Todesngst in der Nordstadt
Feuer, Steine, viele Verletzte
VON TOM JUNKERSDORF UND KLAUS GEMBOLIS
HANNOVER. Zwei Chaosnächte in Hannover: Punker aus dem
gesamten Bundesgebiet terrorisierten am Freitag und Samstag
die Nordstadt. Über tausend lieferten sich Straßenschlachten
mit der Polizei, legten Feuer, beschädigten Autos, schlugen
Scheiben ein, warfen mit Steinen.
Die zumeist alkoholisierten Punks, die sich zu den jährlich
wiederkehrenden "Chaos-Tagen" in Hannover getroffen hatten,
waren teilweise mit Messern, Schlagwerk-: zeugen und Ketten
bewaffnet. Ihr Treffen hatte bereits am Freitag (NP berichtete)
begonnen. Erst am Sonntag beruhigte sich die Lage, nachdem
rund 600 kurzfristig festgenommen und in Zügen nach Hause
geschickt worden waren. t
Die Bilanz der drei Tage, die bei vielen Nordstadtbewohnern
für Todesangst sorgte: 17 zum Teil schwer verletzte Polizeibeamte,
zahlreiche verletzte Punker und ein Schaden von mehreren 100
000 Mark. Alle Punker mußten gestern abend freigelassen
werden.
Auch in Bremen kam es zu Krawallen, nachdem 250 Jugendliche
im Anschluß an ein Rockkonzert mehrere Geschäfte
in der Innenstadt aufgebrochen hatten.
Auf Flugblättern hatte die Szene bereits im Vorfeld
auf die Chaos-Tage aufmerksam gemacht. 600 folgten dem Aufruf,
Hannover in "Schutt und Asche" zu legen.
Bereits bei den ersten Auseinandersetzungen am Freitag vor
dem Hauptbahnhof schritt die Polizei konsequent auch mit Schlagstöcken
ein, nahm ' 180 Punker vorübergehend fest.
450 zogen in die Nordstadt, wo es im Verlauf des Sonnabends
zu einer Straßenschlacht mit der Polizei kam. Zuvor
hatten die alkoholisierten Jugendlichen Steine geschleudert,
Polizisten und Journalisten angegriffen, Autos beschädigt.
Sie schoben Container auf die Straße, steckten Möbel
in Brand.
Die Polizei leitete Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs,
Widerstandes gegen Vollzugsbeamte, Körperverletzung und
Sachbeschädigung ein.
Das vergangene Wochenende war der zehnte Jahrestag der sogenannten
Chaos-Tage.
An Steinen und Containern klebte das Blut
Punker stürmten Polizei-Hundertschaft
HANNOVER. Sonntag morgen, kurz nach Mitternacht: Vor der
Lutherkirche lodert ein einsames Feuer. An Pflastersteinen,
zwischen Scherben, umgekippten Containern und zerbeulten Autos
klebt Blut. Krach ist nur noch auf dem Sprengelgelände
Etwa 50 Punks stöhnen im grellen Scheinwerferlicht, gefesselt,
mit den Gesichtern im Dreck. Gespenstische Szene nach der
größten Straßenschlacht in Hannovers Nordstadt.
Und allmählich trauen sich auch Anwohner, ihre Rolläden
wieder hochzuschieben. Nach und nach öffnen sie Fenster,
starren gebannt auf ein Trümmerfeld.
Sondereinsatzkommandos zerren derweil die letzten Krawallmacher
in Gefängnisbusse, vor der Bereitschaftspolizei warten
schon Wagen der Stadtreinigung und ein Großaufgebot
an Krankenwagen. Der Terror, der stundenlang in diesem Wohngebiet
tobte, ist vorbei. Die zum Teil noch recht jungen Männer
und Frauen in den gepanzerten Uniformen sind erleichtert.
Auch sie haben Angst gehabt.
Denn zwischendurch war die Lage außer Kontrolle geraten.
Nachdem mehrere Hundertschaften das Gebiet ab 21 Uhr abgeriegelt
hatten sich aber nicht zum Eingreifen provozieren ließen,
nahm das Chaos gegen 23 Uhr seinen Lauf.
In gestohlenen Einkaufswagen hatten Punker ausgerissene Pflastersteine
gesammelt. Im Gebrüll stürmten sie die in der Appelstraße
postierte Hundertschaft, im Steinehagel blieb den Beamten
nur der Rückzug.
Auch, weil andere Randalierer im Schutz der Dunkelheit unbemerkt
in Häuser eingebrochen waren und in der Schaufelderstraße
plötzlich von hinten angriffen. Die wenigen friedlichen
Punks flüchteten, Fotografen und Kameraleute liefen mit
Anwohnern und einigen Polizisten vor der wütenden Masse
davon.
