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"Die Zeit" 19.08.1994
"Der Punk steckt im Kopf”

Sie wollen schockieren, Chaos stiften: Punks. Drei, die bei den Krawallen in Hannover Anfang August dabeiwaren, kamen zu einem Gespräch in die ZEIT-Redaktion

"Es ist wichtig, daß ich einen guten Tag verbringe, was morgen ist, ist relativ egal”

Marion Gräfin Dörnhoff: Warum trifft man sich, um eine Stadt in "Schutt und Asche” zu legen, wie Sie das offenbar Anfang des Monats in Hannover vorhatten?

Timo: Ich habe kein Flugblatt gesehen, wo das draufstand.

Ole: Das ist doch so: Jeder, der Lust hat, schreibt irgendein Flugblatt.

Björn: Was in Hannover abgegangen ist, war, daß so zehn Leute - die würde ich nicht einmal als Punks bezeichnen, das waren irgendwelche Idioten - halt ein bißchen Streß gemacht haben. Und dann kam ein massiges Polizeiaufgebot und hat uns gleich rausgedrängt aus der Innenstadt oder die meisten Leute verhaftet. Die Bullen sind nicht damit klargekommen, daß ein paar Leute sich gemütlich zusammensetzen und einen trinken.

Dönhoff: Aber es ist doch eine ganze Menge zu Bruch gegangen.

Björn: Das wurde absolut hochgepuscht von der Presse, das Ganze. Der NDR hat nach ein paar Tagen eine Bestandsaufnahme gemacht und gesagt: Der Sachschaden liegt weit unter 50 000 Mark. Das ist unfaßbar, was die einem da jetzt reininterpretieren wollen. Da hat zum Beispiel irgendein Soziologe in den "Tagesthemen” Flugblätter zitiert, die wir aus Verarschung geschrieben haben. Da stand drauf: "Tagesprogramm vom Chaos-Tag: Wir helfen Rentnern über die Straße.” Und der hat da reininterpretiert, das wäre Hooligan- und Punker- Sprache, und die Punks wären nur drauf aus, alte Leute vors Auto zu stoßen.

Jochen Buchsteiner: Warum haben Sie sich denn nun in Hannover getroffen? Ole: Um die Innenstadt aufzumischen. Buchsteiner: Was heißt das: aufmischen?

Björn: Na ja, aufmischen, ein bißchen für Chaos sorgen. Es reicht ja schon, daß wir anwesend sind, dann bricht das allgemeine Chaos aus - nicht auf unserer Seite, sondern auf der anderen Seite. Das hat aber nicht irgendwas mit Gewalt zu tun.

Timo: Das Ziel der Chaos-Tage ist eigentlich: Leute aus anderen Städten treffen und zusammen Spaß haben, zusammen einen trinken.

Buchsteiner: Der Spaß definiert sich wie: durch Trinken und Musikhören?

Ole: Trinken und Musikhören und Zusammensitzen. Und dieses ganze Konsumleben in der Innenstadt ein bißchen durcheinanderbringen. Ist dann halt alles nicht so stumpf wie sonst und ein bißchen lustig.

Dönhoff: Zwei von Ihnen sind arbeitslos. Haben Sie Hoffnung, einen Job zu kriegen, oder haben Sie sich mit Ihrer Situation abgefunden?

Björn: Also, das Ding ist bei mir: Ich hab’ keine Lust, mein Äußeres zu verändern für einen Job. Und so nimmt mich ja keiner.

Dönhoff: Was ist Ursache, und was ist Wirkung? Wollen Sie keinen Job und machen sich deswegen so zurecht?

Björn: Nee, ich lauf’ ja schon seit 1982 so rum, und da bin ich noch zur Schule gegangen. Dönhoff: Macht Ihnen denn die Arbeitslosigkeit nicht zu schaffen?

Björn: Arbeitslos sein hat nicht unbedingt was zu tun mit nichts machen. Wir machen zum Beispiel sehr viel: hauptsächlich durch Punk, also mit unseren Zeitungen, wo wir mit irgendwelchen Bands Interviews machen oder Leute ihre Meinung schreiben. Ich habe den ganzen Tag was zu tun.

Timo: Wir arbeiten auch in ’ner Kneipe und machen Volksküche, wo man für 2,50 Mark sich satt essen kann. Buchsteiner: Für Obdachlose? Timo: Nee, für alle Menschen, die Lust haben.

Dönhoff: Aber man muß doch sein Geld verdienen.

Timo: Ja, aber solange wie ich Arbeitslosengeld erhalte, kann ich mich in Sachen Arbeit in der Szene besser verwirklichen. Es geht halt darum, auch viele Benefiz-Sachen zu spielen. Da ist viel politischer Background, bei allem, was ich tue. Ich verfolge auch ein gewisses Ziel, wenn ich für Menschen koche, möglichst günstig. Ich krieg’ da gar nichts für.

Dönhoff: Mir kommen eigentlich zwei Fragen, wenn ich Ihnen zuhöre. Die eine ist, wenn Arbeitslosigkeit so angenehm ist ... Björn: Nö, das nicht.

Timo: Ich werde auf jeden Fall irgendwann mal arbeiten. Ich bin noch relativ jung, ich möchte es nicht auf ein Jahr ankommen lassen. Wenn ich jetzt noch was erleben will - mit dreißig Tagen Urlaub später kann ich das nicht. Nicht, daß ich die Arbeitslosigkeit unbedingt genieße. Aber jetzt ist wichtig, wenn ich aufstehe, daß ich einen guten Tag verbringe, und was morgen ist, ist relativ egal. Wenn man Aushilfsjobs macht und irgendwo am Fließband steht, stellt man sich geistig ab, das kann ich mir nicht antun.

Dönhoff: Aber es gibt doch auch viele Arbeiten, die einem Spaß machen. Also, meine Arbeit macht mir ungeheuren Spaß.

Björn: Aber was würden Sie denn sagen, wenn ich hinkommen würde, mich hier so vorstellen würde und sage: Ich möchte bei Ihnen anfangen. Würden Sie mich nehmen, so wie ich aussehe? Dönhoff: Nein, das würde ich nicht.

Björn: Und ich habe keine Lust, mich deswegen anders anzuziehen, weil das mein eigenes, persönliches Ding ist.

Dönhoff: Das habe ich noch nicht ganz verstanden. Offensichtlich ist Ihnen so zu erscheinen wichtiger als alles andere: als Beruf oder eine interessante Tätigkeit. Vielleicht würde es Sie sogar amüsieren bei der ZEIT mitzuarbeiten.

Björn: Aber mein Aussehen, das ist einfach meine Persönlichkeit. Wenn sich da irgendwer auf den Schlips getreten fühlt, wenn ich so auflaufe, dann ist das nicht mein Problem.

Dönhoff: Na ja, es wird natürlich Ihr Problem, denn es gibt vielleicht eine ganze Menge Arbeitsplätze, wo Sie kolossal vielleisten könnten und es Spaß machen würde.

Björn: Vielleicht ist es ja in zehn Jahren normal, so rumzulaufen wie ich. Dann kriegen die anderen Leute keine Jobs.

Dönhoff: Könnte sein. Aber ich finde das wirklich nicht das wichtigste von allem. Ich würde lieber noch verstehen: Was ist die Ideologie oder die Vorstellung, aus dem das Ganze wächst?

Timo: Wirklich schwer zu beantworten, weil, dazu ist es wieder zu individuell.

Buchsteiner: Es wird doch ein Bindeglied geben zwischen allen Punks.

Timo: In erster Linie geht es um ein selbstbestimmtes Leben. Was sich da jeder rauszieht, ist was anderes. Jeder unterliegt anderer Beeinflussung. Jeder wächst anders in die Szene rein. Es gibt Leute, die sich sehr stark politisch engagieren. Für andere Leute ist Spaß das wichtigste.

Ole: Für mich ist es auch noch das Gefühl, nicht zur Gesellschaft dazuzugehören, nicht dazugehören zu können und nicht zu wollen.

Buchsteiner: Warum eigentlich nicht? Was stört Sie so an der Gesellschaft?

Timo: O Gott, da kann ich ja weit ausholen. Hier sind doch alle nur am Abbezahlen ihrer Kredite und erarbeiten sich irgendwelche Statussymbole. Keine Nähe untereinander. Mit Menschlichkeit oder Selbstverwirklichung läuft hier nicht viel. Der normale Weg ist: Elternhaus, Kindergarten, Schule, dann studieren oder gleich einen Job lernen. Ich möchte nicht einen Job haben, nur damit ich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe und die Kohle ranschaffe, die ich zum Leben brauche, aber nach fünf Jahren unglücklich bin. Und ich das vierzig Jahre oder fünfzig Jahre tue, dann ins Rentenalter komme. Ich hätte nicht viel vom Leben.

Björn: Man versucht die Planung abzuschaffen und zu sagen: Ja, ich lebe im Hier und Jetzt. Und jetzt habe ich meinen Spaß.