Bis die Polizei massiv zum Gegenschlag ausholte. Aus allen
Seitenstraßen drängten Hundertschaften, die eigens
für diesen Einsatz aus dem norddeutschen Raum zusammengezogen
worden waren, mit erhobenen Schutzschildern in Richtung Sprengelgelände.
Abfang, Kommandos in vorderster Front packten sich rigoros
die Anführer, zerrten einen nach dem anderen zu Boden.
Oft im Kampf Mann gegen Mann, Schlagstock gegen Pflasterstein.
Eng wurde es noch einmal, als sich die hartnäckigsten
Steinewerfer auf dem Sprengelgelände verschanzten. Doch
die Sondereinsatzkommandos machten jetzt keinen Halt mehr.
Obwohl die vielfach Alkoholisierten mit dicken Backsteinen,
Blechen; Schrott und allem, was sie in die Finger kriegten,
warfen, wurde das Gebäude geräumt. Bis kurz nach
Mitternacht wachen und die-: Zellen waren im Nu belegt
Die Chaosnächte: In der Nordstadt herrschte Todesangst
Die große Anzahl an Krawallmachern hat Hannovers Polizei
platzmäßig überfordert. Denn für die
Unterbringung von 600 Festgenommenen fehlten die Kapazitäten
- und auch die Verpflegung
Autos beschädigt, Häuser belagert, Bürger
bedroht
Nach dem Fährmannsfest wird Stimmung aggressiv
So erlebte die Landeshauptstadt die Chaostage:
Freitag, 14 Uhr: 300 Punker versammeln sich vor dem Hauptbahnhof.
Bierflaschen kreisen. Die Jugendlichen belästigen Passanten.
Polizeibeamte nehmen die ersten Hannover-Besucher fest, bis
17 Uhr sind es 175.
Freitag, 19 Uhr: 450 Punks versammeln sich in der Nordstadt
rund um die Lutherkirche. Ab 21 Uhr beginnen sie nach reichlichem
Alkoholkonsum mit der Randale. Häuser werden belagert
Bewohner bedroht, zehn Autos beschädigt. Die Polizei
umstellt 200 Randalierer auf dem Sprengelgelände. Nach
21 Uhr werden noch einmal 20 festgenommen.
Sonnabend, 12 Uhr: 100 Punks treffen sich am Hauptbahnhof.
Sie belästigen Passanten. Bis 17 Uhr
Die Chronik
Es werden 144 in Polizeizellen gebracht oder in Polizeisporthallen
untergebracht.
Sonnabend 14 Uhr: 250 halten sich beim Linden; Fährmannsfest
auf,- 60 an der Lutherkirche in der Nordstadt. Zur selben
Zeit bringen Polizei und Bundesgrenzschutz die meisten Inhaftierten
zum Bahnhof, setzten sie in Züge, benachrichtigen Eltern
von Minderjährigen.
Sonnabend, 22 Uhr: 300 alkoholisierte Punks ziehen von Linden
in die Nordstadt. Die Stimmung wird aggressiv. Wieder werden
Autos beschädigt, Feuer lodert.
Sonnabend, 23.10 Uhr: Rund 280 flüchten vor der Polizei
auf das Sprengelgelände. Dennoch gelingen der Polizei
bis 1 Uhr 250 Festnahmen. Die Lage entspannt sich. *
Sonntag, 9 Uhr: 60 Punks versuchen, seinen Gottesdienst in
der Lutherkirche zu stören. Ordnungshüter drängen
sie ab. Für die Polizei gilt auch nach 48 Stunden Alarmstufe
eins.
Wilde Randale Jahr für Jahr, auch 95 wieder?
Hannover und die Chaostage, eine Geschichte über ein
Jahrzehnt.
Jedes Jahr schwärmen Untergrundgazeten von der wilden
Randale an der Leine. Und Jahr für Jahr kommen immer
mehr der bunten Gestalten. Auseinandersetzungen mit der Polizei
sind nach reichlich Alkoholgenuß immer :vorprogrammiert.
Stets konnte das lärmende Chaos jedoch schnell beruhigt
werden.
Mit den neuen Bundesländern zog es noch mehr Punks nach
Hannover- Gewaltbereite und rücksichtsloser. Trotz der
vielen Festnahmen und Verletzten haben die Verfassungsschützer
bereits jetzt Erkenntnisse darüber, daß auch im
kommenden Jahr die Chaostage stattfinden rollen.
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