Buchsteiner: Wenn Sie nach Hannover eingeordnet werden in das Spektrum gewaltbereiter Jugendgruppen - die Punks als Skins von links -, dann fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Ole: Ja, wir gehen ja nicht auf irgendwelche Campingurlauber los. Oder, was da jetzt in der Zeitung stand, irgendwelche Passanten anpöbeln oder angreifen. Das ist völliger Blödsinn. Schwarze Schafe, wie man so schön sagt, gibt es natürlich überall. Aber man kann uns nicht über einen Kamm scheren, weil es die nötigen Führer gar nicht gibt. Natürlich gibt es Punks, die nur saufen wollen und rumgrölen. Das ist ja auch in Ordnung, aber es gibt auch manche, die sich ziemlich idiotisch dabei benehmen. Buchsteiner: Normale Bürger stören Sie nicht?

Timo: Der normale Bürger ist mir total egal. Er kann ohne mich leben und ich ohne ihn. Ich urteile nicht jeden gleich ab, nur weil er einen Anzug anhat. Das kann ich auch nicht, wenn ich selber so rumlaufe und akzeptiert werden möchte.

Buchsteiner: Stoßen Sie häufiger mit Rechtsextremisten zusammen?

Timo: In Hannover nicht mehr. Mit einer relativ kontinuierlichen politischen Antifa-Arbeit hat man hier erreicht, daß diese Leute kaum noch Boden haben.

Björn: Das war früher mal. 88, 89, da haben die Nazis immer in der Innenstadt Streß gemacht. Aber irgendwann haben wir uns gedacht: Laßt uns die Innenstadt zurückerobern, uns wieder an den Bahnhof setzen. Da haben die sich ganz schnell wieder verdrückt, da war die Gegenwehr zu massiv. Seitdem ist Ruhe.

Dönhoff: Was würde denn Ihre Gruppe sagen, wenn sie, sagen wir mal, in irgendeinem Vorort von Hannover die Möglichkeit bekäme, eine Kommunalverwaltung aufzubauen. Wie würden Sie das machen wollen?

Timo: Kommunalverwaltung wäre nicht schlecht.

Ole: Das ist eine gute Frage. Ich laber’ jetzt einfach mal so los, dann können wir uns ja korrigieren. Also, für mich wäre es wichtig, daß alle Leute mitreden können und die Freiheit haben, Sachen zu entscheiden, auch an den Arbeitsstellen. Daß es halt nicht so ist wie sonst immer: Da ist der Direktor, und da ist der Meister und der Vorarbeiter. Man könnte das vielleicht jetzt pauschal so als "politischen Anarchismus” oder "Syndikalismus” oder so was in der Richtung bezeichnen. Es wird ja auch schon versucht, das im kleinen Kreis durchzuziehen, zum Beispiel in besetzten Häusern. Und das vielleicht so aufs Große zu übertragen. Kein Klassensystem eben. Jeder macht, wozu er lustig ist, und kann sich verwirklichen.

Dönhoff: Sie reden immer von Selbstverwirklichung. Ich finde das schwierig. Ich habe noch nie daran gedacht, mich selbst zu verwirklichen, offen gestanden. Weil ich gar nicht wüßte, was ich selbst bin. Ich werde doch durch das Leben gebildet, durch das, was ich tun muß, und durch die Menschen, mit denen ich zusammen bin.

Ole: Wir ja auch, aber durch unser Leben, was halt möglichst weit ab der Gesellschaft gelebt wird.

Buchsteiner: Wenn Sie jetzt zwanzig Jahre weiter denken, glauben Sie, Sie werden immer noch so dasitzen?

Björn: Wenn ich irgendwann Lust habe, mich anders anzuziehen, dann ist das mein persönliches Ding, aber im Kopf bin ich dann noch immer Punk. Das geht nicht weg. Es gibt viele Leute, die sich als Punk bezeichnen, die laufen ziemlich normal rum, aber die sind trotzdem im Kopf Punk.

Björn (links) ist 27 und lebt in Hannover. Nach dem Zivildienst studierte er Anglistik und Soziologie. Jetzt, nach seinem Abschluß, will er Sozialhilfe beantragen Timo (Mitte) ist 21 und lebt ebenfalls in Hannover. Nach dem Zivildienst meldete sich der Fachabiturient arbeitslos. In den nächsten Jahren will er ein Studium beginnen Ole (rechts) ist 22. Auch er lebt in Hannover. Nach der Realschule leistete er Zivildienst. Zur Zelt arbeitet er in einem Musiktheater.

 

 
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